Clark | Ocean - Gefangen im Blau | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Clark Ocean - Gefangen im Blau

Ein packender Abenteuerroman über die Zerbrechlichkeit einer Familie und die Wucht der Natur »Zutiefst faszinierend.« Mareike Fallwickl über Polly Clarks Roman Tiger
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96161-262-8
Verlag: Eisele Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein packender Abenteuerroman über die Zerbrechlichkeit einer Familie und die Wucht der Natur »Zutiefst faszinierend.« Mareike Fallwickl über Polly Clarks Roman Tiger

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-96161-262-8
Verlag: Eisele Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein fesselnder Pageturner mit Schauplatz hoher See Was dich nicht umbringt, macht dich stärker - so heißt es zumindest. Doch Helen scheint an einem schrecklichen Erlebnis fast zu zerbrechen. Da schlägt ihr Mann einen gemeinsamen Segeltörn vor - ein Abenteuer, das sie von dem Erlebten ablenken soll. Doch auf hoher See haben sie dann mit ganz unerwarteten Gefahren zu kämpfen ... In ihrer Jugend haben sich Helen und Frank an Bord der Innisfree kennengelernt und ineinander verliebt. Jahre später sticht das Ehepaar mit Sohn Nicholas und Pflegetochter Sindi erneut in See, in der Hoffnung, dass ein Segeltörn über den Atlantik ihre fragile Familie wieder zusammenbringt. Denn Helen ist nicht mehr dieselbe, seit eine Tragödie ihr ein unverstellbares Opfer abverlangt hat und sie beinahe das Leben gekostet hätte - wäre sie nicht von einem Fremden gerettet worden, den sie nicht mehr aus ihren Gedanken kriegt. Helens Obsession und die Geheimnisse innerhalb der Familie machen den Törn zunehmend zu einem Albtraum - bis auch der Ozean sich gegen sie wendet und es plötzlich kein Entkommen mehr zu geben scheint ... Ein ebenso mitreißendes wie brillant geschriebenes Drama, in dem eine Frau mit den überwältigenden Kräften der Natur und des Herzens konfrontiert wird. 'Eindringlich und poetisch... spricht jede Frau an, die jemals geliebt hat und Angst hatte, zu verlieren.' - Jane Campbell, Autorin von Kleine Kratzer

Polly Clark wurde in Toronto geboren und lebt abwechselnd an der schottischen Westküste und auf einem Hausboot in London. Ihre Lyrik wurde mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet, und ihr erster Roman Larchfield, für den sie den MsLexia Prize gewann, u.a. von Margaret Atwood, John Boyne und Richard Ford hochgelobt. Während ihrer Arbeit als Wärterin im Edinburgher Zoo begann sie sich für den vom Aussterben bedrohten Sibirischen Tiger zu interessieren. Für die Recherchen an Tiger reiste sie in die russische Taiga, wo sie im tiefsten Winter bei Temperaturen von -35°C lernte, wie man die Spur eines Tigers verfolgt. Tiger stand 2019 auf der Shortlist für den Scottish National Book Award.
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EINS


Der Tag, an dem sich alles änderte, war erfüllt von stiller Aufregung. Ich lieferte Nicholas in der Grundschule ab, mit einem Lunchpaket, auf das ich ein bisschen stolz war: ordentliche Sandwich-Dreiecke ohne Rinde, dazu Gurkensticks und – unerlaubterweise – eins der Überraschungseier, die er so liebte. Frank fuhr mich zur Arbeit, wie er es mittlerweile morgens immer tat. Ich wurde im stolzen Alter von dreiundvierzig Jahren unerwartet zum zweiten Mal Mutter, und es kam mir vor, als trüge ich einen Ozean mit mir herum, auf dem der Mensch, der ich einmal gewesen war, wie ein schaukelndes Schiffswrack an der Oberfläche trieb. Am Schultor half mir Frank beim Aussteigen und umarmte mich vorsichtig.

»Ruf mich an, falls du irgendetwas brauchst, dann komm ich stante pede vorbei und bringe es dir«, sagte er.

»Sogar Essiggurken?«, fragte ich, eine Anspielung auf meine Gelüste während der Schwangerschaft mit Nicholas.

»Sogar Essiggurken. Ich füttere dich damit im Lehrerzimmer.«

»Das wird für große Erheiterung sorgen.«

Ehe er zurücksetzte, schenkte er mir ein strahlendes Lächeln, und ich hatte meinem aktuellen Umfang zum Trotz das Gefühl, dem Tag entgegenzuschweben. Diesmal passte einfach rundum alles.

Zwischen mir und dem Flügel, in dem mein Biologiesaal untergebracht war, ragte der Haustechnikblock auf, ein hoher Betonklotz auf Stelzen im brutalistischen Stil. In den feuchten Nischen darunter versammelten sich die Loser, Sprayer und Skateboarder zum Rauchen, Grapschen und Prügeln. Ich spähte im Vorbeiwatscheln in das Halbdunkel zwischen den Säulen auf der Suche nach vertrauten Gesichtern. Es war noch früh und kalt, deshalb war wenig los – nur ein paar Kids, die vor dem mit Graffiti überzogenen Hintergrund die erste Zigarette des Tages rauchten.

Sindi, Spraydose in der einen Hand, Kippe in der anderen, nickte mir über die Schulter hinweg zu und betrachtete dann nachdenklich einen winzigen Fleck noch unbesprühter Wand. Sie hatte den Rockbund mehrfach umgekrempelt, ihre nackten Beine leuchteten wie Stalagmiten. Dwayne raste auf seinem Skateboard so knapp an mir vorbei, dass ich fast das Gleichgewicht verloren hätte. »Sorry, Miss!« Er flitzte zwischen den Säulen hindurch, sprang vom Board und klemmte es sich unter den Arm, ehe er mit seinen Kumpels in einer Ecke verschwand.

Ich winkte und schlurfte weiter.

Horizon Heights war nicht jedermanns Sache, aber ich hatte hier wider Erwarten meine Nische gefunden. Die Kinder an dieser Schule waren Überlebenskünstler, Außenseiter, komische Vögel, und ich fühlte mich zu ihnen hingezogen. Vor langer Zeit hatte ich in Preston, unweit von Fleetwood, wo ich aufgewachsen war, eine akademische Ausbildung zur Biologielehrerin absolviert, weil ich mein nerdiges Interesse an der Natur unbedingt mit anderen hatte teilen wollen. Doch nach dem Tod meines Vaters hatte meine Mutter darauf bestanden, dass ich in ihrer Nähe blieb, und ich hatte förmlich sehen können, wie mein Leben zusammenschrumpfte, noch ehe es richtig begonnen hatte. Also hatte ich schleunigst das Weite gesucht und auf Lanzarote einen Segelkurs gemacht, um noch weiter weg zu kommen, und damit war die anvisierte Laufbahn als Lehrerin vergessen. Ich hatte Frank kennengelernt und mich in ihn verliebt, so heftig, dass ich selbst dann noch das Gefühl hatte, frei zu sein, als sich mit der Zeit herauskristallisierte, dass ein Leben mit ihm bedeutete, der See den Rücken zu kehren, ein Kind zu bekommen, Verantwortung zu übernehmen. Wir waren ja auch nach London gezogen, in eine der größten Städte der Welt.

Als Nicholas kein Baby mehr gewesen war und ich es nicht mehr ausgehalten hatte, den ganzen Tag zu Hause zu hocken, hatte ich mich auf meinen ursprünglichen Plan besonnen, und die Zuständigen an der Horizon Heights hatten dankenswerterweise Gefallen an mir gefunden.

Es war eine Problemschule, genau wie die, die ich selbst besucht hatte. Ich lebte nun zwar in der Hauptstadt, aber ich kannte diese Art von Kids, und sie schienen mich ebenfalls zu kennen. Wir begegneten einander mit einem gewissen Vertrauensvorschuss.

Schwer atmend blieb ich kurz bei den Müllcontainern stehen. Heute musste ich mir meine Kräfte gut einteilen. Ein ganzer Unterrichtstag, gefolgt von einer Intervention, die ich schon seit einer Weile plante. Ich hegte Bedenken, weil ich in letzter Zeit immer schrecklich müde wurde, und eine Intervention durfte man keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen. Frank riet mir immer wieder, ich solle vorzeitigen Mutterschutz beantragen, und allmählich sah ich die Sache ähnlich. Ich war es leid, mich nur im Schneckentempo fortbewegen zu können. Ich warf einen Blick nach unten. Meine Füße fehlten mir – ich liebe Schuhe und habe hübsche kleine Füße, die in allem toll aussehen und auch barfuß. Im Moment jedoch eilte mir mein Bauch voraus wie der unförmige Bug eines Schiffes, das durch die Wogen des Lebens pflügt. Ich war erst in der dreiundzwanzigsten Woche, aber mein Körper hatte sich angesichts dieser geradezu tollkühn anmutenden Schwangerschaft mächtig ins Zeug gelegt und gab alles. Es war geradezu grotesk, was er aus meinem Basismaterial herausholte, fast als wollte er seiner Verblüffung darüber, dass er sich noch einmal in diesem Zustand befand, Ausdruck verleihen. Ich schlug den Weg zum Haupteingang ein, und die Freude, die ich empfand, als ich mein Territorium betrat, ließ mich jegliche Müdigkeit vergessen.

An der Tür zum Biologieraum prangte in violetten Buchstaben ein neues Graffito:

Der Farbgeruch war überwältigend. Ich hielt mir Mund und Nase zu, konnte aber ein belustigtes Grunzen angesichts der Anrede »Miss« nicht unterdrücken. Ich betrachtete das unregelmäßige Schriftbild und den Tag darunter. Es war eindeutig Sindis Werk. Ich stellte mir vor, wie sie sich morgens mit der Dose im Rucksack zeitig von zu Hause fortgestohlen hatte, ohne Frühstück, vermutlich unter einer Schimpftirade ihres Pflegevaters Clint. Malte mir aus, wie sie nach dem »FUCK U«, wo viele bereits ihren Triumph gefeiert hätten, mit einem breiten schelmischen Grinsen noch eins draufgesetzt hatte.

Das Problem war: Sie war stolz auf ihre Vandalenakte, und die häuften sich neuerdings. Ich nahm an, dass es sich eher um Aufmüpfigkeit handelte als um einen persönlichen Angriff, trotzdem konnte es so nicht weitergehen. Die breite Gesellschaft hatte für derlei Dreistigkeiten, selbst wenn sie von Talent zeugten, nun einmal nichts übrig. Ich straffte die Schultern. Es war an der Zeit, Sindi und dem Rest der Klasse klarzumachen, dass jede weitere Verschandelung des Biologiesaales Konsequenzen nach sich ziehen würde, zumal die Ausdünstungen schädlich für mich waren. Hustend öffnete ich die Tür und trat ein. Es wurde ansatzweise stiller.

Ich würde mich als praktischen, in keinerlei Hinsicht verträumten Menschen bezeichnen. Niemand wird je einen schmalzigen Hollywoodfilm über meine ach-so-inspirierende Art zu unterrichten drehen, und sollte man mir einmal kündigen, werden keine Schüler auf ihre Pulte klettern, um gesammelt dagegen zu protestieren. Aber ich hatte meine Nische gefunden. Ich tat, was ich konnte. Tag für Tag vermittelte ich naturwissenschaftliche Fakten – entsprechend vereinfacht für schwächere Klassen und jüngere Kinder, aber nichtsdestotrotz Fakten. Und dann und wann, wenn ich sah, dass einer meiner Schützlinge allzu tief fiel, in die Aussichtslosigkeit, dann vermittelte ich Fähigkeiten, die für eine Metamorphose vonnöten waren. Heute war einer dieser Tage.

Ich tat, als würden wir nicht alle nach Luft ringen wegen des erstickenden Farbgestanks, und hielt vor meinem Pult kurz inne, um mich zu sammeln. Chalmers, der pummeligste, sanfteste meiner Einzelgänger, postierte sich vor mir und deponierte mit feierlicher Miene etwas auf der Tischplatte: ein liegendes Rehkitz aus Keramik, so groß wie mein Handteller. Keine Schatulle, nur ein Blatt Toilettenpapier, ordentlich gefaltet, als Unterlage.

»Herzlichen Glückwunsch, Miss.« Er wies mit dem Kopf auf meinen enormen Bauch und lächelte scheu, wie es manche Jungs noch tun, wenn sie sich in der Gegenwart von Frauen befinden, die ihre Mutter sein könnten. Mir war nicht klar, warum man mir gerade jetzt gratulierte, schließlich wussten alle schon seit geraumer Zeit von meiner Schwangerschaft. Die Geste traf mich unvorbereitet. Ich stand stocksteif da und spürte, wie ich feuerrot anlief, als wäre ich ein Teenager.

Chalmers hatte einen prachtvoll gelockten, fettig-schwarzen Haarschopf und wurde gnadenlos gehänselt, weil er sich im Alter zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren mehrfach vor versammelter Mannschaft eingenässt hatte, auf einem der Hocker an den Arbeitstischen sitzend, enttarnt von aufdringlichem Schweigen und einem warmen Gestank. Er überstand es teils dank seiner schieren bleichen Masse. Der Junge schien aus einer unzerstörbaren, gutmütigen Substanz zu bestehen, wie ein Rind. Und er behauptete, die Intervention hätte ihn gerettet. Es war das erste Mal gewesen, dass ich eine derartige Aktion gestartet hatte – ein Versuch, unternommen in dem Bewusstsein, dass man ihn sonst mobben würde, bis er unwiderruflich am Ende war.

Ich griff nach dem Rehkitz und betrachtete es. Kein teures Stück, aber diese Kids hatten kein Geld. Die fehlende Schatulle, das eigenartige Timing – alles deutete darauf hin, dass sie es geklaut hatten. Doch das war mir egal. Ich wandte mich zur Tafel um und...



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