E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: Lübbe
Clément Tödliche Côte d’Azur
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-1030-5
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-1030-5
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dunkle Geheimnisse an der sonnigen Côte d'Azur
Ein malerisches Dorf an der sonnenbeschienenen Côte d'Azur. Was für ein grandioser Ausblick, denkt sich Kommissar Valjean, als er das charmante kleine Haus in Carros bezieht. Malerisch, aber vielleicht ein wenig zu beschaulich, befürchtet der erst kürzlich in den Süden versetzte Kommissar. Bis zu jenem Morgen, als die Leiche von Madame Durand inmitten ihrer liebevoll gepflegten Geranien gefunden wird. Wer war der nächtliche Besucher, der die wohlhabenden Immobilienmaklerin in ihrem Garten überraschte? Als Valjean unter den eigenwilligen Dorfbewohnern ermittelt, stößt er auf mehr als einen Verdächtigen. Denn hinter den idyllischen Fassaden verbirgt sich so manches brisante Geheimnis ...
Claire Clément ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die bereits einige Romane in den Genres Krimi, historischer Roman und Jugendbuch veröffentlicht hat. Mit Frankreich verbindet sie eine besondere Beziehung, vor allem die südfranzösische Region Côte d'Azur hat sie auf zahlreichen Reisen kennen und lieben gelernt. Claire Clément lebt in Westfalen.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Hugo Martin liebte den Morgen.
Er liebte die Stunde, in der sich das Sonnenlicht wie eine goldene Decke über die Pinienwälder legte. In der die Luft noch klar war und doch schon so warm, dass er den Duft der wilden Rosmarinbüsche riechen konnte, die seinen Spazierweg säumten. Er war bereits auf dem Rückweg über den malerischen Pfad, der von Le Broc aus am Hang entlangführte. Die Burg, die über dem kleinen Dörfchen Carros thronte, in dem er lebte, schimmerte hier und dort bereits durch die Bäume. Der Blick in das breite Tal des Var, der seinen Weg ins Mittelmeer nahm, war ebenso beeindruckend wie der Anblick der dunstverhangenen Seealpen. Das Rauschen des TGV, der mit frühen Pendlern nach Nizza unterwegs war, säuselte zu ihm herauf.
Ein neuer Tag im Mai begann, so frisch und unschuldig, dass Martin spürte, wie die reine Lebensfreude Besitz von ihm ergriff. So wie bei der Eidechse, die er dabei beobachtete, wie sie sich aus der Bruchsteinmauer herauswagte, um auf die Sonne zu warten. Er schritt forsch aus, hörte den Schotter unter den Sohlen knirschen.
Sicher würde es ein erfolgreicher Morgen werden. Er würde bei Simone vorbeischauen und ihr mitteilen, dass die Madonnenfigur, für die sie sich interessiert hatte, endlich eingetroffen war. Sie war eine seiner treuesten Kundinnen, offen für alles Schöne, Alte und Wertvolle und manchmal auch für ein wenig Kitsch, was sie für ihn besonders liebenswert machte.
Die Siedlung, in der sie wohnte und die etwas außerhalb von Carros lag, war bereits in Sichtweite. Und obwohl er es doch bereits wissen musste, zuckte er auch dieses Mal zusammen, als die zwei Schäferhunde der Gärtnerei am Eingang der Siedlung hinter dem mit Efeu berankten Zaun auftauchten und zu bellen begannen.
»Ihr auch wieder hier? Wie geht es euch, meine Freunde?«, sagte er schmunzelnd, beschleunigte aber seinen Schritt vorsichtshalber doch ein wenig, während er am Grundstück vorbeiging.
Da waren ihm die Ziegen schon lieber. Amelies alter Hof rückte mit seinen geduckten Gebäuden in sein Blickfeld. Die Fensterläden des Wohnhauses waren noch geschlossen, die Tiere grasten aber bereits auf der Weide. Er liebte Amelies wunderbaren Ziegenkäse, den sie selbst herstellte, wobei ihr Veronique zur Hand ging, die bei Amelie lebte. Veronique, die hier alle Vero nannten, würde schon bald ihren siebzigsten Geburtstag feiern, war aber noch so fit, dass er sich eine gehörige Scheibe davon abschneiden konnte.
Gegenüber erhob sich das früher einmal so imposante, nun aber komplett heruntergekommene Haus des alten Douglar. Dort wohnte seit einiger Zeit ein Kommissar der Kriminalpolizei Nizza, Amelie hatte es ihm erzählt. Ein junger Bursche aus dem Norden. Martin hatte ihn erst ein einziges Mal kurz im Dorfladen zu Gesicht bekommen, wo er sich angeregt mit Madame Mercier unterhalten hatte, die den Laden führte.
Der Feldweg endete, und er bog in die Rue Sainte-Enimie ein, in der Simone lebte. Sie war Frühaufsteherin, genau wie er, und er wusste, dass sie um diese Uhrzeit schon ein paar Bahnen in ihrem großzügigen Pool gezogen hatte. Er freute sich schon jetzt auf ihren Kaffee, den sie gemeinsam auf der Terrasse trinken würden, umgeben von all den prächtigen Pflanzen in ihrem Garten. Sie hatte vorgestern ganz geheimnisvoll getan, hatte ihm unbedingt noch etwas erzählen wollen, etwas völlig Unerwartetes. Martin pfiff vor sich hin, bis er das Grundstück von Simone Durand erreichte, das niedrige Gartentor öffnete und auf das Haus zuschritt. Der Rasen war ordentlich getrimmt und die Hecken wohl erst kürzlich in Form geschnitten worden. Auf dem Sims, der die hell verputzte Villa umgab, leuchteten ihm Simones üppige Geranien entgegen.
Doch etwas stimmte nicht …
Fast wäre er über den Keramiktopf gestolpert, der zerbrochen auf dem Weg lag. Ein weiterer rötlicher Topf an der Hausecke teilte sein Schicksal. Die üppigen Blumen waren hinausgefallen, die leuchtend roten Blüten waren bedeckt mit der dunklen Erde, die ihnen zuvor noch so sicheren Halt verliehen hatte.
Als Martin seine Augen von dem traurigen Anblick abwendete und aufblickte, fuhr es ihm eiskalt durch die Glieder.
Er sah direkt in Simones Augen. Sie lag mit angewinkelten Armen auf dem Bauch, das Gesicht zu ihm gewandt, auf den Granitplatten direkt vor der Haustür. Die kleine rote Lache, die sich unter ihr gebildet hatte, umfloss eine einzelne Geranienblüte. Martins Herz drohte zu zerspringen, als er sich über sie beugte.
»Simone?«, rief er. Es kostete ihn Überwindung, ihren Unterarm zu berühren, der sich kalt anfühlte. Dann tastete er nach ihrem Puls – und spürte nichts. Simone war tot, daran konnte es keinen Zweifel geben.
Unwillkürlich sah er zum ersten Stockwerk der Villa hinauf. Dort gab es keine Fensterbank, von der einer der Töpfe hätte fallen können. Nicht mal ein Fenster. Mein Gott, was war hier nur geschehen?
Unruhig blickte er sich um. War vielleicht noch jemand in der Nähe? Doch er entdeckte nichts als die Schmetterlinge, die arglos um einen Sommerflieder tanzten, der bereits blühte. Das Grundstück lag still da, als wäre nichts geschehen, nur die Haustür stand einen Spalt weit offen. Für einen kurzen Moment verspürte er den Drang, das Haus zu betreten, als wäre dies alles nicht geschehen. Aber dann holte ihn der Anblick des leblosen Körpers in die Realität zurück. Er musste die Polizei informieren!
Und so kniete er sich neben den toten Körper seiner Freundin. Er würde hier bei ihr bleiben, bis jemand kam, um sich um all dies zu kümmern. Dann holte er mit zitternden Fingern sein Handy hervor und wählte die 17.
*
Kommissar Georges Valjean schloss genüsslich die Augen. Die Socca war heiß und knusprig, der schwarze Pfeffer kitzelte an seinem Gaumen. Der kleine Pfannkuchen war das Tüpfelchen auf dem i seiner Zufriedenheit. Valjean war gut gelaunt, ja, auf eine seltsame Art glücklich. Was sollte er sagen? Nizza war einfach grandios, jedenfalls das, was er bisher gesehen hatte. So viel schöner als das verregnete Arras im hohen Norden. Er hatte sich verliebt. Und das, obwohl sein Herz vor nicht allzu langer Zeit erst gebrochen worden war. Julie, mit der er sich eine goldene Zukunft in Arras erträumt hatte, war mit einem anderen davongegangen. Und so war er nicht unglücklich gewesen, als er einige Zeit später die Möglichkeit erhielt, sich hierher versetzen zu lassen. Es hatte ihn aus seinen trüben Gedanken gerissen.
Manchmal dachte er noch daran, wie schön es jetzt wäre, wenn Julie all das mit ihm gemeinsam erleben könnte. Die Spaziergänge unter dem unglaublich blauen Himmel über den Strand des türkisfarbenen Meers, das seine Wellen an den Kieselstrand warf und dessen Rauschen er auch in diesem Moment hörte.
Die Strandpromenade mit dem hellen Pflaster zog sich an der halbmondförmigen Engelsbucht entlang. Jogger, Radfahrer, Touristen waren dort auch an diesem Morgen unterwegs. Die Palmen verliehen der Stadt ein tropisches Angesicht, vor allem in Richtung Hafen, wo die Felshänge unvermittelt aus dem Boden wuchsen. Der Kalkstein leuchtete in der Sonne, die auch das Meer glitzern ließ. Verträumt schaute er einer Fähre hinterher, die den Hafen Richtung Korsika verlassen hatte, während er das letzte Stück seiner Socca aus der Pappschachtel nahm und sich dann die Finger an der Serviette abwischte.
Diese kleinen Inseln der Ruhe in seinem Arbeitsalltag als Kommissar bei der Polizei waren ihm inzwischen heilig. Sie halfen ihm, besser mit all den unschönen Dingen zurechtzukommen, die sein Beruf mit sich brachte. In Arras hatte er die traditionellen, kleinen Lebkuchenherzen geliebt, die Socca würde jetzt ihren Platz einnehmen.
Doch jetzt musste er sich auf seine nächste Aufgabe konzentrieren, die ihn hierhergebracht hatte. Er war auf dem Weg nach Gambetta, wo es zwei Nächte zuvor vor einer Kneipe eine Auseinandersetzung unter jungen Männern gegeben hatte. Die beunruhigten Anwohner hatten von Schüssen berichtet, die angeblich gefallen waren.
Mit der Welt im Reinen ging Valjean durch einen von Säulen getragenen Durchgang zwischen den ehemaligen Fischerhäuschen zur Cour Saleya zurück, wo die Rufe einiger Händler vom Markt widerhallten. In der Tiefgarage warf er die Pappschachtel in einen Mülleimer, bezahlte die Parkgebühr – an deren Höhe er sich noch gewöhnen musste – und verließ das Parkhaus schließlich über die Promenade des Anglais nach Westen. Ein Flugzeug löste sich auf dem nahe gelegenen Flughafen wie eine schwere Hummel von der Landebahn. Als er auf den Boulevard Francois Grosso abbog, begleiteten ihn das Geräusch hupender Autos und das Rattern von Presslufthämmern. Fünfstöckige Reihenhäuser, Geschäfte, Baustellen überall und dann in einer Nebenstraße überfüllte Mülltonnen und geparkte Motorräder, Wäsche auf eintönigen Balkonen. Das war die andere Seite von Nizza.
In Gambetta angekommen, parkte er im Halteverbot gegenüber der besagten Kneipe. Auf einem Schild über der Tür prangte in leuchtend roten Buchstaben der Name »Lollo Rosso«. Jetzt, wo sich alles wieder ein wenig beruhigt hatte, wollte er den Wirt Michele Caroche zu der Sache noch einmal befragen. Vielleicht steckte ja doch mehr dahinter. Er klopfte fest an die Tür, soweit es das Sicherheitsgitter zuließ.
»Hallo? Kommissar Valjean, Polizei Nizza! Ist jemand zu sprechen?«
Eines der Fenster im ersten Stock öffnete sich, und ein Mann mit verschlafenem Gesicht schaute hinaus. Er trug ein T-Shirt, das so aussah, als hätte er damit die ganze Nacht am Zapfhahn gestanden. Reste von Rasierschaum auf seiner Wange zeugten davon, dass Valjean ihn bei der...




