E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Cílek Gleise in den Tod
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-38637-2
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Holocaust
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-38637-2
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman Cílek wurde 1937 im rastlosen und suchenden Sternzeichen der Fische in ?eské Bud?jovice geboren. Seine Kindheit und Jugend war geprägt von der Verhaftung und Hinrichtung seines Vaters während der Heydrichiade - der Terrorwelle, mit der die deutschen Besatzer nach dem erfolgreichen Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich am 27. Mai 1942 das Land überzogen und die rund 5000 Todesopfer forderte. Cílek lebte in Sob?slav und in Ústí nad Labem, bevor er in den Nachkriegsjahren Prag als Wohnsitz wählte, wo er bis heute lebt. Lange Zeit arbeitete Cílek als Journalist. In mehr als einem halben Jahrhundert literarischen Schaffens hat er Dutzende von Sachbüchern und psychologisch raffinierte Detektivgeschichten veröffentlicht. Einige seiner Werke gewannen bedeutende Preise und wurden verfilmt: "Výst?ely ve vile Edelweiss" (Schüsse in der Villa Edelweiss); "Olga Hepnárová - zabíjela, proto?e neum?la ?ít" (Olga Hepnárová - sie tötete, weil sie nicht leben konnte). In den letzten Jahren fesselten unter anderem Cíleks Bücher "P?ejde nás smích aneb Prokletí moci" (Das Lachen vergeht uns oder Der Fluch der Macht - hinter den Kulissen politischer Prozesse in der Nachkriegszeit); "Do?ivotní ztráta sv?domí" (Lebenslanger Verlust des Gewissens); "Skorzeny: ?ivot na hran?" (Skorzeny: Leben am Abgrund); "Eichmann: architekt holocaustu" (Eichmann: Architekt des Holocaust); "Krvavá p?edehra - ?pan?lská ob?anská válka a zahrani?ní intervence 1936-1939" (Blutige Ouvertüre - Spanischer Bürgerkrieg und ausländische Intervention 1936-1939) seine Leser.
Weitere Infos & Material
Karl Wolff: Retter Europas
Je kürzer sich der Angeklagte immer dann fasste, wenn von der Ausrottung der Juden die Rede war – also dem Kern der Anklage – umso beredter argumentierte er in Fällen, wo er in einem besseren Licht glaubte erscheinen können. Artistisches Balancieren zwischen den beiden Enden des Seils: Einerseits betonte er seinen geringen Informationsstand alle grundlegenden Fragen betreffend und mithin eigentlich die Bedeutungslosigkeit seiner Funktionen in der SS – andererseits sprach er gern über seine außergewöhnliche Stellung innerhalb des „Dritten Reichs“, teilweise sogar in Opposition gegen den Reichsführer SS.
„Mein Respekt für Himmler nahm immer mehr ab“, behauptete er.
„Das sagten Sie bereits. Wir würden es gern detaillierter hören.“
„Ich erinnere mich an einen charakteristischen Vorfall. Der Gauleiter der Partei in Danzig, Forster, sagte einmal unter Alkoholeinfluss vor niederen SS-Rängen, er selbst würde es nicht wagen, das Wort Rasse in den Mund zu nehmen, wenn er wie Himmler aussehen würde. Meiner Meinung nach war dies eine schwere Beleidigung. Himmler jedoch unternahm nichts gegen Forster und unterdrückte aus taktischen Gründen eine Reaktion. Dadurch hat er vor mir das Gesicht verloren und ich habe seine Unmännlichkeit erkannt.“
„Unmännlichkeit…? Ich gebe Ihnen nun, Herr Wolff, die Gelegenheit, über Ihre Scheidung und den folgenden Streit mit Heinrich Himmler zu sprechen.“
„Ja, das war der Moment, in dem alles in mir zerbrochen ist… Ich hatte ein Kind aus erster Ehe. Dann habe ich eine dauerhafte Beziehung zu einer anderen Frau aufgebaut und hatte auch mit ihr ein Kind. Nach Jahren wollte ich diese Angelegenheit durch eine Scheidung und eine neue Ehe ehrenhaft lösen. Mein Chef Himmler indes widersetzte sich dieser Lösung.“
„Warum?“
„Hauptsächlich, weil er in eine nicht beneidenswerte Position geraten wäre, denn er selbst war unfähig, für sich eine ähnliche Lösung zu finden. Als einer von wenigen Menschen war mir näher bekannt, dass Himmler eine streng geheime Beziehung mit seiner ehemaligen Sekretärin Potthast unterhielt… Ich glaube, sie hieß Hedwig, aber er nannte sie Häschen – und hatte mit ihr, wenn ich mich nicht täusche, einen Jungen und ein Mädchen. Wir haben uns wegen seinen und meinen persönlichen Sorgen schrecklich gestritten, und er hat mich einmal derart beleidigt, dass ich ihn fast körperlich angegriffen hätte. Zum Glück habe ich mich im letzten Augenblick beherrscht, andernfalls hätte das schlimme Folgen für mich gehabt.“
„Danach hat er Ihnen die Scheidung aber doch erlaubt?“
„Er hat es nicht erlaubt. Ich habe dann aber Hitler persönlich um Erlaubnis zur Scheidung und Schließung einer neuen Ehe gebeten, der meiner Bitte umgehend entsprochen hat. Himmler ärgerte sich über die Tatsache, dass ich ihn umgangen hatte, schrie mich an, lehnte es ab, zu meiner Hochzeit zu kommen und verbot den Kameraden aus der SS, mir Glückwünsche zu schicken… Danach bin ich auch erkrankt und musste mich einer schweren Operation unterziehen. Auf jeden Fall konnte ich die anspruchsvolle Funktion des Verbindungsoffiziers der SS-Einheiten im Führerhauptquartier nicht mehr ausüben.“
„Unter diesen Umständen sind Sie nach Italien gegangen?“
„Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus im Sommer 1943 hatte ich andere Absichten. Himmler bot mir an, als Stellvertreter des Reichsprotektors Böhmen und Mähren nach Prag zu gehen. Ich antwortete: »Ich möchte Sie bitten, mich aus gesundheitlichen Gründen aus der SS zu entlassen.« Der Reichsführer explodierte buchstäblich: »Aus der SS austreten? Sind Sie wahnsinnig, Mann? Was fällt Ihnen ein – wir sind ein Ritterorden und kein Kegelklub. Sie wollen doch nicht, dass ich dem Führer melde, dass Sie an Verrat denken!?« Nun, am Ende kam alles anders…“
Wahrlich anders.
Wolff wurde nach Italien versetzt, wo er Oberbefehlshaber der SS und der Polizei wurde, aber später praktisch Kommandant dieses gesamten Kampfabschnittes, was für einen General der Waffen-SS eine ungewöhnliche Position war. Anschließend war er an der Vorbereitung einer der dramatischsten Einzelaktionen des Krieges beteiligt: Der Befreiung Benito Mussolinis aus der Gefangenschaft in Gran Sasso. Nachdem das daran beteiligte Sonderkommando des SS-Hauptsturmführers Skorzeny am 12. September 1943 mit dieser tollkühnen Aktion Erfolg hatte, wurde Mussolini nach einem Besuch bei Hitler in Wolffs Obhut übergeben. Dieser wählte ein Gebäude am Ufer des Gardasees als Wohnsitz und ließ den Duce von SS-Einheiten beschützen. In Waffen-SS-General Wolffs Hände gelangte auch der berühmte Befehl von Marschall Albert Kesselring vom 17. Juni 1944: „Ich werde mich für jeden Befehlshaber einsetzen, der bei Repressalien gegen die Aufständischen oder die Zivilbevölkerung härter vorgeht als im Wortlaut der erteilten Befehle.“ Selbstverständlich gingen Wolffs Untergebene, Angehörige der SS, auf italienischem Territorium mit größter Brutalität vor. Im August und September 1944 zog ein SS-Bataillon durch die Toskana und die Emilia. Unter anderem sind seine Mitglieder für die Tragödie in der Stadt Marzabotto verantwortlich – das „italienische Lidice“, wo mehr als achtzehnhundert Menschen vor den Hinrichtungskommandos standen. Die Zeit, die Wolffs Person mit Legenden umspinnen sollte, war jedoch noch nicht gekommen.
Frühjahr 1945.
Die Situation war damals auf beiden Seiten kompliziert, obwohl die Entscheidung über den schließlichen Ausgang des Krieges im Grunde genommen bereits gefallen und die endgültige deutsche Niederlage nur noch eine Frage der Zeit war. Seit Herbst des Vorjahres hatten deutsche Truppen in Italien den Vormarsch anglo-amerikanischer Invasionskräfte verhindert. Nach der Versetzung von Feldmarschall Kesselring auf den Posten des Kommandanten der Westfront wurde Wolff zum uneingeschränkten Gebieter in Norditalien. Die Partisanen-Bewegung und der Hass auf die Besatzer nahmen zu dieser Zeit in Italien deutlich zu. Tag für Tag stieg die Wahrscheinlichkeit eines revolutionären Volksaufstands und der Vereinigung italienischer Partisanen mit jugoslawischen Truppen unter der Führung von Marschall Tito. Die Westalliierten hingegen bemühten sich, so schnell wie möglich und ohne unnötige Verluste über Triest und den Laibacher Zipfel Jugoslawiens nach Österreich vordringen zu können und sich so dem Zentrum Europas zu nähern.
All dies bereitete den Boden für Verhandlungen hinter den Kulissen.
Karl Wolff verstand damals, dass sich ihm hier eine wahrhaft einzigartige Gelegenheit bot.
•••
„Herr Angeklagter“, fragte ihn Dr. Emil Mannhardt jetzt vor dem Münchner Gericht, „wie haben sich Ihre Ansichten zu den deutschen Kriegschancen entwickelt?“
„Schon früher tauchten bei mir Zweifel einen deutschen Sieg betreffend auf, hervorgerufen durch das allmähliche Scheitern bei El Alamein, den Verlust der Kontrolle über den deutschen und europäischen Luftraum und die Katastrophe von Stalingrad im Januar 1943. Später wuchsen diese Zweifel durch die italienische Krise, den Sturz Mussolinis und Anfang Juni 1944 die Evakuierung Roms.“
„Bereits zuvor, im April 1944, kam es zu einer Papst-Audienz…“
„Ja, damals dachte ich bereits systematisch darüber nach, dass ich etwas für die Sache des Friedens tun sollte. Das Gespräch mit Pius XII. vermittelte mein Verbindungsoffizier bei Mussolini, SS-Standartenführer Dolmann, der über glänzende Kontakte in die römische Gesellschaft verfügte. Der Heilige Vater sagte mir in diesem persönlichen Treffen: »Wieviel Unglück hätte verhindert werden können, wenn Gott Sie etwas früher zu mir gebracht hätte.« Und zum Abschied sagte er: »Sie begeben sich auf eine schwierige Reise, General Wolff! Darf ich Ihnen dafür meinen Segen geben?«“
„Wenn Sie von Handlungen für die Sache des Friedens sprechen, meinen Sie damit die Kapitulationsverhandlungen, an denen Sie etwa elf Monate nach Ihrem Treffen mit dem Papst teilgenommen haben?“
„Ja sicher.“
Wasser auf Wolffs Mühlen. Im Gerichtssaal ertönten dann viele große Worte. Der Kern des Geschehens kann knapper wiedergegeben werden. Anfang März 1945 saß SS-General Karl Wolff im Gebäude des amerikanischen Konsulats in Zürich, um mit einem Mann zu verhandeln, der definitiv nicht zum Kreis seiner dienstlichen Kontakte zählte. Es war der Leiter der örtlichen Abteilung des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes Allen Welsh Dulles. Die streng geheime Operation, auf die sie sich geeinigt hatten, erhielt von amerikanischer Seite...




