Christie | Mord im Spiegel | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Christie Mord im Spiegel

Ein Fall für Miss Marple
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-455-17061-0
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Fall für Miss Marple

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-455-17061-0
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die glamouröse Schauspielerin Marina Gregg zieht ins verschlafene Dorf St. Mary Mead. Sie lädt zu einem Empfang ein, bei dem die Tratschtante Heather Badcock - gerade noch mit ihrem Filmidol ins Gespräch vertieft - tot umfällt. War der Giftcocktail für einen anderen Gast bestimmt? Miss Marples Spürsinn schaltet sich ein, da sie weiß, dass jedes noch so harmlos erscheinende Dorf seine dunklen Geheimnisse birgt.

Agatha Christie begründete den modernen britischen Kriminalroman und avancierte im Laufe ihres Lebens zur bekanntesten Krimiautorin aller Zeiten. Ihre beliebten Helden Hercule Poirot und Miss Marple sind - auch durch die Verfilmungen - einem Millionenpublikum bekannt. 1971 wurde sie in den Adelsstand erhoben. Agatha Christie starb 1976 im Alter von 85 Jahren.
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Titelseite
Für Margarete Rutherford, mit [...]
Out flew the web [...]
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Über Agatha Christie
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II


Miss Marple stieß einen kurzen ärgerlichen Ausruf aus. Sie hatte wieder eine Masche fallen gelassen. Und das schon vor einiger Zeit. Aber erst jetzt, als sie für den Hals abnehmen und die Maschen zählen musste, hatte sie es bemerkt. Sie nahm eine Reservenadel, hielt das Strickzeug schräg ins Licht und betrachtete es besorgt. Sogar die neue Brille nützte nicht viel. Weil, überlegte sie, anscheinend eine Zeit kam, wo selbst der Optiker, trotz seines üppigen Wartezimmers, trotz seiner modernen Instrumente, trotz der grellen Lampe, mit der er einem ins Auge leuchtete, und trotz der hohen Gebühren, die er verlangte, nichts mehr für einen tun konnte. Miss Marple dachte mit einer gewissen Wehmut daran, wie gut ihre Sehkraft noch vor ein paar Jahren gewesen war (nun, vielleicht nicht gerade vor ein paar Jahren). Von ihrem Garten aus, der so günstig gelegen war wie ein Aussichtspunkt – wie wenig war ihrem wachsamen Auge von dem entgangen, was in St. Mary Mead geschah! Und mit Hilfe des Fernrohrs, das sie angeblich brauchte, um die Vögel zu beobachten – eine höchst nützliche Ausrede –, hatte sie stets sehen können, wie …

Sie wollte nicht weiter daran denken, sondern ließ ihre Gedanken in die Vergangenheit zurückwandern. Anne Protheroe im Sommerkleid, wie sie zum Pfarrgarten ging. Und Oberst Protheroe – der Ärmste –, ein sehr langweiliger und unangenehmer Mann, das stand fest … aber auf diese Weise ermordet zu werden … Miss Marple schüttelte den Kopf und dachte an Griselda, die hübsche junge Frau des Pfarrers. Die liebe Griselda … so eine treue Freundin … Jedes Jahr zu Weihnachten eine Karte. Ihr netter kleiner Junge hatte sich zu einem strammen jungen Mann entwickelt, mit einem sehr anständigen Beruf. War er nicht Ingenieur? Es hatte ihm immer Spaß gemacht, seine Eisenbahn zu zerlegen. Hinter dem Pfarrhaus war der Zaunübergang und der Feldweg zu den Weiden von Bauer Giles gewesen, wo nun – heute …

Dort lag jetzt die Siedlung.

Und warum auch nicht, überlegte Miss Marple sachlich. Es war einfach notwendig. Die Häuser wurden dringend gebraucht und waren sehr solide gebaut. Jedenfalls hatte man ihr das erzählt. »Landerschließung«, oder wie die Fachleute es nannten. Obwohl sie nicht begreifen konnte, warum so viele Straßen Close hießen, was Hof bedeutete: Aubrey Close, und Longwood Close, und Grandison Close, und all die anderen. Dabei hatten die Häuser keinen Hof. Miss Marple wusste genau, wie ein richtiger Hof auszusehen hatte. Ihr Onkel war Domherr der Kathedrale von Chichester gewesen. Als Kind hatte sie ihn besucht und bei ihm im Domhof gewohnt.

Mit Cherry Baker war es dasselbe. Sie nannte Miss Marples altmodisches, übermöbliertes Wohnzimmer »Halle«. Miss Marple pflegte sie dann freundlich zu korrigieren. »Es ist das Wohnzimmer, Cherry.« Und Cherry, die jung und gutmütig war, bemühte sich, daran zu denken, obwohl sie die Bezeichnung »Halle« viel moderner fand. Miss Marple mochte Cherry sehr. Eigentlich hieß sie Mrs Baker. Sie stammte aus der Siedlung und gehörte zu dem Trupp junger Ehefrauen, der im Supermarkt einkaufte und seine Kinderwagen durch die stillen Straßen von St. Mary Mead schob, alles intelligente, hübsche Frauen, mit gepflegtem, lockigem Haar. Sie lachten und unterhielten sich und schienen sich alle zu kennen. Sie erinnerten an einen fröhlichen Vogelschwarm. Obwohl ihre Männer ordentlich verdienten, waren sie immer in Geldschwierigkeiten, weil sie der Versuchung, irgendetwas auf Raten zu kaufen, nicht widerstehen konnten. Deshalb gingen sie putzen oder kochen. Cherry war eine tüchtige Köchin, eine intelligente Person, die Telefonanrufe richtig notierte und sofort merkte, wenn eine Rechnung nicht stimmte. Die Matratzen umzudrehen, hielt sie für ziemlich überflüssig, und was das Abwaschen betraf, so ging Miss Marple immer mit abgewandtem Gesicht an der Spülküche vorbei, um nicht mit ansehen zu müssen, wie Cherry das schmutzige Geschirr in den Ausguss knallte und mit einem Schaumberg aus Spülmittel zudeckte. Miss Marple hatte stillschweigend das alte Worcester-Teegeschirr aus dem Verkehr gezogen und es in den Eckschrank gestellt, aus dem es nur zu besonderen Anlässen hervorgeholt wurde. Sie hatte ein modernes Service in Weiß mit grauem Muster gekauft, ohne jede Goldverzierung, die doch nur von Cherry weggewaschen worden wäre.

Wie anders war es früher gewesen … Zum Beispiel die treue Florence, ein Dragoner von einem Dienstmädchen, und dann Amy und Clara und Alice, reizende junge Mädchen aus dem Waisenhaus von St. Faith, die sie ausgebildet hatte und die sich später eine besser bezahlte Stelle suchten. Einige waren ziemlich einfältig gewesen, viele hatten Polypen gehabt, und Amy hatte eindeutig Anzeichen von Schwachsinn gezeigt. Sie hatten mit den anderen Dienstmädchen im Ort geklatscht und waren mit dem Verkäufer vom Fischhändler ausgegangen, oder mit dem Gärtnergehilfen vom Gut, oder mit einem der vielen Angestellten aus Mr Barnes’ Lebensmittelgeschäft.

Miss Marple ließ ihre Gedanken voll Freundlichkeit in die Vergangenheit wandern, und ihr fielen die unzähligen Wolljäckchen ein, die sie später für die Kinder ihrer Mädchen gestrickt hatte. Am Telefon hatten sie alle nichts getaugt, und rechnen konnten sie überhaupt nicht. Andererseits wussten sie, wie man sorgfältig abwusch und ein Bett machte. Sie hatten mehr Sachkenntnis als Erziehung gehabt. Seltsam, dass es heutzutage immer mehr gebildete junge Mädchen gab, die im Haushalt arbeiteten, Schülerinnen aus dem Ausland, Au-pair-Mädchen, Studentinnen während der Semesterferien, junge verheiratete Frauen wie Cherry Baker, die in neuen Siedlungen wohnten, in Straßen, die sie Close nannten, obwohl es keine Höfe gab.

Blieben immer noch Leute wie zum Beispiel Miss Knight. Der Gedanke an sie kam Miss Marple ganz plötzlich, weil Miss Knights Schritte über ihr die Kristallprismen an den Leuchtern auf dem Kaminsims warnend klirren ließen. Offenbar hatte Miss Knight ihren Nachmittagsschlaf beendet. Jetzt würde sie sich, wie gewöhnlich, zu ihrem Spaziergang aufmachen. In ein paar Minuten würde sie erscheinen und Miss Marple fragen, ob sie ihr etwas besorgen solle. Wie immer, wenn sie an Miss Knight dachte, gingen Miss Marples Gedanken in eine bestimmte Richtung.

Natürlich war es äußerst großzügig vom lieben Raymond (ihrem Neffen) … und jemand freundlicheren als Miss Knight konnte man sich gar nicht vorstellen … und natürlich hatte sie die schwere Bronchitis sehr geschwächt … und Dr. Haydock hatte sehr bestimmt gesagt, dass sie nicht allein im Haus schlafen solle, denn sie hatte nur eine Tageshilfe, aber … Miss Marple rief sich zur Ordnung. Es hatte keinen Zweck, dem Gedanken nachzuhängen, was wäre, wenn jemand anders als Miss Knight sich um sie kümmern könnte. Als alte Frau hatte man heute keine große Wahl. Treue Dienstmädchen waren aus der Mode. Im Ernstfall konnte man eine ausgebildete Krankenschwester bekommen, die unglaublich viel kostete und schwer zu finden war, oder man konnte ins Krankenhaus gehen. Doch wenn das Schlimmste vorbei war, blieben nur noch Frauen wie Miss Knight, um einen zu pflegen.

Nicht dass irgendetwas mit Frauen vom Typ Miss Knights nicht stimmte – außer der Tatsache, dass man sich ständig über sie ärgern musste. Sie waren voll Sympathie, bereit, ihren Schützlingen freundlich entgegenzukommen, sie aufzumuntern, fröhlich und zuversichtlich mit ihnen umzugehen und sie, überlegte Miss Marple, im Allgemeinen zu behandeln, als sei man ein geistig leicht zurückgebliebenes Kind.

»Aber«, sagte Miss Marple, »ich bin kein geistig zurückgebliebenes Kind, auch wenn ich alt bin.«

In diesem Augenblick stürmte Miss Knight voll Fröhlichkeit ins Zimmer, wie üblich ziemlich heftig atmend. Sie war eine große, etwas schwammig wirkende Frau von sechsundfünfzig Jahren mit sehr gut frisiertem gelbgrauem Haar, einer Brille, einer langen dünnen Nase, mit einem gutmütigen Mund darunter und einem schwachen Kinn.

»Da wären wir!«, rief sie mit lärmender Heiterkeit, die sie für angebracht hielt, um alte Leute aus ihrem grauen Trübsinn zu reißen und aufzumuntern. »Ich hoffe, haben ein Nickerchen gemacht?«

» habe gestrickt«, erwiderte Miss Marple mit der Betonung auf dem Ich, »und habe«, fuhr sie, ihre Schwäche beschämt eingestehend, fort, »eine Masche fallen gelassen.«

»Ach, meine Gute«, sagte Miss Knight, »das werden wir gleich in Ordnung bringen, nicht wahr?«

» tun das«, erklärte Miss Marple. » kann es leider nicht.«

Die leichte Schärfe in ihrem Ton verpuffte ziemlich wirkungslos. Wie gewöhnlich war Miss Knight voll Hilfsbereitschaft.

»So«, sagte sie kurz darauf. »Das hätten wir, meine Gute. Der Fehler ist behoben.«

Obwohl Miss Marple es völlig richtig fand, dass die Frau des Gemüsehändlers sie »meine Gute« – oder sogar »meine Beste«, nannte, oder die Verkäuferin aus dem Schreibwarengeschäft, ärgerte sie sich jedes Mal entsetzlich, wenn Miss Knight es zu ihr sagte. Noch so eine Sache, die alte Leute dulden mussten. Sie bedankte sich höflich bei Miss Knight.

»Und jetzt gehe ich ein kleines bisschen bummeln«, sagte Miss Knight spaßhaft. »Bleibe nicht lange.«

»Bitte, Sie brauchen sich nicht zu beeilen«, antwortete Miss Marple höflich und ernst.

»Nun, ich möchte Sie nicht zu lange allein lassen, meine Gute, damit Sie nicht anfangen, Trübsal zu blasen.«

»Sie können ganz beruhigt sein. Ich fühle mich sehr wohl. Vielleicht mache ich ein Schläfchen.« Miss Marple schloss die...


Christie, Agatha
Agatha Christie begründete den modernen britischen Kriminalroman und avancierte im Laufe ihres Lebens zur bekanntesten Krimiautorin aller Zeiten. Ihre beliebten Helden Hercule Poirot und Miss Marple sind - auch durch die Verfilmungen - einem Millionenpublikum bekannt. 1971 wurde sie in den Adelsstand erhoben. Agatha Christie starb 1976 im Alter von 85 Jahren.

Agatha Christie begründete den modernen britischen Kriminalroman und avancierte im Laufe ihres Lebens zur bekanntesten Krimiautorin aller Zeiten. Ihre beliebten Helden Hercule Poirot und Miss Marple sind - auch durch die Verfilmungen - einem Millionenpublikum bekannt. 1971 wurde sie in den Adelsstand erhoben. Agatha Christie starb 1976 im Alter von 85 Jahren.



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