E-Book, Deutsch, Band 3, 354 Seiten
Reihe: Die große Mulberry Lane Saga
Clarke Nachwuchs in der Mulberry Lane
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8412-2514-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 354 Seiten
Reihe: Die große Mulberry Lane Saga
ISBN: 978-3-8412-2514-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Krieg wütet in London, doch neues Leben bringt Hoffnung und Freude in die Mulberry Lane...
1941, Mulberry Lane, London. Für die Bewohner in der Mulberry Lane brechen harte Zeiten an, denn der Krieg beherrscht die Stadt. Während die Männer weit weg an der Front kämpfen, warten ihre Frauen sehnsüchtig auf Briefe und Nachrichten, um zu wissen, dass es ihnen gut geht. Und es gibt auch Hoffnung: Peggy erwartet Zwillinge und Maureen hat ebenfalls gute Neuigkeiten. Doch dann verläuft Peggys Schwangerschaft nicht wie erwartet und sie ist erneut auf die Hilfe ihrer Freundinnen angewiesen.Als wäre das alles nicht genug, steht eines Tages Helen Barnes vor ihrer Tür und bittet Peggy um Hilfe.
Anne Riley lernt durch Zufall den jungen Soldaten Kirk Ross kennen, in den sie sich augenblicklich verliebt. Hat Anne endlich den Mann ihrer Träume getroffen?
Währenddessen vermisst die frisch verheiratete Ellie Morris ihren Mann, der im Kriegseinsatz ist. Um sich abzulenken, geht sie abends aus und flirtet mit den Soldaten. Doch dafür muss sie einen bitteren Preis zahlen, der ihr ganzes Leben zu zerstören droht ...
Rosie Clarke ist eine englische Autorin, die bereits seit vielen Jahren Romane schreibt. Sie lebt in Cambridgeshire, ist glücklich verheiratet und liebt das Leben mit ihrem Mann. Wenn sie nicht gerade faszinierende Geschichten über starke Frauen schreibt, dann verbringt sie ihre Zeit gerne in Marbella und genießt das gute Essen und die spanische Sonne. Allerdings hält sie es dort nie allzu lange aus, denn das Schreiben neuer Romane ist ihre größte Leidenschaft.
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1
An diesem Morgen im Dezember 1941 war es bitterkalt. Eine dicke Frostschicht überzog die Regenrinnen und die Dächer, und die Fenster der Geschäfte und der Häuser wiesen feine weiße Muster auf, als hätten die Betreiber und Bewohner über Nacht von außen Spitzenvorhänge dort angebracht. Da die Bürgersteige vereist waren, bahnte sich die Frau vorsichtig einen Weg über die Straße und klappte erschaudernd ihren Mantelkragen hoch. Irgendwo briet jemand Röstkastanien über einem offenen Feuer, und der Duft rief ein Gefühl von Hunger in ihr wach. Sie sah sich um, die Schaufenster aber lagen im Dunkeln, und mit Ausnahme von Mrs. Tandy, die den kleinen Wollladen betrieb, hatte keiner der Geschäftsleute die Auslagen wie in den anderen Jahren vorweihnachtlich geschmückt. Der Winter war auch sonst in dieser Gegend eine trübe Angelegenheit, doch seit den Bombardierungen im Frühjahr und im Sommer sahen die Gassen richtiggehend trostlos aus. Die Trümmer des Gebäudes dort, wo einmal die Kanzlei gestanden hatte, waren so weit abgetragen worden, dass das Grundstück halbwegs sicher war, aber die geschwärzten Mauerreste wirkten traurig und verloren, und die Bürgersteige waren genauso schmutzig wie vor allen anderen Trümmergrundstücken der Stadt. Allerdings waren weder die Ruinen noch die Kälte der Grund, aus dem die Stirn der jungen Frau in Falten lag.
»Hallo«, grüßte Anne, als sie die junge Ellie Morris vor dem Haus des Schusters unterhalb des Pig & Whistle traf. Sie lächelte das hübsche Mädchen, das ihr immer wunderbar die Haare machte, an. »Ich hab später noch vorbeikommen wollen. Könntest du mir Freitag nach der Schule wohl die Haare schneiden? Sagen wir, gegen halb fünf? Bis die letzten Kinder weg sind, dauert es immer etwas.«
»Ich kann Sie sicherlich dazwischenschieben.« Ellie lächelte sie freundlich an. »Vielleicht müssen Sie ein paar Minuten warten, aber wenn ich in den Laden komme, trage ich Ihren Termin sofort in den Kalender ein.«
»Danke.« Anne erschauderte. »Echt kalt heute, nicht wahr?«
»Ich hasse den Winter und die Dunkelheit.« Angewidert verzog Ellie das Gesicht. »Aber nun muss ich mich beeilen und aufsperren, bevor die nächste Kundin kommt.«
Anne nickte und betrat die Werkstatt von Bob Hall. Sie hatte zwei Paar Schuhe, deren Sohlen abgelaufen waren, doch das dicke Gummi, mit dem Bob sie heutzutage reparierte, fand sie einfach grauenhaft, denn anders als die schönen dünnen Ledersohlen, die er sonst verwendet hatte, ruinierten sie die Form des ganzen Schuhs.
Er saß hinter dem Tresen seiner kleinen, ziemlich dunklen Werkstatt, in der es nach Leder, Politur und Klebstoff roch, und hämmerte an einem Paar Armeestiefeln herum.
Als Anne den Raum betrat, hob er den Kopf und stand mit einem einladenden Lächeln auf. »Guten Tag, Miss Riley. Schön, Sie wieder mal zu sehen. Werden Sie jetzt auf Dauer hier in London bleiben?«
»Das kann ich noch nicht sicher sagen, Mr. Hall.« Sie hatte das Gefühl, als ob sie von der Kälte draußen eine leuchtend rote Nase hätte, und schob sich verlegen eine Strähne ihrer seidigen hellbraunen Haare aus der Stirn. »Wir machen ein paar Schulen wieder auf. Das heißt, zumindest haben wir übergangsweise schon einmal eine für die Kinder, die zurück sind, aufgemacht. Ein paar von ihnen haben es nicht geschafft, sich an das Leben auf dem Land und an die fremden Menschen zu gewöhnen, und seit die Bombardierungen nachgelassen haben, wollen auch die Mütter sie endlich zu Hause haben, weil sie denken, dass es zwischenzeitlich wieder halbwegs sicher ist. Auf alle Fälle will ich weiter unterrichten, wenn das möglich ist.«
»Ich bin mir sicher, dass sich Mrs. Ashley freut, dass Sie nun wieder abends ab und zu im Pub aushelfen können – und sicher sind auch alle Ihre Freundinnen und Freunde froh, dass Sie wieder in London sind.«
»Das hoffe ich.« Anne lächelte, denn sie ging Peggy Ashley, die das Pig & Whistle führte und mit der sie gut befreundet war, tatsächlich gern zur Hand. Sie nahm die Schuhe aus dem Korb an ihrem Arm und stellte sie dem Schuster hin. Ein Paar eleganter grauer Wildlederpumps und ein Paar schwarzer Schnürschuhe, die sie im Grunde längst schon gegen ein Paar neuer Schuhe hätte tauschen sollen. »Ich habe mich gefragt, ob Sie die beiden Paare wohl mit neuen Ledersohlen und Absätzen versehen können.«
»Die Pumps bestimmt«, erklärte er, nachdem er sie sich angesehen hatte. »Aber für die schwarzen Schuhe wäre Gummi besser, denn sie brauchen ordentliche, dicke Sohlen, wenn sie noch mal die alte Form bekommen sollen.«
»Ich mag die Gummisohlen nicht, die sind so furchtbar schwer«, gestand ihm Anne mit einem Seufzer ein. »Aber ich nehme an …«
»Es gibt auch dünnere Gummisohlen …« Bevor er sie ihr zeigen konnte, ging die Tür des Hinterzimmers auf, und ein Mann in Armeehose mit Hosenträgern über einem Unterhemd und mit nackten Armen und Schultern kam herein.
»Bob, sind die Stiefel fertig …« Errötend brach er ab. Er war ordentlich rasiert, duftete nach Seife und war mit den hohen Wangenknochen, den dichten dunklen Locken und den blauen Augen mit den dicken Wimpern, auf die sicher alle jungen Frauen neidisch waren, ausnehmend attraktiv. »Verzeihung, Miss. Ich wusste nicht, dass ich auf eine Lady treffen würde, als …«
»Du kannst in einem solchen Aufzug doch nicht einfach in den Laden kommen, Kirk«, schalt Bob. Obwohl er deutlich älter war und graue Schläfen hatte, war die Ähnlichkeit der beiden nicht zu übersehen. »Es tut mir leid, Miss Riley«, wandte er sich wieder seiner Kundin zu. »Kirk ist der Junge meiner Schwester und für ein paar Tage zu Besuch.«
»Kirk Ross«, stellte sich der Soldat jetzt vor und reichte Anne die Hand. Sie merkte, dass die Nägel abgebrochen, aber sauber und die Finger lang und wohlgeformt, infolge harter, körperlicher Arbeit jedoch schwielig waren. »Es tut mir leid, falls ich Sie in Verlegenheit gebracht habe, Miss Riley.«
»Kein Problem«, gab sie zurück, selbst wenn ihr Herz beim Anblick dieses gut aussehenden Mannes etwas schneller als gewöhnlich schlug. Er wirkte fit und durchtrainiert, und seine Muskeln hätten selbst einen Gewichtheber mit Stolz erfüllt. »Ich habe auch schon vorher hin und wieder einen Mann im Unterhemd gesehen, Mr. Ross.« Dann aber wandte sie sich erneut dem Schuster zu. »Also gut, dann nehmen wir Ledersohlen für die grauen und Gummi für die schwarzen Schuhe, denn diese sind inzwischen sowieso so abgelatscht, dass ich mir längst schon hätte neue besorgen sollen, nur dass es einfach nichts zu kaufen gibt, was mir gefällt.«
»Alles klar, Miss Riley. Ich werde das dünnste Gummi nehmen, das ich auf Lager habe, und bis Freitag müssten Ihre Schuhe fertig sein.«
»Danke und noch einen schönen Tag, Mr. Hall … und Mr. Ross.«
Mit diesen Worten trat sie wieder in die kalte Luft hinaus. Es hatte sie ein wenig überrascht, als Bobs Neffe halb bekleidet ins Geschäft gekommen war, doch einen Mann mit einem solchen Körper hatte sie bisher nicht oft gesehen und konnte es kaum erwarten, Peggy von dem kleinen Zwischenfall beim Schuster zu erzählen. Sie wollte sowieso noch kurz bei ihr vorbeischauen, um ihr zu berichten, dass sie jetzt in ihrer Nähe wohnte, weil sie tatsächlich bei Mavis Basset eingezogen war. Auf die Idee hatte die Wirtin sie gebracht, und wenn sie ihr in Zukunft so wie heute Abend in der Wirtschaft helfen wollte, hätte sie es nicht mehr weit. Außerdem hätte sie heute Morgen auf diese Art genügend Zeit, um ausgiebig mit ihr zu schwatzen, ehe sie nach Hause gehen müsste, um sich für den Abend umzuziehen. Mit diesen Augen und mit diesen Muskeln würde Kirk für einiges an Aufhebens in ihrer Gegend sorgen, und sie fragte sich, ob er vielleicht des Öfteren ins Pig & Whistle kommen würde, während er bei seinem Onkel war. Mit etwas Glück würde sie ihn dann ja vielleicht bereits am Abend wiedersehen.
*
Anne lächelte verstohlen, als sie eine halbe Stunde später wieder aus der Küche ihrer Freundin kam. Sie hatten einen netten Plausch gehalten und gelacht, und jetzt kam es ihr vor, als ginge es in ihrem Leben endlich wieder mal bergauf. Nach ihrer unglücklichen Liebschaft mit einem verheirateten Mann hatte die Schulbehörde sie im ganzen Land herumgeschickt, um die Beschulung der dorthin evakuierten Kinder zu organisieren. Nun aber war sie wirklich froh, dass sie wieder in London in der Nähe ihrer Freundinnen und Freunde war.
Bei Peggy gab es immer eine Tasse Tee und ein Stück Kuchen, obwohl ihre Freundin selbst Probleme hatte, weil sie sich von ihrem Ehemann entfremdet hatte, der im Auftrag der Regierung irgendwo in Schottland war. Anne betrachtete sie fast als Schwester und bewunderte sie grenzenlos. Inzwischen war Peggy Anfang vierzig und hatte schon zwei erwachsene Kinder und die kleine Enkeltochter Maggie, aber es schien ihr nicht das Geringste auszumachen, dass sie jetzt noch einmal schwanger war.
Ihre andere gute Freundin Maureen Hart lebte im Haus ihrer Großmutter, das ebenfalls ganz in der Nähe lag. Vor einem guten Monat erst war sie die Frau von Gordon Hart geworden, hatte eine Tätigkeit als Schwesternhelferin im London Hospital, die ihr gefiel, und kümmerte sich rührend um die kleine Tochter ihres Mannes, Shirley, während er mit der Armee wer weiß wo war. Auch sie erwartete ein Kind und hatte Anne in ihr Geheimnis eingeweiht, dass Gordon nicht der Vater war, sie jedoch darin übereingekommen waren, so zu tun, als wäre es von ihm. Er war eben ein anständiger Mann, und Anne hatte Maureen nie glücklicher erlebt, als seit sie seine...




