E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Cole Tremor
24001. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8437-3118-8
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | »Ein meisterhafter Roman von einem der größten Schriftsteller Amerikas.« Telegraph
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3118-8
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Teju Cole, geboren 1975, wuchs in Lagos auf. Er ist Schriftsteller, Kritiker, Kurator und Fotograf. Für seine Bücher, darunter der Roman Open City, erhielt er zahlreiche Preise, unter anderem den PEN/Hemingway Award, den New York City Book Award, den Windham Campbell Prize und den Internationalen Literaturpreis. Teju Cole ist derzeit Professor für Kreatives Schreiben an der Harvard University. Er lebt in Cambridge, Massachusetts.
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Masako und Sean sind gegangen. Sadako hat sich schlafen gelegt. Die Abendstunden sind noch nicht so kühl, dass man sich eine Jacke überziehen müsste, und Tunde, der mit Rae auf der Dachterrasse sitzt, schenkt Whisky nach. Saturn und Jupiter stehen heute Nacht tief, und der vor drei Tagen noch volle Mond nimmt ab. Er kennt sich nicht gut mit dem Sternenhimmel aus, aber einige Namen sind ihm geläufig, und er liegt mit seinen Vermutungen oft richtig: Sirius, Arktur, die helleren Planeten. Hinter ihm, wo der Himmel dunkler ist, pulsiert die Galaxie, und er erinnert sich an eine App auf seinem Telefon, die er selten benutzt. Er erzählt Rae, dass er, als er zwölf war, oft vor ihrem neuen Haus in Ojodu stand und in die Sterne schaute. Damals war der Himmel klar, das Haus befand sich in einer noch bewaldeten Gegend am Stadtrand. Er erinnert sich an einen Abend, an dem ihr Hausdiener Michael bei ihm war. Falls Michael noch am Leben sein sollte und man ihn irgendwie ausfindig machen könnte, dann wäre er bald fünfzig, was schwer vorstellbar ist. Damals war er ein hagerer Junge mit missbilligendem Blick und gelblicher Haut, die über seinen Schädel gespannt zu sein schien. Er arbeitete im Haus und ging nicht zur Schule, eine ungerechte, aber nicht ungewöhnliche Regelung. In jener Nacht betrachteten sie den Mond, und Tunde hatte darüber gesprochen, wie verblüffend es sei, dass Menschen es bis auf den Mond geschafft hätten. Michael hatte gelacht. Niemand sei je zum Mond geflogen, hatte er gesagt und noch einmal gelacht. Nachdem er diese Geschichte geteilt hat, erzählt ihm Rae vom Aufwachsen in Alabama und von der Teilnahme an einem Space Camp. Ich hatte das gegenteilige Problem, sagt Rae. Dort gab es überall Abbildungen von Astronauten. Die Raumfahrt war so real, dass sie ihren Zauber verlor.
Am nächsten Morgen lässt er das Wasser in der Badewanne laufen, bis es warm ist. Als er hineinsteigen will, bemerkt er, dass die Seife aufgebraucht ist. Er kann keinen Ersatz im Badezimmerschränkchen finden, weder die Lavendelseife, die er mag, noch die dezente weiße, die Sadako bevorzugt. Er beschließt, eines der beiden besonderen Seifenstücke zu benutzen, die er sich aufgehoben hat. Er wird das eine Stück benutzen und das andere für immer aufbewahren. Er hat die grobe Seife in einer Kasseler Galerie gekauft, als dort die documenta 14 stattfand. Sie war dort gestapelt und dann abgepackt worden, jedes Stück in einer dunkelgrauen Pappschachtel, signiert mit dem Namen der Künstlerin: Otobong Nkanga. Nkanga hatte gesagt, dass der Kreislauf von Herstellung und Vertrieb, das Zusammenspiel von Handel, Handwerk, Installation, Skulptur, Performance und Aktivismus in einem Galerieraum integraler Bestandteil ihrer Vorstellung von Kunst sei. Die Gewinne aus dem Verkauf der Seife sollten zur Unterstützung von Kunstinitiativen verwendet werden. Eine neue Stiftung, ein Kunstraum in Akwa Ibom, der Heimat ihrer Familie.
Die Asche von getrockneten Schoten, Schalen der Kochbanane oder Palmwedeln wird mit Palmkernöl oder Sheabutter, gelegentlich auch mit Kräutern verrührt. Diese Mischung trocknet dann zu einer weichen schwarzen Seife. Nkanga verwendete diese traditionelle Methode, wobei für ihre Seife sieben verschiedene Öle und Butterarten aus Afrika, dem Mittleren Osten und dem Mittelmeergebiet im letzten Arbeitsschritt mit Kohle verschmolzen wurden. Als er sich nun mit ihrer Seife wäscht, erinnert sich Tunde daran, wie unglücklich er als Kind über schwarze Seife, Ose Dudu, war. Er war ein Stadtkind, und alles, was nicht in einer bedruckten Verpackung daherkam, was nach Dorf roch, schreckte ihn ab. Ose Dudu war genau wie Àgbo, ein medizinisches Gebräu aus verschiedenen Kräutern, das gegen eine Vielzahl von Beschwerden eingesetzt wurde. Beides fand er irgendwie peinlich. Er verstand den Nutzen von schwarzer Seife nicht, es gab doch wunderbare pharmazeutische Marken wie Joy und Imperial Leather. Schwarze Seife hatte er immer nur auf Drängen seiner Eltern und Großeltern benutzt, was dazu führte, dass er ihre Verwendung mit deren Drängen verband.
Er versucht, sich zu erinnern. Waren sie nach Ojodu gezogen, bevor Michael zu ihnen kam? Als er fünf Jahre später in die USA ging, war Michael schon weg. Damals befand sich das Haus in einer abgelegenen Siedlung mit wenigen verstreuten Häusern. Mit dem Wegzug der Familie aus Ikeja stellte sich eine neue Beziehung zur Stadt ein. Alles war plötzlich viel weiter entfernt, und es mussten viel größere Distanzen mit dem Auto zurückgelegt werden, um zur Schule oder zur Kirche zu kommen oder um Freunde zu besuchen.
Er und die Zwillinge mussten sich darüber hinaus mit einer anderen Umgebung arrangieren. Da es nur wenige geteerte Straßen gab, war ihr Heimweg von der Schule holprig, und sie waren länger dem Staub ausgesetzt, der die Luft mit riesigen roten Wolken erfüllte und sich auf ihren Kleidern und Körpern ablagerte, wenn das Auto nicht komplett verschlossen war und von der Klimaanlage belüftet wurde. Weil diese häufig nicht funktionierte, atmeten er und seine Schwestern eine Menge Staub ein, was noch ihre geringere Sorge bezüglich verschmutzter Luft war, denn sieben oder acht Minuten Fußweg von ihrem Haus entfernt befand sich eine große Straßenbaustelle, deren drei Schornsteine schwarzen Rauch ausstießen (eine typisch grausame Ironie des Lebens in Lagos: in einer Gegend mit wenigen guten Straßen, aber in der Nähe einer Straßenbaustelle zu wohnen). Der schwarze Rauch war voller Ruß, der sich absetzte und erhebliche Rückstände hinterließ. In der Nähe der Baustelle konnte man kaum atmen, und der Rauch zog weit über das ganze Viertel.
In den nächsten fünf Jahren wurde der Ruß zu einem Teil seines Lebens. An einen Umzug war nicht zu denken. Das war ihr Zuhause, errichtet von seinen Eltern als greifbarer Beleg ihrer Anstrengungen. Das Land wurde von einer Militärdiktatur regiert, und der Straßenbau gehörte einem multinationalen Unternehmen. An wen sollte man eine Beschwerde richten in einem Land, das voller Erlasse, im Grunde aber gesetzlos war? Seine Familie stand hilflos unter der Herrschaft dieses Rauches, der wie grauer Muskovit in der Sonne glitzerte und sich in einem dunkleren Ton auf der zum Trocknen aufgehängten Wäsche absetzte, der nach verbranntem Teer oder Gummi roch, in den Augen brannte, den Geschmack des Tees verdarb, der sich am Moskitonetz vorbei in jedes Bett schlich und sich auf Tische, Stühle und Sofas legte. Der Rauch war ein Ärgernis, und wie die Familie später herausfand, ein Angriff auf ihre Gesundheit.
Zu seinen eindrücklichsten Erinnerungen an diese Zeit gehört die, wie er in seinem Zimmer am Schreibtisch vor dem Fenster sitzt. Ein aufgeschlagenes Chemiebuch liegt vor ihm und auf seinem Schoß ein Kunstbuch, ein Sinnbild dafür, dass seine Aufmerksamkeit zwischen der Wissenschaft und der Kunst geteilt war und für eine lange Zeit bleiben sollte. In der halben Stunde, in der er die vier geöffneten Seiten – zwei auf dem Tisch, zwei auf seinem Schoß – gelesen hatte, würden alle vier von den Abgasen aus den Schornsteinen verdunkelt werden. Erst viel später begriff er, dass dieselbe dünne Schadstoffschicht sich auch in der Luftröhre und der Lunge aller Personen in ihrem Haushalt ablagerte: seiner Mutter und seines Vaters, seiner beiden jüngeren Schwestern, ihrer Tante, ihrer Großmutter, des Hausangestellten. Sie alle wurden von winzigen schwarzen Straßen aus Ruß durchzogen. Viele Jahre später, nachdem er längst von zu Hause ausgezogen war, verschlimmerte sich der Husten seines Vaters bedenklich. Die Familie verheimlichte es vor ihm. Die Diagnose lautete Sarkoidose. Man ging damals davon aus, dass sein Vater sterben würde, aber seine Lungen sprachen auf die Steroidbehandlung an, und er überlebte. Als die Baustelle nach Jahren geschlossen wurde, klärte sich die Luft in der Nachbarschaft wieder.
Tunde war mit siebzehn Jahren in die USA gegangen, lange vor der Krankheit seines Vaters. Zu dieser Zeit hatte er durch Jesus eine direkte Beziehung zu Gott, die intensiv und bereits von sexuellen Schuldgefühlen durchdrungen war. Kurz vor seiner Abreise kam der Mann, den sie Alagba nennen, zu ihnen nach Hause, um für seine Reise zu beten, und Tunde erhielt ein Stück schwarze Seife als spirituelle Vorbereitung auf seinen bevorstehenden Aufbruch. Ihm wurde gesagt, er solle sich damit waschen. Er weigerte sich. Er hatte keine Geduld für diese Version des Christentums, die in weißen Gewändern daherkam. Alagbas Ansatz, zu gleichen Teilen christlich und einheimisch, deckte sich auch nicht mit dem Glauben seiner Eltern, doch darum ging es ihnen letztlich nicht – sondern darum, all das als Teil des Lebens anzunehmen, was helfen könnte, die spirituellen Kämpfe zu bestehen, die sie überall vermuteten. Sie konnten die Engstirnigkeit ihres Sohnes und seine wiedergeborene Rechtschaffenheit nicht verstehen. Er wiederum verstand sie nicht und wollte es auch gar nicht. Er weigerte sich, die Seife von Alagba zu benutzen. Seine Mutter und sein Vater waren verärgert über seine Undankbarkeit. In solchen Dingen waren seine Eltern sich immer einig. Nach dem Vorfall mit Alagba schrie sein Vater ihn an, gefolgt von Schweigen: Seine Eltern redeten nicht mehr mit ihm, die Zwillinge, drei Jahre jünger als er, waren von der ganzen Sache verwirrt und hielten...




