Clarke | Jenseits der Dämmerung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 0 Seiten

Clarke Jenseits der Dämmerung

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-12675-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 0 Seiten

ISBN: 978-3-641-12675-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Letzte ihrer Art

Auf seiner Reise in die Geschichte der Menschheit begegnet Alvin der Ur-Frau Cley. Ihr Stamm ist von den Mad Minds vernichtet worden, und als Letzte ihres Volkes will sie die Flamme der Menschlichkeit weitertragen. Die Mad Minds beherrschen allerdings ihr Denken, und erst dank Alvin kann sie den Kampf gegen die schier übermächtigen Wesen aufnehmen.

Arthur C. Clarke zählt neben Isaac Asimov und Robert A. Heinlein zu den größten SF-Autoren des 20. Jahrhunderts. Geboren 1917 in Minehead, Somerset, entdeckte er die Science-Fiction durch die Bücher von H. G. Wells und Olaf Stapledon. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als technischer Offizier der Royal Air Force diente, studierte er Physik und Mathematik am King’s College in London. Gleichzeitig betätigte er sich als Autor: 1946 erschien seine erste Story im SF-Magazin Astounding, sein erster Roman zwei Jahre später. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er nicht nur weitere preisgekrönte Erzählungen und Romane, sondern auch etliche populärwissenschaftliche Artikel und Bücher, in denen er viele technische Entwicklungen vorwegnahm. Clarke starb im März 2008 in seiner Wahlheimat Sri Lanka.
Clarke Jenseits der Dämmerung jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1


Die Rückkehr des Bösen

Die Frau schien tot zu sein. Der vierflügelige Vogel, der am blassen Nachmittagshimmel kreiste, hatte diesen Eindruck. In seinem trägen Flug zog er Achterschleifen mit der Frau am Kreuzungspunkt und behielt den Körper in seinem scharfen Blick. Er brauchte die Flügel nur hin und wieder einzusetzen, um den Kurs zu korrigieren, und überließ sich im Übrigen der Thermik über den felsigen Steilhängen. Seine Vorderflügel leiteten den Wind in die breiten Hinterflügel, die wie dünne Gaze waren und bei geringstem Energieaufwand die optimale Nutzung der Auftriebskraft gestatteten – allerdings auf Kosten der Geschwindigkeit. Aber seine genetische Ausstattung erlaubte ihm nicht, sich untätig von den Aufwinden tragen zu lassen oder der Nahrungssuche nachzugehen: Wenn er in seinem Habitat lebende Menschen entdeckte, hatte er Meldung zu machen.

Seine beträchtliche Intelligenz sagte ihm, dass diese Frau, die sich nicht bewegt hatte, seit er sie beobachtete, tot sein müsse. Er gelangte nicht durch Verstandesarbeit zu diesem Schluss, sondern durch Beobachtungsgabe und Urteilsvermögen, die seiner Art schon eigen gewesen waren, als sie von überlegtem Denken noch weit entfernt gewesen war. Die Kieselsteine um ihren Kopf waren dunkel gefärbt, und die linke Seite ihres Brustkorbs zeigte massive Blutergüsse, die sich bläulichpurpurn verfärbt hatten.

Der Vogel hatte unter den Bäumen bereits mehr als zwanzig tote Menschen gesehen, alle zu Asche verkohlt, aber keinen Lebenden. Er entschied, diesen Körper nicht zu melden. Das würde wertvolle Zeit in Anspruch nehmen, und Angehörige dieser sonderbaren, wenig eindrucksvollen Unterart des Menschen waren wegen ihrer Empfindlichkeit nur zu bekannt.

Der Vierflügler hatte ein weites, unwegsames Gebiet als Revier, dessen Nahrungsangebot er nutzen und das er überwachen und gegen mögliche Eindringlinge verteidigen musste. Lange schwebte er auf der Stelle, indem er abwechselnd mit den Vorder- und Hinterflügeln schlug, unschlüssig, wie es nur eine abwägende Intelligenz sein kann. Dann flog er davon. Seinem scharfen Auge entging nicht die winzigste Bewegung unter ihm.

Die Nachmittagsschatten waren lang geworden, als die Frau zu sich kam. Ihr leises Stöhnen ging im Murmeln des nahen Baches unter. Ihr Atem zischte zwischen ausgebrochenen Zähnen.

Ihre Witterung lockte ein Muttertier an, das seine beiden Jungen auf der Suche nach Beute den Bachlauf entlangführte. Die hilflose Frau hätte eine willkommene Mahlzeit abgegeben, aber das Muttertier sah, dass sie eindeutig jenen ähnelte, die wahrhaft regierten, obwohl ihre Witterung ganz anders war.

Sie instruierte ihre Jungen, Wesen von dieser jetzt wehrlosen, aber immer gefährlichen Gestalt zu respektieren. Dabei bediente sie sich einer Sprache, die einfach in den Worten, aber komplex in der Grammatik und Betonung war und verschiedene Bedeutungsebenen ausdrücken konnte. Sie begleitete und unterstrich die Belehrung mit entschiedenen Gesten einer Vorderpranke.

Die Witterung der weiterziehenden Familie zog einem neugierigeren Geschöpf in die Nase und weckte sein Interesse. Es war ein entfernter Abkömmling des Waschbären, mit nussbraunem und rötlichbraunem Pelz. Seine Intelligenz schätzte die Lage aus der Deckung von Dornsträuchern ein.

Er war vorsichtig, aber nicht furchtsam. Für ihn war die wichtigste Frage hier, in welcher Weise die schockierende Gegenwart der sterbenden Frau mit der ausgewogenen Bedeutung seines eigenen Lebens verflochten sein konnte. Von jeher hatte er jede Erfahrung mit seinem angeborenen Gefühl für Gleichgewicht und für einen angemessenen Maßstab integriert – tatsächlich war dies der einzige Zweck seines bewussten Daseins. Diese Integration war vollständig und jenseits menschlicher Fähigkeit, ergab sich aber mühelos aus den Ereignissen in der Entwicklung seiner Rasse, die sich über eine Milliarde Jahre erstreckte. Das Wiederaufleben seiner Art in Verbindung mit der seit einigen Jahrhunderten andauernden Renaturierung der Erde hatte ihm eine Lebensform gegeben, die in vieler Hinsicht der erbarmungswürdigen Gestalt überlegen war, die er nun aufmerksam beobachtete.

Endlich, mit einem angemessenen Verständnis der Ereignismuster, die von seinen Handlungen wie die Verästelungen eines Baumes ausgehen konnten, trottete das waschbärähnliche Tier näher heran. Es beschnüffelte die Frau. Unweit von ihr lag der scharf riechende Kot eines Aasfressers, der vor einigen Stunden des Weges gekommen war, eine Weile gezögert und dann beschlossen hatte, am Abend wiederzukommen, wenn sie tot sein würde. Diese Information überlagerte die übrigen Hintergrundaromen des Sonnenuntergangs: den Geruch abkühlenden Granits, den süßen Blütenduft und die erdig-moderige Ausdünstung von Pilzen, deren lange, unterirdische Rhizome Wasser vom murmelnden Bach die Hänge hinaufsogen.

Der geschwollene Schädel der Frau schien das schlimmste Problem zu sein. Beide Augen zeigten nur das Weiße. Mit den langen, spitz zulaufenden und einzeln beweglichen Fingern seiner Pfoten, an deren Enden kurze, gebogene Krallen saßen, befühlte er die unvertrauten Knochen unter der Haut und den Muskeln. Mehrere Rippen waren gebrochen, der rechte Arm unnatürlich im schiefen Winkel verdreht.

Diese spezifische, dem menschlichen Spektrum entnommene Form hatte in der Ursprungszeit des Waschbärenwesens nicht existiert, war also ein interessantes Rätsel. Der Körperbau war archaisch, ein Flickwerk zeitweiliger Lösungen vorübergehender Probleme. Doch mit diesen Mitteln hatte die Evolution der schwerfälligen Art im rauen Überlebenskampf der Natur zum Erfolg verholfen.

Der vierbeinige Helfer machte sich daran, den Körper zu heilen. Er wusste nicht, wie die Frau hierhergekommen war oder ob sie in irgendeiner Weise etwas Besonderes darstellte. Behutsam wendete er Techniken an, die ihm vom Umgang mit Artgenossen vertraut und zur zweiten Natur geworden waren. Er massierte Punkte dieses Körpers, von denen er wusste, dass sie durch Stimulation die Ausschüttung heilender Hormone förderten. Er erzeugte mit den Pfoten heilende Vibrationen – eine umständliche, aber in der Natur bewährte Technik. Die geschwollenen Prellungen der rechten Kopfseite behandelte er mit rhythmischen Massagen des Rückgrates. Sein feiner Tastsinn fühlte, wie die Muskeln sich allmählich entkrampften, wie Druck und Spannungen nachließen und sich im Kopf der Frau zerstreuten. Ihre Drüsenfunktionen kamen langsam wieder in Gang und schlossen innere Blutungen. Die Massage von Nacken und Bauch regte ihre inneren Organe an, das mit Abfallstoffen belastete Blut zu filtrieren.

Die anbrechende Nacht brachte neue Geräusche mit sich, von denen keines seinen aufgestellten, dreieckigen Ohren entging. Aber das Rascheln und Trippeln hier und dort, die gelegentlichen hohlen Rufe aus den Bäumen waren vertraut und bedeuteten keine Gefahr. Er ließ sich neben der bewusstlosen Frau nieder und schlief. Doch der Schlaf war leicht wie ein Hauch, und dicht darunter eine Wachsamkeit, von der die Frau nichts ahnte. Als sie unruhig wurde und unzusammenhängende Worte murmelte, merkte er, dass er sie trotz der undeutlichen Aussprache verstehen konnte.

»… fliehen … Deckung … unten … nicht sehen …«

Viel von ihrer Rede waren verworrene Fieberträume. Wenigen, vereinzelten Äußerungen entnahm er, dass die Frau mit Angehörigen ihres Stammes von einem Flugzeug erbarmungslos verfolgt worden war.

Der Stamm war nicht entkommen. Eine trockene Nachtbrise, die von den heißeren Ebenen im Westen herunterwehte, trug seiner feinen Witterung den Geruch verbrannten Fleisches zu, das in der heißen Sonne schon morgen in Fäulnis übergehen würde.

Er war angenehm überrascht, dass er die Worte der Frau verstehen konnte. Die Länder hier waren voll von Lebensformen, die aus zwei Milliarden Jahren unaufhörlicher Schöpfung stammten, und die meisten von ihnen konnten die Sprachen der anderen nicht verstehen. Diese Frau musste gelernt haben, die komplexen Sprachen fortgeschrittener Lebensformen zu verstehen.

Allerdings war er der Meinung, dass solche Kenntnisse, wenn sie durch genetische Einprägung oder ähnliche Methoden zustande gekommen waren, mehr schadeten als nützten und vielleicht eine ungesunde und arrogante Anmaßung waren. Eine frühe menschliche Lebensform wie diese konnte durch solch eine komplexe, desorientierende Kunst leicht in Verwirrung geraten. Sprache erwuchs aus einer Weltsicht. Die Fülle und das dichte Geflecht von Wahrnehmungen, das ihre gegenwärtige Sprache geformt hatten, konnte innerhalb ihres beengten geistigen Fassungsvermögens schwerlich bequem untergebracht werden.

Normalerweise stellte er die Taten der fortgeschrittenen menschlichen Lebensformen, die sich die »Supras« nannten, nicht in Frage. Aber diese schwerverletzte Frau, deren Haut geplatzt und geschürft und von tiefen Blutergüssen unterlaufen war, weckte seine Zweifel. Vielleicht rührten ihre Verletzungen unmittelbar von ihrem Wissen her.

Nach einiger Überlegung sagte ihm jedoch sein gesunder Instinkt, der das Leben wie einen staubigen Spiegel sah und nur flüchtige Abbilder der Wahrheit zeigte, dass diese Frau aus keinem gewöhnlichen Grund hier war. Also blieb er und überlegte und wachte über den schwachen, aber beharrlichen Bemühungen ihres Körpers, sich selbst zu reparieren.

In der Nacht zogen von Westen her Haufenwolken auf und über die Hügel weiter, als eilten sie einer Verabredung entgegen, die sie nicht erreichen konnten. Er roch die Zunahme der Luftfeuchtigkeit, die sie mit sich brachten, Wasserdampf, der durch Verdunstung über den Wäldern entstand. Diese großen Keile feuchtwarmer Vegetation wirkten wie unsichtbare Berge, weil...


Clarke, Arthur C.
Arthur C. Clarke zählt neben Isaac Asimov und Robert A. Heinlein zu den größten SF-Autoren des 20. Jahrhunderts. Geboren 1917 in Minehead, Somerset, entdeckte er die Science-Fiction durch die Bücher von H. G. Wells und Olaf Stapledon. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als technischer Offizier der Royal Air Force diente, studierte er Physik und Mathematik am King’s College in London. Gleichzeitig betätigte er sich als Autor: 1946 erschien seine erste Story im SF-Magazin Astounding, sein erster Roman zwei Jahre später. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er nicht nur weitere preisgekrönte Erzählungen und Romane, sondern auch etliche populärwissenschaftliche Artikel und Bücher, in denen er viele technische Entwicklungen vorwegnahm. Clarke starb im März 2008 in seiner Wahlheimat Sri Lanka.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.