E-Book, Deutsch, Band 3, 464 Seiten
Reihe: Tao
Chu Die Wiedergeburten des Tao
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-10-403648-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 464 Seiten
Reihe: Tao
ISBN: 978-3-10-403648-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wesley Chu (*1976) wurde in Taiwan geboren und ist in Chicago aufgewachsen. Nach seinem Informatikstudium arbeitete er unter anderem als Bankangestellter, Schauspieler und Kung-Fu-Lehrer. Für seinen Debütroman ?Die Leben des Tao? erhielt er den Young Adult Library Services Association Alex Award und den John W. Campbell Award als »Best New Writer«.
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Kapitel 1 Durch die Redwoods
Was soll das? Wisst ihr nicht, wer ich bin? Ich werde euch die Köpfe abschlagen lassen!
Huchel, Rat der Genjix (Östliche Hemisphäre), bei seiner Festnahme durch das Interpol Spezialkommando Aliens (ISKA), das nach dem Großen Verrat seine Flucht aus Deutschland vereitelte.
Alles war viel zu groß – das war Wladimirs Problem mit diesem verdammten Land. Die Autos waren zu groß, die Musik zu laut, die lächerlichen Bäume dieses Waldes zu hoch. Die zerlumpte Gruppe, die er anführte, umging einen Mammutbaum. Groß wie ein Haus war so ein Redwood und dabei nicht mal rot. In dieser Finsternis konnte er das allerdings nicht erkennen. Selbst Alex, die sich an seine Hand klammerte, war nur als dunkle Silhouette auszumachen. Er sah in die Baumkronen, durch deren Laub keine Sterne leuchteten. Das machte es fast unmöglich, die Richtung zu halten. Wo war nur Süden?
Immerhin waren in Amerika auch die Portionen üppig. Nie hatte er so gut gefrühstückt, erst recht nicht im Stockfinsteren. Wer aß schon mitten in der Nacht Burritos mit fünf Eiern? Zu blöd, dass die Mahlzeit schon zwei Tage her war.
»Ich brauche eine Pause.« Sachin sank gegen einen der viel zu hohen Bäume, lehnte sein Gewehr an den Stamm und glitt auf den Moosboden.
Wladimir hielt sich vor Augen, dass der siebzigjährige Inder den Großteil seines Lebens im Institut für Technologie unterrichtet hatte, um vielversprechende Studenten für die gemeinsame Sache zu gewinnen. Der Professor war es nicht gewöhnt, in tiefer Nacht im Wald herumzuirren, auf der Flucht vor bewaffneten Angreifern. Wladimir stupste seine Tochter an, die daraufhin eine Feldflasche hervorzog und zu Sachin ging. Er trank in tiefen Zügen daraus und ließ das Wasser über Kinn und Hals laufen und aufs Hemd tropfen. Alex zog einen Lappen heraus und wischte dem alten Mann die Stirn. Wladimir schüttelte den Kopf. Sie war ein tolles Mädchen mit großem Potential und hatte Besseres verdient als das.
In der Ferne bellten Spürhunde durch die ansonsten ruhige Nacht. Wladimir schloss die Augen und lauschte. Zwanzig, vielleicht dreißig Minuten waren sie noch entfernt. Sein Blick wanderte von seiner Tochter und Sachin zu den anderen Flüchtlingen: zu Petr, einem russischen Oberst, mit dem er schon viel zu tun gehabt hatte; zu Rin, der Kernphysikerin aus Japan; zu Marsuka, ihrem Assistent; zu Ohr, dem früheren Senator von Südkorea; zu den verbliebenen Überlebenden des Sibirischen Epsilon-Schockteams.
Er verzog das Gesicht. Im Handumdrehen war sein Leben in sich zusammengestürzt. Noch vor wenigen Wochen war er ein respektierter und einflussreicher Geschäftsmann gewesen, doch nun waren sein Vermögen beschlagnahmt und seine Frau ermordet worden, und er und seine halbwüchsige Tochter waren mittellose Flüchtlinge in einem Land, dessen Bewohner ihn verachteten. Er sah sich zu Alex um, die sich weiter um den alten Professor kümmerte. Ein Teil seiner Frau steckte in ihr. Tabs würde in seiner Tochter fortleben.
»Ja, Ladm.«
»Die Pause ist um«, bellte er. »Auf geht’s. Sofort.«
Er schob Sachin einen Arm unter die Achsel und zog ihn auf die Beine. »Komm, alter Mann. Ausruhen kannst du, wenn du in Sicherheit bist. Oder tot.« Er sah seine Tochter an, die auf der anderen Seite des Professors stand. »Alex, hilf ihm weiter, ja?«
Die kleine Gruppe zog weiter nach Süden, folgte den gewundenen Wegen, wo es ging, und schuf neue Pfade, wenn es sein musste. Wladimir war überzeugt, dass sie den Treffpunkt verpasst hatten. Die kodierte Botschaft in dem Lokal in Portland hatte sie zu dem Punkt geführt, wo der 43. Grad nördlicher Breite den 123. Grad westlicher Länge schnitt. Von dort aus, hieß es, sollten sie dem Fluss folgen. Doch dann hatte ein Penetra-Netz sie geortet, so dass sie von ihrem Kurs abweichen mussten. Die von den Quasing erfundenen Scanner dienten den Menschen nun dazu, Jagd auf sie zu machen. Welche Ironie der Geschichte.
Jetzt, neun Stunden später, kam das Spezialkommando der Bundespolizei näher, und die Verfolgten hatten jede Orientierung verloren. Wieder passierten sie einen Mammutbaum, diesmal so groß, dass Wladimir seine Umrisse im Dunkel der frühen Morgendämmerung kaum erkennen konnte. Das Bellen wurde immer lauter.
Diese Gruppe gefangen zu nehmen würde ein bedeutender Schlag gegen das noch verbliebene Genjix-Netzwerk sein. Doch keiner von ihnen würde seinen Quasing den Feinden in die Hände fallen lassen. Wladimir betrachtete seine schöne Tochter. Keiner bis auf Alexandra. Sich für Ladm zu opfern bereitete Wladimir keine Sorgen, aber niemand – ob Quasing oder nicht – würde seinem kleinen Mädchen etwas tun. Für sie musste es einen Ausweg geben.
Sie setzten sich wieder in Bewegung, und eine Zeitlang schienen sie ihre Verfolger auf Abstand halten zu können, doch bald wurde die erschöpfte Gruppe wieder langsamer, vor allem Sachin. Als das erste Licht durch die Baumkronen drang, brach er zusammen. Schon davor war er getaumelt. Nun fiel er auf die Knie, rollte sich auf den Rücken und verscheuchte Alex, die ihm aufhelfen wollte. Stattdessen lehnte er sich an einen Stamm, sah ins dichte Laub hinauf, dann ins übrige Grün des Waldes, schloss die Augen und schüttelte den Kopf.
»Los, Sachin«, drängte Rin.
Er winkte ab und hielt die Lider geschlossen. Gleich darauf änderte sich seine gequälte Miene. Er nickte und fasste die anderen ins Auge. »Dieser Ort ist so schön und friedlich wie ein Gemälde. Die Luft ist herrlich, und alles ist voller Leben. Mawl fände hier Ruhe und Gelassenheit.«
»Halt den Mund, du alter Narr«, knurrte Wladimir. »Wir lassen dich nicht in der Wildnis zurück.«
Sachin rappelte sich auf und schlang das Gewehr über die Schulter. »Es ist schon entschieden. Mawl hat sich damit abgefunden, und – bei Brahma! – ich ersehne das Ende. Für mich gibt es schlimmere Orte, meinem Schöpfer entgegenzutreten, für Mawl schlimmere Orte, in Freiheit zu leben. Zieht weiter. Na los! Ich verschaff euch etwas Zeit.«
Wladimir wollte ihn packen. »Ich habe gesagt, wir gehen nicht ohne …«
Sachin fuhr herum, richtete das Gewehr auf ihn und senkte es dann langsam auf Alex. »Ich meine es ernst, du sturer Russe. Denk an dein kleines Mädchen. Und jetzt haut ab hier, bevor die Minuten verrinnen, die ich für euch erkaufen kann.«
Wladimir biss sich auf die Lippe. »Du verrückter Hund.« Er umarmte Sachin ungestüm. »Bis zur Ewigen See, mein Freund. Mawl, mach dich für Menschen unsichtbar. Deine Mission ist vorläufig beendet. Eines Tages kehrt Ladm deinetwegen zurück – wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten.«
», mein Freund«, erwiderte Sachin, wandte sich ab und humpelte in die Richtung, aus der das Gebell der Spürhunde kam.
Alex folgte dem Professor einige Schritte und machte das traditionelle Friedenszeichen der Hindus. », Mr Sachin. Ade, Mawl. Tabs sagt, sie trifft dich in der Ewigen See.«
Rufe traten zu dem immer lauteren Gebell. Wladimir vermutete, dass die Verfolger nur noch wenige Minuten hinter ihnen waren. Er legte seiner Tochter die Arme um die Schulter und drängte sie zum Aufbruch. »Für Sentimentalität ist keine Zeit. Weiter jetzt!«
Wladimir hetzte in die Dunkelheit und schubste seine Tochter dabei vor sich her. Die anderen würden ihm folgen oder auch nicht. Seit Wochen hatte er mit ihnen überlebt, das Essen und die Betten geteilt und an ihrer Seite gekämpft. Doch nun, da die Dinge die schlimmstmögliche Wendung genommen hatten und die Gruppe kurz vor ihrer Gefangennahme stand, war jeder auf sich allein gestellt.
Ihm ging es nur darum, seine Tochter in Sicherheit zu bringen, sollte es ihn oder seine Begleiter auch das Leben kosten. Könnte er sich von der Gruppe absetzen, würde ihm das vielleicht etwas Zeit verschaffen, den verfluchten Verfolgern zu entgehen. Wladimir schämte sich für diesen Gedanken, doch im Zweifelsfall zählte für ihn nur Alexandra.
»Dir oder Tabs gebe ich keine Schuld, Ladm. Sondern Martas Mördern. Und den Amerikanern, die uns im Nacken sitzen.«
Ungünstig an Wladimirs Plan war, dass alle fitter waren als er und deshalb spielend mit ihm mitkamen. Minuten später hallte der unverwechselbare Klang einer Kalaschnikow durch die Morgenluft, und zu ihrem vertrauten Peck-Peck-Peck trat ein Chor hellerer Rat-Tat-Tats. Schwärme von Vögeln flatterten auf und flogen um die Bäume herum, und auch der übrige Wald erwachte. Der Schusswechsel dauerte einige Minuten, dann erstarb er. Der Wald beruhigte sich und wurde wieder still. Alle blieben im gleichen Moment stehen und blickten zurück.
»Möge es dir wohlergehen, Sachin.« Rin verbeugte sich. »Mögest du ein …«
»Später! Wir haben keine Zeit zu trauern.« Wladimir drängte sie ungestüm vorwärts. »Wir müssen weiter.«
Ohr sah die anderen an und schüttelte den Kopf. »Weglaufen hat keinen Sinn. Den Hunden und den Soldaten können wir hier nicht entkommen.« Er wies auf eine kleine Anhöhe. »Und einen besseren Ort werden wir kaum finden....




