E-Book, Deutsch, 202 Seiten
Coe Ein Hauch von Liebe
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-424-9
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 202 Seiten
ISBN: 978-3-95530-424-9
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jonathan Coe wurde 1961 in Birmingham geboren. Sein preisgekrönter Roman 'Allein mit Shirley' wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt. Jonathan Coe lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in London.
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TEIL EINS
Ein intellektuelles Verhältnis
Dienstag, 17. April 1986
»Liebling, sei nicht albern, selbstverständlich wird es keinen Atomkrieg geben.«
...
»Ich komm jetzt zur Ausfahrt 21 und sollte in ungefähr zwanzig Minuten in Coventry sein. Ich muß zur Universität.«
...
»Vergiß, was er gesagt hat. Er weiß nicht, wovon er redet. Die Welt wird regiert von geistig gesunden, vernünftigen Menschen so wie du und ich.«
...
»Du fehlst mir auch. Gib Peter einen Kuß von mir. Und sag ihm –«
...
»Was? Nein, auf der Gegenfahrbahn hat ein Wahnsinniger überholt. Der ist mindestens hundertvierzig gefahren. Ich frag mich, warum die Polizei da nicht einschreitet.«
...
»Ich weiß nicht, ob ich noch Zeit habe, bei ihm vorbeizuschauen. Nicht, wenn ich heute abend zu Hause sein will.«
...
»Und worüber soll ich mich mit ihm unterhalten? Ich hab ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich kann mich kaum noch erinnern, wie er aussieht.«
...
»Nein, ich sehe nicht ein, warum wir ihm unser Urlaubshäuschen zur Verfügung stellen sollen. Wir haben es schließlich für uns gekauft und nicht, um es an Fremde zu vermieten.«
...
»Was soll das heißen: er hat merkwürdig geklungen?«
...
»Liebling, er weiß nicht, wovon er redet. Libyen, Syrien, Amerika, Rußland – es ist eine hochkomplizierte Situation. Wenn du wirklich glaubst, daß die ganze Welt in einen Krieg schlittert, dann... dann komm ich natürlich nach Hause.«
...
»In Ordnung, gib mir seine Adresse.«
...
»Ja, ich werde heute abend bei ihm vorbeischauen, nach der Universität. Das heißt, daß ich wahrscheinlich nicht vor zehn nach Hause kommen werde. Vielleicht auch später. Nein, ich werd’s schon finden, ich hab einen Stadtplan.«
...
»Mach dich nicht verrückt. Wenn es dich so aufregt, dann schau eben keine Nachrichten. Vergiß, was er gesagt hat.«
...
»Ich werd ihm das mit unserem Häuschen erklären. Ich bezweifle, daß mit ihm irgendwas nicht stimmt. Vielleicht ist er einfach überarbeitet. Du weißt doch, wie Studenten sind, wochenlang tun sie nichts, und dann arbeiten sie nächtelang durch.«
...
»Mach dir keine Gedanken. Ich werd vorbeischauen.«
...
»Du mir auch.«
...
»Küßchen.«
An der Ausfahrt 21 bog Ted ab und fuhr auf die M69. Das Wichtigste war, das hatte er schnell begriffen, gute Beziehungen zu den Kunden zu unterhalten. Er hegte kaum Hoffnung, in der Universität erneut etwas verkaufen zu können, aber er hatte seit Wochen nicht mehr mit Dr. Fowler gesprochen und wollte sich erkundigen, ob das neue System einwandfrei arbeitete. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die mittlere Spur frei war, gestattete er sich einen Blick auf den Beifahrersitz und die Aktenmappe, in der er die persönlichen Daten seiner Kunden archivierte. Mit der linken Hand schlug er den Buchstaben F auf. Fowler, Dr. Stepheh. Verheiratet, zwei Kinder: Paul und Nicola. Nicola war am 24. März beim Zahnarzt gewesen. Zwei Extraktionen. Das sollte ihm einen Ansatzpunkt bieten. (»Steve! Freut mich, Sie zu sehen. Hab gedacht, ich schau schnell vorbei. War gerade in der Gegend. Wie geht’s Ihrer Frau und den Kindern? Nicky hat doch hoffentlich keine Probleme mit den Zähnen mehr? Wunderbar. Freut mich zu hören...«)
Kurz vor fünf traf er auf dem Universitätsgelände ein, aber Dr. Fowler war bereits nach Hause gegangen. Einem Zettel an seiner Tür war zu entnehmen, daß er Ratsuchenden am nächsten Morgen wieder zur Verfügung stehen würde.
Ted kehrte auf Umwegen zum Parkplatz zurück, er war überrascht, wie sehr er den sonnigen Spätnachmittag und die ungewohnte Erfahrung genoß, von Menschen umgeben zu sein, die jünger waren als er. Bei seinem Wagen angekommen, stieg er nicht ein, sondern setzte sich auf die Motorhaube und sah sich um. Er hatte sich auf das Treffen mit Dr. Fowler mit der mentalen Unbeirrbarkeit vorbereitet, die ihm kürzlich zum zweitenmal in Folge den begehrten ›Verkäufer des Jahres‹-Preis der Firma eingebracht hatte, so daß er erst jetzt in der Lage war, ernsthaft über Katharines Anruf nachzudenken. Die Aussichten, die sich daraus ergaben, waren nicht erfreulich. Er wollte Robin nicht wirklich wiedersehen: hätte er es gewollt, hätte er sich schon früher, anläßlich eines seiner Besuche in der Universität, bei ihm gemeldet. Und am allerwenigsten wollte er derjenige sein, der sich um ihn kümmern mußte, sollte tatsächlich, wie Katharine vermutet hatte, irgend etwas mit ihm nicht stimmen.
Aber sie neigte stets dazu, zu übertreiben.
Ted setzte sich einer Situation nicht gern ungewappnet aus; und sein Unbehagen, so wurde ihm klar, ließ sich zum Teil mit der Unzulänglichkeit seiner Daten erklären. Robin wiederzusehen, ohne zu wissen, wie er die letzten vier Jahre verbracht hatte, wäre so, als er würde sich mit einem Fremden treffen.
Er dachte eine Weile nach, holte seine Aktenmappe aus dem Auto und schlug den Buchstaben G auf. Die Blätter raschelten leise in der Brise. Schnell hatte er alles, was ihm zu seinem alten Freund einfiel, notiert.
Grant, Robin.
Studienabschluß in Cambridge 1981.
Zum letztenmal gesehen anläßlich unserer Hochzeit 1982. Hat jedes Jahr eine Weihnachtskarte und den Familienrundbrief bekommen (Weiß er deshalb von unserem Häuschen?)
Familie: Vater, Mutter, eine Schwester.
Schreibt derzeit an seiner Doktorarbeit – seit 4 (?) Jahren. Klingt angeblich ›merkwürdig‹ oder ›depressiv‹. Behauptet, Ferien zu brauchen.
Reagiert heftig auf die Ereignisse der letzten beiden Tage: sagt, daß die Bomber nicht nach Libyen hätten geschickt werden dürfen.
Ted legte den Stift aus der Hand, runzelte die Stirn, und seine Stimmung verdüsterte sich noch mehr. Die Menschen konnten sich in vier Jahren gewaltig verändern. Er hoffte, daß man mit Robin auch noch über etwas anderes als Politik reden konnte.
Als er die südwestlichen Randbezirke von Coventry erreichte, hielt Ted an, um in seinem Straßenatlas nachzuschlagen, und mußte feststellen, daß die maßgebliche Seite fehlte. Der Rücken des Buches war gebrochen, und seit über einem Monat wollte er ein neues kaufen: er konnte niemand anderem als sich selbst die Schuld in die Schuhe schieben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als einen Passanten um Auskunft zu bitten. Erst einmal war er jedoch nicht abgeneigt, auf gut Glück durch die baumgesäumten Straßen zu fahren, die Häuser zu betrachten und beifällig auf das Vogelgezwitscher zu horchen, das sich mit der Musik seines gekonnten Herauf- und Herunterschaltens vermischte. Alles, um den Augenblick der Ankunft hinauszuzögern.
Nach ein paar Minuten und nachdem er an mehreren Fußgängern vorbeigekommen war, die ihm aus unterschiedlichen irrationalen Gründen nicht gerade sympathisch erschienen, fiel sein Blick auf eine junge Frau, die auf seiner Seite der Straße schnell dahinging, den Rücken ihm zugewandt. Er fuhr gleichauf und drückte auf die Hupe. Die Frau erschrak und drehte sich zu ihm um; und Ted mußte bestürzt feststellen, daß sie Inderin war. Jetzt hätte er womöglich Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen. Aber es war zu spät; sie näherte sich bereits seinem geöffneten Fenster.
»Ja?« sagte sie grimmig.
Er blickte in ein Paar dunkler, großer Augen, die ihn wütend ansahen. Einen Augenblick lang fühlte er sich überrumpelt, und plötzlich war er sich einer starken, lebhaften Persönlichkeit bewußt, die sich seiner widersetzte. Unfähig, ihrem Blick standzuhalten, schaute er weg und bemerkte, daß er an der linken Manschette einen Knopf verloren hatte.
»Ich dachte, vielleicht könnten Sie mir sagen«, setzte er an, »wo die –« er nannte die Straße, in der Robin wohnte – »ist.«
»Wie bitte?« sagte die Frau mehr, wie Ted durchaus hätte auffallen können, überrascht als verständnislos.
»Hier.« Er kramte in der Aktenmappe und fand den Zettel, auf den er die Adresse geschrieben hatte, als er nach dem Gespräch mit Katharine am Straßenrand angehalten hatte. Er hielt ihn ihr hin.
»Von dort komme ich gerade«, sagte sie. »Wollen Sie Robin besuchen?«
»Ja.«
»Gleich um die Ecke hinter Ihnen. Ich hoffe, Sie werden mehr Spaß haben als ich.«
Sie wandte sich ab und ging davon, die Hände in den Taschen, der Mantel zugeknöpft, obwohl der Abend noch warm war. Ted war zuerst sprachlos, aber innerhalb weniger Sekunden gelang es ihm, sich aus dem Fenster zu lehnen und ihr nachzurufen: »Robin Grant? Sie kennen ihn? Sind Sie eine Freundin von ihm?«
Die Frau blieb weder stehen, noch verlangsamte sie den Schritt, sie erhob nicht einmal die Stimme, so daß ihre Antwort kaum hörbar war.
»Woher soll ich das wissen?«
Ted sah ihrer kleiner werdenden Gestalt nach, bis sein Blick verschwamm. Er war wie betäubt vor Verwirrung. Dann wendete er langsam und widerstrebender als je zuvor den Wagen, indem er dreimal zurücksetzte, und fuhr die Seitenstraße entlang, die sie ihm genannt hatte.
...



