E-Book, Deutsch, 132 Seiten
Chlada / Gwisdalla Charles Fourier
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86569-715-8
Verlag: Alibri Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Einführung in sein Denken
E-Book, Deutsch, 132 Seiten
ISBN: 978-3-86569-715-8
Verlag: Alibri Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fourier hat als Frühsozialist nicht nur in der Geschichte des utopischen Denkens seinen Platz. Er bot auch im 20. Jahrhundert zahlreiche Anknüpfungspunkte für emanzipatorische Entwicklungen. Die beiden Autoren führen in die unterschiedlichen Aspekte von Fouriers Denken ein, erläutern die zentralen Begriffe und die zugrunde liegenden politischen und philosophischen Fragestellungen. Sie arbeiten nicht nur Fouriers Aktualität heraus, sondern auch seine zahlreichen Fehleinschätzungen und fragwürdigen Ansätze.
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1. Charles Fourier und der Fourierismus
1.1 Biographische Skizze
Das nachrevolutionäre Frankreich will nicht zur Ruhe kommen. Einem Regierungssystem folgt das nächste. Zwar hat das Bürgertum und mit ihm ein erstarkter Handelsgeist über den wenig organisierten Vierten Stand obsiegt. Dennoch lebt die Mehrzahl der Franzosen weiterhin unter erbärmlichen Bedingungen. Folgen wir dem Sozialwissenschaftler Karl Mannheim, dann hat die Idee der Freiheit vor der „concomitant idea of equality“ kapituliert und damit ihre „ideological elements“ offenbart.1 Von „Brüderlichkeit“ kann keine Rede sein. Was herrscht, sind Konkurrenzdenken, Ausbeutung und Korruption. In diesem sozialen Klima reift der am 7. April 1772 in Besançon als Sohn eines gutsituierten Tuchhändlers geborene François Marie Charles Fourier2 zu einem kompromisslosen Gegner der bürgerlichen Gesellschaft heran, die er fortan sarkastisch „Zivilisation“ nennen wird. Entsprechend grimmig soll er gewesen sein. Glauben wir den Aussagen seiner Weggefährten, so konnte Fourier sich zeitlebens niemals zu einem Lachen durchringen.
Charles Fourier ist das jüngste von vier Kindern. Er liebt Katzen, Pflanzen, Marschkapellen und das Musizieren. Brot verträgt er keines. Stattdessen entwickelt er eine Vorliebe für Naschwerk aller Art. Zugegeben, all dies erscheint trivial. Jedoch werden zahlreiche seiner kindlichen Vorlieben im Konzept der Harmonie wieder auftauchen. Es scheint, als habe Fouriers persönlicher Geschmack in nicht unerheblichem Ausmaß als Richtschnur auf dem Weg in die neue Liebeswelt gedient.
Bereits in frühen Jahren lernt der immerzu kränkliche, mit einem dysfunktionalen linken Arm geborene Fourier das unlautere Geschäftsgebaren der Handelstreibenden im elterlichen Tuchladen kennen und verachten. Trotz seiner Abneigung gegen den Kaufmannsberuf wird Fourier dieser Tätigkeit, erst durch elterlichen Zwang, später auf Grund finanzieller Nöte, fast Zeit seines Lebens treu bleiben. Als Sohn eines Kleinbürgers zum Studium nicht zugelassen, bleiben dem hauptsächlich naturwissenschaftlich interessierten Autodidakten nur die Feierabendstunden, um seine Theorie zu erarbeiten. Ist er auch stets im ihm verhassten Handel tätig, so wechselt er innerhalb dieses Berufsstandes doch häufig den Arbeitgeber und ebenso oft die Tätigkeitsbereiche und Aufenthaltsorte. Im Laufe seines Erwachsenenlebens sind die französische Provinz, Lyon, Marseille und im fortgeschrittenen Alter Paris3 die Orte, zwischen denen er hin und her pendelt. Ferner bereist er als Handelsvertreter weite Teile Europas.
1791 nimmt Fourier seine erste Anstellung in Lyon an, der zweitgrößten Stadt Frankreichs, Zentrum der Seidenindustrie und des Arbeiterelends sowie der mystischen und okkulten Zirkel. Die folgenden Lebensjahre Fouriers gleichen einer Odyssee: Ein Großteil seines nicht unerheblichen Erbes nach dem Tod des Vaters, angelegt in Kolonialwaren, wird 1793 während der Belagerung von Lyon durch Truppen der revolutionären Regierung von den wehrhaften Royalisten und Girondisten beschlagnahmt. Zudem wird Fourier nach dem Sieg der Jakobiner mehrfach eingekerkert, kann aber durch Intervention einflussreicher Verwandter der Guillotine entkommen und wird letztlich zwangsrekrutiert. Zur Jahrhundertwende steht der bekennende Verächter des Börsenhandels Fourier auf Grund miserabler Spekulationsgeschäfte endgültig ohne Vermögen da und ist nun faktisch deklassiert.
Eine häufig angeführte Anekdote, welche sich um die Entdeckung seiner Theorie rankt, besagt, dass Fourier als reisender Handelsvertreter im Jahre 1799 in ein Pariser Restaurant eingekehrt sei, wo man vierzehn Sous für einen Apfel verlangte, während einen Tag zuvor zum gleichen Preis in Rouen einhundert Äpfel weitaus besserer Qualität eingekauft werden konnten. Der kostspielige Apfel soll Fourier den letzten notwendigen Hinweis gegeben haben darauf, dass sich in der Zivilisation alles in einem „falschen Kreislauf“ vollziehe. Wie bei seinem großes Vorbild Isaac Newton, der die Erkenntnis materieller Bewegungsgesetze einem vom Baume fallenden Apfel verdankt haben soll, steht am Beginn der Entdeckung der sozialen und leidenschaftlichen Anziehungskräfte durch Charles Fourier gleichsam ein bedeutungsschwangerer Apfel.
Fourier findet großen Gefallen daran, derartige Mystifikationen auf die Spitze zu treiben. Viele der Anekdoten und Geschichten die sich um seine Person ranken, werden von ihm selbst in Umlauf gebracht und finden sich noch heute zahlreich in der Literatur. Sie lesen sich zum Teil überaus unterhaltsam, nachprüfbar sind sie allesamt jedoch nicht. Festzuhalten bleibt, dass Fourier sich nie als Philosophen, sondern immerzu als Entdecker oder Erfinder bezeichnet hat. Mit der Philosophie konnte Fourier nichts anfangen, er verabscheute sie.
Um 1799 hat Fouriers Theorie Gestalt angenommen. Von diesem Zeitpunkt an widmet er sich ausschließlich der Ausarbeitung und Perfektionierung seines Systems. An den Ideen und Kontroversen seiner Zeit ist er nun nicht mehr interessiert, die Ansichten anderer Wissenschaftler und Reformer erscheinen ihm im Vergleich zu seinen Entdeckungen vollkommen wertlos. Um sich von den etablierten philosophischen Denkrichtungen abzugrenzen, erklärt Fourier den „absoluten Zweifel“ und die „absolute Abweichung“ zur Forschungsmethode. Seine kompromisslose, alle Normen der Zeit ignorierende Theorie soll vor allem „neu“ und ihr Schöpfer „einzigartig“ sein. Wenn auch Fourier stets mit Nachdruck darauf besteht, von keiner der philosophischen Strömungen seiner Zeit beeinflusst zu sein, hat der zeitgenössische Diskurs dennoch zarte Spuren in seinem Werk hinterlassen.4
Im April 1808 erscheint Fouriers erste umfangreiche Schrift unter dem Titel Théorie des quatre mouvements et des destinées generals („Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen“), konzipiert als Werbebroschüre für sein avisiertes Gesellschaftsprojekt namens Harmonie. Laut Friedrich Muckle stellt Fouriers erstes Buch „vielleicht das dunkelste Werk der ganzen sozialwissenschaftlichen Literatur“ dar.5 Frank E. Manuel bezeichnet es kurz und knapp als „enigma“.6 Zwar werden von Fourier wichtige Eckpunkte seiner Theorie angeschnitten und benannt, vieles aber bleibt rätselhaft oder schlichtweg unausgesprochen. Die zivilisierte Welt scheint Fourier noch nicht bereit dafür, alle seine Entdeckungen anzuerkennen und entsprechend würdigen zu können. Auf Passagen, welche die Vorzüge einer neuen Gesellschaftsorganisation beschreiben, folgen völlig unvermittelt ätzende Hasstiraden auf die Zivilisation. Essentielle, fruchtbare Gedankengänge dagegen finden sich in den zahlreichen, häufig seitenlangen Fußnoten versteckt. Im ganzen Buch findet Fouriers ideale Kommune, die „Phalanx“, keine Erwähnung. Genaueres sollen Ankündigungen und Ausblicken zufolge die weiteren Bände liefern. Aller Geheimniskrämerei zum Trotz, die mitunter wohl der Furcht vor Plagiatoren geschuldet war, ist Fourier auf der verzweifelten Suche nach einem Publikum. Jeder soll überzeugt werden, der „Wissensdurstige“ ebenso wie der „Wollüstige“, selbst der potentielle Kritiker. Dementsprechend wird die Leserschaft von Fourier vorab klassifiziert, jedem Typus ein spezieller Teil des Werkes gewidmet, was den Text der Analyse Roland Barthes zufolge „beweglich“ macht: „Kapitel werden umgekehrt, die Lektüre wird beschleunigt (Eilmarsch) oder verlangsamt, je nach Leserklasse, in die man sich einordnen will.“ Kurz, es handelt sich um ein „Metabuch“, um ein „Buch, das vom Buch spricht“.7
Die Erstausgabe entpuppt sich recht schnell als Ladenhüter. Den Misserfolg führt Fourier auf eine Intrige des Pariser Philosophenzirkels zurück. Er stellt das Schreiben resigniert nahezu vollständig ein und widmet sich gezwungenermaßen bis 1815 wieder den verhassten Handelsgeschäften. Die weiteren Jahre verbringt Fourier bei seiner Verwandtschaft in Bugey. Es ist die einzige Phase seines Lebens, in der er die Rolle eines Familienoberhauptes übernimmt, was freilich nicht ohne Probleme vonstattengeht.8 Bedingt durch eine weitere kleine Erbschaft seiner inzwischen verstorbenen Mutter ist Fourier in der Lage, sich zwischen 1817 und 1821 in Bugey voll und ganz wieder der schriftstellerischen Tätigkeit zu widmen. Er verfasst sein vierbändiges Hauptwerk Traité de l’association domestique-agricole ou attraction industrielle, das 1822 in Paris erscheint.9
Zu dieser Zeit findet Fourier seinen ersten Schüler, den tauben Just Muiron.10 Mit der Umsiedlung nach Paris im Jahre 1826 und verstärkt durch die Auflösung der konkurrierenden Schule der Saint-Simonisten sowie der Konvertierung einiger Schüler derselben im Jahre 1832 wandelt sich der Fourierismus von einer kleinen Gruppe skurriler Reformer zu einer Bewegung, der École sociétaire.11
Ab dem 1. Juni 1832 erscheint mit dem Wochenblatt Le Phalanstère. Journal pour la fondation d’une Phalange agricole et manufacturière associée en travaux et en ménage, das erste offizielle Organ der Fourieristen. Die Zeitschrift soll zum einen zur Verbreitung der Ideen Fouriers beitragen, zum anderen Unterstützung für die Einrichtung einer ersten Versuchsphalanx mobilisieren. Doch bereits im Herbst 1833 macht sich Ernüchterung breit. Das Blatt, welches zu diesem Zeitpunkt nur noch monatlich erscheint, hat wenig zur Verbreitung fourieristischen Gedankenguts beigetragen. Die meisten Schüler ziehen sich enttäuscht zurück und...




