E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Chua Die Welt in Flammen
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86414-300-7
Verlag: REDLINE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie Demokratie zu Rassismus und Unterdrückung führen kann
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-86414-300-7
Verlag: REDLINE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
AMY CHUA ist US-amerikanische Bestsellerautorin, Juristin und Professorin für Rechtswissenschaft an der Yale University. Sie schreibt regelmäßig über die Effekte der Globalisierung auf Regierungen und Wirtschaft. Weltweit bekannt wurde die sogenannte 'Tigermutter' durch das Buch Battle Hymn of the Tiger Mother, in dem sie ihren kompromisslosen 'asiatischen' Erziehungsstil propagiert.
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Teil eins
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Globalisierung
Seit der Entstehung von Microsoft hat die Softwareindustrie die bislang größte Anzahl an Milliardären und Multimilliardären in der amerikanischen Geschichte hervorgebracht. Stellen Sie sich einmal vor, alle diese Milliardäre wären ethnische Chinesen, und chinesische Amerikaner würden, obwohl sie nur 2 Prozent der Bevölkerung ausmachen, auch Time Warner, General Electric, Chase Manhattan, United Airlines, Exxon Mobil und alle anderen größten Unternehmen und Banken Amerikas sowie das Rockefeller-Zentrum und zwei Drittel der wichtigsten Immobilien des Landes kontrollieren. Stellen Sie sich nun vor, dass die ungefähr 75 Prozent der US-Bevölkerung, die sich als »weiß« betrachten, arm wären, kein Land besäßen und - als Gruppe - keine Aufstiegsmöglichkeiten erfahren hätten, so weit sie sich zurückerinnern können.
Wenn Sie sich das vorstellen können, sind Sie dem Kern der sozialen Dynamik in der nichtwestlichen Welt nähergekommen. Überall im Süden und Südosten Asiens, in Afrika, der Karibik und auf den Westindischen Inseln, im größten Teil Lateinamerikas sowie in Teilen Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion haben freie Märkte zur schnellen Anhäufung eines gewaltigen, häufig erschreckenden Reichtums durch »Außenseiter« oder Angehörige einer »nicht eingeborenen« ethnischen Minderheit geführt.
Amerikaner hassen Bill Gates nicht, obwohl er so viel besitzt wie 40 Prozent der amerikanischen Bevölkerung insgesamt.1 Sie fühlen sich nicht von ihm betrogen oder ausgenutzt oder denken, dass er Amerikaner erniedrigt habe, indem er Milliarden »auf ihrem Grund und Boden« verdient hat. Anders in Gesellschaften mit einer marktdominierenden Minderheit. In diesen Gesellschaften überlappen sich Klassen und Ethnizität auf gefährliche Weise. Die äußerst Wohlhabenden heben sich ab – sei es aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion, Sprache oder »Blutsbande« - von den verarmten Massen um sie herum. Sie werden von dieser Mehrheit als Mitglieder einer anderen Ethnizität angesehen - als »Außenseiter«, die anders aussehen, anders sprechen oder, wie der nationalistische Anführer George Speight auf den Fidschiinseln kürzlich über die marktdominierende indische Minderheit seines Landes sagte, »anders riechen«.2
Als das amerikanische Justizministerium Microsoft verklagte, weil es bei dem Versuch, seine Mitbewerber auszuschalten, monopolistische Methoden anwende, wollten Amerikaner nicht etwa Bill Gates lynchen oder ihn seines Vermögens berauben. Im Gegenteil, laut Meinungsumfragen wollten die meisten Amerikaner, dass die Regierung Gates in Ruhe ließ, damit er sich wieder auf »das Geldverdienen konzentrieren« könne.3 In den zahlreichen nichtwestlichen Ländern mit einer marktdominierenden Minderheit sind die Plutokraten jedoch ethnische Außenseiter. Und während Bill Gates in den Vereinigten Staaten kein ethnisches Massenressentiment hervorruft, tun dies die indischen Industriemagnaten in Uganda, die eritreischen Unternehmer in Äthiopien und die jüdischen Oligarchen in Russland sehr wohl.
Die meisten Amerikaner - ob normale Bürger, Kommentatoren der Globalisierung oder politische Entscheidungsträger – sind sich dieses Problems nicht bewusst. Infolgedessen exportieren sie den Kapitalismus des freien Markts munter in den Rest der Welt und blenden den ethnischen Hass sowie die Instabilität, die sie systematisch fördern, dabei aus.
Die heutige Weltwirtschaft hat sich nicht über Nacht entwickelt, sondern stellt zu einem großen Teil den Erfolg von sechs Jahrzehnten amerikanischer Außenpolitik dar. Nach dem Zweiten Weltkrieg trieb Amerika - um den Kapitalismus bewusst zu fördern und den Kommunismus einzuschränken - die Entwicklung der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds, der Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit sowie der Freihandelsorganisation GATT voran. In den 1960er-Jahren pumpten die U.S. Agency for International Development und private Organisationen wie die Ford-Stiftung Millionen in »Modernisierungsprojekte«, die darauf abzielten, durch den Export kapitalistischer Einrichtungen einen wirtschaftlichen und gesetzlichen Fortschritt in die Entwicklungsländer zu bringen. Mit dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion 1989 wurde der Kapitalismus weltweit als überlegen und unaufhaltsam angesehen. In den Entwicklungsländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas setzten der IWF und die Weltbank Privatisierungsprogramme und Auslandsinvestitionen sowie eine Handelsliberalisierung durch, indem sie dringend erforderliche Darlehen von diesen Marktreformen abhängig machten.
Gegen Ende der 1990er-Jahre hatten mehr als 80 Entwicklungs- und postsozialistische Länder Privatisierungen vorgenommen. Marktfreundliche Steuergesetze, Investitionsreglements und Wertpapiervorschriften, häufig von amerikanischen Rechtsanwälten und Akademikern entworfen, wucherten von Peru über Bulgarien bis nach Vietnam. Bis 1996 hatte allein Kasachstan mehr als 130 marktfreundliche Gesetze verabschiedet. In Argentinien führte Präsident Carlos Menem eine Welle von Kapitalismusförderungsgesetzen durch »Notverordnungen« ein. Börsen – manche manuell betrieben – entstanden überall, sogar in Mosambik und in Swasiland.4
Im neuen Jahrtausend setzen sich die Globalisierung und die weltweite Ausbreitung von freien Märkten beschleunigt fort, mit Amerika am Ruder. Gleichzeitig können wir zurückblicken und einschätzen, wie sich der wirtschaftliche Einfluss der Globalisierung ausgewirkt hat, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auf der ganzen Welt. Wie die folgenden vier Kapitel zeigen werden, besteht die bestürzende Wirklichkeit darin, dass globale Märkte - selbst wenn sie in einem geringen Maß allen nutzen - die wirtschaftliche Überlegenheit von »Außenseiterminderheiten« gestärkt und explosiven Zündstoff für ethnischen Neid und Hass bei der verarmten Mehrheit geliefert haben.
Kapitel 1: Rubine und Reisfelder –
Die Vorherrschaft der chinesischen Minderheit in Südostasien
In Birma* werden Tätowierungen traditionell gestochen, um vor Schlangenbissen zu schützen. 1930 und dann wieder 1938 ließen sich aufgebrachte Birmanen diese Tätowierungen als Schutz gegen Kugeln stechen und schlachteten in einer Orgie der Gewalt zahllose Inder ab. Angeblich beteiligten sich sogar Mönche daran. Zu der Zeit waren Inder, zusammen mit britischen Kolonisten, eine wirtschaftlich dominierende ethnische Minderheit in Birma und Ziel des kollektiven Hasses. Das Töten von Indern war gleichzeitig eine Racheaktion und Ausdruck des nationalistischen Stolzes lang unterdrückter Menschen. Wie ein zeitgenössischer Beobachter sagte: »Der Birmane auf der Straße hatte das Gefühl, dass er wenigstens ein Mal seine Überlegenheit gegenüber den Indern bewiesen hatte.«1
Heute ist nur noch eine kleine Gemeinschaft von Indern in Birma geblieben. Als Reaktion auf eine weitere Welle der ethnischen Gewalt flohen in den 1960er-Jahren Hunderttausende. Aber eine neue marktdominierende Minderheit hat ihren Platz eingenommen, die noch viel reicher ist, als die Inder es jemals waren.
Märkte, Junta-Stil und die chinesische Übernahme
Birma hat eines der brutalsten Militärregimes der Welt - den State Law and Order Restoration Council oder SLORC.** Er kam im September 1988 an die Macht, nachdem er Tausende unbewaffneter Demonstranten hatte niederschießen lassen. 1990 führte der SLORC Mehrparteienwahlen durch, weigerte sich dann jedoch, den erdrutschartigen Wahlsieg von Aung San Suu Kyi, der Friedensnobelpreisträgerin von 1991, anzuerkennen, sondern stellte sie stattdessen unter Hausarrest und erntete damit den Hass der Birmanen.2
Der SLORC war von Anfang an auf aggressive Weise promarktwirtschaftlich orientiert. In der Umkehrung von drei Jahrzehnten katastrophaler sozialistischer Zentralplanung schlug der SLORC 1989 »den burmesischen Weg zum Kapitalismus« ein. Abgesehen von der Bereicherung korrupter SLORC-Generäle, allesamt Birmanen, brachte das darauf folgende Jahrzehnt der Marktorientierung für die einheimische Bevölkerung, deren große Mehrheit sich weiter in der traditionellen Landwirtschaft betätigte, eigentlich keine Vorteile. Eine Gruppe allerdings profitierte exorbitant.
Seit Birmas Umschwung zu einer marktorientierten, frei zugänglichen Wirtschaft wurden sowohl Rangun, die moderne Hauptstadt, als auch Mandalay, die alte Edelstein-Stadt und Sitz der letzten beiden birmanischen Könige, von ethnischen Chinesen übernommen. Einige dieser Chinesen stammen aus Familien, die seit Generationen in Birma gelebt haben. Wie die Inder, aber in einem geringeren Ausmaß, waren die Chinesen während der Kolonialperiode (1886-1948) unverhältnismäßig wohlhabend, was im Wesentlichen auf eine wirtschaftsliberale Politik zurückzuführen war, die Birmas traditionell landwirtschaftlich geprägte Wirtschaft verdrängte. Obwohl viel von ihrem Reichtum während der sozialistischen Zeitspanne (1962-1988) beschlagnahmt wurde, blieben die Chinesen auf Birmas Schwarzmärkten und teilweise auch im Opiumschmuggel aktiv.
In Birmas neuer Marktwirtschaft verwandelte sich die chinesisch-birmanische Minderheit fast über Nacht in eine wohlhabende Wirtschaftsgemeinschaft. Zusätzlich kauften mehrere Zehntausend armer, aber unternehmerisch geschickter Einwanderer aus China, die aus dem nahe gelegenen Yunnan ins Land strömten, für weniger als 300 Dollar...




