E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Cohn Der gute Ton von Cohn
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-21003-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elegant durch alle Lebenslagen
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-641-21003-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
William Cohn, Sprecher, Schauspieler und Sänger, ist aus der deutschen Fernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken. Seine Beiträge in der ZDF-Sendung „Roche & Böhmermann“ sowie als Sidekick im "Neo Magazin Royale" sind mittlerweile Kult. Seine Gastauftritte z.B. in der „Lindenstraße“ oder bei „Circus Halligalli“ heute schon eine Legende. Von seiner wohlmeinenden Mutter wurde er zu seinem fünfzehnten Geburtstag mit dem Standardwerk der Benimmregeln beschenkt: „Der gute Ton von heute“. Seitdem liegt diese Schwarte wie ein nasses Handtuch auf seiner Seele und lange reifte in ihm die Idee zu seinem neuesten Streich: „Der gute Ton von Cohn“.
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Was ist Stil, und wie lebt es sich damit?
Stil ist nicht gleichzusetzen mit Styling und Mode. Menschen, die in immer rascherer Frequenz jedem neuen Modetrend folgen, sind vielleicht im »Trend«, aber sie haben ganz sicher keinen »Stil«. Das wussten vor allem Coco Chanel und Jacqueline Kennedy.
Stil ist zeitlos. Stil hat der, der Dinge für sich als richtig und geschmackvoll erkennt und über den Anlass hinaus eine Spur mutiger Gelassenheit zeigt. Soziale Angsthasen erkennt man sofort an ihrem nett arrangierten, farblich sorgfältig abgestimmten Look oder an ihrem angepassten Dresscode. Dieser erscheint, anders als in den 60er-Jahren, als er als etwas für Heiratsschwindler, Hochstapler und Portiers in Hotels von gestern galt, in bestimmten Kreisen wieder en vogue. Nur mit einem »Gewusst-wie« sind die zahlreichen Fettnäpfchen, die ein Dresscode für den bereithält, der ihn nicht einzusetzen weiß, zu vermeiden. Denn ein stur befolgter Dresscode ist noch lange keine Garantie für stilvolles Auftreten. Nur Ihre persönliche Note, Ihr stilistisches Sich-selbst-treu-Bleiben und das Setzen raffinierter eigener Akzente, erfüllt den Dresscode mit Leben. Trauen Sie Ihrem eigenen Geschmack und Gespür mehr, als manchem kurzlebigen Modediktat. Schließlich sind Sie ja nicht in einem Schrank aufgewachsen, sondern haben die Dos und Don’ts jahrzehntelang am lebenden Objekt studiert. Gut und korrekt angezogen zu sein heißt in erster Linie, nicht unangenehm aufzufallen. Wenn ich also weiß, wo ich bin und aus welchem Grund ich da bin, dann habe ich meist kein Problem. Dennoch kann es passieren, dass wir zwar am richtigen Ort, aber falsch gekleidet sind. Ein bisschen Vorstellungsvermögen reicht, um folgende Situation nachzufühlen: Sie sind zum Sportfest eingeladen und kommen in Turnkleidung, bereit, am Reck alles zu geben. Traumatisiert stellen Sie fest, dass Sie nur als Zuschauer fungieren sollen, und stehen nun saublöd da. Schlimmer hätte es nur kommen können, wären Sie davon ausgegangen, dass Synchronschwimmen auf dem Programm steht. Oder Beachvolleyball.
Passt man irgendwo so gar nicht hin, fühlt man sich im wahrsten Sinne des Wortes deplatziert und folglich ungemütlich, richtig elend. Entweder Sie wechseln jetzt die Fronten, mischen sich (»Wo finde ich die Schürzen?«) unters Catering und betrachten so die ganze Veranstaltung inkognito, quasi aus der Butlerperspektive, und werden dadurch für einen Teil der Gäste unsichtbar. Oder, wenn Ihnen diese Lösung nicht als der geeignete Weg erscheint, Ihre Dresscode-Panne zu beheben, Sie legen den Rückwärtsgang ein. In Ihrem Aufzug werden Sie ohnehin keine Freude haben. Fahren Sie also rasch noch mal nach Hause, ins Hotel, zu Ihrem besten Freund oder zum nächsten Herrenausstatter und sorgen Sie für Ersatz. Fällt unter Notwehr. Und wenn Ersatz nicht aufzutreiben ist? Na, dann trollen Sie sich in die nächste Spelunke, Boazn, Kneipe oder ins Vereinslokal vom Kleintierzüchterverein. Auch dort findet sich angenehme Gesellschaft.
Bemühen Sie sich stets, den Dresscode Ihrer Gastgeber einzuhalten. Doch bleiben Sie dabei Ihrem Stil treu. Ausstrahlung besitzen Sie nur, wenn Sie sich wohlfühlen.
Das »anything goes« in puncto Bekleidung führt dazu, dass modische Fehltritte auf der ganzen Welt so häufig werden wie architektonische Entgleisungen in Österreich, wo Bausünden grassieren wie Rechtsradikale in Dresden. Solange Bekleidungskonventionen für alle Mitmenschen die wunderbare Möglichkeit schufen, sich ohne Kopfzerbrechen an festen Ritualen entlangzuhangeln, war zumindest diese Gefahr gebannt. Die Auflösung unserer Bekleidungs- und Ausstattungskonventionen bedaure ich zutiefst. Einerseits habe ich das Gefühl, viele Menschen bedecken sich lediglich mit Textilien, um sich vor Wind und Kälte zu schützen, andererseits habe ich den Eindruck, noch mehr Menschen tun das mit vorsätzlicher Geschmacklosigkeit.
Wünschen Sie sich beim Anblick von manchen Schülergruppen nicht auch manchmal die Wiedereinführung der Schuluniform? Als Bremse allzu heftiger textiler Entgleisungen? So wie manche europäische Frau an ihrem Bad Hair Day ihre islamischen Schwestern um deren Verschleierung beneidet? Gelegentlich fällt es mir schwer, die Beleidigung des Auges nicht persönlich zu nehmen, Funktionskleidung für erwachsene ADHSler etwa. Das hat meiner Meinung nach nichts mit Funktion zu tun, sondern mit Kunststoffpartikeln, die unsere Gewässer belasten.
Von vielen liebgewonnenen Teilen und Klamotten sollte man sich geräuschlos trennen. Ohne mein Zutun haben die Motten meinen Norwegerpullover erledigt. Meine Partnerin war für diese tierische Unterstützung dankbar. Bei alten Pullovern mit Zöpfen ist sie für die Todesstrafe.
O ja, ich bin echt retro. Ich wünsche mir den Prince-of-Wales-Anzug zurück, den Cut für den eleganten Abend, denn ich gehöre zu den Leuten, die fürs Einstecktüchlein ein eigenes Fach im Kleiderschrank haben. Bei mir sind diese edlen Accessoires aus Seide nach Farben und Mustern (Paisley, Pepita und Co) sortiert. Nein, ich bin kein Ordnungsfanatiker, und ich habe auch alle Meissener-Tassen im Schrank, nur in diesem einen Punkt, ja, ich gebe es zu, bin ich nicht ganz Hugo. Sie haben also gemerkt, es gibt in meinem Kleiderschrank noch ein Leben jenseits des Pullovers. Fein säuberlich in Überzüge eingehüllt reihen sich da Zweireiher an Zweireiher, Sakkos, Westen, Smokings, Smokinghemden, Alltagshemden, Poloshirts oder Holzfällerhemden für Heavy-Duty-Einsätze usw. Und neben meinen wohlfeil sortierten Einstecktüchlein gibt es ein Fach für Foulards. Meine Freundin nennt diese Seidenhalstücher »liebevoll« Heiratsschwindlertüchlein. Des Weiteren ein Fach für Manschettenknöpfe, eines für Krawattennadeln, eines für Geldklammern und vieles mehr an luxuriösen Accessoires, die der Distinktion dienen. Und auf dem Schrankboden stehen gepflegte Herrenschuhe in Reih und Glied.
Vielen mag das als zu unpraktisch, zu aufwendig, nicht mehr zeitgemäß erscheinen, bietet Prêt-à-porter doch einfache Kleidung für den beschleunigten Lebensstil. Am besten per Bestellung. Da ich aber so retro bin wie »Gutes von gestern« in der Bäckerei, erlaube ich mir diesen kostspieligen Ausstattungsspleen. Denn ist jemand schlecht gekleidet, wird die Kleidung bemerkt. Ist jemand stilvoll gekleidet, entdeckt man den Menschen. So ist Kleidung Ausdruck meiner Selbstwertschätzung im Zeitalter der häufig beschworenen Achtsamkeit. Diese Sorgfalt vermisse ich bei vielen meiner Mitmenschen sehr.
Stil hat aber nichts mit Geld oder Luxus zu tun. Und immer wieder sollte man sich fragen, ob das Streben nach Stil einen vielleicht zum instinkt- und geschmacklosen Verbraucher – ja, ich gebrauche dieses hässliche Wort jetzt mal – gemacht hat. Da hilft auch wirklich nicht, dass es für den »Verbraucher« sogar ein eigenes Ministerium gibt! Denn allzu oft kaufen wir uns schlicht und einfach um den guten Geschmack. Seit Jahren wirft man uns aus den Innenstädten, die dann nur noch aus zugenagelten und verwaisten Lädchen bestehen, damit wir uns als Verbraucher in den Takko-Deichmann-Expert-Märkten auf großen Freiflächen außerhalb der Stadt um unsere ästhetische Autonomie bringen. Haben Sie mal an einem Samstagnachmittag in so einem Konsumtempel eine Stampede von »Verbrauchern« erlebt? Leere, leicht dümmliche Gesichter, die einem auf breiter Front geschlossen entgegenstampfen. In jeder Form zum Fürchten! Eine aufgescheuchte Wasserbüffelherde ist dagegen ein friedlicher Lyzeumsball!
Geschmacksbildende Maßnahmen sehen anders aus. Und wem’s dort doch zu lausig ist, der wandert ins manchmal ebenso gräuliche Internet ab, wo er alles mundgerecht bekommt, wovon andere glauben, dass er es brauche. Vom perfekt abgestimmten Kleiderset über den Muskelrüttler bis zur personalisierten Gewürzmischung.
Man degradiert uns zu Menschen, die ausstaffiert werden, weil sie angeblich selbst nicht mehr in der Lage seien, sich so zu kleiden, wie es ihnen gut steht. Diese neue Lust, die Ausstattung anderen zu überlassen, finde ich seltsam anstrengend, denn Stil ist ein Ausdruck von Persönlichkeit. Nicht nur Kleidung, auch der tintenpatronenfreie Kolbenfüller, der Drehbleistift, der Lieblingssessel, das Stofftaschentuch, die Porzellantasse, das Zigaretten- oder Zigarrenetui oder die Mitbringsel aus dem letzten Urlaub: All diese Dinge gehören zu unserem ganz persönlichen Leben. Zeichnen uns, prägen uns, geben uns ein eigenes Gefühl von Wertigkeit. Eben eine ganz eigene Haltung! Diese Individualität sollten wir uns bewahren, denn: Wer Stil hat, hat Mut!
Der Cohnrat
Seien Sie »swag« bei den Dingen, die Ihnen gefallen und guttun! Was immer Sie tragen, tragen Sie es souverän und selbstbewusst.
Alles andere ist was für anpassungsbedürftige Chabos!
Die gute Hose
Warum bloß quetschen sich Menschen seit Jahrhunderten in zu enge Hosen? In einer zu engen Hose sieht einfach jeder Arsch scheiße aus. Schon im Mittelalter trugen Adelige, Fürsten, Könige und Kaiser ein strumpfähnliches Gewand, das in Aussehen und Wirkung einer heutigen Leggings in nichts nachstand. In den Achtzigern und Neunzigern quälte man uns mit Radlerhosen. Und um die Jahrtausendwende machte das Modehaus Dior die Skinny Jeans populär.
Getragen werden diese noch heute überall (in Stadien, im Krankenhaus, im Zoo und in der Disco) und von fast jedem (Teenager, Hipster, Professoren, Fernsehmoderatoren, Feministinnen, Sportjournalisten und Trainern). Pep Guardiola etwa, das katalanische Rumpelstilzchen, ist...




