Colerus | Zwei Welten: Ein Marco Polo Roman | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Colerus Zwei Welten: Ein Marco Polo Roman


1. Auflage 2014
ISBN: 978-80-268-0917-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-80-268-0917-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Zwei Welten: Ein Marco Polo Roman' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Egmont Colerus von Geldern (1888-1939) war ein österreichischer Schriftsteller. Colerus behandelte in seinen Romanen aus einer zutiefst humanistischen Weltsicht in impressionistischer, teilweise auch expressionistischer Art vielfältige Problemstellungen der Zwischenkriegszeit, teils in der Form von Zeitromanen, teils in historischer Einkleidung. Er zählte damit in der Zwischenkriegszeit zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellern, seine Werke wurde teilweise in bis zu zehn Sprachen übersetzt. Der große Wurf gelang Egmont Colerus mit seinem Marco Polo Roman 'Zwei Welten' (1926). Die Leser erleben Marco Polos Jugend in Venedig, seine Reise in den Fernen Osten und seine Wiederkehr als scheinbarer Triumphator und erfolgreicher Handelsherr, hinter dessen sichtbarem Erfolg sich jedoch die Niederlage im persönlichen Bereich verbirgt. 'Die eine Welt wird Tat, die andre Reue', lässt Colerus zum Schluss seines Romanes den Dante Alighieri dem in Zweifel grübelnden Marco Polo zusprechen.

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Erste Epoche


Inhaltsverzeichnis

Göttin Ungewißheit


Inhaltsverzeichnis

Plötzlich stand das Haus vor ihnen. So plötzlich, daß sie erschraken, wiewohl sie es schon seit unzähligen Tagen fiebernd ersehnt hatten. Die schwarze, klotzige Fassade wuchs aus dem trägen Braun des Kanales und starrte mit erblindeten Spitzbogenfenstern in das milchige Licht eines reglosen Augustmittags.

Irgendwo am Rande der Lagune zerbrach schellend der Ton eines Kirchengeläutes.

Die Gondel knirschte schon an die schrägen Piloten, die das Haus sockelten und, mit halbnassen Algen bedeckt, scharfen Geruch entströmten.

Niemand sah die beiden Männer, niemand achtete ihrer, obgleich alles ungewöhnlich war, was die Gondel barg.

Einer von ihnen, lang und hager, saß steif und starrte gegen die schwarze Fassade. Aus verwittertem Antlitz stachen undurchdringliche Augen. Nur der spärliche Ziegenbart zuckte leise. Der andere aber war mächtig und geduckt; und lebendig in jeder Faser seines massigen, feisten Leibes. Beide staken in harten Ledermänteln, deren Säume farbloses, dichtes Pelzwerk verbrämte. Und spitze Pelzkappen gleich unbestimmter Färbung klebten wie verwachsen auf dem schmalen und dem dicken Haupte.

»Anno 1269 post Christum natum sind nach neunzehnjähriger Abwesenheit die edlen Brüder Nicolo und Maffio aus dem Geschlechte der Polo heimgekehrt, nachdem sie sich auf dem Erdkreis durch fast alle Länder schlugen! Preis, Dank und Ehre diesen großen Söhnen Venedigs!« Maffio, der Dicke, krähte es hinaus in die Mittagsstille, wie um lähmende Unruhe zu übertäuben, hob pathetisch den Arm und sprang so jäh empor, daß das Gleichgewicht der Gondel in Gefahr kam. Dann schwang er sich auf die Bohlen, die nur eine Hand breit oberhalb des trüben Wassers hingen.

Nicolo, mit der Gondel durch die Heftigkeit des Aussteigens in die Mitte des schmalen Kanales zurückgestoßen, sah ihn hart an. Dann schlug er mit eingesunkenen Lippen ein Kreuz, beugte den hageren Oberkörper zum Grund der Barke und erhob sich erst, als der Schlag des Ruders das Fahrzeug wieder an die Bohlen gejagt hatte.

Eben verwehte der Nachhall der letzten Mttagsglocke.

Die Brüder sahen sich nicht um, als der bunte Gondolier Ballen und sonderbares Gepäck emsig auf die Bohlen warf. Schon waren sie auf den steinernen Stufen und vor dem schweren Tore.

Nicolo Polo machte eine eckige Geste, als wolle er Maffio zurückhalten. Der aber hatte schon den Klopfer in der Hand und ließ ihn gegen den Flügel schmettern.

Wie in einem Gewölbe dröhnten die rücksichtslosen Hiebe durch die enge Schlucht des Kanales und brachen sich zickzack an den Fassaden.

Nicolo riß hastig die Klappen des Ledermantels zurück und hielt ein schimmerndes Kleinod in der Hand. Er murmelte in unverständlicher Sprache.

Maffios Antlitz wurde röter und röter.

Plötzlich erstarrten beide. Hoch und schrill, schnappend und knirschend, drehte sich ein Schlüssel. Und in unterbrochenen Schlägen fuhr der Riegel zurück.

Das Tor sprang auf.

»Madonna! Satan sendet die Toten!« Gellender Aufschrei eines schmierigen Weibes aus zahnlosem Munde. Klapperndes Schlagen verzerrter Kreuze. Noch einmal: »Madonna! Madonna! Helft mir!« Stets wimmernder, stets leiser.

Die alte durchäderte Hand glitt gekrallt der Kante des halboffenen Türflügels entlang und die Gestalt der Greisin, ein armes Bündel fleckiger, einst schwarzer Lappen, knickte gegen die Fliesen.

»Maddalena, ich verstehe dich!« Tief und metallisch bebend tönte es von Nicolo daß der Ziegenbart sich hob und senkte. Selbst Maffio zuckte. So sonderbar war die Stimme. Doch weiter: »Maddalena! Im Namen des Gekreuzigten! Ich verstehe dich. Aber wir leben. Hörst du? Wir leben! Siehst du nicht, daß wir gleich dir älter geworden sind?« Und er kam noch zurecht, ihr Hinabgleiten aufzufangen. Sie bebte, langsam begreifend und sich fassend, mit den tausend unsauberen Runzeln, in denen Schweiß und Schmutz entlang liefen.

Maffio hatte einen Blick ihrer unsteten Augen aufgefangen. Plötzlich wandte er sich ab und pfiff sonderbar durch die Zähne. Er wußte schon alles.

Es kam auch schnell. Die kaum verklungene Stimme Nicolos setzte wieder an und ward heiser.

Maffio schlug die Hände vors Gesicht und pfiff noch schriller, noch unwahrscheinlicher.

»Maddalena!« Nicolo beugte sich mit stechendsten Augen vor. »Maddalena, wo ist Assunta, wo ist mein Weib Assunta?«

Ein Krach, ein Aufplätschern. Der Gondolier hatte, neugierig starrend, einen Ballen ins Wasser geworfen.

Maffio, erlöst, stieß einen wilden Fluch aus und fuhr herum.

Das alte Weib aber heulte: »Siebzehn Jahre, Masser Nicolo, siebzehn, achtzehn Jahre, Masser Nicolo! Alle guten Geister mögen sie beseligen! Assunta, mein Liebling, Assunta, Assunta!« Langgezogen und gell stets wieder der Name.

»Tot? Verloren?« Wie ein Gurgeln, ein grausiges Gurgeln schnitt Nicolos Ton in das Nachplätschern des Wassers, über dem der bunte Gondolier, gehalten von der feisten Hand Maffios, hing und verzweifelt nach der Kiste angelte.

Das alte Weib kniete im Türspalt und zog mit hilflos blödem Gesichtsausdruck einen klobigen Rosenkranz durch die Finger.

Nicolo aber stand schon unten am Wasser. Gräßlich knirschten die Kiefer. Sein schwerer Stiefel stampfte ein-, zwei-, dreimal gegen die Bohlen. Plötzlich lohte die Faust. Lichtkringel tanzten über die Fassaden. Die Hand, ganz Sehne, ganz Verzweiflung, ragte zur Höhe. Und im nächsten Augenblick fuhr mit blaffendem Knall das Juwel in die Tiefe des lehmbraunen Wassers.

»Bewahrt es, bewahrt den Schatz! Nicht!« Keuchend klang knapp hinter ihm die Stimme des Weibes. »Bewahrt Eure Schätze, Masser Nicolo! Lebt und freut Euch! Ihr habt einen Sohn, Masser! O, einen süßen, lieblichen Sohn!«

Maffio stand jetzt dicht neben Nicolo.

»Hörst du, Bruder? Hörst du?« Und der Feiste preßte seinen Arm. »Neue Blüten, neue Zweige trieb das schwarze Haus der Poli! Wir sind nicht die Letzten! Hörst du?«

Nicolo hatte sich zusammengerissen. Unergründlichen Blickes kehrte er sich vom Kanale ab und wieder klang seine Summe wie Glockengut: »Führe uns in das Haus, Maddalena! Wir werden es von den Spinnweben säubern, die die Fenster blind machen.«

Und er wollte eben mit Maffio die Schwelle übertreten, als vom Schwarz des Hintergrundes sich ein neues Ereignis abhob.

Vorerst nur ein Kopf in der Schwärze. Ein wilder viereckiger Kopf, wie mit der Axt aus Holz gehauen. Strähne willensstarker Muskeln liefen von den Wangen hinab zum athletischen Hals, Flammenzungen von Narben über Stirne und Nase. Dazu tiefliegende umschattete Augen.

Der Türflügel flog unter dem Druck der kurzfingrigen Pranke knirschend auf und schlug ein wenig zurück. Die Gestalt schob sich heraus ins Licht. Und sie war des Kopfes würdig. Unter einem gelben genetzten Hemd bäumten sich die Platten der Brust, schwollen über den Rippen die Geflechte der Sägemuskeln. Und die Arme saßen an den unwahrscheinlich breit ausladenden Schulterkugeln wie Keulen.

Bauschige schwarze Hosen über nackten grauen Füßen. Auch auf Brust und Armen glasige Flächen, Flammen und Krater gräßlicher Narben.

Maffio duckte sich plötzlich. Aus dem feisten Ledermantel wurde ein kaum minder drohender Widerpart.

Das alte Weib fuchtelte verständnislos mit den Armen und der zahnlose Mund jappte auf und zu, ohne daß ein Ton sich bildete.

»Räuber im Hause! Nicolo, den Dolch! Räuber sind unsre Erben. Wehe, der nächtliche Enrico!« Maffio stieß den Arm senkrecht empor und ein sichelkrummer Dolch loderte.

Auch Nicolo war zu äußerster Spannkraft erwacht.

»Soll alles in Scherben gehen?« keuchte er. Dann brüllte er mit furchtbar unerbittlicher Stimme: »Mörder, feiger Mörder! Wo ist mein Bruder Marco? Du Untier sitzest im Hause der Poli und er modert in feuchter Erde? Weißt du, wer wir sind? Graut dir?« Und wieder langgezogen, daß die Fassaden schütterten: »Mörder! Mörder! Bandit! Mörder!«

Eine lange Gondel schoß um die Ecke. Gebauscht die Standarte des heiligen Marcus. Ein roter Löwe an schwarzem Bord, daß die Spiegelung im Kanäle als schmutziger Blutfleck mittanzte. Aufgleißen von gewölbten Brustpanzern und Schwertern. Schwarz und purpurn, in knöchellangem Gewand, ein Mann mit Hakennase und welligem Haar. Ganz Würde, ganz Macht und Geist.

»Mörder!« schrillte es nachhallend durch die Enge des Kanales. Der Gondolier duckte sich.

Enrico wand sich kniend vor dem halboffenen Flügel und die Narben schillerten fahl im strotzenden Braun der Muskelmassen.

Maffio drang geduckt mit haßverzerrtem Antlitz vor. So nahe, daß seine Stirne fast das Gesicht Enricos streifte. Ausholend schwang sein Dolch zitternde Kreise hinter seinem Rücken.

Da, ein kurzer Blick Enricos, ein Zusammenzucken, ein Stoß gegen die Brust Maffios, daß er über die Stufen zurücktaumelte.

Ein zweiter, langer, fingerschmaler Dolch wuchs aus der hageren Faust Nicolos, der den torkelnden Bruder auffing.

Die Gondel schoß heran. Das Wappen des heiligen Marcus stand ausgebreitet im Kanäle.

Und eine Stimme, jammernd und doch voll baßdunkler Kraft:

»Helft, helft! Madonna! Helft! Helft mir, Masser Malipiero! Sie töten mich! Sie töten mich!«

Dazwischen das Emporschnellen...



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