E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Cockburn Chaos und Glaubenskrieg
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-85371-854-4
Verlag: Promedia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Reportagen vom Kampf um den Nahen Osten
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-85371-854-4
Verlag: Promedia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patrick Cockburn, geboren 1950 in Irland, arbeitet als Nahost-Korrespondent für die englische Tageszeitung Independent. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seine journalistische Tätigkeit, darunter den 'Martha-Gellhorn-Preis' und den Preis für den 'Auslandskorrespondenten des Jahres 2014'
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II. Die Besatzung des Irak
Als die USA, Großbritannien und ihre Verbündeten 2003 in den Irak einmarschierten, traten sie eine Revolution los. Das war nicht ihre Absicht, denn ihr Ziel war es gewesen, Saddam Hussein und dessen Regime loszuwerden – sie waren sich über die Radikalität ihres Tuns nicht im Klaren. Die Invasion und Besetzung waren eine revolutionäre Veränderung, weil sie die sunnitisch-arabische Herrschaft beendeten, die über Jahrhunderte hinweg eine Konstante gewesen war: unter den Osmanen, unter den Briten und nach der Unabhängigkeit. Die Amerikaner lösten die Armee und Geheimdienste auf, die die Hauptinstrumente der sunnitischen Kontrolle über diejenigen achtzig Prozent der Bevölkerung waren, die Schiiten oder Kurden sind.
Die amerikanischen Repräsentanten sahen sich damals und in den kommenden Jahren als Kraft der Vermittlung zwischen konkurrierenden irakischen Bevölkerungsgruppen. Aber ihre militärische Präsenz destabilisierte auch das Gleichgewicht zwischen den Bevölkerungsgruppen, die sehr wohl wussten, dass sie keine Kompromisse mit den anderen Irakern eingehen müssten, wenn sie die Amerikaner (oder in späteren Jahren die Türken, Saudis, Iraner oder Katarer) auf ihre Seite ziehen könnten. Nie machten sich die Besatzungsmächte die Tatsache bewusst, dass die Identifizierung der neuen, auf Saddam folgenden Regierung mit den Amerikanern und mit einer ehemaligen Kolonialmacht wie Großbritannien sie in den Augen der Iraker von Anbeginn an diskreditierte.
Dumm waren natürlich nicht alle Amerikaner und ihre Verbündeten, die den Irak okkupierten – warum also begingen sie in den ersten beiden Jahren so viele Fehler? Die offenkundigste Ursache war schlicht Arroganz, und die zweite, dass die Besatzer glaubten, es sei recht egal, was die Iraker aus irgendeiner Bevölkerungsgruppe dachten oder taten. Von vielen selbsterklärten Irakkennern wurde dem Weißen Haus gesagt, die US-Armee stürze sich in einen Sumpf, aber der Einmarsch war erstaunlich gut vonstattengegangen: mit einem raschen Sieg und geringen amerikanischen Verlusten. Die irakische Armee, einschließlich der hochgelobten Republikanischen Garde von Saddam Hussein, hatte kaum gekämpft. Die Straßen waren mit verlassenen Panzern übersät. Alle Iraker wussten, dass Saddam den Krieg verlieren würde, und sahen keinen Grund, für eine verlorene Sache zu sterben. Mehr noch, die Mehrheit der Iraker – einschließlich der Sunniten – begrüßten den Sturz des Regimes, auch wenn sie die Besatzung nicht guthießen. Die Baathisten hatten nichts als Elend und Niederlagen gebracht, einschließlich dreizehn Jahren verheerender wirtschaftlicher Sanktionen, die Millionen Iraker zu Armut und Unterernährung verdammten. Ohne viel darüber nachzudenken, glaubten die Amerikaner, dass die Iraker – weil sie 2003 nicht gekämpft hatten – nicht kämpfen könnten. Als ihre Verluste in der zweiten Jahreshälfte 2003 anstiegen, erklärten amerikanische Sprecher beständig, das seien nur winzige »Überbleibsel« des alten Regimes, die gegen die Entstehung eines neuen Irak ankämpfen würden.
Aus einem weiteren Grund war die US-Besatzung schwächer als es den Anschein hatte, denn sie hatte alle Nachbarstaaten des Irak gegen sich: Saudi-Arabien, die sunnitischen Monarchien am Golf, Jordanien und die Türkei sahen ungern einen sunnitischen Staat durch einen schiitischen ersetzt, der wahrscheinlich enge Verbindungen mit dem Iran haben würde. Der Iran und Syrien ihrerseits waren froh über das Ende von Saddam Hussein, aber beunruhigt über die Ankunft einer großen amerikanischen Armee an ihren Grenzen. Sie lasen überhebliche Prahlereien von Politikern und Offiziellen in Washington, der Regimewechsel in Bagdad von heute könne morgen in Teheran und Damaskus wiederholt werden. Dieser Chauvinismus mag bloß Rhetorik gewesen sein, aber die syrischen und iranischen Spitzen zogen es verständlicherweise vor, die USA im Irak zu bekämpfen, bevor diese dort ihre Herrschaft stabilisierten. Syrien gewährte sunnitischen Dschihadisten freies Geleit und der Iran unterstützte die US-feindlichen schiitischen Milizen.
Vor dem Einmarsch war ich für einige Monate in Washington und arbeitete kurze Zeit für das . Entgegen der allgemein optimistischen Stimmung sagte ein amerikanischer Kollege eines Tages zu mir, er denke, der Einmarsch in den Irak würde für die Amerikaner 2003 ebenso katastrophal enden wie die Suezkrise für die Briten, als diese 1956 in Ägypten einmarschierten. Man gehe einen Schritt zu weit, führte mein Kollege aus: was als Demonstration politischer und militärischer Stärke gedacht sei, würde das genaue Gegenteil bewirken. Ich glaubte, diese Einschätzung ginge zu weit, erinnerte mich ihrer aber, als ich in den Irak reiste und über den Krieg zu berichten hatte. Die Bagdader Regierung betrachtete mich als eingefleischten Feind und verweigerte mir das Visum, also musste ich durch Syrien und überquerte dann den Tigris in das von Kurden gehaltene Gebiet. Dort verbrachte ich den Krieg und bewegte mich in Richtung Süden, in Richtung Hauptstadt, als die irakische Armee in sich zusammenbrach.
Für die Amerikaner war der Irakkrieg ein Desaster, wenn auch nicht ganz von dem Ausmaß, wie es Suez für die Briten gewesen war. Die USA waren 2003 im Nahen und Mittleren Osten eine Großmacht – und sie waren es noch 2015, obwohl sich ihr Gewicht verringerte. Sie hatten im Irak keine Niederlage erlitten, waren aber vor aller Augen damit gescheitert, einen gefügigen pro-amerikanischen Staat zu etablieren. Es lag auf der Hand, dass es in der amerikanischen öffentlichen Meinung keine Unterstützung dafür geben würde, eine weitere amerikanische Armee in den Nahen Osten zu schicken – solange es nicht zu einer weiteren Gräueltat wie kommt. Gleichzeitig war Präsident Obama in der Lage, ab 2014 die US-Luftwaffe gegen den IS im Irak und in Syrien einzusetzen, ohne daheim einen politischen Preis dafür zu bezahlen. Vielleicht wäre es eine bessere Analogie, den US-Krieg im Irak mit dem Burenkrieg zu vergleichen, den die britische Armee nach großen Anstrengungen tatsächlich gewann – damit legte sie aber auch die Grenzen der militärischen Stärke Großbritanniens offen.
Viel hat sich im Irak in den letzten dreizehn Jahren verändert, vieles ist aber auch gleich geblieben. Ich sah Mossul und Kirkuk 2003 an die Kurden fallen, umkämpft sind diese Städte auch heute noch. Falludscha wurde 2004 von sunnitischen Dschihadisten gehalten und von 2014 bis 2016 vom IS kontrolliert. Bagdad war vor zehn Jahren ein gefährlicher und dysfunktionaler Ort mit Wasser- und Stromknappheit – und das trifft auch heute noch zu. Es hat sich herausgestellt, dass die Schiiten ebenso wenig in der Lage sind, die Sunniten dauerhaft niederzuhalten, wie Saddam fähig war, die Schiiten und die Kurden zu unterwerfen. Ab 2005 begriffen die Amerikaner, dass sie in ein neues Vietnam marschiert waren, und leugneten zugleich ständig, dass so etwas passiert sei. Ich erinnere mich an das Mitglied einer US-Bombenräumeinheit, das mir erzählte, wie er vergebens ein (unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtungen) bestellt hatte, um daraufhin eine Verwarnung zu erhalten und erklärt zu bekommen, dass es keine Ähnlichkeiten gebe zwischen Vietnam und dem Irak – das Buch wurde einbehalten.
Wie im Falle Vietnams wollten die USA auch aus dem Irak aussteigen, ohne eine Niederlage einzuräumen. Das ist ihnen weitgehend gelungen. Siegesbehauptungen gründeten in »der Woge« – : dem zahlenmäßigen Anstieg der US-Truppen – im Zusammenspiel mit einer Spaltung im bewaffneten sunnitischen Widerstand, die hervorgerufen wurde durch zweierlei: den verfrühten Versuch der Machtmonopolisierung durch al-Qaida im Irak und den mörderischen Druck auf die Sunniten seitens schiitischer Milizen. Aber die Verfechter der Woge waren zu optimistisch in Bezug auf ihre Errungenschaften. Al-Qaida war geschwächt, aber nicht zerstört – was nach dem endgültigen US-Rückzug im Jahr 2011 überaus offenkundig werden sollte, als der sunnitische Aufstand in Syrien den sunnitischen Extremisten im Irak neue Chancen bot. Viele schlaue Iraker erkannten, was passieren würde – ein Minister sagte mir: »Wenn der Krieg in Syrien weitergeht, wird er den Irak wieder destabilisieren.« Die Blindheit und übermäßige Selbstsicherheit der USA und ihrer Verbündeten war damals genauso groß und folgenschwer wie im Jahr 2003.
Die Sanktionen gegen den Irak
In den dreizehn Jahren zwischen 1990 und 2003 verwüsteten UN-Sanktionen den Irak. Die Iraker erlebten, wie ihr Lebensstandard von dem Griechenlands auf den von Mali sank. Die Weltgesundheitsorganisation erklärte 1996, »die große Mehrheit der Bevölkerung des Landes leidet seit Jahren unter extremer Mangelernährung«. Die Vereinten Nationen schätzten, dass infolge der Sanktionen monatlich zwischen sechs- und siebentausend irakische Kinder starben. Millionen von Irakern, die gute Arbeitsplätze gehabt und komfortabel gelebt hatten, waren in die Armut und oftmals zur Kriminalität gezwungen. Die einstmals erstklassigen Bildungs- und Gesundheitssysteme brachen zusammen, als ausgezeichnete Professoren und Doktoren damit konfrontiert waren, monatlich rund fünf US-Dollar zu verdienen. Ein ausländisches Ärzteteam...




