Cole Versuchung des Blutes
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8025-8806-8
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-8025-8806-8
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bowen MacRieve vom Klan der Lykae wäre vor Trauer beinahe gestorben, als er seine Seelengefährtin verlor. Seitdem ist der erbarmungslose Krieger unfähig, Gefühle zu empfinden - bis die Begegnung mit der Hexe Mariketa erneut tiefes Verlangen in ihm weckt. Vorübergehend ihrer magischen Kräfte beraubt, sucht Mariketa bei ihm Schutz vor ihren Feinden. Finstere Mächte haben sich gegen die junge Hexe verschworen. Bowen muss all seine Fähigkeiten als Krieger aufwenden, um das Leben der Frau zu retten, die eine längst verloren geglaubte Leidenschaft in ihm entfesselt hat.
Nach einer Karriere als Athletin und Trainerin veröffentlichte Kresley Cole 2003 ihren ersten Roman und ist seither eine der erfolgreichsten Autorinnen historischer und fantastischer Liebesromane.
Weitere Infos & Material
1
Gegenwart
Grab der Inkubi im Dschungel von Guatemala
Tag 3 der Talisman-Tour
Preis: ritueller Kopfschmuck der Maya in vierfacher Ausfertigung, jeder davon im Wert von sieben Punkten
„Verfolgen Sie mich etwa, Mr. MacRieve?“, fragte Mariketa die Langersehnte den Lykae hinter ihr, ohne sich umzudrehen. Bowen MacRieve war ihr geräuschlos durch das Dunkel eines Korridors gefolgt, der zu einer Grabkammer führte. Aber sie hatte gefühlt, dass er sie angestarrt hatte – genau wie auf der Versammlung der Talisman-Tour vor drei Tagen.
„Wohl kaum, Hexe.“
Wie schaffte er es bloß, dass seine tiefe Stimme mit diesem anheimelnden schottischen Akzent so bedrohlich klang?
„Ich verfolge nur, was ich auch fangen will.“
Auf diese Worte hin wandte Mari sich um und warf ihm einen Blick zu, auch wenn sie wusste, dass er ihr Gesicht unter der Kapuze des scharlachroten Umhangs, den sie immer trug, nicht sehen konnte. Aber im Licht der Laterne, die sie über der Schulter hängen hatte, konnte sie das seine sehen, und sie nutzte die Deckung, um ihren langen, abschätzenden Blick zu verbergen.
Innerlich stieß sie einen Seufzer aus. Männliche Lykae waren für ihr gutes Aussehen bekannt, und die wenigen, die sie bisher mit eigenen Augen gesehen hatte, waren ihrem Ruf durchaus gerecht geworden, aber dieser hier war geradezu umwerfend sexy.
Er hatte schwarzes Haar, glatt und dicht, das ihm bis zum Kragen seines offensichtlich teuren Hemdes reichte. Sein Körper, über den sie in den vergangenen Tagen zu ihrer eigenen Überraschung immer wieder nachgedacht hatte, war göttlich. Er war gut zwei Meter groß, und obwohl der Korridor breit genug war, dass zwei normal gebaute Menschen aneinander vorbeigehen konnten, füllten seine breiten Schultern und seine riesige Gestalt den Raum vollkommen aus.
Doch selbst bei all seinen zahlreichen anziehenden Eigenschaften waren es vor allem seine Augen, die ihn so einzigartig erscheinen ließen. Sie hatten die satte Farbe warmen Bernsteins, aber zugleich lag in ihnen eine Art bedrohliches Licht, von dem sie sich angezogen fühlte. Denn dies war eine Eigenschaft, die auch ihr zu eigen war.
„Genug geglotzt?“, fragte er in schneidendem Tonfall.
Ja, er war sexy, aber unglücklicherweise war seine Abneigung Hexen gegenüber wohlbekannt.
„Ich bin fertig mit dir“, antwortete sie, und das meinte sie auch so. Sie hatte keine Zeit, unfreundliche Werwolfkrieger anzuschmachten, wenn sie weiterhin vorhatte, als Erste ihrer Art die Tour – eine Schatzsuche für Unsterbliche – zu gewinnen.
Mit einem innerlichen Schulterzucken setzte sie ihren Weg zur nächsten Grabkammer fort. Das war nun schon die zehnte, die sie untersuchte in all den Stunden, die sie und diverse andere Wettkampfteilnehmer tief im Inneren dieser nicht enden wollenden Maya-Grabstätte verbracht hatten.
Möglicherweise hatte sie ihn mit ihrer schroffen Erwiderung überrascht, denn es vergingen einige Sekunden, bevor er ihr folgte. Die einzigen Geräusche in dem widerhallenden Gang waren seine schweren Schritte, die zu dämpfen er sich jetzt nicht mehr die Mühe machte. Das Schweigen zwischen ihnen war zermürbend.
„Wer hat die Steinplatte zum Grab geöffnet?“, fragte er schließlich.
Für ihren Geschmack war er ihr viel zu dicht auf den Fersen.
„Die drei elbischen Bogenschützen und ein paar Dämonen.“ Die Elben, zwei Männer und eine Frau, verwendeten ihre Waffen mit blitzartiger Geschwindigkeit und tödlicher Präzision, und die männlichen Wutdämonen waren unglaublich stark – die Einzigen, die ihnen in puncto Kraft noch überlegen waren, waren die Lykae. Doch selbst für sie war es nahezu unmöglich gewesen, die Platte aus Stein zu bewegen, die den Eingang zum Grab wie ein Fallgitter versiegelte.
Schließlich hatten sie bemerkt, dass sich die Struktur der Pyramide im Laufe der Zeit und durch mehrere Erdbeben verschoben hatte und jetzt auf dieser Platte lastete, wodurch sie Tonnen zu wiegen schien. Um sie zu heben, hatten sie alle zusammenarbeiten müssen – die zwei Dämonen hatten sie angehoben und die Bogenschützen einen gewaltigen Felsbrocken daruntergeschoben, um die Platte oben zu halten.
„Und nach all ihren Anstrengungen haben sie dich einfach so eintreten lassen?“
Sie blieb stehen und wandte sich erneut zu ihm um. „Was hätten sie denn sonst wohl tun sollen, Mr. MacRieve?“ Die anderen hatten ihr nicht nur gestattet, die Pyramide zu betreten. Obwohl sie keinen von ihnen wirklich kannte, hatten sie mit ihr zusammenarbeiten wollen, da es schließlich insgesamt vier Preise gab. Cade, einer der Dämonen, hatte ihr sogar dabei geholfen, die ersten Meter vom Eingang bis zum ersten Vorraum hinabzuklettern. Dann hatten sie sich aufgeteilt, um das ganze Labyrinth aus Kammern zu durchsuchen, nicht ohne zuvor beim Mythos geschworen zu haben, die anderen zu alarmieren, sobald jemand etwas gefunden hatte.
MacRieves Lächeln bestand darin, seinen Mund zu einem grausamen Grinsen zu verziehen. „Ich weiß genau, was ich getan hätte.“
„Und ich weiß genau, wie ich Vergeltung geübt hätte.“
Er schien überrascht zu sein, dass sie gar keine Angst vor ihm zu haben schien, aber ihr jagte nun einmal nichts so schnell Angst ein – abgesehen von großen Höhen und unnötig großen Insekten. Und sie war sich sehr wohl bewusst, wie bösartig die Teilnehmer der Tour werden konnten, während sie auf der Suche nach den Preisen die ganze Erde bereisten.
Gerade wegen dieser Rücksichtslosigkeit war Mari ja vom Haus der Hexen auserwählt worden, um an dem Wettstreit teilzunehmen, obwohl sie erst dreiundzwanzig war und aus einem eher dubiosen Koven stammte, dem etwas undisziplinierten Hexenhaus von New Orleans. Und obwohl sie die Wandlung von sterblich zu unsterblich noch nicht vollzogen hatte.
Aber Mari fand es durchaus nicht unter ihrer Würde, ab und zu ein paar Tricks anzuwenden, und im Gegensatz zu vielen anderen Hexen würde sie ohne zu zögern Magie anwenden, um jemandem zu schaden, der es verdient hatte – vorausgesetzt, sie war dazu in der Lage, mit ihren eher unbeständigen Kräften.
MacRieve trat so dicht an sie heran, dass der gut zwei Meter große, vor Wut kochende Werwolf über ihr aufragte. Er war wenigstens dreißig Zentimeter größer als sie und um ein Vielfaches stärker, aber sie zwang sich, nicht vor ihm zurückzuweichen.
„Pass auf, was du sagst, kleine Hexe. Jemanden wie mich möchtest du sicher nicht verärgern.“
Der große Preis dieser Tour war ein Gegenstand, der Thranes Schlüssel genannt wurde; ein Schlüssel, der es seinem Besitzer erlaubte, in die Vergangenheit zu reisen, und das nicht nur ein Mal, sondern zwei Mal. Sie wusste, für ein solches Werkzeug war er mehr als bereit, sie aus dem Wettkampf zu drängen. Also musste sie ihn davon überzeugen, dass ihm das unmöglich wäre.
„Genauso wenig, wie du mich verärgern solltest“, erwiderte sie mit fester Stimme, wobei sie ihn unverwandt anblickte. „Vergiss nicht, ich könnte dein Blut in Säure verwandeln, ohne mich auch nur im Geringsten anzustrengen.“ Eine glatte Lüge.
„Aye, ich habe die Gerüchte über deine Macht gehört.“ Er kniff die Augen zusammen. „Seltsam nur, dass du das Grab nicht einfach mit einem Fingerschnippen geöffnet hast.“
Ja, möglicherweise wäre sie imstande gewesen, die Steinplatte anzuheben – mit voller Konzentration, einer noch nie da gewesenen Portion Glück und wenn sie nicht an den Folgen übertriebenen Alkoholgenusses gelitten hätte. Oh, und wenn sie sich in tödlicher Gefahr befunden hätte.
Unglücklicherweise hing ihre Macht von ihrem Adrenalinspiegel ab, was sie ebenso unerschöpflich wie unkontrollierbar machte.
„Du meinst also, ich sollte Zauberkräfte wie die meinen dazu benutzen, ein Grab zu öffnen?“, fragte Mari spöttisch. Seht der Meisterin des Bluffs zu und staunt! „Das wäre ja so, als ob man dich herbeiriefe, um eine Feder aufzuheben.“
Er neigte den Kopf zur Seite und sah sie abwägend an. Nach einer gefühlten Ewigkeit wandte er sich schließlich ab und ging.
Mari stieß innerlich einen Seufzer der Erleichterung aus. Wenn irgendeine Mythenweltkreatur herausfand, wie verletzlich sie in Wirklichkeit war, wäre ihr Schicksal besiegelt. Das war ihr bewusst, aber ganz gleich, wie sehr sie sich abmühte – jedes Mal, wenn sie eine größere Menge ihrer Macht entfesselte, endete es mit einer Explosion.
Das verwirrte auch ihre Mentorin Elianna, die ihr einmal erklärt hatte: „Pferde besitzen sehr kräftige Beine, aber das heißt noch lange nicht, dass sie zur Primaballerina taugen.“ Die alte Elianna übte jeden Tag mit Mari, damit diese lernte, die zerstörerische Natur ihrer Magie zu beherrschen, da sie der Überzeugung war, dass die subtileren Zauber die größte Angst in ihren Feinden auslösten.
Und Angst einzuflößen war die Spezialität der Hexen.
Schließlich endete der Korridor an einer breiten, hohen Wand, die mit Schnitzereien schauderhafter Gesichter und Tiere bedeckt war. Mari hob ihre Laterne hoch, woraufhin sich die Reliefs in den Schatten zu bewegen schienen. Offensichtlich waren sie dort angebracht worden, um eine schmale Tunnelöffnung kurz über dem Boden zu bewachen, die ihrerseits wie ein weit geöffnetes Maul mit zuschnappenden Reißzähnen gestaltet war.
Sie bedeutete dem Lykae mit einer...




