E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Reihe: LYX.digital
Clair Mountains Made of Glass / Apples Dipped in Gold
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7363-2310-0
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Novellas in einem Buch
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-7363-2310-0
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sieben verfluchte Elfenprinzen
Sieben verlorene Königreiche
Eine Wahrheit, die alles verändert
Eine Liebe, die ihr Schicksal besiegelt
»In diesen Neuerzählungen der Grimms Märchen steckt so viel Herzblut, und Scarlett schafft es auf unglaubliche Weise, einen in eine Welt zu entführen, aus der man nie wieder auftauchen möchte.« READ_LIKETHERESNOMIDNIGHT
Zwei Novellas von Bestseller-Autorin Scarlett St. Clair
Scarlett St. Clair lebt mit ihrem Mann in Oklahoma. Sie hat einen Abschluss in Bibliothekswissenschaften und ist verrückt nach griechischer Mythologie, Büchern, Liebe und dem Leben nach dem Tod.
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KAPITEL ZWEI
FÜNF ELFENPRINZEN
Bibbernd wachte ich auf.
Mühsam öffnete ich die trägen Lider und sah, dass die Fensterläden offen waren und Eis sich auf dem Sims gesammelt hatte. Trotz des heulenden Windes hing mein Vorhang steif und gefroren da.
Verwirrt runzelte ich die Stirn. Ich hatte das Fenster ganz sicher verriegelt.
Mir stellten sich die Nackenhaare auf, ich bekam eine Gänsehaut, und ein tiefes Gefühl von Angst ließ mein Blut in den Adern gefrieren.
Ich war nicht allein.
Fieberhaft tastete ich unter dem Kissen nach meinem Messer, das ich dort zu meiner eigenen Sicherheit versteckt hielt, doch als meine Fingerspitzen über den Griff streiften, verschwand es plötzlich.
»Fuck!«
»Ts, ts, ts«, vernahm ich da. »Welch Wortwahl.«
Ich rollte mich auf den Rücken, um nach meiner Axt zu greifen, die nach wir vor auf dem Nachttisch war, wo ich sie hingelegt hatte. Da fiel mein Blick auf eine Gestalt, die an der Wand lehnte. Er war groß, dünn und nicht von dieser Welt. Spitzohren lugten unter seinem langen, schwarzen Haar hervor, das ihm über die Schultern fiel und schimmerte wie Mondlicht auf dunklem Wasser.
Er trug einen schwarzen, mit Gold besetzten Wollmantel, Strumpfhosen und schwere schwarze Stiefel, ein Bein stützte er angewinkelt an die Wand.
Er war ein Elf, und nach der Pracht seiner Kleidung zu urteilen, ein Lord.
»Fuck«, sagte ich noch einmal.
Das war nicht gut.
Wie alle Arten von Feenwesen stammte auch er aus dem Verzauberten Wald. Ich zweifelte nicht daran, dass er aus Vergeltung für die Kröte hier war, die ich getötet hatte.
Eine Hand packte mich grob am Kinn und etwas Scharfes schnitt mir über die Wange, ich spürte Blut hervorquellen.
»Schmutziger Mensch«, raunte eine Stimme, und eine nasse Zunge fuhr über die Wunde. »Schmutziges Mundwerk.«
Ich konnte mich nicht rühren, obwohl ich es versuchte, und schaffte es lediglich, die Fingernägel in den Arm meines Angreifers zu bohren und ihn nach unten zu ziehen.
Seine Haut gab unter meinen Fingernägeln nach, der Angreifer zischte, und sein Griff um mein Kinn wurde fester, während er meinen Kopf nach hinten drückte.
Jetzt konnte ich sein Gesicht sehen. Es war dem des anderen Elfenlords an der Wand ähnlich, nur bösartiger, und sein Haar war nicht dunkel, sondern hellblond. Seine Finger gruben sich so fest in meinen Kiefer, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn er ihn mir gleich abreißen würde.
»Lass sie los, Sephtis«, befahl eine dritte Stimme.
Aber der Griff lockerte sich nicht. Wenn überhaupt, wurde er noch fester. Er beugte sich über mich und durchbohrte mich mit seinem Blick. Die Iriden seiner Augen waren rot und weckten Unbehagen in mir.
»Warum sollte ich?«, fragte er, so leise, als würde er die Frage an mich richten.
Da schnellte wie aus dem Nichts eine Hand hervor, grabschte nach der von Sephtis und befreite mich aus seinen Fängen. Ein weiterer Elf erschien in meinem Sichtfeld. Dieser sah genauso aus wie der erste – dunkelhaarig und schön. Nur seine Augen waren anders: Sie hatten eine seltsam moosige Farbe, nicht ganz grün und nicht ganz braun.
»Du solltest doch ein Auge auf ihn haben, Lore«, tadelte der neu aufgetauchte Elfenlord, und ich nahm an, dass er damit den ersten Elf meinte, den, der vermutlich mein Messer entwendet hatte.
Sephtis blickte finster drein.
»Bist du etwa nur hier, um uns den Spaß zu verderben, Silas?«, maulte er.
Sephtis’ Vorstellung von Spaß bereitete mir Übelkeit.
Der Blonde wich zurück und begab sich zwischen Lore und Silas. Inzwischen waren noch zwei weitere hinzugekommen: einer mit bernsteinfarbenen Augen und einer mit einer tiefen Narbe links im Gesicht.
Insgesamt waren es fünf. Fünf Elfenlords, von denen vier zwar dunkles Haar hatten, doch alle glichen einander wie ein Ei dem anderen, sogar der Blonde. Der einzige Unterschied lag in ihren Mienen, die von ganz streng bis am wenigsten streng reichten. Sie standen vor meinem Bett und umzingelten mich.
»Erwarten wir sonst noch jemanden?«, fragte ich ungehalten, mein Tonfall war so eisig wie die Temperatur in meinem Haus.
»Mehr von uns würdest du nicht überleben, du böses Ding«, grollte Lore. »Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst.«
»Ich habe mir nichts gewünscht«, widersprach ich nachdrücklich. Ich wusste, welche Folgen es hatte, wenn man unbedacht einen Wunsch aussprach, denn ich hatte es mit eigenen Augen gesehen.
Ich wünschte, du wärst tot!, hatte ich meine Schwester angebrüllt – und dann war sie es.
»Sie ist so winzig«, stellte Silas fest.
»Böse, das ist sie«, berichtigte Sephtis.
»Sie hat unseren Bruder getötet«, gab der mit der Narbe von sich.
»Euren Bruder?«, entfuhr es mir, und ich spürte, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich.
»Sieh nur, Talon! Ihr Gesicht ist so weiß wie Schnee!«, meinte Sephtis. Er schien der Wütendste zu sein – und der Furchteinflößendste.
»Du weißt, wovon wir sprechen, Menschlein«, warf der mit den Bernsteinaugen ein. Seine Stimme war leise und ruhig.
»Ich habe keinen Elf getötet«, stritt ich ab.
»Aber du hast eine Kröte getötet«, erwiderte Lore.
»Hat ihm einen Stein auf den Kopf geschlagen«, fuhr Sephtis fort.
»Du hast ihn am Rand des Verzauberten Waldes begraben«, bestätigte Talon.
Ich schluckte einen dicken Kloß hinunter, der in meine Kehle gestiegen war.
»Ich hatte keine Wahl«, verteidigte ich mein Handeln. Meine Worte waren ein wütendes Flüstern, doch mir war klar, dass sie vergeblich waren. Niemanden in Elk oder in der Welt jenseits davon interessierte, warum ich getan hatte, was ich getan hatte, nur dass es Konsequenzen hatte. »Es gab einen Fluch.«
»Es gibt immer einen Fluch und trotzdem immer eine Wahl«, entgegnete Silas.
»Du hättest beschließen können, nicht den Fluch deiner Stadt zu brechen, sondern vielmehr den unseres Bruders«, bekräftigte Lore. »Und aus Dankbarkeit für deine Rettung hätte er dich zu seiner Königin gemacht.«
»Aber leider hast du ihm stattdessen den Kopf eingeschlagen, und nun müssen wir dich bestrafen«, erklärte Sephtis, ein hungriges Glitzern lag in seinen blutroten Augen.
»Woher hätte ich denn wissen sollen, dass er etwas anderes als eine Kröte war?«, fragte ich verzweifelt.
»Das ist die Torheit deines menschlichen Blutes, alles so zu nehmen, wie es erscheint, anstatt so, wie es ist«, meinte Silas bloß.
»Und ist es die Torheit der Elfen, alles so zu nehmen, wie es ist, und nicht so, wie es erscheint?«
»Törichtes Menschlein«, schrie Lore mich an. »Wir haben keine Fehler.«
»Und wie ist euer Bruder dann als Kröte in einem Brunnen geendet?«
»Er ist keine Kröte in einem Brunnen mehr«, erinnerte Talon mich. »Er liegt tot in einem Loch.«
Alle Elfen sprachen mit kalter Höflichkeit, ausgenommen der mit den Bernsteinaugen, der seit seiner Ankunft nur ein einziges Mal das Wort ergriffen hatte. Sie waren nicht hier, weil sie ihren Bruder geliebt hatten. Hier ging es um Ehre. Es war die Gerechtigkeit, die der Wald verlangte.
Einen Herzschlag lang herrschte Stille, während die fünf Elfenlords Blicke wechselten.
»Du sollst sechs Jahre als Gefangene unseres siebten Bruders verbringen«, verkündete Silas.
»Ich zähle nur fünf von euch«, sagte ich.
»Unser siebter ist ein Biest«, klärte Sephtis mich auf, aber ich konnte mir nichts Furchterregenderes als ihn selbst vorstellen, der mir so gnadenlos in die Haut geritzt und mein Blut gekostet hatte.
»Viel schlimmer als ihr kann er nicht sein«, fauchte ich, doch Grauen überkam mich, schon während ich die Worte aussprach. Irgendwas tief in mir drin flüsterte mir ein, dass er wohl doch noch schlimmer war.
»Das wirst du wohl noch früh genug herausfinden«, antwortete Silas trocken.
Darauf folgte erneut ein Moment des Schweigens, währenddessen ich die fünf anstarrte, völlig im Unklaren, was als Nächstes geschah. Würden sie mit mir durch den Wald marschieren, vor die Türschwelle des Königreichs ihres siebten Bruders?
»Wo steckt denn euer siebter Bruder?«, verlangte ich zu wissen und wog gleichzeitig ab, wie schnell ich wohl nach meiner Axt greifen konnte, die noch immer auf dem Tisch neben meinem Bett lag. Ich war mir ihrer Nähe dermaßen bewusst, dass ich mich kaum davon abhalten konnte, sie endlich in die Hand zu nehmen. »Warum ist er nicht mit euch hier?«
»Über zehn Jahre ist es nun her, dass den Dornenprinz jemand zu Gesicht bekommen hat«, gab Lore zurück.
»Wie könnt ihr dann sicher sein, dass er ein Biest ist?«
»Weil wir alle Biester sind«, antwortete Sephtis, ein spöttisches Grinsen im Gesicht.
Ich streckte die Hand nach meiner Axt aus.
Die Bewegung versetzte mir einen stechenden Schmerz in der Seite, der meine Lungen zusammenpresste, mir den Atem raubte und mich benommen machte. Trotzdem sprang ich auf, rang um Gleichgewicht auf dem wackeligen Bett, hob die Axt über meinen Kopf und zielte nach dem Elfen, der mir am nächsten stand, als eine gewaltige Woge aus Magie mich direkt in die Brust traf.
Ich fiel, doch meine Knie prallten nicht auf den harten Fußboden meines Hauses, sondern auf dicken Teppich. Trotz der weicheren Landung kreischte jede verletzte Körperstelle in mir auf, und ein...




