E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Christie 16 Uhr 50 ab Paddington
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-455-17021-4
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Miss Marple
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-455-17021-4
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Agatha Christie begründete den modernen britischen Kriminalroman und avancierte im Laufe ihres Lebens zur bekanntesten Krimiautorin aller Zeiten. Ihre beliebten Helden Hercule Poirot und Miss Marple sind - auch durch die Verfilmungen - einem Millionenpublikum bekannt. 1971 wurde sie in den Adelsstand erhoben. Agatha Christie starb 1976 im Alter von 85 Jahren.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Über Agatha Christie
Impressum
Skipper-Books
Erstes Kapitel
Keuchend folgte Mrs McGillicuddy dem Gepäckträger, der ihren Koffer über den Bahnsteig trug. Mrs McGillicuddy war klein und beleibt, der Gepäckträger war groß und machte weit ausgreifende Schritte. Mrs McGillicuddy war zudem mit etlichen Paketen beladen, den Früchten der Weihnachtseinkäufe eines ganzen Tages. Es war ein ungleiches Rennen, und der Gepäckträger verschwand schon um die Ecke am Ende des Bahnsteigs, als Mrs McGillicuddy noch die Gerade entlanghastete.
Bahnsteig 1 war im Augenblick nicht besonders voll, denn ein Zug war gerade abgefahren, nur im Niemandsland davor herrschte ein einziges Kommen und Gehen zwischen Untergrundbahnen, Gepäckaufbewahrung, Teestuben, Auskunft, Anzeigetafeln und den beiden Verbindungsstellen mit der Außenwelt, ANKUNFT und ABFAHRT.
Mrs McGillicuddy wurde mit ihren Paketen herumgestoßen, erreichte jedoch schließlich den Zugang zu Bahnsteig 3, stellte ein Paket ab und wühlte in der Handtasche nach der Fahrkarte, die es ihr erlauben würde, an dem strengen, uniformierten Wächter vor der Sperre vorbeizukommen.
Plötzlich ertönte über ihrem Kopf eine raue, aber betont deutliche Stimme: »Der Zug nach Brackhampton, Milchester, Waverton, Carvil Junction, Roxeter und Chadmouth mit Abfahrt um 16 Uhr 50 steht abfahrbereit auf Gleis 3. Die Wagen nach Brackhampton und Milchester befinden sich im hinteren Zugteil. Reisende nach Vanequay steigen in Roxeter um.« Die Stimme verstummte mit einem Knacken und sagte gleich darauf an, der Zug aus Birmingham und Wolverhampton mit Ankunft um 16 Uhr 35 sei auf Gleis 9 eingefahren.
Mrs McGillicuddy fand ihre Fahrkarte und wies sie vor. Der Mann knipste sie und murmelte: »Nach rechts – hinterer Zugteil.«
Mrs McGillicuddy trottete den Bahnsteig entlang und fand ihren gelangweilten und ins Leere starrenden Gepäckträger vor der Tür eines Wagens dritter Klasse.
»Bitte schön, Mylady.«
»Ich reise erster Klasse«, sagte Mrs McGillicuddy.
»Das hätten Sie ja auch gleich sagen können«, murrte der Gepäckträger. Er musterte abschätzig ihren maskulinen Pepitamantel.
Mrs McGillicuddy, die das gleich gesagt hatte, widersprach nicht weiter. Sie war ziemlich außer Atem.
Der Gepäckträger holte den Koffer wieder aus dem Abteil und marschierte zum nächsten Wagen, wo sich Mrs McGillicuddy in einsamer Pracht niederließ. Der Zug um 16.50 wurde wenig frequentiert; Reisende erster Klasse nahmen für gewöhnlich den schnelleren Vormittagsexpress oder aber den Zug um 18.40, der einen Speisewagen mitführte. Mrs McGillicuddy gab dem Gepäckträger sein Trinkgeld, das er enttäuscht in Empfang nahm, offenkundig der Meinung, es sei eher angemessen für Reisende der dritten als der ersten Klasse. Nach ihrer Nachtfahrt aus dem Norden herunter und einem Tag voller fieberhafter Einkäufe ließ sich Mrs McGillicuddy eine behagliche Fahrt zwar gern etwas kosten, aber reichliche Trinkgelder pflegte sie nie zu geben.
Mit einem Seufzer sank sie in die weichen Polster und schlug eine Zeitschrift auf. Fünf Minuten später ertönte ein Pfiff, und der Zug setzte sich in Bewegung. Die Zeitschrift entglitt Mrs McGillicuddys Hand, ihr Kopf fiel zur Seite, und drei Minuten später war sie eingeschlafen. Nach fünfunddreißig Minuten erwachte sie neu belebt. Sie schob ihren im Schlaf verrutschten Hut zurecht, setzte sich auf und betrachtete durchs Fenster das wenige, was von der vorbeifliegenden Landschaft zu sehen war. Es war schon fast dunkel, ein trübseliger, nebliger Dezembertag – bis Weihnachten waren es nur noch fünf Tage. London war schon dunkel und trübselig gewesen, und die Landschaft draußen machte denselben Eindruck, wurde aber immer wieder von Lichterreihen aufgelockert, wenn der Zug durch Ortschaften und Bahnhöfe sauste.
Ein Zugbegleiter riss wie ein Dschinn die Tür zum Gang auf und fragte: »Tee gefällig?« Mrs McGillicuddy hatte bereits in einem großen Warenhaus Tee getrunken und momentan keine weiteren Bedürfnisse. Der Zugbegleiter ging den Gang hinab und wiederholte in regelmäßigen Abständen seine monotone Frage. Mrs McGillicuddy sah mit zufriedener Miene zu ihren diversen im Gepäcknetz ruhenden Paketen hoch. Die Handtücher waren äußerst preiswert und genau das gewesen, was sich Margaret gewünscht hatte, mit dem Weltraumgewehr für Robby und dem Kaninchen für Jean war sie zufrieden, und die Abendjacke war genau das Richtige für sie selbst, warm, aber modisch. Dasselbe galt für den Pullover für Hector … sie freute sich über ihre wohldurchdachten Erwerbungen.
Ihr entspannter Blick kehrte zum Fenster zurück, kreischend brauste ein Zug in Gegenrichtung vorbei, ließ die Scheiben erklirren und Mrs McGillicuddy hochschrecken. Der Zug ratterte über ein paar Weichen und passierte einen Bahnhof.
Dann verlangsamte er plötzlich das Tempo, vermutlich vor einem Signal. Ein paar Minuten lang kroch er noch dahin, blieb dann stehen, nahm aber sogleich wieder Fahrt auf. Ein weiterer Zug nach London fuhr an ihnen vorbei, allerdings nicht so schnell wie der erste. Ihr Zug beschleunigte wieder. Da näherte sich ihnen auf fast beängstigende Weise ein zweiter, in dieselbe Richtung wie sie fahrender Zug. Beide Züge fuhren eine Weile nebeneinander her, mal holte der eine etwas auf, mal der andere. Mrs McGillicuddy sah aus dem Fenster in die Abteile des anderen Zuges. Meist waren die Rouleaus herabgezogen, aber dann und wann konnte sie Reisende sehen. Der andere Zug war nur schwach besetzt, und viele Abteile waren leer.
Als die beiden Züge gerade den Eindruck erweckten stillzustehen, schnellte drüben ein Rouleau hoch. Mrs McGillicuddy sah in das nur wenige Meter entfernte beleuchtete Erste-Klasse-Abteil.
Plötzlich rang sie nach Luft und lehnte sich vor.
Mit dem Rücken zum Fenster und zu ihr stand dort ein Mann. Er hatte die Hände um den Hals einer vor ihm stehenden Frau gelegt, und langsam und grausam erdrosselte er sie. Ihre Augen quollen hervor, ihr Gesicht war dunkelrot und verzerrt. Während Mrs McGillicuddy noch wie gebannt zusah, trat das Ende ein; der Körper erschlaffte und entglitt den Händen des Mannes.
In diesem Moment verringerte Mrs McGillicuddys Zug die Geschwindigkeit wieder, und der Nachbarzug beschleunigte. Er überholte und war nach wenigen Augenblicken außer Sicht.
Mrs McGillicuddy griff instinktiv nach der Notbremse, aber dann zögerte sie. Welchen Sinn hatte es schließlich, Zug zum Halten zu bringen? Die merkwürdigen Umstände und die aus nächster Nähe gesehene Gräueltat lähmten sie. Irgendetwas musste sie unverzüglich unternehmen – aber was?
Die Tür ihres Abteils wurde aufgezogen, und ein Schaffner sagte: »Ihre Fahrkarte, bitte.«
Mrs McGillicuddy drehte sich ungestüm zu ihm um.
»Eine Frau ist erdrosselt worden«, sagte sie. »In dem Zug, der uns eben überholt hat. Ich habe es gesehen.«
Der Schaffner sah sie ungläubig an.
»Wie meinen Sie, Madam?«
»Ein Mann hat eine Frau erdrosselt! In einem Zug. Ich habe es gesehen – da draußen.« Sie zeigte auf das Fenster.
Der Schaffner wirkte äußerst ungläubig.
»Erdrosselt?«, fragte er argwöhnisch.
»Jawohl, ! Ich sage Ihnen doch, ich habe es gesehen. Sie müssen sofort etwas unternehmen!«
Der Schaffner räusperte sich nachsichtig.
»Madam, meinen Sie nicht, dass Sie vielleicht ein Nickerchen gemacht und – ähm –«, er verstummte taktvoll.
»Ich habe allerdings ein Nickerchen gemacht, aber wenn Sie glauben, ich hätte geträumt, dann irren Sie sich. Ich sage Ihnen doch, ich habe es gesehen.«
Der Blick des Schaffners fiel auf die offene Zeitschrift auf dem Sitz. Die aufgeschlagene Seite zeigte ein Mädchen, das erdrosselt wurde, während ein Mann in der Tür stand und das Paar mit einem Revolver bedrohte.
Der Schaffner sagte begütigend: »Wäre es nicht denkbar, Madam, dass Sie eine spannende Geschichte gelesen haben, eingenickt und dann ein wenig verwirrt aufgewacht sind –«
Mrs McGillicuddy fiel ihm ins Wort.
, sagte sie. »Ich war so hellwach wie Sie. Und ich habe durch das Fenster in das Abteil eines neben uns fahrenden Zuges gesehen, und dort hat ein Mann eine Frau erdrosselt. Und jetzt möchte ich von Ihnen wissen, was Sie zu tun gedenken.«
»Also – Madam –«
» werden Sie doch tun, hoffe ich.«
Der Schaffner seufzte widerstrebend und sah auf die Uhr.
»Wir kommen in genau sieben Minuten in Brackhampton an. Ich werde Ihre Angaben dort melden. In welche Richtung fuhr der besagte Zug denn?«
»In unsere natürlich. Glauben Sie vielleicht, ich hätte das alles sehen können, wenn ein Zug in Gegenrichtung an uns vorbeigebraust wäre?«
Der Schaffner sah aus, als traue er Mrs McGillicuddy zu, alles Mögliche zu sehen, wenn die Phantasie mit ihr durchging. Aber er blieb höflich.
»Sie können sich auf mich verlassen, Madam«, sagte er. »Ich werde Ihre Aussage weitergeben. Dürfte ich Sie noch um Ihren Namen und Ihre Adresse bitten – nur für den Fall …«
Mrs McGillicuddy diktierte ihm die Adresse, unter der sie in den nächsten Tagen zu erreichen sein würde, sowie ihre schottische Heimatadresse, und er notierte sich...




