E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Claus Narziss II - Zehn Jahre danach
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86361-444-7
Verlag: Himmelstürmer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-86361-444-7
Verlag: Himmelstürmer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auch in der Fortsetzung von 'Narziss - Verbrannte Erde' geht es spannend weiter: Nicolas von Sydow ist inzwischen 42 Jahre alt. Er hat die letzten zehn Jahre an der Seite eines Drogenbosses in Italien verbracht. Ein Leben, das seinen narzisstischen Charakter nicht zum Besseren geformt hat. Er ist zur Zeitbombe geworden, in seiner Emotionslosigkeit gefährlicher als jemals zuvor. Wieder einmal muss er fliehen und kommt so zurück nach Deutschland, wo er sich ein Leben nach seinen Vorstellungen aufbaut. Dabei opfert er wie gewöhnlich seine Mitmenschen dem ihm eigenen Egoismus, benutzt sie als Mittel zum Zweck, um seine Ziele zu erreichen. Seine Vorgehensweise hat sich nicht geändert, noch immer ist er ein Meister darin, andere zu manipulieren und für seinen Vorteil zu benutzen. Aber Nico trifft auch auf Menschen aus seiner Vergangenheit und begreift zu spät, dass diese für ihn nicht mehr manipulierbar sind. Und schließlich gibt es da noch den vierundzwanzigjährigen Florian, ein attraktives Model, den er einfach nicht in den Griff bekommt. Den widerspenstigen Florian zu zähmen, weckt Nicos Ehrgeiz und am Ende steht die Frage, wer nun wen beherrscht und warum.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1 Zehn Jahre danach Nico öffnete die Augen und sofort war das Gefühl des Ausgebranntseins da. Ohne Lust und nur widerwillig setzte er sich müde auf, sein erster Blick fiel aus dem Fenster auf die Adria. Sanfte, dunkelblau schimmernde Wellen, in der Sonne leuchtende, weiße Yachten und ein Touch von Urlaub. Aber letzteres hatte er sich schon lange abgeschminkt. Was er hier tat, hatte nichts mit Erholung und Ruhe zu tun. Zehn Jahre war er nun hier in Italien, als Partner eines albanischen Drogenbosses kannte er endlich keine Geldprobleme mehr und lebte sozusagen im Paradies. Das sah allerdings nur von außen so aus, in Wirklichkeit fraß dieses Leben an ihm. Er stand ständig mit dem Rücken zur Wand, hatte sich damit arrangiert, Fatos Laufbursche und teilweise Vollstrecker von Repressalien zu sein. Nicht, dass ihm die Machtausübung auf Schwächere gegen den Strich gegangen wäre. Im Gegenteil, er genoss es, seine Autorität zu demonstrieren, die auf dem Respekt und der Angst vor seinem Freund basierte. Aber die Jahre hatten seine Einstellung verändert. Zwar war er sich immer noch selbst der Nächste, aber dieses Leben nutzte seine Kräfte ab. Es fiel ihm jeden Tag schwerer, zum eigenen Vorteil gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Immer öfter kam die Frage auf, ob er wirklich so seine restliche Zeit verbringen wollte. Er war jetzt zweiundvierzig Jahre alt und wenn er an Fatos dachte, schob sich sofort wieder ein leidenschaftlicher Fluchtgedanke in den Vordergrund. Allerdings war das in dem Milieu nicht so einfach. Bisher schaffte er es stets, sich selbst zu versichern, dass das Geld und der Status den Einsatz wert waren, aber mit den Jahren verlor er mehr und mehr die Motivation. Nicht zuletzt, weil seine Beziehung zu Fatos sich auf einer Ebene eingependelt hatte, auf der er psychologische und manchmal knallhart körperliche Opfer bringen musste – und das lag ihm gar nicht. Fatos war schwerfällig, aber er ließ keinen Widerspruch zu. Seine Durchsetzungsmöglichkeiten erwiesen sich dabei als ebenso grob wie effektiv, was Nico nach vielen Kämpfen letztendlich hasserfüllt duldete, aber niemals akzeptierte. Deswegen trat etwas ein, das er in seinem Leben vorher noch nie auf sich genommen hatte. Es gab Dinge, bei denen er sich unterordnen und zurückstecken musste. Er tat es, weil die Konsequenz daraus auch Vorteile für ihn waren. Er füllte eigene Konten mit dem Geld, welches für ihn abfiel und ließ seine Wut auf Fatos an Menschen aus, die sich nicht wehrten. Nico stand auf, nackt wie er war ging er an das große Fenster und schaute hinaus. Scheißsonne – sie blendete ihn und sein Gemüt. Er fühlte sich noch immer fremd in dem italienischen Ort Roca Vecchia auf der Halbinsel Salento, die im Südosten des Landes lag. Nur ungefähr 90 Meilen trennte das Meer sie von Albanien, von wo aus sie Cannabis importierten und dabei immer auf den Hut vor Entdeckung sein mussten. Fatos schmierte zwar die richtigen Stellen, aber dennoch war nicht auszuschließen, dass sie erwischt wurden. Auch wenn der Verkauf der Droge größtenteils nicht behindert wurde, bestand immer die Gefahr, dass ein Exempel statuiert werden musste, um die Öffentlichkeit zu beruhigen. Die Verstrickung italienischer Mafiabosse und albanischer Politiker durfte nicht allzu offensichtlich werden und so gab es von Zeit zu Zeit immer mal wieder Beschlagnahmungen und Verhaftungen. Nico schaute auf das Bett, das trotz seiner Größe in dem riesigen, sonnendurchfluteten Raum klein wirkte und ging Richtung Bad. Wenigstens gab es inzwischen getrennte Schlafzimmer. Er grinste bitter. Fatos kam dennoch zu ihm, wann immer es ihm in den Kram passte. Das zu ertragen wurde für Nico von Mal zu Mal schwieriger, aber noch sah er diesen Nutzen für sich und machte mit. Beim Sex genau wie bei anderen Dingen. Zumindest im Bett waren Fatos Wünsche in den letzten Jahren weniger geworden, er umgab sich gern mit jungen Italienern, die wöchentlich wechselten. Im Übrigen verließ er sich jedoch mehr und mehr auf Nico. So musste dieser zum Beispiel heute nach Albanien übersetzen. Ihr Marihuana-Dorf in der Nähe von Lazarat, dem Zentrum des Cannabisanbaus, machte Schwierigkeiten wegen des Preises. Nico würde wie immer Fatos Interessen vertreten müssen und hatte an diesem Tag absolut keinen Bock dazu. Er ließ das warme Wasser über seinen immer noch durchtrainierten Körper prasseln und widmete sich wie immer ausgiebig dem Trimmen seiner Körperhaare. In all den Jahren hatte er sich nicht davon abbringen lassen, sich auf gewohnte Weise zu pflegen, auch wenn Fatos ihn deswegen mit einer Frau verglich und sich darüber lustig machte. Auch ein Punkt, den Nico von Anfang an hasste. Schon damals, vor zehn Jahren, als sie sich kennenlernten, war das so. Aber da er alle Brücken hinter sich abbrach, musste er bleiben und hatte so gesehen noch Glück, dass Fatos sich auf ihn festlegte. Dabei war der andere nie sein Typ gewesen. Untersetzt, geschmacklos gekleidet, primitiv und niveaulos in seinem Denken und insgesamt irgendwie schmierig … das genaue Gegenteil von Nico selbst. Deshalb hatte er schnell begonnen, sich vor dem Albaner und seinen Berührungen zu ekeln. Dennoch schlief er mit ihm, was nicht verhinderte, dass es bis zum heutigen Tag immer wieder zu Machtkämpfen zwischen ihnen kam. Dieses ständige Unterordnen verwandelte Nico zwar in eine emotionale Zeitbombe und der Zünder aus Jähzorn tickte gleich unter der Oberfläche, aber er hatte im Vergleich zu früher gelernt, zumindest nach außen hin eiskalt zu bleiben und niemals die Kontrolle zu verlieren. Er musste es lernen, wenn er überleben wollte. Fatos, der versteckt schwul lebende Sohn eines albanischen Kleinstadtbürgermeisters, war sich der Wichtigkeit von eigenen Gnaden voll bewusst und wollte sie berücksichtigt wissen. Er schreckte auch vor Gewalt nicht zurück, um seine Profilneurose zu bedienen, welche er in erster Linie aufgrund seiner geringen Körpergröße und des in Albanien verpönten Schwulseins entwickelt hatte. In Bezug auf Nico manifestierte sie sich von Anfang an in Handgreiflichkeiten und Beleidigungen. Das für diesen so wichtige Gefühl, alles im Griff zu haben, kannte er schon lange nicht mehr. Damals in Deutschland konnte er mit den Menschen seiner Umgebung spielen, dort war er derjenige, um den sich alles drehte. Wenn er daran dachte, überkam ihn ein wohliges Gefühl. Auch wenn seine Intrige innerhalb der Familie L‘Arronge schiefgegangen war, in seinem Heimatland hatte er zumindest die Kontrolle über sein Leben gehabt – allerdings blieb er dabei arm wie eine Kirchenmaus. Jetzt waren seine Konten gut gefüllt, aber er musste sich zwangsweise nach Fatos richten. Auch wenn ihm das eine Menge Vorteile brachte, zog er die Wand aus Ablehnung in seinem Inneren immer höher. Er hatte Angst vor dem Tag, an dem es mit ihm durchging und er sich nicht mehr verstellen konnte. Denn auch, wenn er mittlerweile wusste, wie er bei Fatos am besten und vor allem unverletzt durchkam – es blieb ein ständiger Kampf mit sich selbst, sich daran zu halten. In den letzten fünf Jahren ihres Zusammenlebens war die Kurve von Fatos Aggressivität abgeflacht, weil Nico immer besser darin wurde, sich dem Anschein nach unterzuordnen. Er ließ den Freund in dem Glauben, in ihm einen loyalen Begleiter im privaten Leben und Komplizen in allen Belangen des Drogenhandels zu haben. Dessen ungeachtet schmiedete er Pläne, wie er rauskommen konnte, bisher jedoch eignete sich keiner zur Umsetzung. Nico stand umgeben vom Dampf der Dusche vor dem Spiegel und wischte letzteren mit der Hand frei. Dabei starrte er sich an. Sein bildschönes Gesicht hatte seinen vordergründig unschuldigen Zauber verloren. An seine Stelle war etwas anderes getreten – er konnte es nicht benennen. Er sah noch immer gut aus, aber die zehn Jahre an Fatos Seite hatten die oberflächliche Schönheit und seinen fesselnden Charme gefressen wie ein Wolf das Ziegenjunge. Schon seine verschiedenfarbigen Augen, braun und blau, wirkten nicht mehr wie früher geheimnisvoll und interessant, jetzt war sein Blick von Rücksichtslosigkeit und Hinterlist erfüllt. Noch immer gab er sich stolz, von sich selbst eingenommen und selbstbewusst, aber inzwischen sah man ihm gleichzeitig auch seine unberechenbare Gefährlichkeit an. Und genauso fühlte er sich auch. Ein explosiver Behälter aus Zorn und Missgunst, der ohne menschliche Rücksichten Fatos Willen durchsetzte. In dem Zusammenhang musste er zwangsläufig auch etwas über das Älterwerden lernen. Damals dachte er noch, er könne dem Veränderungsprozess mit Operationen entgegenwirken. Erst zu spät erkannte er, dass Falten nichts mit dem Gesichtsausdruck zu tun hatten, der die zurückliegenden Jahre widerspiegelte. Sein Leben ließ sich nicht verleugnen, es hatte sich in sein Gesicht geschnitten. Auch wenn er es sich leisten konnte, durch OPs für Faltenlosigkeit zu sorgen, seinen Charakter verbarg er auf diese Weise nicht. Es war nicht wirklich Wehmut, mit der er an diesem Morgen an seine damalige Zeit in Köln dachte. Im Gegenteil, inzwischen fand er, zu jener Zeit war er ein Amateur im Umgang mit anderen Menschen gewesen. Viel zu rücksichtsvoll und in manchen Angelegenheiten dumm wie Brot. Dinge wie...




