Cline | Nach 1177 v. Chr. | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Cline Nach 1177 v. Chr.

Wie Zivilisationen überleben
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-534-61022-8
Verlag: Theiss in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie Zivilisationen überleben

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-534-61022-8
Verlag: Theiss in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eric H. Cline knüpft mit seinem neuen Buch an seinen internationalen Bestseller »1177 v. Chr.« an. Nach dem Untergang der bronzezeitlichen Reiche im östlichen Mittelmeer geht es um die neue Welt, die nach dem Ende der Bronzezeit entsteht. War es wirklich ein Dunkles Zeitalter? Cline zeigt, wie die Karten der Macht neu gemischt werden. Wie sich aus der Asche der alten Welt eine Epoche mit bahnbrechenden Erfindungen erhebt. Das erste Alphabet entsteht. Bei den Werkstoffen setzt sich das Eisen durch, das dem neuen Zeitalter seinen Namen gibt: Eisenzeit.  Clines Geschichte spannt den Bogen vom ausgehenden 12. Jh. v. Chr. bis zum Wiederaufstieg Griechenlands und den ersten Olympischen Spielen 776 v. Chr.

Eric H. Cline (Jg.1960) ist Professor für Klassische Altertumswissenschaft und Anthropologie am Department of Classical and Near Eastern Languages and Civilizations der George Washington University in Washington, D.C. Dort leitet er auch das Archäologische Institut der Universität, das Capitol Archaeological Institute. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Archäologie der Levante, biblische Archäologie, Militärgeschichte und die internationalen Beziehungen des Mittelmeerraums in der Bronzezeit. Cline war mit '1177 v. Chr.' bereits für den Pulitzer-Preis vorgeschlagen und hat mit seinem Werk den ersten Preis der American School of Oriental Research gewonnen.
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VORWORT »It’s the End of the World as We Know It«
(… and I Don’t Feel Fine)


Dieses Buch begann ich eines frühen Morgens im Februar 2019 auf dem Balkon einer Mietwohnung im kretischen Rethymnon zu schreiben. Dort waren wir, weil das Fulbright-Stipendium meiner Frau Diane für ihre Lehrtätigkeit an der Universität Kreta begann. Ich hatte mir an unserer Heimatuniversität ein Freisemester gesichert, damit ich sie begleiten konnte; nun genossen wir die schwache Wintersonne und besuchten vertraute archäologische Fundorte, ehe Dianes Seminare begannen. Außerdem staunten wir, wie allgegenwärtig die Antike im Marketing der Gegenwart ist ? auf Bildern hielt Ariadne ein Wollknäuel und sprangen Menschen der minoischen Zeit über Stiere. Das wäre noch keine große Überraschung gewesen, nur schmückten diese Szenen die Seitenwände eines verstaubten Kühlschranks voller Cola, der vor einem Laden in einer Gasse tief im Herzen der Altstadt stand.

An diesem besonderen Morgen war es still und friedlich. Vor mir ging die Sonne über Homers geliebtem Mittelmeer auf, links von mir erhoben sich in der Ferne die schneebedeckten Gipfel der Weißen Berge. Die Welt schien in Ordnung zu sein, während ich an meinem Kaffee nippte und durchs Internet surfte, online Zeitung und Zeitschriften las und mit halbem Ohr die gestreamten Nachrichten hörte.

Abb. 1: Coca-Cola-Automat in Rethymnon, Kreta (Foto: E. H. Cline).

Dann begann ich genauer zuzuhören, was die BBC berichtete. Gewarnt wurde dort vor dem möglichen Zusammenbruch unserer heutigen Zivilisation mit freundlicher Hilfe einer Vielzahl wechselwirkender Faktoren vom Klima bis zur Wirtschaft. Einer Studie zufolge, die gerade erschienen war und die die Journalisten jetzt hastig zusammenfassten, könnten sie bald zu »ökonomischer Instabilität, erzwungenen Migrationsbewegungen großen Ausmaßes, Konflikten, Hungersnöten und potenziell zum Kollaps sozialer und ökonomischer Systeme führen«.1

Es war fast auf den Tag genau fünf Jahre her, dass ich 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation herausgebracht hatte, ein Buch, das die Ursachen jenes Zusammenbruchs untersuchte, der vor über 3000 Jahren in der Ägäis und im Ostmittelmeerraum am Ende der Bronzezeit stattfand.2 Darin beschrieb ich, wie das Leben in diesen Regionen ? modern gesprochen, vom heutigen Griechenland bis zum Iran und Irak und von der Türkei bis nach Ägypten ? im 15.?12. Jahrhundert v. Chr. aussah. Ich beschrieb die damaligen G8 ? Mykener, Minoer, Hethiter, Zyprer, Kanaaniter, Ägypter, Assyrer und Babylonier ? und untersuchte anschließend die möglichen Ursachen jenes Zusammenbruchs, der ihrer internationalisierten Welt ein Ende gemacht hatte, obwohl es weitgehend immer noch ein Rätsel ist, wie genau es dazu kam und warum es so rasch und umfassend geschah.

Zu den möglichen Faktoren und Ursachen, die ich behandelte (einschließlich der ausführlicheren Version in der überarbeiteten und erweiterten Ausgabe von 2021), zählten Klimawandel, Dürre, Hungersnöte, Erdbeben, Invasionen und Seuchen. Ich kam zu dem Schluss, dass keiner dieser Faktoren für sich allein katastrophal genug gewesen wäre, auch nur eine bronzezeitliche Zivilisation in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer zu zerstören, geschweige denn alle. Eine Kombination aus allen, vielen oder der Mehrzahl dieser Effekte jedoch hätte einen regelrechten Sturm aus Schicksalsschlägen mit Multiplikator- und Dominoeffekten erzeugt, der zum schnellen Zerfall einer Gesellschaft nach der anderen geführt haben könnte ? teilweise deshalb, weil das globalisierte Netzwerk im Mittelmeerraum zerbrach und damit auch die Wechselbeziehungen, von denen jede Zivilisation abhängig war. Damals zog ich das Fazit: »Kurz gesagt konnten die blühenden Kulturen und Völker der Bronzezeit […] den Ansturm so vieler Stressfaktoren auf einmal schlicht nicht überleben.«3

***

Kreta ist einer der Orte, an denen die Zivilisation praktisch zusammenbrach und jene fortgeschrittene Gesellschaft, die wir als minoisch bezeichnen, am Ende der Bronzezeit so gut wie verschwand und durch eine neue Form ersetzt wurde. Auch die Mykener auf dem nahe gelegenen griechischen Festland, das als Heimat von Achilleus, Odysseus, Aias und der in Ilias und Odyssee beschriebenen griechischen Staaten bekannt ist, überlebten nicht ? oder zumindest nicht ihre Gesellschaft und Kultur. Niemand behauptet heute, minoisch oder mykenisch zu sein. Darum war ich von den Nachrichten an jenem Tag ziemlich bestürzt ? sie trafen mich, könnte man sagen, mit einer besonderen Note von »zukünftigem Déjà-vu«, schließlich machen nun wir uns Sorgen, dass uns und unserer globalisierten Welt vielleicht ein katastrophaler Zusammenbruch bevorsteht. Das Ende der Welt, wie wir sie kennen ? wie R.E.M. einst sangen ?, könnte das zwar durchaus sein, aber mir war echt nicht gut dabei zumute. Wenn uns wirklich ein weiterer Zusammenbruch bevorsteht, dachte ich mir, ist es dann zu früh, sich Gedanken über den Wiederaufbau zu machen? Wird der überhaupt möglich sein?

Daneben fragte ich mich, wie es wohl damals für die Menschen war, als ihre bronzezeitliche Welt zusammenbrach. Was machte hinterher jedes dieser Gebiete und die Menschen darin ? oder was machten sie je nachdem auch nicht ? aus der oder den Situationen, in denen sie sich wiederfanden? Wusste damals irgendjemand, dass man mitten in einem Kollaps steckte?4 Wie formierten sie sich neu und erholten sich, sofern sie das denn taten? Waren sie resilient? Wandelten sie sich? Oder gingen sie einfach unter und wurden durch neue Staaten, neue Gesellschaften ersetzt?

An solchen Themen bin nicht nur ich interessiert. In den letzten Jahren haben sich andere Archäologen und Althistorikerinnen darangemacht, der Frage gründlicher nachzugehen, was nach einem Zusammenbruch geschieht ? nicht nur im Fall des Zusammenbruchs der spätbronzezeitlichen Kulturen, sondern mit Blick auf jede Menge anderer Gesellschaften und Zivilisationen der letzten Jahrtausende, die einem jähen Verfall unterlagen, ob vollständig oder teilweise. Diese Fälle reichen von der Harappa-Kultur im Industal vor 4000 Jahren über die Römer in Italien am Ende der Antike bis zu den Maya im Mittelamerika des 9. Jahrhunderts n. Chr. und noch vielen anderen. Manche überlebten nicht, anderen dagegen gelang irgendwie der Übergang und sie konnten sich erfolgreich wieder festigen oder neu erfinden.5

Zu den Begriffen, die heute in die Debatte geworfen werden, wenn man das Überleben von Krisen in der Gegenwart beschreibt, zählen »Coping«, »Anpassung«, »Transition« und »Wandel«. Besonders beliebt geworden ist das Wort »Resilienz«, denn inzwischen ist klar, dass, wie ein Forscherpaar gesagt hat, »Kollaps und Resilienz zwei Seiten derselben Medaille sind; ein Kollaps tritt ein, wenn die Resilienz verloren geht, und resiliente Systeme brechen mit geringerer Wahrscheinlichkeit zusammen«. Der Princetoner Historiker John Haldon und seine Kolleginnen haben darauf hingewiesen, dass es von drei Umständen abhängt, wie Gesellschaften der Vergangenheit auf Stress reagiert haben: von ihrer Komplexität, ihrer Flexibilität und ihrer systemischen Redundanz; »alles zusammen bestimmt die Resilienz des Systems«.6

***

Das alles prägte sich mir rund acht Monate nach unserer Rückkehr aus Kreta noch tiefer ein, im Winter und Frühjahr 2020, als die Covid-19-Pandemie die Vereinigten Staaten traf und sich nach dem Tod von George Floyd Jr. die Black-Lives-Matter-Proteste auf das ganze Land ausweiteten. Den ganzen Sommer und Herbst hielten die Demonstrationen an und verliefen teils friedlich, schlugen teils aber auch durch Protestgegner und das Vorgehen der Bundespolizei in Gewalt um.

Ein Jahr später war die Lage, obwohl es nun einen neuen US-Präsidenten gab, nicht besser. Im August 2021 publizierten die Vereinten Nationen einen extrem pessimistischen Bericht zum Klimawandel und der Nationale Rat der US-Nachrichtendienste legte einen Bericht zur Pandemie vor, der feststellte, sie habe »die ökonomische Ungleichheit vertieft, die Ressourcen der Regierung stark belastet und nationalistische Stimmungen angeheizt«. Etwa zur gleichen Zeit kam es in Kalifornien und Griechenland zu Großbränden, und in der globalen Lieferkette entwickelten sich Probleme, die Verbrauchern Schwierigkeiten bereiteten, wenn sie alles Mögliche vom Laptop bis zum Auto kaufen wollten.7

In diesem Moment erschienen mir meine Gedanken während unseres Kreta-Aufenthalts nicht länger als müßige akademische Denkübung. Zur bisherigen Liste der Stressfaktoren hatten sich nun auf einmal eine weltweite Pandemie, ungewöhnlich starke Wald- und Buschbrände, schwere Stürme und weitere Anzeichen eines Klimawandels, Lieferprobleme auf globaler Ebene und schwere soziale Verwerfungen entlang politischer Trennlinien in den Vereinigten Staaten gesellt.

Und im neuen Jahr besserte sich die Lage nicht. Im Frühjahr, Sommer und Frühherbst 2022 erlebten wir, wie Russland in der Ukraine einfiel, neue Covid-19-Stämme sich rasch auf der ganzen Welt verbreiteten und mehr darüber ans Licht kam, was am 6. Januar 2021 im Kapitol in Washington geschehen war. Besorgt war ich schon vorher gewesen, jetzt aber fragte ich mich ernsthaft, ob ein neuer »perfekter Sturm« aus Katastrophen angekommen sei und ein weiterer Zusammenbruch vor der Tür stehe, wie ich...


Cline, Eric H.
Eric H. Cline (Jg. 1960) ist Professor für Klassische Altertumswissenschaft und Anthropologie am Department of Classical and Near Eastern Languages and Civilizations der George Washington University in Washington, D.C. Dort leitet er auch das Archäologische Institut der Universität, das Capitol Archaeological Institute. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Archäologie der Levante, biblische Archäologie, Militärgeschichte und die internationalen Beziehungen des Mittelmeerraums in der Bronzezeit. Cline war mit „1177 v. Chr.“ bereits für den Pulitzer-Preis vorgeschlagen und hat mit seinem Werk den ersten Preis der American School of Oriental Research gewonnen.

Eric H. Cline (Jg. 1960) ist Professor für Klassische Altertumswissenschaft und Anthropologie am Department of Classical and Near Eastern Languages and Civilizations der George Washington University in Washington, D.C. Dort leitet er auch das Archäologische Institut der Universität, das Capitol Archaeological Institute. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Archäologie der Levante, biblische Archäologie, Militärgeschichte und die internationalen Beziehungen des Mittelmeerraums in der Bronzezeit. Cline war mit "1177 v. Chr." bereits für den Pulitzer-Preis vorgeschlagen und hat mit seinem Werk den ersten Preis der American School of Oriental Research gewonnen.



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