Cole | Das Weihnachtskleid | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Cole Das Weihnachtskleid

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7499-0500-3
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-7499-0500-3
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Weihnachten in Chicago: ein zauberhaftes Kleid, ein attraktiver Handwerker und die große Liebe

Nach dem Tod ihres Vaters erbt die junge Modejournalistin Meg ein Haus in Chicago - kurz vor Weihnachten zieht sie dorthin, um sich die verschiedenen Anliegen der Mieterinnen und Mieter des Gebäudes zu kümmern, wie es ihr Vater jahrelang getan hatte. Innerhalb kürzester Zeit wachsen ihr die meist älteren Bewohnerinnen und Bewohner wider Erwarten sehr ans Herz, und besonders der Handwerker Logan lässt ihr Herz höher schlagen. Doch dann findet ein Kleid, das jeder Trägerin Glück zu bringen scheint, seinen Weg zu ihr. Wird Meg hier nicht nur die große Liebe, sondern auch eine Zukunft für sich als Modedesignerin finden?



Courtney Cole ist eine New-York-Times-Bestsellerautorin und ein großer Weihnachtsfan: Eine Minute nach Mitternacht am ersten November hängt die erste Weihnachtsdeko. Sie wuchs in Kansas auf und lebt derzeit mit ihrer Familie am Lake Michigan. Weitere Infos zur Autorin gibt es unter: www.courtneycolewrites.com

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Kapitel 1


»Du darfst mich nicht einfach hier allein lassen«, flüstert meine beste Freundin ins Telefon. Sie klingt beschwörend und entsetzt. Im Hintergrund höre ich, wie Lillianna Cox, die schlimmste Chefin der Welt, einen ihrer legendären Wutanfälle zelebriert.

»Und ob. Das ist das einzig Gute an dieser ganzen vertrackten Situation. Ich muss mir das nie wieder anhören.«

Das ist wohl nicht die Antwort, die Cassie hören will.

»Meghan Ann Julliard! Du steigst jetzt sofort wieder ins Flugzeug und kommst zurück nach New York. Ich schaffe das nicht allein. Ich habe läuten hören, dass sie uns an Heiligabend Überstunden machen lässt, und sie notiert sich jeden, der Silvester nicht zu ihrer Party erscheint. Dann …«

Sie bricht ab, die Leitung ist tot. Vermutlich hat Lillianna sie erwischt. Persönliche Telefonate sind bei Stitch verboten, und da es sich um das derzeit angesagteste Modemagazin handelt, findet sich jeder mit jeder Regel und der schlimmsten Chefin der Welt ab, nur um dort arbeiten zu dürfen. Ich selbst habe vier Jahre lang versucht, in diese Redaktion reinzukommen … und ein knappes halbes Jahr später, voilà: Ich lasse es hinter mir.

Deshalb sehe ich jetzt, als ich in der Hochbahn sitze und den Himmel über Chicago vorbeiziehen sehe, nicht die fröhlichen Lichter, die festlich geschmückten Bäume oder das Winterwunderland, das andere vielleicht sehen.

Ich sehe meine Hoffnungen und Träume zusammen mit dem schlammigen Straßenmatsch durch den Gulli rauschen.

Ich lehne die Stirn an das Fensterglas. Die Kälte sickert in meine Haut, und mein Atem beschlägt das Glas.

So hart habe ich gearbeitet, nur um am Ende von Lillianna angeschrien zu werden. Ich habe ihr Kaffee geholt, Besorgungen für sie erledigt, blieb bis spät in die Nacht in der Redaktion, um seichte Modekritiken zu schreiben, habe mich mit launischen Models herumgeschlagen … alles unbedeutende Dinge angesichts des Ziels, Kontakte zu knüpfen, um eines Tages mein eigenes Modehaus zu eröffnen.

Es war nur ein Augenblick, ein Sekundenbruchteil, in dem das Herz meines Vaters aufhörte zu schlagen und sich meine ganze Welt veränderte. Ich vermisse ihn. Und ich vermisse mein Leben in New York. Ich vermisse es, meine eigenen Träume zu haben. Selbst der knallrote Weihnachtskaffeebecher in meiner Hand kann meine Laune nicht heben. Der Zug kommt ruckartig zum Stehen, und ich ziehe den Griff meiner Reisetasche heraus. Leider ramme ich mir dabei den Becher gegen die Brust, der Deckel löst sich und der Kaffee ergießt sich wie ein riesiger brauner Blutfleck über meinen schneeweißen Lieblingsmantel.

Das soll wohl ein Scherz sein!

Ich habe keine Zeit zum Ärgern, gleich schließen sich die Türen, also stolpere ich hinaus, meine riesige Reisetasche im Schlepptau.

Ich stehe an der Ecke Park und Westwood, begutachte den Schaden und atme tief durch.

Mein Mantel ist wahrscheinlich ruiniert.

Mein Leben ist wahrscheinlich ruiniert.

Übersehe ich etwas?

Ich trete auf den Bordstein und bemerke, dass meine weißen Keilstiefel mit Schlamm bespritzt sind.

Meine Stiefel sind auch ruiniert.

Super.

Ich straffe die Schultern und bleibe stehen. Der kalte Wind weht mir durch die Haare, und ich starre auf das verblasste Schild an dem Apartmentgebäude vor mir, das Gebäude, in das mein Vater über vierzig Jahre lang sein Herz und seine Seele gesteckt hat.

Parkview West.

Ich bin sehr lange nicht mehr hier gewesen. Dieser Ort birgt so viele traurige Erinnerungen an meine Familie, Erinnerungen, die ich nur ungern hochkommen lasse. Deshalb musste mein Vater mich in den letzten Jahren zweimal jährlich in NYC besuchen. Um mich nicht zu zwingen, hierherzukommen. So sehr liebte er mich.

Seufzend zerre ich meine Tasche durch die schweren Doppeltüren.

Die Lobby ist noch genauso, wie ich sie in Erinnerung habe. Verblasst, wie der Rest des Hauses. Verblasste beige Möbel, verblasste künstliche Blumen, und am Weihnachtsbaum in der Ecke sind ein paar Birnen kaputt. Die Gewölbedecke der Lobby ist prachtvoll, aber auch wenn das ganze Gebäude an Chicagos glorreiche Zeiten erinnert, ähnelt es auch einer schönen Frau, die in die Jahre gekommen ist und verwelkt.

Was irgendwie passt, wenn man an die meisten Mieter denkt, die hier leben. Ich zucke zusammen. Es stimmt zwar, die meisten Bewohner sind tatsächlich recht betagt, trotzdem war es gemein, so etwas zu denken.

Ich stelle die Tasche ab und höre das Knistern einer Schallplatte. Bing Crosby.

»Hallo?«, ruft eine dünne Stimme von hinten. »Ich komme gleich. Ich muss nur noch an dieses … Oh, nein!«

Es knallt irrsinnig laut, und ich laufe um den Tresen herum.

Eine ältere Dame mit lila Haaren (leuchtend lila, nicht dieses missglückte Silbergrau-Lila) liegt auf zerquetschten Kartons und reibt sich die Hüfte.

»Das gibt einen blauen Fleck«, murmelt sie. Dann sieht sie mich mit trüben Augen streng an. »Sie haben hier hinten nichts zu suchen. Das verstößt gegen die Regeln.«

Ich reiche ihr die Hand und helfe ihr auf. »Ist schon gut. Ich verrate Ihrem Chef nichts.«

»Das können Sie auch nicht. Er ist letzten Monat gestorben. Ich fürchte, Sie müssen mit mir vorliebnehmen. Kann ich Ihnen helfen?«

Ihre rote Brille sitzt schief auf ihrer Nase, und ich kann mich nur mit Mühe davon abhalten, sie zurechtzurücken.

»Geht es Ihnen wirklich gut?« Ich habe meine Hand immer noch an ihrem Ellbogen.

»Ja, nichts passiert.« Sie hebt das Kinn. »Ich helfe nur aus, bis die neue Besitzerin hier auftaucht. Eigentlich sollte sie schon letzte Woche eintreffen, aber es ist ihr wohl etwas Wichtigeres dazwischengekommen«, sagt sie abfällig und mustert mich. »Wollen Sie jemanden besuchen? Wenn Sie nicht auf der Liste stehen, kann ich Sie nicht reinlassen.«

Ihre lila Locken sind starr vor Haarspray.

Ich halte inne. Wurde ich gerade von jemandem beleidigt, der eine rot-lila karierte Hose trägt?

»Ich bin Meghan Julliard. Die neue Eigentümerin.« Ich strecke meine Hand aus. »Und Sie sind …«

»Sylvie Reinhart.« Das kommt wie aus der Pistole geschossen und klingt streng. Dabei ignoriert sie völlig, dass sie mich gerade beleidigt hat. »Ich habe den Laden hier am Laufen gehalten, während Sie sich mit Ihrem Auftauchen Zeit gelassen haben.«

Sie mustert mich von oben herab, dabei ist sie höchstens 1,50 m groß. Auf ihrem T-Shirt steht: Ich bin nicht klein, ich bin nur eine große Elfe. »Was hat Sie so lange aufgehalten? Wir hätten Sie hier gebraucht.«

»Ich hatte … noch einiges zu erledigen«, stammele ich. »Man kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen und umziehen. Ich musste einen Nachmieter finden, meinen Job kündigen, ich musste … meine Güte! Warum entschuldige ich mich überhaupt? Jetzt bin ich ja hier!«

»Und das wären Sie lieber nicht«, stellt Sylvie wissend fest und verschränkt ihre schmalen Arme vor der Brust.

»Ist das wichtig?«

»Für mich nicht. Das hier gehört jetzt alles Ihnen. Das Lebenswerk Ihres Vaters.« Sie kramt in ihrer Tasche und reicht mir einen Schlüssel. »Damit lässt sich die mittlere Schreibtischschublade öffnen. Darin liegt eine Liste mit sämtlichen Passwörtern«, teilt sie mir mit, wendet sich ab und will hinausgehen.

»Sylvie?«, rufe ich ihr nach.

Sie bleibt stehen, ohne sich umzudrehen. »Nein. Ich habe keine Zeit, Sie in alles einzuweisen. Sie hätten letzte Woche kommen sollen. Ich muss jetzt Weihnachtseinkäufe erledigen.«

»Sie haben Toilettenpapier unterm Schuh«, sage ich matt.

Sie blickt hinab und sieht den langen Papierstreifen, den sie hinter sich herzieht. Mit einem Räuspern streift sie ihn ab, rauscht dann entrüstet davon und lässt das Papier einfach liegen.

Ich atme tief durch und sehe mich im Büro um.

Mein Vater ist hier allgegenwärtig.

Die Uhr über der Tür geht zehn Minuten nach. Das braune Leder des alten Bürostuhls ist rissig. Pralle Aktenordner sind unsortiert in eine offene Schreibtischschublade gestopft, und die Kartons in den Regalen quellen über. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn fast vor mir, wie er am Schreibtisch zwischen gefährlich schwankenden Papierstapeln mit seinem unvermeidlichen Becher schwarzen Kaffees hockt.

»Ich vermisse dich, Dad«, flüstere ich traurig. Ich setze mich an den Schreibtisch, und der alte Stuhl ächzt unter meinem Gewicht. Das ist eine Unverschämtheit, bedenkt man, dass ich immer noch in der Jugendlichenabteilung einkaufen kann. Ich hebe den Arm des Plattenspielers von der Schallplatte, und als Bing aufhört zu singen, lasse ich meinen Kopf auf die Tischplatte sinken.

So verharre ich ein paar Minuten, bis sich jemand an der Tür räuspert.

Ich hebe den Kopf. Ein gut gekleideter älterer Herr beobachtet mich. Er wartet geduldig, und nur Gott weiß, wie lange er schon dort steht. Er trägt sogar eine Fliege, und … ist das eine Taschenuhr?

»Kann ich Ihnen helfen?« Ich stehe auf.

»Sie müssen Meg sein«, antwortet er herzlich und streckt mir die Hand entgegen.

»Bin ich.«

»Ich bin Tom Rutherford aus 104. Ihr Vater hat ständig von Ihnen gesprochen, junge Lady. Ich habe das Gefühl, als würde ich Sie schon kennen.«

...



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