E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Cline Versunkene Welten und wie man sie findet
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-22135-5
Verlag: DVA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf den Spuren genialer Entdecker und Archäologen
E-Book, Deutsch, 528 Seiten
ISBN: 978-3-641-22135-5
Verlag: DVA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eric Cline, preisgekrönter Wissenschaftler und Autor, entführt uns in die spannende Welt der Archäologie und zeigt, wie sich die Beschäftigung mit den Völkern und Kulturen der Vergangenheit von der Amateurforschung zu einer hoch professionalisierten und technisierten Wissenschaft entwickelt hat. Dabei begegnen wir Entdeckern wie Howard Carter, Heinrich Schliemann und John Lloyd Stephens und begleiten sie dabei, wie sie die Grabkammern des Tutanchamun, die Überreste des antiken Troja und Stätten der Maya-Kultur ans Tageslicht befördern. Lebendig und packend erzählt Cline die faszinierende Geschichte der Archäologie und bringt uns zugleich die Arbeit der Archäologen näher.
Eric H. Cline, Jahrgang 1960, ist Professor für Klassische Altertumswissenschaft und Anthropologie und Direktor des Archäologischen Instituts an der George Washington Universität. Er hat an mehr als 30 Ausgrabungen in Griechenland, Ägypten, Israel, Jordanien und den USA teilgenommen. Für sein Buch 1177 v. Chr. wurde Cline mit dem ersten Preis der American School of Oriental Research für das beste populäre Buch ausgezeichnet.
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Prolog
»Wunderbare Dinge«: Das Grab des Tutanchamun
Die goldene Maske des Tutanchamun
Am 26. November 1922 warf Howard Carter zum allerersten Mal einen Blick in das Grab des Tutanchamun. Er musste die Augen ein wenig zusammenkneifen, um durch die kleine Öffnung, die er in die Wand gehauen hatte, etwas erkennen zu können. Was dahinterlag, wurde nur von einer Kerze erhellt, die er am ausgestreckten Arm in die Grabkammer hielt. Er erblickte einen Raum, der von oben bis unten vollgestopft war mit allerlei Gegenständen. Viele dieser Gegenstände waren aus Gold, überall glänzte und glitzerte es.
Der Earl of Carnarvon, der für die Kosten der Grabung aufkam, zappelte ungeduldig hinter Carter herum und zupfte ihn an der Jacke. »Was sehen Sie?«, wollte er wissen. »Was sehen Sie?«
Carter antwortete: »Ich sehe wunderbare Dinge.«[1]
Fünf Jahre lang hatten Carter und sein Mäzen Carnarvon nach Tutanchamuns Grab gesucht. Wie sich herausstellte, befand es sich unterhalb jener Stelle, an der sie Jahr für Jahr aufs Neue ihr Lager aufgeschlagen hatten, im Tal der Könige, gegenüber von Luxor auf der anderen Seite des Nils. Sie hatten es nicht gefunden, weil es tief unter Steinen und Geröll verborgen lag, zurückgelassen von Arbeitern, die 200 Jahre nach Tutanchamun ganz in der Nähe die Grabkammer für Ramses VI. gebaut hatten.
Zehn Jahre brauchte Carter, um alle Gegenstände aus dem Grab zu bergen und zu katalogisieren. Die Objekte wurden in das Ägyptische Museum in Kairo gebracht, wo sie heute noch zu bestaunen sind. Carnarvon indes erlebte dies nicht mehr, denn er starb Anfang April 1923, kurz nach Öffnung des Grabes. Sein Tod war ein Unfall: Er starb an einer Blutvergiftung, nachdem er sich beim Rasieren einen Mückenstich aufgeschnitten hatte. Unmittelbar nach seinem Tod kam das Gerücht auf, das Grab sei verflucht; wann immer in den Folgejahren jemand starb, der der bei der Öffnung des Grabes zugegen gewesen war, schlachteten die Medien den angeblichen Fluch weiter aus. Carter selbst lebte noch 17 weitere Jahre – allein deshalb wird an der Geschichte wohl kaum etwas dran gewesen sein.[2] Ironischerweise starb Tutanchamun neuesten Erkenntnissen zufolge ebenfalls an einem Mückenstich, nur dass die Mücke in seinem Fall Malaria übertragen hatte.[3]
Tutanchamun herrschte während der Zeit des Neuen Reichs. Er gehörte der 18. Dynastie an, die von etwa 1550 v. Chr. bis kurz nach 1300 v. Chr. in Ägypten regierte. Aus dieser Epoche stammen einige der berühmtesten Herrscher Ägyptens, zum Beispiel Hatschepsut, die legendäre weibliche Pharaonin, die zwanzig Jahre lang an der Macht war, ihr Stiefsohn Thutmosis III., der einen Großteil des heutigen Israel, Libanon, Syrien und Jordanien eroberte, der »Ketzerpharao« Echnaton, der den Monotheismus erfand, und Echnatons schöne Frau Nofretete. Die beiden Letztgenannten waren höchstwahrscheinlich Tutanchamuns Eltern.[4]
Tutanchamun bestieg um 1330 v. Chr. herum den Thron von Ägypten, zu diesem Zeitpunkt war er etwa acht Jahre alt. Zehn Jahre später fand er völlig unerwartet den Tod. Man begrub ihn im Tal der Könige, sein Grab wurde abgedeckt und geriet in Vergessenheit. Erst 3500 Jahre später fand man es wieder.
Carter kam im Alter von 17 Jahren zum ersten Mal nach Ägypten. 1907 war er bereits ein angesehener Ägyptologe. Zu jener Zeit, als Carnarvon auf ihn zukam, war der bärbeißige Carter gerade arbeitslos. Grund war eine heftige Auseinandersetzung rund um eine Touristengruppe aus Frankreich gewesen, die damit geendet hatte, dass Carter seinen Job bei der Regierung verlor – er hatte sich geweigert, um Entschuldigung zu bitten. Von diesem Zeitpunkt an verbrachte Carter seine Tage mit dem Malen von Aquarellen. Was Carnarvon betrifft, so hatte sein Arzt ihm verordnet, die Wintermonate in Ägypten statt in England zu verbringen, da seine Lunge bei einem Autounfall verletzt worden war.[5]
Zehn Jahre lang hatten die beiden Männer bereits an diversen Orten zusammengearbeitet, bevor sie beschlossen, im Tal der Könige nach Tutanchamuns Grab zu suchen. In dieser staubtrockenen, felsigen Gegend auf der dem modernen Luxor gegenüberliegenden Nilseite waren ab etwa 1500 v. Chr. die meisten Pharaonen des Neuen Reichs bestattet worden. Viele der dortigen Grabkammern waren bereits Jahrhunderte zuvor, teilweise schon in der Antike, wiederentdeckt und ausgeraubt worden, aber es gab durchaus noch einige, deren Standort unbekannt war. Und dazu gehörte das Grab des Tutanchamun. Fünf lange Jahre später, in denen sie kaum nennenswerte Funde vorzuweisen hatten – Carnarvon ging langsam das Geld aus und er verlor allmählich das Interesse an der Geschichte –, stellte Carter fest, dass es im Tal der Könige nur noch einen Ort gab, an dem sie nicht gesucht hatten: dort, wo sie jedes Jahr ihr Lager aufschlugen. Am 1. November 1922 begann er, dort zu graben, und nur drei Tage später, am Samstag, dem 4. November um 10 Uhr morgens, legte er die erste Stufe der Treppe frei, die zu Tutanchamuns Grab hinabführte.[6]
Den restlichen Samstag und den gesamten Sonntag über grub Carter weiter, und als am 5. November die Sonne unterging, entdeckte er im Gips einer versiegelten Tür den Stempel der königlichen Nekropole. Das konnte nur eines bedeuten: Wer auch immer hinter dieser Tür bestattet war, war eine bedeutende Persönlichkeit. Carter wies seine Helfer an, die Arbeit vorerst ruhen zu lassen, und telegrafierte Carnarvon, der sich noch in England befand. In seinem Tagebuch vermerkte Carter den Wortlaut seines Telegramms:
SCHLUSSENDLICH IM TAL WUNDERBARE ENTDECKUNG GEMACHT EIN GROSSARTIGES GRAB MIT INTAKTEN SIEGELN BIS ZU IHRER ANKUNFT ALLES ABGEDECKT GRATULIERE[7]
Was er Carnarvon verschwieg: Carter fürchtete, das Grab könne leer sein. An der Tür befanden sich tatsächlich intakte Stempel der Nekropolen-Wächter, doch anhand des oberen Teils des versiegelten Eingangs konnte er erkennen, dass dieser dennoch bei zwei verschiedenen Gelegenheiten geöffnet und wieder geschlossen worden war. Er war sich ziemlich sicher, dass man die Grabkammer in der Antike ausgeraubt hatte; insofern stellte sich eigentlich nur die Frage, ob irgendetwas im Grab zurückgelassen worden war, das sich noch zu bergen lohnte.
Am 23. November traf Carnarvon im Tal der Könige ein und die Arbeit wurde umgehend fortgesetzt. Schon am nächsten Tag hatten sie die Gewissheit, dass es sich tatsächlich um Tutanchamuns Grab handelte, denn unter den Abdrücken der königlichen Nekropolen-Stempel war klar und deutlich sein Name zu lesen.
Als es ihnen am 25. November endlich gelang, die schwere steinerne Tür zu öffnen, fanden sie dahinter einen fast 10 Meter langen Korridor, der vorsätzlich mit Erde, Steinen, Putz und anderem Bauschutt gefüllt worden war. Den folgenden Tag über schleppten die Arbeiter den Schutt nach draußen und schichteten ihn neben dem Eingang zum Grab zu einem Haufen auf, der immer weiter anwuchs. Gegen 14 Uhr hatten sie eine zweite versiegelte Tür freigelegt, die in jenen Raum führte, den wir heute die »Vorkammer« nennen.[8]
Allerdings wussten sie immer noch nicht, ob sie kurz vor der Entdeckung des Jahrhunderts standen – oder ob sie eine leere Kammer vorfinden würden, die Jahrtausende zuvor von Grabräubern leergeräumt worden war. Was sie bereits sicher wussten, war, dass Carter recht gehabt hatte: Das Grab war in der Antike zweimal geöffnet worden, zum ersten Mal anscheinend bereits kurz nach der Bestattung, als der Eingangskorridor noch leer gewesen war – abgesehen von einigen Objekten wie Krügen, die Material zur Einbalsamierung enthielten, und zum zweiten Mal, nachdem der Korridor bereits mit Bruchstücken weißen Gesteins gefüllt worden war. Wie Carter und Carnarvon nach Beseitigung der Trümmer deutlich sehen konnten, hatten die Grabräuber entlang der oberen linken Kante einen Tunnel gegraben, der irgendwann später mit Brocken aus dunklem Feuerstein und Kieseln aufgefüllt wurde.[9]
Sie schlugen ein kleines Loch in die zweite Tür, und Carter sah mit Erleichterung, dass die Vorkammer noch voller Gegenstände war. Später schrieb er:
Zuerst konnte ich gar nichts sehen, denn die warme Luft, die aus der Kammer entwich, ließ das Licht der Kerze flackern; doch als sich meine Augen daran gewöhnt hatten, tauchten nach und nach Details des Raumes aus dem Nebel auf: seltsame Tiergestalten, Statuen und Gold – überall das Glitzern von Gold. Einen Moment lang – denen, die neben mir standen, muss es wie eine Ewigkeit vorgekommen sein – stand ich starr vor Staunen da, und als Lord Carnarvon die Ungewissheit nicht länger ertragen konnte, fragte er mich ängstlich: »Können Sie etwas sehen?« Alles, was ich herausbringen konnte, war: »Ja, wunderbare Dinge.«[10]
Am 26. November vermerkte Carter in seinem Tagebuch, was als Nächstes geschah. Es klingt im Nachhinein wie aus dem Drehbuch eines Hollywood-Films, und dennoch entspricht es der Wahrheit. Sie vergrößerten das Loch, damit Carter und Carnarvon gleichzeitig hindurchschauen konnten, und als sie nun in den Raum blickten, den sie mit einer Taschenlampe und einer weiteren Kerze erhellten, kamen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie hatten eine »fantastische Sammlung an Schätzen« entdeckt, wie Carter es...




