E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Christie Das unvollendete Bildnis
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-455-17030-6
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Poirot
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-455-17030-6
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Agatha Christie begründete den modernen britischen Kriminalroman und avancierte im Laufe ihres Lebens zur bekanntesten Krimiautorin aller Zeiten. Ihre beliebten Helden Hercule Poirot und Miss Marple sind - auch durch die Verfilmungen - einem Millionenpublikum bekannt. 1971 wurde sie in den Adelsstand erhoben. Agatha Christie starb 1976 im Alter von 85 Jahren.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Für Stephen Glanville [...]
Einführung Carla Lemarchant
Buch I
Buch II
Buch III
Über Agatha Christie
Impressum
Einführung Carla Lemarchant
Hercule Poirot betrachtete die junge Frau, die eben in sein Zimmer geführt wurde, mit Interesse und Wohlgefallen.
In ihrem Brief hatte nichts Genaues gestanden, lediglich die Bitte, ihn aufsuchen zu dürfen, ohne dass der Grund für ihren Besuch genannt worden wäre. Es war ein kurzes, geschäftsmäßiges Schreiben gewesen. Aufgrund der forschen Handschrift hatte er geschlossen, dass Carla Lemarchant eine junge Frau war.
Nun stand sie in Fleisch und Blut vor ihm – groß, schlank, Anfang zwanzig. Eine Frau, die die Blicke auf sich zog. Sie trug ein teures, elegant geschnittenes Kostüm und einen luxuriösen Pelz. Sie hielt den Kopf aufrecht, hatte markante Augenbrauen, eine schmale Nase und ein energisches Kinn. Sie wirkte sehr lebendig. Ihre Lebendigkeit war noch ausdrucksstärker als ihre Schönheit.
Bevor sie eingetreten war, hatte Hercule Poirot sich alt gefühlt – nun aber fühlte er sich jung, lebendig und voller Tatendrang!
Bei der Begrüßung fielen ihm ihre großen dunkelgrauen Augen auf, die ihn aufmerksam und ernst musterten.
Sie setzte sich und nahm die ihr angebotene Zigarette. Nachdem sie angezündet war, rauchte sie eine Weile schweigend, wobei sie ihn weiter mit diesem ernsten, nachdenklichen Blick betrachtete.
»Sie müssen erst zu einer Entscheidung gelangen, nicht wahr?«, sagte Poirot freundlich.
Sie zuckte zusammen. »Wie bitte?«
Sie hatte eine angenehme, leicht rauchige Stimme.
»Sie überlegen sich gerade, ob ich ein Scharlatan bin oder der Mann, den Sie brauchen?«
Lächelnd erwiderte sie:
»Nun – so ungefähr. Sie müssen wissen, Monsieur Poirot, dass ich Sie mir anders vorgestellt habe.«
»Und ich bin alt, nicht wahr? Älter, als Sie dachten?«
»Ja, das auch.« Sie zögerte. »Ich möchte ganz offen sein. Ich möchte – ich brauche – den Besten.«
»Dann können Sie beruhigt sein. Ich der Beste«, sagte Hercule Poirot.
»Bescheiden sind Sie nicht«, sagte Carla. »Trotzdem, ich will Ihnen glauben.«
Bedächtig erwiderte Poirot:
»Ich bediene mich nicht der Muskelkraft. Ich muss mich nicht bücken und Fußabdrücke ausmessen oder Zigarettenstummel aufsammeln oder umgeknickte Grashalme studieren. Mir genügt es, mich in meinem Sessel zurückzulehnen und zu Dies hier« – dabei tippte er sich an seinen eiförmigen Schädel –, »dies muss funktionieren!«
»Ich weiß«, sagte Carla Lemarchant. »Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Sie müssen wissen, dass ich etwas sehr Ungewöhnliches von Ihnen will.«
»Das klingt vielversprechend!«, sagte Hercule Poirot und sah seinen Gast aufmunternd an.
Carla Lemarchant holte tief Luft.
»In Wirklichkeit heiße ich nicht Carla. Sondern Caroline, wie meine Mutter. Ich wurde nach ihr benannt.« Sie machte eine Pause. »Und auch nicht Lemarchant, wie ich mein Lebtag lang geheißen habe – mein richtiger Name ist Crale.«
Hercule Poirot runzelte nachdenklich die Stirn und murmelte: »Crale – an irgendetwas erinnert mich das …«
»Mein Vater war Maler – ziemlich bekannt. Manche sagen, er sei ein großer Maler gewesen. Ich glaube das auch.«
»Amyas Crale?«, fragte Hercule Poirot.
»Ja.« Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Und meine Mutter, Caroline Crale, wurde angeklagt, ihn ermordet zu haben!«
»Ach ja. Jetzt erinnere ich mich – aber nur vage«, sagte Hercule Poirot. »Ich war damals im Ausland. Das ist lange her.«
»Sechzehn Jahre«, antwortete die junge Frau.
Ihr Gesicht war kreideweiß geworden, und ihre Augen glühten.
»Verstehen Sie? Sie wurde angeklagt und verurteilt … aufgrund mildernder Umstände wurde sie nicht gehängt, sondern zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt. Aber ein Jahr nach dem Urteil starb sie. Verstehen Sie? Es ist alles vorbei und vergessen.«
»Und nun?«, fragte Poirot ruhig.
Die junge Frau, die sich Carla Lemarchant nannte, presste ihre Hände zusammen. Sie sprach langsam und stockend und doch mit einer seltsamen Schärfe.
»Sie müssen verstehen – genau verstehen –, was das mit mir zu tun hat. Ich war fünf Jahre alt, als das alles geschah. Viel zu jung, um etwas zu verstehen. Natürlich habe ich noch eine Erinnerung an meine Eltern, ich erinnere mich, dass ich plötzlich aufs Land gebracht wurde – ich erinnere mich noch an die Schweine und an eine nette, dicke Bäuerin und dass alle sehr freundlich zu mir waren. Und ich erinnere mich auch ganz deutlich, dass alle mich komisch angesehen haben – verstohlen irgendwie. Natürlich wusste ich, dass etwas nicht stimmte – Kinder spüren so etwas –, aber ich wusste nicht, was es war.
Und dann wurde ich auf ein Schiff gebracht, das war sehr aufregend. Wir fuhren mehrere Tage, und dann erreichten wir Kanada, wo Onkel Simon mich abholte, und seitdem lebte ich in Montreal bei ihm und Tante Louise, und wenn ich nach Mummy und Daddy fragte, sagten sie, sie würden bald nachkommen. Aber irgendwann vergaß ich sie – ich wusste irgendwie, dass sie tot waren, obwohl ich mich nicht erinnere, dass mir das jemand ausdrücklich gesagt hat. Ich dachte einfach nicht mehr an sie. Ich war sehr glücklich, müssen Sie wissen. Onkel Simon und Tante Louise waren sehr lieb zu mir, ich ging zur Schule und hatte viele Freunde. Ich hatte vergessen, dass ich früher nicht Lemarchant geheißen hatte. Tante Louise hatte mir nämlich erklärt, dass Lemarchant mein kanadischer Name sei, und das erschien mir damals ganz einleuchtend. Aber wie ich schon sagte, irgendwann vergaß ich, dass ich jemals einen anderen Namen gehabt hatte.«
Trotzig reckte sie ihr Kinn.
»Sehen Sie mich an. Sie würden doch auch sagen: Das ist ein Mädchen, das ein sorgenfreies Leben führt! Ich habe Geld, bin gesund und sehe einigermaßen gut aus. Das Leben steht mir offen. Als ich zwanzig war, hätte ich mit keinem Mädchen auf der Welt tauschen mögen.
Aber ich begann, Fragen zu stellen, mich nach meinen Eltern zu erkundigen. Wer sie waren, was sie gemacht hatten. Irgendwann hätte ich es doch herausgefunden …
Und als ich einundzwanzig wurde, sagten sie mir die Wahrheit. Das mussten sie, zum einen weil ich nun Zugriff auf mein eigenes Geld bekam, zum anderen weil es diesen Brief gab. Den Brief, den meine Mutter vor ihrem Tod an mich geschrieben hat.«
Ihre Miene verdüsterte sich. Ihre Augen waren keine glühenden Punkte mehr, sondern glichen dunklen, trüben Teichen.
»Und so erfuhr ich die Wahrheit. Dass meine Mutter wegen Mordes verurteilt worden war. Es war – schrecklich.«
Nach kurzem Schweigen sprach sie weiter.
»Noch etwas muss ich Ihnen erzählen. Ich war bereits verlobt. Uns wurde immer gesagt, wir müssten mit der Hochzeit bis zu meiner Volljährigkeit warten. Nun weiß ich auch, warum.«
Poirot rührte sich und unterbrach sie zum ersten Mal.
»Und wie hat Ihr Verlobter reagiert?«
»John? John war das egal. Er sagte, ihm würde es nichts ausmachen. Wir seien John und Carla, und die Vergangenheit spiele keine Rolle.«
Sie beugte sich vor.
»Wir sind immer noch verlobt. Trotzdem, es macht etwas aus. macht es etwas aus. Und John auch … Es ist nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft!« Sie ballte die Fäuste. »Wir wollen Kinder haben. Wir wünschen uns beide Kinder. Aber wir möchten unsere Kinder ohne Angst aufwachsen sehen.«
Poirot sagte:
»Die meisten von uns haben irgendwelche Vorfahren, die böse und gewalttätig waren.«
»Sie verstehen nicht, was ich meine. Sie haben natürlich recht, aber normalerweise wissen die Menschen nichts darüber. Im Gegensatz zu uns. Für uns ist es ganz gegenwärtig. Manchmal merke ich, wie John mich so seltsam ansieht. Nur ein kurzer Blick von der Seite. Stellen Sie sich vor, wir sind verheiratet und zanken uns – und ich merke, wie er mich ansieht und sich fragt …«
Hercule Poirot unterbrach sie: »Wie wurde Ihr Vater umgebracht?«
Carla antwortete klar und bestimmt.
»Er wurde vergiftet.«
»Aha.«
Eine Pause trat ein.
Dann sagte das Mädchen auf eine ruhige, nüchterne Art:
»Gott sei Dank, Sie sind gescheit. Sie verstehen, was das für mich bedeutet. Sie versuchen nichts zu beschönigen und tischen mir auch keine salbungsvollen Trostworte auf.«
»Ich verstehe durchaus, was das für Sie bedeuten muss«, erwiderte Poirot. »Was ich aber nicht verstehe, ist, was Sie von mir wollen.«
Carla Lemarchant sagte schlicht:
»Ich möchte John heiraten! Und ich möchte Kinder haben, mindestens zwei Mädchen und zwei Jungen. Und Sie sollen mir das ermöglichen!«
»Sie meinen, Sie wollen, dass ich mit Ihrem Verlobten spreche? Aber nein, wie dumm von mir, so etwas anzunehmen. Sie möchten etwas ganz anderes. Verraten Sie mir, was es ist.«
»Hören Sie, Monsieur Poirot. Lassen Sie mich das ganz klarstellen: Ich möchte Sie engagieren, um einen Mordfall aufzuklären.«
»Sie meinen …?«
»Ganz recht. Ein Mordfall ist ein Mordfall, egal ob er gestern oder vor sechzehn Jahren geschehen ist.«
»Aber meine verehrte junge Dame …«
»Augenblick, Monsieur Poirot. Sie wissen noch nicht alles. Es gibt noch einen sehr wichtigen Punkt.«
»Ja?«
»Meine Mutter war unschuldig«, sagte Carla Lemarchant.
Hercule Poirot rieb sich die Nase und murmelte:
»Nun, natürlich – ich verstehe, dass …«
»Das ist keine Sentimentalität. Da ist dieser Brief,...




