E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Chevalier Die englische Freundin
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-12782-4
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-641-12782-4
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die junge Quäkerin Honor verlässt 1850 aus Liebeskummer ihre Heimat, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft wird sie von einer harten Realität eingeholt, die Frage der Sklaverei spaltet die Nation. Zu ihrer einzigen Vertrauten wird die temperamentvolle Hutmacherin Belle. Dass sich ausgerechnet der Sklavenjäger Donovan für Honor interessiert, bringt sie in eine schwierige Lage, und sie muss sich zwischen schönen Worten und mutigem Handeln entscheiden.
Tracy Chevalier, 1962 in Washington, D. C. geboren, zog 1984 nach England. Sie arbeitete zunächst als Lektorin, begann dann aber zu schreiben. Der internationale Durchbruch gelang ihr mit „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in London.
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Horizont
Es gab kein Zurück. Als Honor Bright ihrer Familie aus heiterem Himmel verkündete, dass sie ihre Schwester Grace nach Amerika begleiten werde, als sie ihre Habseligkeiten ordnete, nur das Nötigste behielt und alle Quilts weggab, als sie sich von Onkeln und Tanten verabschiedete, Vettern, Basen, Nichten und Neffen ein letztes Mal küsste, als sie in der Kutsche aus Bridport hinausfuhr und in Bristol Arm in Arm mit Grace über die Gangway schritt, hatte sie stets den einen Gedanken im Hinterkopf: Ich kann jederzeit zurück. Doch die unausgesprochenen Worte waren bereits von der Ahnung erfüllt gewesen, dass sich ihr Leben unwiederbringlich ändern würde, sobald ihre Füße nicht mehr auf englischem Boden standen.
Ich kann jederzeit zurück. Immerhin hatte der Satz Honors Vorbereitungen in den Wochen vor der Abreise den Stachel des Endgültigen genommen wie die heimlich hinzugefügte Prise Zucker einer Soße die Schärfe. Als sie ihrer Freundin Biddy den gerade fertiggestellten Quilt überreichte, war Honor deshalb ganz ruhig geblieben und hatte nicht wie Biddy in Tränen ausbrechen müssen. Ihr jüngstes Werk war ein Patchwork, ein achtzackiger »Stern von Bethlehem« aus braunen, gelben und cremefarbenen Rauten. Die Oberseite hatte Honor im Harfenmuster gequiltet und den Rand mit der Federbordüre, für die sie berühmt war. Die Gemeinde hatte ihr jedoch zum Abschied einen Signaturquilt geschenkt, in dem jeder Block von einer anderen Freundin oder Verwandten angefertigt und signiert worden war, und zwei Quilts passten nicht in Honors Reisetruhe. Der Signaturquilt hatte zwar nicht die Qualität ihrer eigenen Arbeiten, aber sie musste natürlich ihn mitnehmen. »Bei dir ist er in guten Händen, außerdem wird er dich an mich erinnern«, beharrte Honor, als ihr die schluchzende Freundin den »Stern von Bethlehem« zurückgeben wollte. »Ich werde in Ohio noch viele Quilts nähen.«
Wenn Honor an die Zukunft dachte, übersprang sie am liebsten die vor ihr liegende Reise und konzentrierte sich ganz auf deren Ziel, das Holzhaus, das ihr zukünftiger Schwager in seinen Briefen aus Ohio beschrieben hatte. »Es ist ein stabiles Haus, wenn es auch nicht aus Stein gebaut ist wie die Häuser, die du gewohnt bist«, hatte Adam Cox an Grace geschrieben. »Hier bei uns sind fast alle Häuser aus Holz. Nur wenn eine Familie sich endgültig niederlässt und nicht mehr damit rechnet, noch einmal umzuziehen, baut sie sich ein Haus aus Backstein.
Unser Haus liegt am Ende der Hauptstraße am Rand der Stadt«, hatte er weiter ausgeführt. »Faithwell ist zwar noch klein, es besteht derzeit aus fünfzehn Freundesfamilien, doch mit Gottes Gnade wird es wachsen. Der Laden meines Bruders befindet sich in Oberlin, einer drei Meilen entfernten größeren Stadt. Sobald Faithwell groß genug für einen Tuchladen ist, wollen mein Bruder und ich mit dem Geschäft umziehen. Bei uns nennt man die Tuchläden übrigens Kurzwarengeschäfte. In Amerika wirst du noch viele neue Worte lernen.«
Honor konnte sich nicht vorstellen, in einem Haus aus Holz zu leben. Holz war ein Material, das leicht Feuer fing, sich dauernd verzog und knarzte und stöhnte, außerdem hatte es nicht die Beständigkeit von Ziegel oder Stein. Doch die Aussicht, in einem instabilen Holzhaus zu wohnen, war nicht Honors größte Sorge. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu der bevorstehenden Reise auf der Adventurer, dem Schiff, das sie über den Atlantik bringen sollte. Schiffe waren Honor vertraut, schließlich lebte sie in einer Hafenstadt und hatte ihren Vater schon öfter begleitet, wenn eine Ladung Hanf gelöscht wurde. Einmal war sie sogar mit an Bord gegangen und hatte den Matrosen dabei zugesehen, wie sie die Segel bargen, Leinen aufschossen und die Decks scheuerten. Mitgesegelt war sie auf einem großen Schiff jedoch noch nie. Als sie zehn war, hatte ihr Vater die Familie einmal zu einem Ausflug ins nahegelegene Eype eingeladen, wo Honor, Grace und die Brüder in einem Ruderboot aufs Meer hinausgefahren waren. Grace hatte es wunderbar gefunden. Laut kreischend und lachend gab sie vor, jeden Moment ins Wasser zu fallen, als die Brüder sich in die Ruder legten, doch Honor hatte sich panisch an den Bootswänden festgeklammert. Das Schaukeln des Boots machte ihr Angst, außerdem hasste sie das ungewohnte und unangenehme Gefühl, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben. Trotzdem hatte sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen, und den Blick fest auf ihre Mutter gerichtet, die in ihrem dunklen Kleid und mit der weißen Haube am Strand auf und ab ging und darauf wartete, dass die Kinder unversehrt zurückkehrten. Seit diesem Erlebnis hatte Honor es vermieden, noch einmal in ein Boot zu steigen.
Sie hatte Geschichten von fürchterlichen Überfahrten gehört, doch mit der unerschütterlichen Gleichmut, die sie allen Widrigkeiten des Lebens entgegenbrachte, hoffte sie auch diese Prüfung zu bestehen. Seetauglich war Honor allerdings nicht, was ihr die Matrosen gleich auf den Kopf zusagten. Eigentlich hätte es ihr schon nach dem Ausflug mit dem Ruderboot klar sein müssen. Als die Adventurer aus Bristol auslief, stand Honor mit Grace und den anderen Passagieren an Deck und blickte auf die immer länger werdende Küste von Somerset und Norddevon zurück. Die anderen machten Witze über den ungewohnt schwankenden Boden unter ihren Füßen, doch Honor wurde immer unruhiger. Ihre Schultern verspannten sich, und ihr Gesichtsausdruck wurde mit jedem Schaukeln des Schiffes verschlossener. Etwas lag ihr schwer im Magen, als hätte sie ein eisernes Pfundgewicht verschluckt. Sie hielt durch, solange sie konnte, doch als die Adventurer an der Insel Lundy vorbeisegelte, krampfte sich Honors Magen zusammen, und sie übergab sich aufs Deck. »Jetzt schon seekrank, dabei sind wir kaum aus dem Kanal von Bristol heraus!«, lachte ein vorbeigehender Matrose. »Warten Sie nur, bis wir auf hoher See sind, dann wissen Sie, was Übelkeit ist.«
Honor erbrach sich auf Graces Schulter, auf die Bettdecke, auf den Boden der winzigen Kabine und in die dafür vorgesehene Emailleschale. Selbst als nichts mehr in ihrem Magen sein konnte, musste sie weiterspeien, als sei ihr Körper eine Zaubertruhe, aus der man endlos etwas hervorholen konnte. Nach den Brechanfällen fühlte sie sich keinen Deut besser. Als sie den Atlantik erreichten und das Schiff mit langen Rollbewegungen die Wellenberge auf und ab fuhr, wurde es noch schlimmer, allerdings wurden jetzt auch Grace und viele andere Passagiere seekrank. Die meisten gewöhnten sich jedoch schnell an den neuen Rhythmus des Schiffes, nur Honor nicht: Ihr war während der ganzen einmonatigen Schiffsreise pausenlos übel.
Wenn sie nicht selbst seekrank war, kümmerte Grace sich um Honor. Sie wusch ihre Laken aus, leerte die Spuckschale, brachte der Schwester Brühe und harten Schiffszwieback und las ihr aus der Bibel vor oder aus einem der wenigen Bücher, die sie mitgenommen hatten: Mansfield Park, Der Raritätenladen und Leben und Abenteuer des Martin Chuszlewit. Um Honor von den Qualen der Gegenwart abzulenken, plauderte Grace über die gemeinsame Zukunft in Amerika. »Was würdest du lieber sehen, einen Bären oder einen Wolf?«, fragte sie die Schwester, um sich die Frage gleich selbst zu beantworten. »Ich meine, einen Bären, denn Wölfe sind doch nichts anderes als zu groß geratene Hunde, aber ein Bär ist einfach ein Bär. Und womit würdest du in Amerika lieber reisen? Einem Dampfschiff oder einem Zug?«
Bei dem Gedanken an eine weitere Schiffsreise stöhnte Honor auf. »Einverstanden, mit dem Zug«, sagte Grace schnell. »Ich wünschte, es gäbe einen Zug, mit dem wir von New York bis Ohio fahren könnten. Eines Tages wird es möglich sein. Ach, Honor, stell dir nur vor: Bald werden wir in New York sein.«
Honor schnitt eine Grimasse. Wie gern hätte sie die Begeisterung ihrer Schwester geteilt und die Reise als großes Abenteuer betrachtet. Grace war schon immer die Unternehmungslustigste der Brights gewesen und hatte ihren Vater gern auf seinen Reisen nach Bristol, Portsmouth oder London begleitet. Sie hatte sogar eingewilligt, einen langweiligen, um einige Jahre älteren Mann zu heiraten, nur weil der ihr ein Leben fern von Bridport bieten konnte. Grace kannte die Familie Cox mit ihren fünf Söhnen, seit sie vor mehreren Jahren aus Exeter nach Bridport gezogen waren, um einen Tuchladen zu eröffnen. Doch für Adam hatte sie sich erst interessiert, als dieser beschloss, nach Ohio auszuwandern. Einer seiner Brüder, Matthew, lebte bereits dort, da es jedoch um seine Gesundheit nicht gut bestellt war, hatte Matthews Frau in einem Brief um Unterstützung durch einen der Brüder gebeten. Seit Adam in Amerika lebte und im Geschäft seines Bruders mitarbeitete, schrieben er und Grace sich regelmäßig. Schließlich hatte sie ihn mit geschickten Anspielungen so weit gebracht, dass er sie fragte, ob sie seine Frau werden und zu ihm nach Ohio kommen wolle, wo sie zusammen mit Matthew und Abigail das Geschäft betreiben würden.
Die Brights hatten sich über die Wahl ihrer Tochter gewundert, und auch Honor hatte damit gerechnet, dass ihre Schwester einen lebhafteren Mann heiraten würde. Doch Grace war so begeistert von der Aussicht, in Amerika zu leben, dass sie die Reserviertheit ihres zukünftigen Ehemanns dafür gern in Kauf nahm.
Grace hatte eine Engelsgeduld und vielleicht auch ein schlechtes Gewissen, weil sie die Schwester wochenlanger Seekrankheit ausgesetzt hatte, aber als es Honor gar nicht besser gehen wollte, wurde es selbst ihr zu viel. Da Honor ohnehin nichts länger als ein paar Minuten bei sich behielt, hörte Grace nach ein paar Tagen auf, sie zum Essen...




