Chreiteh / Schami | Always Coca-Cola | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 150 Seiten

Chreiteh / Schami Always Coca-Cola


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-89930-148-9
Verlag: Schiler & Mücke
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz

E-Book, Deutsch, 150 Seiten

ISBN: 978-3-89930-148-9
Verlag: Schiler & Mücke
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz



Die Studentin Abeer Ward ist die Tochter einer konservativen Familie. Sie ist hin- und hergerissen zwischen den traditionellen Werten ihrer Familie und denen ihrer sexuell abenteuerlichen Freundinnen Jana und Yasmine. Es hilft ihr auch nicht, dass der Blick aus ihrem Fenster gefüllt ist mit einer riesigen Coca-Cola Werbung, die Jana in einem roten Bikini zeigt. Als Jana plötzlich erfährt, dass sie schwanger ist, müssen die drei jungen Frauen gemeinsam die Konsequenzen tragen.

Always Coca-Cola ist die Geschichte von drei sehr verschiedenen, jungen Frauen im heutigen Beirut. Alexandra Chreiteh, die junge, talentierte Autorin, spricht mit diesem Debütroman sexuelle Tabus im Libanon an. Mit Verwunderung, Humor und Betroffenheit schildert sie, wie persönliche Erfahrungen und Identität, Leidenschaft und Markennamen miteinander verflochten sein können. Der gewagte, zynische Humor dieses Romans ist sicher überall in der Welt wiedererkennbar.

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Als ich noch im Bauch meiner Mutter war, hatte sie nur einmal Schwangerschaftsgelüste, und zwar nach eiskalter Coca-Cola. Sie war umso gieriger danach, als Coca-Cola ihr verboten war. Mein Vater kaufte sie nie. Für ihn war sie untrennbar mit der Politik Amerikas verbunden, und die lehnte er ab. Außerdem wachte er wie ein strenger Schulmeister darüber, was meine Mutter zu sich nahm. Er schrieb sogar eine Liste mit allem, was sie nicht essen und trinken durfte. Coca-Cola stand darauf ganz oben. Und je weiter die Schwangerschaft fortschritt, desto rigoroser kontrollierte er meine Mutter. Es wurde bei ihm fast zur Obsession. Besonders genau nahm er es damit, was für Wasser sie trank. Leitungswasser war strikt verboten, es war zu stark verschmutzt. Mein Vater fürchtete, diese Unreinheit könne sich auf den Fötus im Bauch meiner Mutter übertragen. Deshalb kaufte er ihr bei einem Mann, der einmal in der Woche ins Viertel kam, aufbereitetes Trinkwasser. Das war zwar sehr teuer – schließlich herrschte damals ja Krieg. Aber mein Vater wollte ein unbeflecktes und makelloses Kind, genauso rein wie das Wasser, das er kaufte und so teuer bezahlte. Unbewusst folgte er dabei der Logik: Ist das Wasser rein, dann überträgt sich die Reinheit auf das Kind. Und dieser Zug bleibt ihm auch nach der Geburt noch erhalten! Was die Mutter zu sich nimmt, hat großen Einfluss auf das Ungeborene! Die Zeit der Schwangerschaft ist für das spätere Wesen des Menschen entscheidend! Jeder Fehler der Mutter in dieser Zeit führt beim Kind zu bleibenden körperlichen und seelischen Mängeln. Auf ein reines Wesen also hatte mein Vater es abgesehen. Das sollte, seinem Willen nach, für immer mein Markenzeichen sein. Und dann, an einem heißen Sommertag, überfiel meine Mutter plötzlich die Lust auf Coca-Cola. Es ging auf Mittag zu, und die Sonne schien prall auf die Ostfront unseres Hauses. Mit dem Strom war auch jede Klimatisierung ausgefallen. Vor Hitze bekam meine Mutter einen knallroten Kopf, und Schweißperlen traten ihr auf die Oberlippe. Sie stand schon fast am Ende ihrer Schwangerschaft und war sehr erschöpft. Qualvoll war die Hitze, und meine Mutter spürte das Kind in sich kräftiger strampeln als je zuvor. Um ihrem Bauch, der durch mich dick und rund geworden war, ein bisschen mehr Freiraum zu gönnen, setzte sie sich auf einen niedrigen Stuhl und lehnte sich nach hinten. Dann spreizte sie die Beine und hob den Rock ihres Kleids, damit ihre erhitzten Schenkel freilagen und sich ein bisschen abkühlen konnten. Mit einem Seufzer sagte sie zu meinem Vater: »Ich will Coca-Cola. Bring mir Coca-Cola!« Mein Vater antwortete nicht. Auch er kam vor Hitze fast um. Als sie ihm aber keine Ruhe ließ und ihm weiter zusetzte, schrie er sie schließlich an: »Woher soll ich jetzt Coca-Cola nehmen? Trink Wasser!« »Ich hab solchen Durst – bring mir Coca-Cola!« Meine Mutter muss damals tatsächlich unerträglichen Durst gehabt haben. Ihr ganzes Wesen muss zutiefst dadurch erschüttert worden sein. Ich nämlich behielt davon ein bleibendes Zeichen zurück: Als ich geboren wurde, hatte ich oben auf dem Rücken, genau zwischen den Schulterblättern, ein kleines Muttermal. Es sah aus wie eine Coca-Cola-Flasche. Meine Mutter hatte es von nun an immer vor Augen, wenn ich mich vor ihr auszog. Und es war für sie eine ständige Erinnerung an ihre ungestillte Lust. Die ganze Geschichte fiel mir jetzt wieder ein, als ich nach einer Praktikumsstelle suchte. Meine Freundin Jana hatte mir angeboten, ihren Freund, einen Coca-Cola-Manager, zu fragen, ob er mir vielleicht weiterhelfen konnte. Es ist nämlich sehr schwer, bei Coca-Cola unterzukommen. Aber der Manager schlug Jana keine Bitte ab. Janas Plan sah so aus: Sie wollte ihren Freund in seinem Büro aufsuchen und dann, um genau fünf Uhr nachmittags, zu mir nach Hause kommen, um mir seine Antwort zu bringen. Die Uhrzeit passte mir ausgezeichnet. Von meiner Familie würde niemand zu Hause sein, und wir konnten uns ganz ungestört fühlen. Ich hoffte sehr, dass meine Freundin mir das Praktikum besorgen konnte. Ich brauchte es, um dieses Jahr die Universität abzuschließen und ein Zeugnis zu bekommen. Aber Jana verspätete sich sehr. Es wurde halb sechs, und sie war immer noch nicht da. Das sah ihr überhaupt nicht ähnlich, sonst war sie immer pünktlich! Als ich sie dann mehrmals auf dem Handy und später zu Hause über Festnetz anrief und sie nicht abnahm, wurde ich unruhig und fragte mich, was sie bloß aufgehalten haben konnte. Langsam machte ich mir Sorgen. Um mich ein bisschen abzulenken, holte ich einen Karton mit Frauenzeitschriften unter meinem Bett hervor, nahm eine davon heraus und blätterte sie durch. Dabei stieß ich auf einen kurzen Artikel darüber, wie entscheidend für eine Frau die Pflege ihrer Lippen ist. Models zum Beispiel, schrieb der Autor, gehen nie aus dem Haus, ohne vorher einen hochwirksamen Balsam auf ihre Lippen aufzutragen. Der schützt sie vor schädlichen äußeren Einflüssen wie Sonne und Staub. Und den Schutz ihrer Lippen nehmen sie äußerst ernst, sind doch die Lippen das wichtigste Kennzeichen für Weiblichkeit und Attraktivität. Mit dem Lippenbalsam bewahren die Models ihre Lippen vor dem Austrocknen, und damit wiederum ihre Weiblichkeit. Eine beruhigende Wirkung hatte dieser Artikel allerdings auch nicht auf mich. Deshalb musste ich mir noch eine andere Beschäftigung suchen, bis Jana kam. Ich beschloss, schnell zur Apotheke gegenüber zu laufen und mir einen Lippenbalsam zu besorgen. Von unserem Haus aus trat ich auf die Mar-Elias-Straße, überquerte sie und ging dann in die Apotheke, die genau neben dem Blumenladen meines Vaters liegt. Der Apotheker war ein guter Bekannter von ihm und wusste, dass ich seine Tochter bin. Deshalb lächelte er mich an, als ich reinkam, und ließ mir den Lippenbalsam billiger. Ich trug ihn gleich auf, ging wieder und fragte mich dabei, ob Jana ihre Lippen wohl mit dem gleichen Balsam schützte. Draußen war gerade ein Sandsturm losgebrochen, doch ich marschierte voll Zuversicht durch die Staubwolken. Der Balsam würde meine Lippen ja schützen. Aber von wegen: Der Sand pappte daran richtig fest! Und was das Ganze noch schlimmer machte: Als ich mir über die Lippen leckte, um sie wieder sauberzukriegen, hatte ich den Sand auf der Zunge kleben! Mir blieb nur, ihn runterzuschlucken. Auf die Straße spucken dürfen Mädchen ja nicht. Zu meiner Überraschung stand bei meiner Rückkehr Jana im Eingang unseres Wohnhauses. Sie war gerade angekommen, als ich in der Apotheke gewesen war. Neben ihr stand unsere Freundin Jasmin. Ich fragte mich, warum Jasmin wohl bei ihr war. Aber Jana machte mir sofort zwei äußerst wichtige Mitteilungen, durch die ich die Frage gleich wieder vergaß. Erstens: Sie konnte ihren Pass nicht finden. Und zweitens: Sie war vielleicht schwanger. Allerdings war sie sich nicht ganz sicher. »Genau weiß ich es noch nicht!«, sagte sie und gab sich ganz lässig dabei. »Dann lass uns gleich in die Apotheke gehen und dir einen Schwangerschaftstest kaufen, damit du es genau weißt!«, meinte Jasmin, die ebenfalls kein bisschen geschockt aussah. Ich dagegen bückte mich in eine Flurecke und tat so, als müsste ich mir meinen Schnürsenkel binden, damit die beiden ohne mich gingen. Ich hatte nämlich Angst, der Apotheker könnte meinem Vater sonst verraten, dass ich einen Schwangerschaftstest gekauft hatte. Auch wenn der gar nicht für mich bestimmt war. Denn eins wusste ich: Sollte meinem Vater davon etwas zu Ohren kommen – er würde mir, bevor ich ihm die ganze Geschichte erzählen konnte, mit ebendiesem Test den Hals abschneiden. Deshalb schien mir das Risiko, zur Apotheke zu gehen, zu hoch, und ich machte mich lieber unsichtbar. Aus meinem Versteck heraus nahm ich meinen Vater ins Visier. Denn was, wenn er ausgerechnet jetzt auf die Idee kam, seinen Apothekerfreund zu besuchen? Und wenn er dann die Apotheke betrat und sah, was meine Freundinnen dort machten? Er würde furchtbar in Rage geraten – und zwar über mich! Meint er nicht dauernd: »Zeig mir deine Freunde, und ich sage dir, wer du bist!«? Aber als ich sah, wie mein Vater die Blumen, die er zum Verkauf rausgestellt hatte, wieder in den Laden holte, damit die Staubwolken ihnen nichts anhaben konnten, wurde ich ruhiger. Mein Blick fiel auf das neue Schild, das mein Vater am Vortag über dem Eingang festgemacht hatte. Das alte war nämlich so rostig gewesen, dass man den Namen des Geschäfts nicht mehr hatte lesen können. Dieser Name prangte auch wieder auf dem neuen Schild. Dabei hatte ich meinen Vater so gebeten, ihn zu ändern! Aber er hatte sich taub gestellt und darauf bestanden, ihn zu behalten, egal wie ich den Namen hasse! Das Geschäft heißt: »Abir Ward« – »Duft der Rosen«. Das hatte sich mein Vater vor fünfundzwanzig Jahren ausgedacht, als er den Laden aufmachte. Er fand den Namen so schön, dass er mich, als ich geboren wurde, ebenfalls »Abir« – »Duft« nannte. So hießen das Geschäft und ich gleich: »Abir Ward«. Unser Familienname ist nämlich »Ward« – »Rosen«. Offenbar hatte man irgendwann einen Vorfahren meines Vaters so genannt, weil auch der schon Blumen verkauft hat. Der Beruf wurde in der Familie weitervererbt, bis er schließlich bei meinem Vater landete. Und der machte daraus eine regelrechte Lebensanschauung! Immer wieder frage ich ihn, wie er bloß seine einzige Tochter nach seinem Laden nennen konnte! Ich kann den Namen einfach nicht ausstehen und finde, er passt überhaupt nicht zu mir. Mein ganzes Leben lang habe ich nur darauf gewartet, dass ich volljährig werde und ihn ändern kann. Aber nachdem ich dann endlich achtzehn geworden war, wurde mir klar, dass ich nicht genug Geld für die Gerichtskosten hatte, und auch...



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