Childers | Das Rätsel der Sandbank | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Childers Das Rätsel der Sandbank


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70627-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-311-70627-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



London Ende des 19. Jahrhunderts: Seine Perspektiven im Auswärtigen Amt sind gut, doch der Beamte Carruthers erträgt die Leere und Langeweile in seinem Leben nur schwer. Als sein Studienfreund Davies ihn zu einem Segeltörn auf der Nordsee einlädt, verliert er sich in der Phantasie von einer komfortablen Yacht mit Mannschaft. Doch Carruthers’ Hoffnung auf einen erholsamen Urlaub stirbt schneller als gedacht: Die Dulcibella ist ein einfaches Segelboot, und entlang der Küste werden verdächtige deutsche Aktivitäten gemeldet. Was als harmloses Segelabenteuer beginnt, wird zu einer aufregenden Reise voller Intrigen, die tief in die gefährliche Welt der internationalen Spionage hineinführt. Unfreiwillig decken die Männer geheime deutsche Pläne zur Invasion Englands auf …

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1 Der Brief


Ich habe von Männern gelesen, die selbst dann eisern daranfesthielten, sich allabendlich zum Dinner umzukleiden, wenn sie für längere Zeit gezwungen waren, völlig abgeschieden von der Zivilisation zu leben, mit einer Handvoll Einheimischer als einzige Gesellschaft. Sie taten dies, um einem Rückfall in die Barbarei vorzubeugen und sich somit die Selbstachtung zu bewahren.

Unter ähnlichem Vorsatz legte auch ich eines Abends – genau gesagt an einem dreiundzwanzigsten September – in meiner Junggesellenbehausung in der Pall Mall komplette Abendgarderobe an. Zeit und Ort erwähne ich deshalb, weil ich meine, dass es eben diese Umstände waren, die mich zu einem Vergleich mit jenen Männern berechtigen, einem Vergleich, bei dem ich aus meiner Sicht sogar besser abschnitt, denn ich war schließlich nicht irgendein grobschlächtiger Verwalter irgendwo in Burma beispielsweise, sondern ein junger Mann aus besten Verhältnissen mit untadeligen Manieren, kannte die richtigen Leute, gehörte den richtigen Clubs an und hatte eine gesicherte, womöglich glänzende Zukunft im Foreign Office vor mir. Wenn man bedenkt, dass ich bei meinem Hang zur Geselligkeit dazu verurteilt war, die unsägliche Öde Londons während dieser Septembertage ertragen zu müssen, wird man mir eine gewisse Attitüde selbstgefälligen Märtyrertums nachsehen können.

Ich hatte das Gesellschaftsleben voll ausgekostet, solange es noch Einladungen und Begegnungen in Hülle und Fülle gab. Aber diese Kontakte waren seit Beginn der Ferien immer spärlicher geworden. Ein Freund nach dem anderen fuhr aufs Land zur Jagd, mit dem Versprechen, mir zu schreiben; dabei fehlte es nicht an scherzhaftem Beileid. So verließ alles das sinkende Schiff, und ich ergab mich grimmig in mein Schicksal.

Die ersten ein, zwei Wochen, nachdem sich meine Bekannten in alle Winde zerstreut hatten, genoss ich noch leidlich. Ich fand sehr bald heraus, dass es außer mir eine ganze Reihe ähnlich Unglücklicher gab. Zusammen machten wir nach Dienstschluss Bootsausflüge und dergleichen, aber ich habe die Themse mit ihrem lärmenden Pöbel noch nie gemocht, schon gar nicht zu dieser Jahreszeit. So schied ich aus dieser Frischluftkumpanei wieder aus und lehnte auch das Angebot von H. ab, in sein Landhaus am Fluss zu ziehen und von dort aus jeden Morgen in die Stadt zu fahren.

Ein paar Wochenenden verbrachte ich bei den Catesbys in Kent, aber ich war mitnichten untröstlich, als sie ihr Haus vermieteten und ins Ausland gingen, denn ich musste feststellen, dass dies alles in höchstem Maße unbefriedigend war. In der ersten Septemberwoche hatte ich schließlich alle Versuche aufgegeben und mich in den trostlosen, aber ehrbaren Trott von Büro und Häuslichkeit ergeben.

Einen Stich – auch wenn es nur ein Nadelstich war – versetzte mir meine Cousine Nesta. Sie schrieb: »Sicher ist es schrecklich für dich, jetzt in London schmoren zu müssen, aber auf der anderen Seite muss es doch ein großes Vergnügen sein, derartig interessante und wichtige Aufgaben zu haben!« Boshaftes kleines Biest! Dies nämlich war die Strafe für die – wie ich hoffe – verzeihliche, wenn auch hochstaplerische Art, in der ich meinen Verwandten und Bekannten die Wichtigkeit meiner Aufgaben dargestellt hatte, und natürlich auch den bewunderungsbereiten jungen Damen, die ich seit meinem Amtsantritt ausgeführt hatte. Beinahe glaubte ich schon selbst an mein Blendwerk. Aber die schlichte Wahrheit war einfach die: Meine Arbeit war weder interessant noch wichtig. Hauptsächlich rauchte ich Zigaretten und gab die Auskunft, Mr. Soundso sei in Urlaub, werde jedoch Anfang Oktober wieder zurück sein. Von zwölf bis zwei war ich zum Lunch, und in der verbleibenden Zeit verfertigte ich Exzerpte aus – sagen wir – weniger vertraulichen Konsularberichten, die ich sodann zu trockenen Memoranden zusammenstellte. Der Grund, warum ausgerechnet ich im Amt verbleiben musste, lag in der Laune einer hochgestellten Persönlichkeit. Dieser Mensch hatte all unsere mühsam ausgetüftelten Urlaubspläne einfach über den Haufen geworfen. Dadurch war unter anderem meine Absprache mit K. geplatzt, der sich bereit erklärt hatte, an meiner Stelle die Hundstage in Whitehall zu verbringen. So war nun das Maß meiner Verbitterung nahezu voll, und in dieser Stimmung zog ich mich an besagtem Abend zum Dinner um.

Nur noch zwei Tage, dann war meine Fron in dieser ausgestorbenen, brütenden Stadt zu Ende, und mein Urlaub begann. Jedoch, Ironie des Schicksals, wohin sollte ich dann gehen? Einladungen, die ich noch im Juli im Hochgefühl ausgeschlagen hatte, ein gefragter Mann zu sein, geisterten mir nun durch den Kopf. Zumindest die eine oder andere dieser Einladungen hätte ich wieder aufgreifen können, aber leider hatte man mich in keinem einzigen Fall erneut gebeten.

Meine Familie befand sich zurzeit wegen der Gicht meines Vaters in Aix-les-Bains, also in Frankreich. Mich ebenfalls dorthin zu begeben, wäre mir vorgekommen, als hätte ich den Notanker geworfen. Überdies beabsichtigten die Meinen, binnen Kurzem in unser Haus nach Yorkshire zurückzukehren, und bekanntlich gilt der Prophet im eigenen Lande recht wenig. Kurz und gut: Ich war am Rande der Verzweiflung.

Ein Schlurfen auf der Treppe zeigte mir an, dass es gleich klopfen würde. Wie erwartet trat Withers, der Hausdiener, ein und händigte mir auf seine blasierte Art einen in Deutschland frankierten Eilbrief aus. Zu den Dingen, die mich schon lange nicht mehr amüsierten, gehörte dieses laxe Benehmen der Dienstboten; selbst das passte zu dieser elenden Saison. Ich war gerade mit dem Umkleiden fertig und im Begriff, Geld und Handschuhe zusammenzusuchen, als ich mich in einer jähen Anwandlung von Neugier wieder setzte und den Brief öffnete. In einer Ecke des Kuverts war die verwischte Mitteilung zu erkennen: »Entschuldige, noch eine Sache: 1 Paar Wantenspanner, 1 3/8 Zoll, verzinkt, von Carey & Neilson.« Hier nun der Brief:

Yacht Dulcibella

Flensburg / Schleswig-Holstein

21. September 1903

Lieber Carruthers,

ich kann mir vorstellen, dass du überrascht sein wirst, von mir zu hören, da es ja fast eine Ewigkeit her ist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Was ich dir vorschlagen möchte, wird dir höchstwahrscheinlich nicht zupasskommen, denn ich weiß ja nichts von deinen Urlaubsplänen. Falls du überhaupt in London sein solltest, schmeißt du dich vermutlich gerade wieder ins Geschirr und bist unabkömmlich. So schreibe ich eigentlich aufs Geratewohl, um dich zu fragen, ob du nicht Lust hast herzukommen, um ein bisschen mit mir zu segeln und – wie ich hoffe – auch Enten zu schießen. Ich weiß, du bist ein passionierter Jäger, und irgendwie meine ich mich auch zu erinnern, dass du gesegelt bist. Dieser Teil der Ostsee hier, die Förden, sind ein prächtiges Segelrevier – prima Gegend! Bald müsste es hier auch massenhaft Enten geben, sobald es kalt genug ist. Ich bin Anfang August losgesegelt, über Holland und die Ostfriesischen Inseln. Leider musste mein Kamerad weg, daher brauche ich dringend jemanden, denn ich möchte doch nicht wegen einer solchen Lappalie schon jetzt ins Winterlager gehen. Ich muss wohl nicht betonen, wie sehr ich mich freuen würde, wenn du kämst! Wenn möglich, schicke mir ein Telegramm an das hiesige Postamt. Die beste Reiseroute für dich dürfte via Vlissingen / Hamburg sein. Ich habe hier noch ein paar Dinge zu reparieren, bin aber bestimmt damit fertig, wenn du ankommst. Bring deine Flinte und reichlich Entenschrot mit, und besorge dir Ölzeug, möglichst die Sorte zu 11 Shilling, Jacke und Hose extra, nicht diesen vornehmen Yachtplunder! Ich weiß, du sprichst fließend Deutsch, das wird eine große Hilfe für mich sein. Verzeih mir diesen Wust von Aufträgen, aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass ich Glück habe und du kommen wirst! Wie auch immer: Ich hoffe, dass es dir und deinem Amt gut geht. Auf bald!

Dein Arthur H. Davies

P.S. Würdest du bitte noch einen Handpeiler und ein Pfund Raven-Mixture Pfeifentabak mitbringen?

Dieser Brief leitete für mich einen neuen Lebensabschnitt ein, aber davon ahnte ich noch nichts, als ich ihn in die Tasche steckte und mich lustlos auf meinen gewohnten abendlichen Leidensweg in den Club begab.

Es war ein fremder Club, dem ich zustrebte, denn meine beiden üblichen hatten gleichzeitig wegen Renovierung geschlossen. Es war, als hätte es die Vorsehung eigens darauf abgesehen, mir Unbehagen zu bereiten. Die Clubs, die man in solchen Fällen ersatzweise aufsuchen darf, wirken immer irritierend und unbehaglich. Die wenigen Besucher kommen einem merkwürdig und kauzig vor, man fragt sich, was sie eigentlich dort suchen. Das einzige Wochenblatt, das einen interessiert, ist natürlich nicht vorhanden, das Dinner unmöglich, die Belüftung eine Farce. All diese Übel deprimierten mich auch an diesem Abend. Und dennoch: Auf rätselhafte Weise begannen sich tief in mir die Lebensgeister wieder zu regen, ohne jeden ersichtlichen Grund, wie mir schien.

An Davies’ Brief konnte es nicht liegen. Segeln in der Ostsee – und das Ende September! Der bloße Gedanke ließ mich schaudern! Segeln vor unserem schönen Seebad Cowes, in angenehmer Gesellschaft und mit Hotels zum Übernachten – darüber ließe sich reden! Oder eine Kreuzfahrt auf einem Dampfschiff entlang der französischen Küste oder zu den schottischen...


Childers, Erskine
Erskine Childers wurde 1870 in eine britisch-irische Familie hineingeboren. Früh verwaist, wuchs er bei seinem Onkel in Irland auf und studierte in Cambridge Jura. Zum begeisterten Segler wurde er nach Abschluss seines Studiums, er besaß mehrere Boote und unternahm ausgedehnte Segeltouren auf Nord- und Ostsee und dem Atlantik. Childers wurde Sekretär im Britischen Unterhaus und ging 1899 als Freiwilliger in den Burenkrieg, in dem er schwer verwundet wurde und als Invalide nach Großbritannien zurückkehren musste. Das Rätsel der Sandbank, der Roman, der Childers berühmt machte, erschien erstmals 1903. Das Segelboot, mit dem die Protagonisten unterwegs sind, benannte er nach seiner Schwester Dulcibella. Nach Ende des Ersten Weltkriegs schlug sich Childers als Partisan im irischen Bürgerkrieg auf die republikanische Seite. 1922 wurde er von politischen Gegnern erschossen. Sein Sohn Erskine Hamilton Childers war von 1973 bis zu seinem Tod 1974 der vierte Präsident der Republik Irland.



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