Childs | Die Wohltäterin | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 389 Seiten

Childs Die Wohltäterin


2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8412-3584-8
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 389 Seiten

ISBN: 978-3-8412-3584-8
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses Geheimnis kann dich zerstören - und alles, was du liebst 

Seit ihr Mann sie verlassen hat, hält Becca sich und ihre Familie mit zwei Jobs über Wasser. Dann trifft Becca die kleine Maddy. Das arme Kind hat alles verloren - und ist so traumatisiert, dass sie nicht einmal darüber sprechen kann. Becca nimmt das Mädchen in ihre Familie auf. Plötzlich zeigen sich jedoch Ungereimtheiten in Maddys Geschichte. Becca versucht, die Wahrheit herauszufinden, doch das Verhalten des verstörten Mädchens wird immer unberechenbarer. Dazu entwickelt Maddy eine merkwürdige Obsession für Beccas fünfjährige Tochter Rosie. Wen hat Becca da in ihr Heim gelassen? 

Ein herzzerreißender Pageturner voller unerwarteter Wendungen



Jill Childs hat schon immer das Erzählen geliebt - über Reales und Erfundenes - und dreißig Jahre lang als Journalistin die Welt bereist und von überall dort berichtet, wo die Nachrichten sie hinführten. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann und ihren Zwillingsmädchen in London und schreibt Romane, in denen sich Geheimnisse und Lügen hinter verschlossenen Türen ganz gewöhnlicher Häuser verbergen. Alle lieferbaren Titel der Autorin sehen Sie unter aufbau-verlage.de   Nina Restemeier begann zunächst, Literaturwissenschaft zu studieren, stellte aber schnell fest, dass sie lieber mit Literatur arbeitet. Sie hat in Düsseldorf Literaturübersetzen für die Sprachen Englisch und Italienisch studiert und ist als freie Übersetzerin und Lektorin tätig.
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Kapitel 4


Becca

Es dreht sich alles ums Geld. Ich werde am Fünfzehnten bezahlt, und es ist jeden Monat schwer, über die Runden zu kommen. Ich arbeite gern in der Weinbar, doch es ist nur ein Teilzeitjob, und Kochen wird nie gut bezahlt, selbst wenn man einen Anteil der Trinkgelder erhält. Aber ich will mich nicht beklagen, denn die Arbeitszeiten sind günstig. Die Mittagsschicht passt perfekt zu den Schulzeiten, und Jane ist sehr entgegenkommend. Selbst wenn die Gäste noch lange beim Kaffee sitzen, lässt sie mich immer pünktlich gehen.

Aber der Dezember ist hart. Ich vergleiche Preise und halte nach Schnäppchen Ausschau, doch Alex wünscht sich ein Computerspiel, das ein kleines Vermögen kostet, und mit vierzehn ist er pfiffig genug, den Unterschied zwischen dem Original und einer billigen Kopie zu erkennen. Und auch Rosie hat ein paar anständige Weihnachtsgeschenke verdient.

Und dann die Sache mit dem Essen. Wenn ich das Weihnachtsessen ausrichte und Mark und seine Mutter dabei sind, will ich eine gute Show abliefern und es richtig machen. Ich bin immer noch sauer deswegen. Mark hat mich unter Druck gesetzt, und ich wünschte, ich wäre nicht eingeknickt.

Ich hatte vorgeschlagen, ihm die Kinder am Morgen vorbeizubringen, damit er ihnen die Geschenke geben kann. Aber das wollte er nicht – er wollte, dass wir alle zusammen feiern, als wäre zwischen uns nichts vorgefallen. Er hat behauptet, er wolle nur das Beste für die Kinder. Es gehe nicht um ihn, sondern nur um sie. Als ob ich nicht in jeder Minute meines Lebens alles für Alex und Rosie geben würde.

Dann bettelte er: »Nur dieser eine Tag im Jahr, Becca. Bitte, gesteh mir das zu. Ich bitte dich.«

Und als ich standhaft blieb und sagte, ich müsse darüber nachdenken, wurde er schließlich garstig und warf mir vor, ich sei selbstsüchtig und böse und was nicht alles. Er schrieb mir einen seiner kindischen Briefe voller vulgärer Beleidigungen und Drohungen.

Ich habe alle seine giftigen Briefe behalten, sorgfältig verstaut in einem alten Koffer, damit Alex sie nicht zufällig findet. Vielleicht brauche ich Beweise, falls in Zukunft irgendjemand seine Meinung ändert und meint, ich hätte ihn nicht verlassen sollen, er sei doch so ein liebevoller Mann. Tja, das kann er auch sein, oberflächlich betrachtet. Niemand außer mir hat gemerkt, wie subtil dominant und manipulativ er im Laufe der Jahre wurde. Vielleicht brauche ich die Beweise auch für mich selbst, an den Tagen, an denen ich nicht ganz glauben kann, dass ich ihn tatsächlich verlassen habe, und wie rachsüchtig er wurde, als es so weit war.

Jedenfalls hat er mich mürbe gemacht, und ich habe zugestimmt, ihn und seine Mutter zu einem letzten Weihnachtsessen als Familie zu empfangen. Und dann nie wieder.

Also war mein Bankkonto schon überzogen, als die Gasrechnung hereinflatterte – noch dazu eine hohe: Wie soll man die Heizung herunterdrehen, wenn es so verdammt kalt ist? –, und ich habe versucht, bis zum Fünfzehnten irgendwie über die Runden zu kommen, und gebetet, dass die Kinder nicht auf einmal Geld für irgendetwas brauchen. In der Schule ist immer irgendwas – ein Geschenk für einen Lehrer, eine Sammlung oder Spenden für irgendwelche Zwecke.

Am Fünfzehnten schaffe ich es nicht vor Schulschluss zum Geldautomaten, denn in der Weinbar ist zu viel los. Aber auf dem Heimweg bitte ich Alex und Rosie, einen Augenblick zu warten, während ich den Kontostand checke und einen Packen Bargeld abhebe, mit dem ich die restlichen Weihnachtseinkäufe erledigen will. Das ist eine Angewohnheit von mir. Ich besitze zwar Karten, doch ich habe einen besseren Überblick über meine Ausgaben, wenn ich das Geld in der Tasche habe und die Scheine abzähle. Es hält mich davon ab, zu viel auszugeben.

Es ist eisig, ein richtiger Kälteeinbruch, und jetzt fängt es auch noch an zu regnen. In den paar Minuten, die es dauert, den Automaten zu bedienen, sterben mir die Finger ab. Ich bin fast fertig, da zieht Alex an meinem Arm.

»Mum. Sag ihr, sie soll das lassen. Bitte.«

Er sieht gequält aus vor Scham. Die beiden sind so unterschiedlich. Wie Tag und Nacht. Und mit vierzehn ist er gerade in einem schwierigen Alter.

Das ist wieder mal typisch Rosie. Ich habe ihr gesagt, sie soll einfach für zwei Minuten stehen bleiben, aber sie ist losgezogen und beugt sich über die Obdachlose, die sich ein Stück die Straße hinunter vor dem Regen in den Eingang eines Wohngebäudes zurückgezogen hat.

»Rosie!«

Sie reagiert nicht. Sie beugt sich vor, stützt die Arme auf die Oberschenkel und betrachtet die Frau, als wäre sie ein interessantes Insekt. Allein bei dem Anblick überläuft mich ein Schauer. Ich will nicht unhöflich sein, aber diese Frau stinkt bestimmt furchtbar. Und ich möchte Rosie nicht in ihrer Nähe wissen.

»Rosie!« Keine Antwort. Worüber sie auch reden – und ich sehe, dass sie reden –, Rosie ist ganz vertieft. Ich blicke zu Alex hinunter. Er verzieht das Gesicht – ich erkenne den gleichen Ekel an ihm, den ich mir nicht anmerken lassen will.

»Holst du sie bitte, Alex?«

Er zieht die Schultern hoch und marschiert davon. Ich wende mich wieder dem Automaten zu und entnehme den Kontoauszug. Das Geld ist eingegangen, Gott sei Dank. Ich fordere zweihundertfünfzig Pfund an und ziehe den Reißverschluss des Geheimfachs meiner Handtasche auf, um das Geld sofort zu verstauen.

»Lass los!«

Ein hohes Kreischen. Ich drehe mich um, fluche verhalten. Alex hat Rosie an der Schulter gepackt und versucht, sie wegzuzerren, aber sie wehrt sich und schlägt um sich. Mit einer Hand trifft sie ihn und verpasst ihm eine Ohrfeige. Die Frau, eine unförmige Masse aus alten Klamotten, erhebt sich aus den Schatten und nähert sich den beiden, um einzuschreiten. Sie hat die Hände gekrümmt wie Klauen. Sie greift nach meinen Kindern.

»Halt!« Ich renne zu ihnen, meine Schuhe patschen auf den nassen Bürgersteig, ich trenne die beiden, packe sie an den Armen und drehe sie um, um sie wegzuführen.

»Tut mir leid«, rufe ich der Frau über die Schulter zu, ohne ihr ins Gesicht zu sehen. Zu nah, sie war ihnen viel zu nah. Ich brauche Abstand. Der Regen ist heftiger geworden, peitscht uns ins Gesicht. Wir müssen nach Hause, ins Warme.

Nach ein paar Schritten wende ich mich an meinen Sohn: »Um Himmels willen, was ist los mit dir?«

Sofort sagt Alex: »Ich war das nicht. Das war …«

Ich schiebe sie weiter. »Das reicht. Ich will es nicht hören.«

Schmollend trabt Alex neben mir her, die Augen zu Boden gerichtet. Ich spüre seinen finsteren Blick, ohne ihn zu sehen.

Rosie hebt den Kopf und schaut mich an. Sie wirkt kein bisschen eingeschüchtert, sondern keck und selbstbewusst, als wäre sie sich sicher, dass sie recht hat und ich bloß überreagiere.

»Was denn, Mummy? Ich habe doch bloß mit der Frau geredet.«

»Zwei Minuten.« Der Regen wird heftiger, prasselt mir auf die Nase und tropft mir vom Kinn. »Wirklich. Kannst du nicht mal zwei Minuten lang tun, was man dir sagt?«

Sie zuckt mit den Schultern, wirkt ungerührt. Ein paar Minuten lang kämpfen wir uns in einer Reihe voran, stemmen uns gegen den Wind. An der Ecke zu unserer Straße lockere ich meinen Griff.

»Ich weiß was, was du nicht weißt.« Rosie wirft Alex um mich herum einen Blick zu, um zu sehen, ob er darauf anspringt. Er funkelt sie finster an. »Maddy. Sie heißt Maddy.« Rosie lächelt triumphierend zu mir auf. Ich höre förmlich, wie sie, tief über den Haufen gebeugt, der die Obdachlose ist, mit ihrer fröhlichen, betörenden Stimme fragt: »Hallo, ich bin Rosie. Und wie heißt du?«

»Weißt du, was noch?«

Wir stehen vor unserem Wohnhaus, und ich wühle in meiner Manteltasche nach dem Haustürschlüssel. Meine Hände sind so taub, dass ich ihn kaum ins Schloss bekomme. Sobald die Tür offen ist, drängt Alex sich an mir vorbei und stürmt hinauf zu unserer Wohnung im obersten Stock.

Ich bin erleichtert, dass wir hier drinnen sind, in Ruhe, in Sicherheit, geschützt vor Wind und Regen. Ich bugsiere Rosie die Treppe hinauf, und wir drängen uns hinein. Alex verschwindet im Kinderzimmer. Ich nehme Rosie den Mantel...



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