E-Book, Deutsch, 482 Seiten
Clarke Schwestern für immer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-527-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman - Eine berührende englische Familiensaga über vier Frauen in den Stürmen des Lebens
E-Book, Deutsch, 482 Seiten
ISBN: 978-3-98690-527-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brenda Clarke, auch bekannt unter dem Pseudonym Kate Sedley, wurde 1926 in Bristol geboren. Sie gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Autorinnen von historischen Romanen, ihre Bücher wurden zu internationalen Bestsellern. 1969 begann sie ihre schriftstellerische Karriere und hat seitdem über 50 Romane geschrieben. Bei dotbooks erscheinen Brenda Clarkes gefühlvolle Romane »Die Blume von Cornwall«, »Wie eine Rose im Frühling«, »Zeit der Ginsterblüte«, »Jahre des Sturms, Jahre der Hoffnung«, »Eine Zeit für die Liebe«, »Der Preis des Glücks«, »Schwestern für immer«, »Der Himmel über Glastonbury« und »Der Glanz der Sehnsucht«.
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Kapitel 1
Als Joanna die Küchentür öffnete, stiegen ihr die vertrauten Montagabend-Gerüche in die Nase: die von gekochten Kartoffeln und Wäschedampf. Ganz egal, ob sie nun aus der Winterkälte kam oder aus sommerlicher Hitze, stets fand sie das gleiche vor: einen unordentlichen Haufen ungebügelter Wäsche und die übriggebliebenen Reste des Sonntagsbratens in der blau-weißen Schüssel, die früher Großmutter Harding gehört hatte. Auf dem Herd ein Topf mit Kartoffeln, das Wasser fast völlig verdampft. Und ihre Mutter war nirgendwo zu sehen.
Joanna öffnete die Tür zur Diele und rief laut: »Mum! Ich bin da!«
Jean Marshall kam die Treppe heruntergerannt. Einzelne Strähnen ihres weichen braunen Haars hatten sich aus dem Pferdeschwanz gelöst. In den grauen Augen war wie immer ein bekümmerter Ausdruck, der verriet, wie sehr sie die ihr auferlegte Hausarbeit verabscheute.
»Wo bleibt denn Terry?« wollte sie wissen. Eine Frage, die Joanna wie immer leicht verärgerte.
»Du weißt doch, sie hat heute ihren Sportnachmittag und spielt Hockey. Sie hat es dir heute früh noch gesagt. Ich habe es selbst gehört.«
»Wirklich?« Jean strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ja, jetzt, da du es sagst, erinnere ich mich. Sie hat irgend so was erwähnt.«
Geduldig erklärte Joanna: »Sie ist in der Schulelf, und es finden vor den Osterferien noch ein paar wichtige Spiele statt. Deshalb kann sie auf das Training nicht verzichten.«
Sie machte eine Kopfbewegung zur Küche hin. »Ich vermute, die Kartoffeln brennen gleich an.«
Als Joanna die Treppe hinaufstieg, leise den Tophit »My Old Man’s a Dustman« summend, hörte sie noch den verzweifelten Ausruf ihrer Mutter, die in die Küche rannte. Auf dem Korridor im ersten Stock blieb sie einen Augenblick stehen, dann ging sie auf das Zimmer zu, von dem aus man den Garten an der Rückseite des Hauses überblicken konnte und das seit vier Jahren von Großvater Harding bewohnt wurde. Er war nach dem verhältnismäßig frühen Tod ihrer Großmutter mit fünfundfünfzig Jahren zu ihnen gezogen.
Joanna klopfte an und trat ein.
»Ich bin wieder da, Gramps!«
Reginald Harding schaute von dem Buch auf, in dem er gelesen hatte, und lächelte seine Enkelin an.
»Hallo, mein Liebes, wie war’s heute in der Schule?«
Joanna antwortete mit einem kurzen Nicken, ging auf ihn zu und gab ihm einen Kuß.
»Nicht schlecht.« Es war immer die gleiche Antwort, auch wenn es nicht stimmte. Sie ließ ihre prall gefüllte Schultasche neben der Kommode auf den Boden fallen und setzte sich auf die Lehne seines Stuhls. »Was liest du da?«
Reginald klappte das Buch zu, damit Joanna den Titel lesen konnte. Apfelwein mit Rosie von Laurie Lee.
»Das solltest du auch mal lesen«, schlug er vor. »Ein wirklich gutes Buch! Laurie Lee beschreibt ihre Kindheit in einem Cotswold-Village.«
»Ich leih es mir von dir, bevor du es zur Bibliothek zurückbringst.« Joanna lachte leise. »Vielleicht schreib ich selbst mal ein Buch. Eine Bath-Kindheit von Joanna Marshall. Klingt das nicht gut?«
Ihr Großvater lachte und schüttelte den Kopf.
»Na, ich weiß nicht recht. So gut klingt es nicht. Und es sind über Bath ja schon so viele Bücher geschrieben worden. Geschichtliche, architektonische Studien, Novellen.«
Er sah seine Lieblingsenkelin an. Ihm schien ihr Gesicht etwas blasser zu sein als sonst. Dunkle Ringe unter den Augen ließen auf Müdigkeit schließen. »Viel Schularbeiten?« fragte er mitfühlend.
Joanna brummte vor sich hin. »Es sind die Prüfungen«, sagte sie, ohne eine weitere Erklärung hinzuzufügen.
Reginald Harding brauchte auch keine. Bis zu seiner Pensionierung vor sechs Wochen, im Alter von Sechzig, war er einer »Ihrer Majestät Schulinspektoren« gewesen – eine Stellung, die er in den letzten zehn Jahren nach einem jahrzehntelangen Lehrerdasein bekleidet hatte.
»Mach dir keine Sorgen, Mädchen! Es wird dir nicht halb so schwerfallen wie deiner Zwillingsschwester.«
Joanna seufzte. Dann glitt sie von der Stuhllehne herunter und hob ihre Schultasche auf.
»So sicher bin ich mir da nicht, Gramps.«
Alle seine Enkelinnen nannten ihn so. Schon von klein auf. Sie waren jeden Sonntag zum Essen im Haus ihrer Großeltern gewesen, von dem aus man den Henrietta Park überschauen konnte. Reginald Harding hatte gegen diese Bezeichnung nie Einspruch erhoben, obgleich er für sein Alter noch sehr jung aussah. Schlank und immer sorgfältig rasiert, war er so gepflegt und korrekt in seiner Erscheinung, wie seine Tochter Jean undiszipliniert und unordentlich war. Bernard Marshall hatte man oft die Bemerkung machen hören, daß das Zimmer seines Schwiegervaters der einzige Raum im Haus sei, in dem man alles wiederfinden könne. Das stimmte allerdings nicht ganz, denn das Zimmer der Zwillinge war ebenfalls picobello. Joanna hatte die Ordnungsliebe ihres Großvaters geerbt.
»Terry gehört anscheinend zu den Menschen, die ohne große Anstrengung viel Wissen aufsaugen können«, fuhr Joanna fort. »Sie lernt lange nicht soviel wie ich, und trotzdem sind ihre Zensuren weit besser als meine. Und sie sieht ihre Hausaufgaben erst in letzter Minute noch mal durch. Es ist einfach nicht fair.« Den letzten Satz meinte sie jedoch nicht wirklich ernst, denn sie liebte ihre Schwester Theresa mehr als alles auf der Welt.
Reginald dachte, daß die beiden Mädchen für eineiige Zwillinge von bemerkenswert unterschiedlichem Charakter waren. Sie waren der lebende Gegenbeweis für seine Lieblingstheorie, nach der gleich ist, was gleich aussieht. Theresa, um eine halbe Stunde älter als ihre Schwester, war ausgesprochen extrovertiert, während Joanna eher still war. Sie hörte lieber zu, als selbst zu sprechen, und war, wenn nötig, immer bereit, anderen mit Rat und Tat zu helfen. Im Gegensatz zu ihrer Zwillingsschwester Theresa waren ihr die Sorgen der Mitmenschen nicht gleichgültig. Und so wußte sie auch von Reginalds früherem Leben weit mehr als ihre drei Schwestern zusammen und hatte ein instinktives Verständnis für die Schwierigkeiten, die das fortschreitende Alter mit sich brachte.
»Was macht denn deine Hüfte?« fragte sie noch, als sie schon eine Hand am Türgriff hatte. »Ich glaube nicht, daß ihr dieses Aprilwetter guttut.«
Ihr Großvater lächelte ihr dankbar zu. Seine Tochter Jean erkundigte sich niemals danach.
»Heute geht es, es ist erträglich. Ich konnte sogar nachmittags ohne große Schmerzen im Victoria Park spazierengehen. Ich liebe es, den Kindern an den Schaukeln zuzusehen. Übrigens, hat dir deine Mutter schon erzählt, daß Tante Dora Ostern zu Besuch kommt? Sie hat jetzt eine Pause, oder wie man das sonst nennt, zwischen zwei Engagements, und Jean war so dumm, sie einzuladen.« Reginald lachte. Jede Erwähnung seiner jüngeren Tochter schien ihn zu amüsieren.
Joanna verzog das Gesicht. »Da wird Dad aber toben. Er kann Tante Dora nicht ertragen. Schon gar nicht während der Ferien.« Sie imitierte die Stimme ihres Vaters: »›Während der Schulzeit habe ich einen harten Job, Jean. Einem Haufen rotznäsiger Bengel Mathematik beizubringen, ist wirklich kein Vergnügen. Deshalb kann ich doch wohl erwarten, in den Ferien ein bißchen Ruhe und Frieden zu haben.‹ Außerdem«, fuhr Joanna fort, angespornt durch das schallende Gelächter ihres Großvaters, »wo wird Tante Dora schlafen? In vier Tagen kommt Davey. Ihr Zimmer kann sie also nicht haben. Ich nehme an, sie wird auf der Couch im Arbeitszimmer schlafen müssen, und das wird Dad noch mehr verärgern. Er hat sich vorgenommen, über Ostern an dem neuen Mathematiklehrbuch zu arbeiten, das er schreiben will. Na gut«, schloß Joanna resignierend, »es sieht ganz danach aus, als stünden uns recht lebhafte Tage bevor.« Mit einem bedeutungsvollen Blick schaute sie zur Decke und verließ das Zimmer. Doch gleich darauf sah sie noch mal rein und sagte: »Wenigstens eine von uns wird sich auf Tante Dora freuen: Freddie!«
Als Joanna im zweiten Stock angelangt war, kam im gleichen Augenblick ihre jüngere Schwester, die vierzehnjährige Freda, aus dem kleinen Schlafzimmer, das sie ganz allein bewohnte. Anders als die Zwillinge brauchte sie es mit niemandem zu teilen. Trotzdem war es noch immer ein wunder Punkt für sie, daß sie nicht das große Vorderzimmer, das über dem Schlafzimmer ihrer Eltern lag, bekommen hatte.
»Es ist einfach nicht gerecht«, hatte sie sich schon mehrmals bei ihrer Mutter beschwert, »daß Davey das Zimmer haben darf. Sie ist ja fast nie da, während ich immer hier bin. Wenn ich eine Schauspielerin wie Tante Dora werden will – und das werde ich; ganz gleich, was du und Dad auch sagen werdet, ich bleibe dabei –, dann brauche ich Platz zum Proben. Ich brauche einen großen Spiegel, wie den im vorderen Schlafzimmer, um mich zu kontrollieren, wenn ich übe. Nur so kann ich beurteilen, ob ich etwas falsch mache.«
Jean Marshall sah ein, daß die Argumente ihrer jüngsten Tochter stichhaltig waren, und im stillen stimmte sie ihr sogar zu. Doch ihr Gegenargument wog, wenigstens für sie, genauso schwer.
»Du weißt, dein Vater verträgt es nicht, wenn du über seinem Kopf herumtrampelst und deklamierst und dann auch noch deinen gräßlichen Plattenspieler Tag und Nacht laufen läßt. Und wenn er sich obendrein ständig den Chor aus ›Living Doll‹ in voller Lautstärke mit anhören muß, dann glaube ich nicht, daß er noch lange für sein Handeln verantwortlich gemacht werden kann.«
Darauf gab sich Freda zwar geschlagen, aber im stillen schimpfte sie über Menschen, die total gefühllos sein mußten, weil sie Cliff Richard nicht mochten. Jean jedoch hatte erst mal wieder ihren Frieden – bis...




