E-Book, Deutsch, 597 Seiten
Clancy Der Ruf des roten Landes
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-755-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die große Australien-Saga | Große Gefühle im Outback
E-Book, Deutsch, 597 Seiten
ISBN: 978-3-96655-755-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ann Clancy ist Australierin mit irischen Wurzeln. In Papua-Neuguinea aufgewachsen, bereiste sie die ganze Welt, bevor sie beschloss, das Schreiben zu ihrem Beruf zu machen. Abenteuerliche Romane über starke, unabhängige Frauen liegen ihr besonders am Herzen. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Adelaide im Süden Australiens. Ann Clancy veröffentlichte bei dotbooks: »Der Ruf des roten Landes«
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Kapitel 1
September 1849
»Himmel, hörst du endlich zu weinen auf, Brigid? Man möchte meinen, das Ende der Welt wäre angebrochen!«
»Zumindest sieht es hier aus wie am Ende der Welt. Schau doch!«
Kates Blick wanderte über die Hafenmole zu der Landschaft, die sich dahinter erstreckte. So etwas hatte sie wirklich ihr Lebtag noch nicht gesehen. Niedrige Sanddünen und große Ansammlungen stehenden Salzwassers, so weit das Auge reichte. Die Bäume waren grau und kläglich verkrüppelt, und sogar der Gesang der Vögel hatte etwas Trauriges an sich. Kate zog sich die Kapuze ihres dicken Umhangs über den Kopf und wickelte das Kleidungsstück fest um sich, um den beißenden Südwestwind abzuhalten. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, bei ihrer Ankunft in der südaustralischen Kolonie zumindest mit Sonnenschein empfangen zu werden, aber es war stark bewölkt. Der Wind trieb düstere, bedrohlich wirkende Wolken über den Himmel.
Das goldene Land der unbegrenzten Möglichkeiten machte eher einen düsteren und trostlosen Eindruck. Doch das wollte sie Brigid gegenüber auf keinen Fall zugeben.
»Das ist nur der Hafen. Adelaide ist sicher das hübscheste Städtchen, das du je erlebt hast. Also hör auf, Trübsal zu blasen, Brigid. Das hier ist ein Neuanfang.«
»Man hat uns versprochen, dass zukünftige Ehemänner uns mit offenen Armen erwarten würden«, schniefte Brigid.
»Oh, Brigid! Hast du das etwa wirklich geglaubt?« Kate lachte. »Ein Ehemann, der sein Salz in der Suppe wert ist, steht nicht däumchendrehend am Hafen herum und wartet auf ein Waisenmädchen aus Irland. Das haben sie uns nur weisgemacht, um uns bei Laune zu halten. Irgendetwas mussten sie uns ja erzählen, damit zweihundert Mädchen nicht die gesamte vier Monate lange Überfahrt Rotz und Wasser heulen.«
»Nun, ich könnte aber losflennen, wenn ich mir das so anschaue. Und außerdem habe ich Angst. Wir wissen nicht, was uns bevorsteht. Fürchtest du dich denn nicht?«
»Natürlich fürchte ich mich. Das ist doch ganz normal. Aber wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen.« Kate umarmte ihre Freundin. »Keine Sorge. Wir machen einfach alles gemeinsam, so wie in den letzten beiden Jahren. Das Arbeitshaus haben wir auch überstanden, weil wir fest zusammengehalten haben. Schlimmer kann es hier nicht werden.«
»Nein, vermutlich hast du recht.«
»Nichts, nicht einmal die Kolonie Südaustralien, kann so entsetzlich sein wie die Hungersnot in Irland.«
»Schön, dass du so zuversichtlich bist.«
»Wir dürfen den Mut nicht verlieren, müssen die Vergangenheit hinter uns lassen und das Beste aus unserer Zukunft machen. Ich weiß schon, was ich tun werde. Zuerst verdiene ich ein Vermögen, und dann suche ich mir einen reiche Mann. Und danach esse ich so viel leckere Sachen, wie man für Geld nur kaufen kann.«
Brigid wischte sich lachend die Augen ab.
»Das glaube ich dir gern. Du packst jede Gelegenheit sofort beim Schopf. Ohne dich wäre ich niemals zur Waisenverschickung zugelassen worden. Erst als du ihnen vorgeschwindelt hast, wir wären vierzehn, durften wir mitfahren. Wenn die gewusst hätten, dass wir schon sechzehn sind, wären wir jetzt nicht hier.«
»Nun, ich habe eine harte Schule hinter mir. Wenn man es in der Welt zu etwas bringen will, muss man die Ellenbogen einsetzen.«
»Für dich mag das das Richtige sein, meine liebe Freundin Kate. Mir ist schon aufgefallen, wie die Männer dich anglotzen. Mit deinem Gesicht und deiner Figur angelst du dir sicher rasch einen reichen und überdies netten Mann. Ich hingegen stehe wahrscheinlich noch in zehn Jahren wartend in diesem Hafen herum.«
»Unsinn!«, widersprach Kate. »Du hast ein reizendes Gesicht und bist ein bezauberndes Mädchen. Alle mögen dich.«
Ihr Blick glitt über ihre Freundin. Brigids Haar war von einem warmen, samtenen Braun und hatte einen leichten Stich ins Rote. Ihre Augen waren groß und schauten freundlich drein. Mit ihrem rundlichen Gesicht gehörte Brigid zu den Mädchen, die mit Männern und Frauen gleichermaßen gut zurechtkamen. Doch wenn Kate ehrlich war, schien Brigid keine Frau zu sein, nach der sich die Männer umdrehten, auch wenn sie das ihrer Freundin nie eingestanden hätte.
Kate hingegen fiel überall auf, obwohl sie nicht sicher war, woran das liegen mochte. Vielleicht lag es an ihren Augen, die tatsächlich eine seltene Farbe hatten — eine Mischung aus Violett und Blau – und außerdem ein leuchtendes Strahlen besaßen. Außerdem hatte sie hübsch geschwungene Brauen und lange schwarze Wimpern. Allerdings war sie selbst der Ansicht, dass ihre Augen ihren einzigen Vorzug darstellten. Ihr Mund war zu breit, um als schön durchzugehen, auch wenn sie gute Zähne ihr Eigen nannte. Ihr Haar besaß das schimmernde Schwarz spanischer Vorfahren, wie es in Irland häufig vorkam, aber es fehlte der warme Glanz von Brigids braunen Locken.
Sie schaute an sich hinunter. Eigentlich hätte man sie als zierlich beschreiben müssen, obwohl abgemagert derzeit die passendere Bezeichnung für sie und ihre Schicksalsgenossinnen zu sein schien, die so viele Jahre lang Unterernährung oder sogar Hunger hatten erdulden müssen. Dank der kräftigenden Mahlzeiten an Bord der Elgin hatte sie zum Glück wieder ein paar Pfund zugelegt, besaß mit ihren schmalen Schultern und Hüften und den schlanken Beinen jedoch noch immer eine knabenhafte Figur. Inzwischen zeichneten sich zwar die ersten weiblichen Rundungen ab, aber niemand wäre auf den Gedanken gekommen, sie vollbusig zu nennen. Und das war es doch, was den Männern gefiel, oder?
Kate fuhr sich mit der Hand über das herzförmige Gesicht, das ihrer Ansicht nach zu mager war. Außerdem standen ihre Wangenknochen zu sehr hervor. Rosige Pausbäckchen, wie Brigid sie hatte, wären gewiss von Vorteil. Dafür war ihre Haut sehr hell, ja, beinahe weiß, und dazu so zart, dass sie fast durchscheinend wirkte, wie bei so vielen schwarzhaarigen Iren.
Ihre Hand wanderte weiter über das markante Kinn zum schlanken Hals, während sie das bunte Treiben um sich herum beobachtete. Ihr Aussehen kümmerte sie viel weniger als die vielfältigen Eindrücke ihrer neuen Heimat.
Der Hafen ähnelte einem Wald aus Masten und Spieren. Arbeiter wimmelten umher, löschten Ladung und schleppten Waren zwischen Ochsenkarren und den wartenden Schiffen hin und her. Weitere Einwanderer gingen an Land, sodass von allen Seiten fröhliche Begrüßungen zu hören waren. Bis jetzt hatte niemand die Elgin und ihre aus irischen Mädchen bestehende Ladung auch nur eines Blickes gewürdigt. Irische Waisenmädchen waren in Adelaide nichts Neues mehr.
Die dröhnende Stimme der Vorsteherin riss Kate aus ihren Betrachtungen.
»Kommt, Mädchen, fertig machen zum Aussteigen. Die Wagen für euer Gepäck sind schon da. Und dass ihr euch ja benehmt!«
Die Mädchen rafften ihre wenige Habe zusammen und scharten sich um die Vorsteherin.
»Schmutzige Bälger«, raunte diese dem Hafenmeister zu, während sie ihre Schützlinge abfällig beäugte. Dass sie die Mädchen nicht leiden konnte, war von Beginn der Reise an nicht zu übersehen gewesen.
»Los, Beeilung«, rief sie. »Ihr werdet die acht Meilen in die Stadt zu Fuß gehen. Es gibt nur eine Straße. In Adelaide fragt ihr nach dem Waisenhaus. Also, ein bisschen plötzlich, sonst verpasst ihr euer Abendessen.«
Ohne auf die Drohungen und Schimpftiraden der Vorsteherin zu achten, trotteten die Mädchen die Planke hinunter und waren froh, endlich an Land zu sein.
»Komm!« Kate nahm ihre schüchterne Freundin bei der Hand und machte sich auf den Weg durch den Hafen.
Die beiden schlängelten sich durch die Kisten, Körbe und Fässer, die sich am Ufer stapelten, liefen an den Bergen von Fischernetzen vorbei und rannten durch die Schwärme von Möwen, die lauerten, bis die Fischer ihnen ein paar Bröckchen frischen Fisch zuwarfen. Riesige Wollballen und hoch aufgetürmte Getreidesäcke warteten darauf, auf die vor Anker liegenden Schiffe verladen zu werden.
Nach den vielen Monaten auf See waren die Mädchen noch ein wenig wackelig auf den Beinen.
»Hey, passt doch auf, ihr Trampel«, rief da eine Stimme mit irischem Akzent.
Kate blieb ruckartig stehen. Der Mann, der sie angeschrien hatte, schob eine Schubkarre, auf der sich bis zum Bersten gefüllte Säcke häuften. Er schnitt ihr den Weg ab, sodass er ihr beinahe über die Schuhspitzen gefahren wäre.
»Passen Sie doch selbst auf«, brüllte sie ihm nach. »Oder wissen Sie nicht, dass Damen immer Vortritt haben?«
Lachend warf sie ihr Haar zurück und ließ es sich vom Wind aus dem Gesicht wehen. Ihre violetten Augen funkelten spitzbübisch.
»Schon, aber hier sind nirgendwo Damen!«
Der hochgewachsene, breitschultrige Ire grinste sie an und bleckte dabei makellos weiße Zähne, die sich leuchtend von seiner dunklen Haut abhoben. Im nächsten Moment war er in der Menge verschwunden.
Die Straße in die Stadt war wegen der vielen überladenen Fahrzeuge mit tiefen Furchen durchsetzt. Kate, Brigid und die anderen trotteten durch die Straßen von Port Adelaide, vorbei an den Lagerhäusern, Zollkontoren, Handelsniederlassungen und Kramläden. Unterwegs wurden sie ständig von Wagen, Karren und Kutschen überholt. Die entgegenkommenden Fuhrwerke hatten Getreidesäcke oder Kupfererz geladen. Die, die von hinten kamen, ächzten unter dem Gewicht der Möbel und Besitztümer der vielen neuen Siedler, die wöchentlich in der Kolonie eintrafen.
Die Straße führte durch weites, von Buschwerk bewachsenes Land, das sich ausdehnte, so weit das Auge reichte. In der Ferne war im Osten eine dicht bewaldete, blau schimmernde Bergkette zu erkennen. Die...




