Clemens | Familie mit Herz 120 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 120, 64 Seiten

Reihe: Familie mit Herz

Clemens Familie mit Herz 120

Ihr habt mir gar nichts zu sagen!
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2717-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ihr habt mir gar nichts zu sagen!

E-Book, Deutsch, Band 120, 64 Seiten

Reihe: Familie mit Herz

ISBN: 978-3-7517-2717-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Grün und lila gefärbte Haare bei einem Dreizehnjährigen - wer mag das?
Tom auf jeden Fall, der damit gegen alles rebelliert, was Zwang bedeutet.
Vanessa mag die 'Verkleidung' ihres kleinen Bruders nicht. Aber immerhin hat sie im Gegensatz zu anderen Verständnis für Tom. Sie weiß, dass er damit nur seine Gefühle verstecken will. Niemand soll erfahren, wie traurig er ist, weil er keine Eltern mehr hat.
Vanessa will ihm gern Wärme und Zuneigung geben, aber Tom wehrt sich. Zu oft ist er enttäuscht worden, zu oft hat man ihm durch Ablehnung wehgetan. Da ist er lieber aufsässig, auch wenn ihn das nur noch mehr ins Aus stellt. Gefühle sind für Tom 'out' - cool sein ist 'in'!
Vanessa sieht Toms Entwicklung voller Angst. Was kann sie bloß noch tun, um ihm zu helfen?

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Ihr habt mir gar nichts
zu sagen!

Ein Junge rebelliert gegen die Welt der Erwachsenen

Von Vicki Parker

Grün und lila gefärbte Haare bei einem Dreizehnjährigen – wer mag das?

Tom auf jeden Fall, der damit gegen alles rebelliert, was Zwang bedeutet.

Vanessa mag die »Verkleidung« ihres kleinen Bruders nicht. Aber immerhin hat sie im Gegensatz zu anderen Verständnis für Tom. Sie weiß, dass er damit nur seine Gefühle verstecken will. Niemand soll erfahren, wie traurig er ist, weil er keine Eltern mehr hat.

Vanessa will ihm gern Wärme und Zuneigung geben, aber Tom wehrt sich. Zu oft ist er enttäuscht worden, zu oft hat man ihm durch Ablehnung wehgetan. Da ist er lieber aufsässig, auch wenn ihn das nur noch mehr ins Aus stellt. Gefühle sind für Tom »out« – cool sein ist »in«!

Vanessa sieht Toms Entwicklung voller Angst. Was kann sie bloß noch tun, um ihm zu helfen?

Die Möbelpacker klingelten Punkt sieben Uhr.

»Tach, Kleine«, grüßte der derbste der muskelbeladenen beiden Männer freundlich und tippte an seine blaue Mütze. »Na, wo sollen die Klaviere denn hin, hahaha?«

Fast widerwillig musste Vanessa lachen. In Jeans und mit diesem rot karierten Männerhemd, von dem niemand wusste, wem es einmal gehört hatte, sah sie vermutlich wie dreizehn aus, und die Umzugsleute glaubten wohl, sie müssten ihre Comic-Hefte einpacken.

»Tja, Kleine, wo sind denn nun deine alten Herrschaften?«

Vanessa stellte sich auf die Zehenspitzen, reckte ihren schmalen Hals, schob kampfeslustig ihr Kinn vor ... und so schaffte sie es gerade, wenigstens in etwa dem großen Möbelpacker in die Augen zu sehen.

»Alte Herrschaften gibt es hier nicht«, entgegnete die Siebenundzwanzigjährige. »Mein Bruder und ich ziehen um.«

Ihr hellbrauner lockiger Pferdeschwanz wippte bestätigend dabei, die blaugrünen Augen blitzten, und ihr Gesicht – eben noch von den nächtlichen Strapazen der Kartonpackerei blass und müde – rötete sich ein wenig.

Ich bin es leid, dass mich jeder für eine Halbwüchsige hält, dachte sie.

Der Mann lachte und reichte ihr eine schwielige Hand.

»Nichts für ungut, Kleine. Also, Rudi, zeig, was du kannst! Die junge Frau hier scheint ja alles vorbildlich verpackt zu haben und ...«

In diesem Augenblick geschah es. Es geschah immer, sobald Thomas sich näherte. Auch die unerschrockendsten Zeitgenossen erschraken, wichen demonstrativ vor ihm zurück und starrten ihn – aus sicherer Entfernung – mit offenem Mund an.

Breitbeinig stand Tom da, ein langer Lulatsch undefinierbaren Alters. Er schnalzte mit der Zunge, oder war es sein Kaugummi, das dieses unangenehme Geräusch machte?

»Hallo«, brummte er und grinste dabei.

Manche Leute empfanden dieses Lächeln als bedrohlich.

»Ähm«, machte der Möbelpacker verblüfft.

Er starrte den Jungen an, der wie üblich schmutzige, durchlöcherte und irgendwo im Bereich der Wade rigoros abgeschnittene Jeans trug, ausgefranste Turnschuhe, aus denen der – natürlich unbestrumpfte – große Zeh heraustrat, und mehrere speckige T-Shirts mit schreienden Aufdrucken übereinander.

»Bist du fertig, Zwiebel?«, fragte Vanessa mit leichter Ungeduld in der Stimme.

Der Junge drehte sich um. Sein giftgrüner Ohrring brachte dabei einen fast melodischen Ton hervor.

Alle nannten ihn Zwiebel der vielen übereinander getragenen T-Shirts wegen, doch das konnte der Möbelpacker natürlich nicht wissen. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er es richtig fand, dass so ein furchtbarer Teenager auch einen furchtbaren Namen hatte.

Wären Toms Klamotten doch nur das Schlimmste an ihm gewesen! Aber nein! Seine Haare, falls man diese verfilzte Matte überhaupt so nennen konnte, waren links grell lila gefärbt und wie mit einer Heckenschere in wahllose Stufen geschnitten. Rechts hingegen wuchsen sie schulterlang und leuchteten flammend rot.

»Wallawalla«, nannte Zwiebel seine Frisurenkreation lakonisch.

Dreizehn war er, in einem schwierigen Alter also, doch deshalb konnte man ihm weder sein entsetzliches Benehmen noch seine eigenartige Kleidung verzeihen. Unmöglich war er immer gewesen.

»Tja, dann woll'n wir mal!«

Die Umzugsleute hievten die wenigen Kisten und Kartons auf den Lastwagen. Vanessa schleppte noch zwei prall gefüllte Koffer hinaus, lief zurück, um noch einen Augenblick in der kleinen Wohnung allein zu sein.

»Adieu, Bremen«, murmelte sie. »Adieu ...«

Zwiebel musste sich von hinten herangeschlichen haben. Er räusperte sich.

»Nich' traurig sein, Nessie!«, brummelte er.

Sie konnte es nicht leiden, wenn er sie Nessie nannte. Wie das Ungeheuer von Loch Ness kam sie sich dann vor, und wahrscheinlich glaubte Zwiebel auch, sie wäre es.

»Ich bin ja gar nicht traurig«, schwindelte sie. »Es ist nur ...«

Für einen, der einen grünen Ohrring trug, war er recht sensibel ... wenn er wollte.

»Es ist nur, weil du diesen Dreckskerl immer noch liebst«, meinte er. »Ich konnt ihn nie ausstehen. Lässt dich sitzen, nur wegen mir!«

Nur? Ach, würde der Junge doch nur einmal in den Spiegel sehen!

»Wir können losfahren«, sagte der Umzugshelfer. »Sie können vorn bei uns sitzen, aber Ihr Bruder ...«

Zwiebel machte eine lässige Handbewegung, schwang sich mit einem einzigen Satz hinter die gerade befestigte Plane.

»Das ist verboten!«, rief der muskelbepackte Mann.

Noch lässiger winkte Tom ab.

Der Motor wurde gestartet. Ganz so, als ahnte der Fahrer, womit Vanessa sich beschäftigte, zog er eine Schleife um den Wohnblock. Der Abschied von Bremen ...

»Haben Sie lange hier gewohnt?«

Vanessa wischte die Tränen fort.

»Lange? Nein, nur ein gutes halbes Jahr.«

Er trat auf die Bremse. Natürlich, wie sollte er das auch verstehen, dass jemand weinte, weil er umzog ... und doch unmöglich hier Wurzeln haben konnte.

»Vielleicht ein neues berufliches Angebot?«, erkundigte sich der Möbelpacker.

Vanessa schüttelte den Kopf.

Da endlich begriff er.

»Es ist wegen – ihm, nicht? Wegen dieses Jungen?«

Sie nickte. O ja, es war Zwiebels Schuld, dass sie in den letzten Jahren nirgendwo länger als ein Jahr geblieben waren, allenfalls vom Beginn eines Schuljahres an bis zu den Versetzungszeugnissen ...

»Wenn's Ihnen guttut, reden Sie doch drüber«, brummelte der Mann.

???

Der kleine Lastwagen hoppelte über die Bundesstraße, dem hohen Norden entgegen. Wäre der Grund dieser Fahrt ein anderer gewesen – Vanessa hätte sich über die vorbeihuschenden grünen Wiesen gefreut, über die goldgelb wogenden Kornfelder, das schmale Flüsschen, das träge gen Westen floss. Aber so?

»Das ist eine lange Geschichte«, seufzte sie ein wenig verzagt. »Aber wenn Sie sie hören möchten ...«

Ganz nüchtern erzählte sie davon, von diesem Tag vor zwölf Jahren, als ihre Mutter gestorben war. Thomas war noch ein Baby gewesen, ein süßes, fröhliches Baby, das den ganzen Tag nur gelacht hatte. Aber dann war die Mutter plötzlich nicht mehr da gewesen ...

»Aber er hatte doch einen Vater, oder?«, wollte der Möbelpacker sichtlich gerührt wissen.

Vanessa lächelte ein wenig bitter.

»Unser Vater ist Professor für Archäologie. Was das heißt, können Sie sich unmöglich vorstellen. Solche Menschen haben an nichts anderem als prähistorischen Funden Interesse. Ein Schädelknochen, der fünftausend Jahre alt ist, fasziniert sie so sehr, dass sie darüber alles andere vergessen.«

Professor Dr. Dr. Konrad-Sibelius Lange hatte sogar fast die Beerdigung seiner Frau vergessen. Nur ungern hatte er sich von seinem Schreibtisch zu Hause fortziehen lassen, und wäre Vanessa nicht noch zurückgelaufen, er wäre so zur Trauerfeier erschienen: in einer Schlafanzughose, mit dickem Wollschal um den Hals, Pantoffeln und bloßem Oberkörper.

Es war Februar gewesen und bitterkalt ...

»Ganz schön verrückt, manche Menschen«, meinte der Möbelpacker. »Aber immerhin: So ein Vater ist doch besser als gar keiner. Ein Professor bringt doch wenigstens viel Geld nach Hause ...«

Wieder lächelte Vanessa ein wenig bitter. Manche Professoren – ja. Aber doch nicht ihr Vater! Dass die drei restlichen Familienmitglieder essen mussten, war ihm nicht in den Sinn gekommen. Er hatte in der Regel kaum selbst etwas gegessen, allenfalls mal an Keksen geknabbert, dafür literweise schwarzen stark gesüßten Tee getrunken. Er war rappeldürr wie Zwiebel gewesen. Nur dass der Junge wie ein Scheunendrescher fraß.

»Mit sechzehn bin ich von der Schule abgegangen«, erzählte sie weiter. »Ich hätte so gern mein Abitur gemacht, Fremdsprachen studiert. Aber das ging einfach nicht. Jemand musste doch da sein,...



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