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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 2, 592 Seiten
Reihe: Happy-Ever-After-Reihe
Colgan Happy Ever After - Wo dich das Leben anlächelt
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99686-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Romantik in den schottischen Highlands
E-Book, Deutsch, Band 2, 592 Seiten
Reihe: Happy-Ever-After-Reihe
ISBN: 978-3-492-99686-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jenny Colgan studierte an der Universität von Edinburgh und arbeitete sechs Jahre lang im Gesundheitswesen, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Mit dem Marineingenieur Andrew hat sie drei Kinder, und die Familie lebt nördlich von Edinburgh. Ihre Romane sind internationale Erfolge und stehen jeweils wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.
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Kapitel 1
»Und wie sieht es mit Weinen aus???« Die Ärztin saß in ihrem Behandlungszimmer des National Health Service mit freundlicher, aber professioneller Miene hinter dem schäbigen alten Schreibtisch.
Auf einem Poster an der Wand stand eine seltsame Abkürzung, an die man sich erinnern sollte, wenn man einen Schlaganfall hatte.
Zoe stresste die Vorstellung, sich ausgerechnet während eines Schlaganfalls diese Buchstabenfolge merken zu müssen, noch mehr als dieser Termin hier ohnehin schon.
Vor dem winzigen Fenster, das auf eine rote Backsteinwand hinausging, hing eine schmutzige Lamellenjalousie, und der Fußboden aus rauen Teppichelementen war voller Kaffeeflecken.
»?Na ja, das passiert mir vor allem montags?«, erklärte Zoe und betrachtete die gepflegten dunklen Haare der Frau, die so schön glänzten. Ihre eigenen Haare waren ebenfalls dunkel und lang, Zoe hatte sie sich aber zusammengebunden. Mit einem Haarband, hoffte sie, und nicht etwa mit einem Gummiband, das der Postbote verloren hatte. »?Und, nun ja, wenn die U-Bahn ewig nicht kommt oder ich den Kinderwagen nicht in den Waggon heben kann. Oder wenn jemand missbilligend schnalzt, weil ich ihn reinhebe. Aber wenn ich den Kinderwagen nicht nehme, komme ich eine Stunde zu spät. Natürlich ist er dafür längst zu groß, schon klar, vielen Dank auch, also können die sich ihre missbilligenden Blicke ruhig sparen. Oder wenn ich bei der Arbeit aufgehalten werde und bei jeder verstreichenden Minute daran denke, was mich das jetzt kostet. Wenn ich ihn dann am Ende abhole, war nämlich der ganze Arbeitstag wieder umsonst. Oder vielleicht wollen wir den Bus nehmen, und dann macht der Fahrer die Türen zu, als wir gerade an der Haltestelle ankommen. Dabei hat er mich genau gesehen, er will sich nur das Theater mit dem Kinderwagen ersparen. Oder wenn wir keinen Käse mehr haben, ich es mir aber nicht leisten kann, neuen zu kaufen. Haben Sie in letzter Zeit mal die Käsepreise gesehen?? Oder …?«
Die Ärztin lächelte zwar freundlich, wirkte aber auch etwas angespannt. »?Ich meinte Ihren Sohn, Mrs O’Connell. Wann weint er denn???«
»?Oh?«, entfuhr es einer bestürzten Zoe.
Sie betrachteten beide den kleinen dunkelhaarigen Jungen, der in einer Ecke des Raumes verhalten mit einem Bauernhof spielte. Argwöhnisch blickte er zu ihnen herüber.
»?Das … das war mir nicht klar?«, sagte Zoe und war schon wieder drauf und dran, in Tränen auszubrechen.
Die freundliche Frau Dr. Baqri schob ihr eine Schachtel Taschentücher über den Tisch, was die Sache nur noch schlimmer machte.
»?… und es ist Miss, nicht Mrs?«, stellte Zoe mit brechender Stimme klar. »?Na ja, es geht ihm gut … Ich meine, er weint schon mal, aber er …?« Lange würde sie die Tränen nicht mehr zurückhalten können. »?Aber er gibt eben keinen einzigen Laut von sich.?«
Sie hatte seit Monaten auf diesen Termin beim National Health Service gewartet, und jetzt wurde Zoe zu ihrem Entsetzen klar, dass sie den größten Teil der Sitzung damit verbrachte, rumzuheulen und Dr. Baqri abwechselnd hoffnungsvoll und verzweifelt anzustarren.
Zoe wischte sich übers Gesicht, hätte dann beinahe erneut losgelegt und riss sich im letzten Moment wieder zusammen. Während Hari fröhlich auf ihren Schoß kletterte, dachte sie bei sich, dass ihr Dr. Baqri bisher wenigstens nicht mit dem Spruch gekommen war, den sonst immer alle brachten.
»?Also, Einstein …?«, sagte die Ärztin jetzt, und Zoe stöhnte innerlich auf. Ja, da war er also: »?… der hat bis zu seinem fünften Lebensjahr auch nicht gesprochen.?«
Zoe zwang sich zu einem kleinen Lächeln. »?Das weiß ich, danke?«, sagte sie durch zusammengebissene Zähne hindurch.
»?Selektiver Mutismus … Hat er vielleicht irgendein Trauma erlitten???«
Zoe biss sich auf die Lippe. Gott, doch hoffentlich nicht?! »?Na ja, sein Vater … ist nicht besonders präsent?«, sagte sie. Als sie weitersprach, war ihr Tonfall ein wenig flehentlich, als erhoffe sie sich von der Ärztin Bestätigung. »?A-Aber das ist ja nicht so ungewöhnlich, richtig?? Und du freust dich doch, wenn du Daddy siehst, oder???«
Bei der Erwähnung seines Vaters legte sich wie immer ein Strahlen über Haris Züge, und der kleine Junge bohrte ihr fragend einen drallen Finger in die Wange.
»?Bald?«, antwortete Zoe.
»?Wann haben Sie ihn denn zum letzten Mal gesehen???«, erkundigte sich die Ärztin.
»?Äh … vor drei … sechs …?« Zoe überlegte. Ja, ehrlich gesagt, war Jaz den ganzen Sommer über weggewesen. Sie mahnte sich immer wieder, sich bloß sein Instagram nicht mehr anzusehen, aber es war wie eine üble Sucht. Den Fotos zufolge, auf denen er verschiedene Hüte in mehreren Farben trug, musste er so ungefähr auf vier Festivals gewesen sein.
Die Ärztin hatte sich mit Hari für ein Kartenspiel zusammengesetzt, bei dem es ums Teilen gegangen war, hatte ihm beigebracht, wie man mit den Fingern schnippte, mit ihm Kuckuck gespielt und ihn Sachen suchen lassen, die sie vorher im Raum versteckt hatte.
Bei all dem hatte der Vierjährige nervös mitgemacht und mit großen, angsterfüllten Augen ein ums andere Mal versucht, auf den Schoß seiner Mutter zurückzuklettern.
»?Tja?«, sagte die Medizinerin jetzt, »?wir haben es hier mit einer Sozialphobie zu tun.?«
»?Das weiß ich.?«
Die Ärztin warf einen Blick auf ihre Notizen. »?Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Kind nicht einmal mit einem Elternteil spricht. Gibt es vielleicht zu Hause irgendetwas, was ihn aufwühlt???«
Sie lebten in Wembley im Erdgeschoss eines fürchterlichen, umgebauten viktorianischen Gebäudes an der Hauptstraße. Die Wasserrohre rumorten, und der Nachbar von oben spielte oft laut Musik, wenn er spät abends betrunken nach Hause kam. Manchmal brachte er Freunde mit, die gegen die Tür bollerten und laut lachten. Genug Geld für die Kaution einer anderen Wohnung zusammenzubekommen – mal abgesehen von der Miete –, würde immer ein Luftschloss bleiben. Die Stadtverwaltung hatte Zoe als Alternative ein Zimmer in einem Bed and Breakfast angeboten, aber das stellte sie sich nur noch schlimmer vor. Ihre Mutter konnte ihr auch nicht helfen – die war vor ein paar Jahren nach Spanien gezogen, wo das Leben von Tag zu Tag teurer wurde. Um sich zu ihrer Rente etwas dazuzuverdienen, jobbte sie in einer üblen Kneipe, bei der im Fenster Bilder von gebratenen Spiegeleiern hingen.
Seit sie ungeplant mit Hari schwanger geworden war, behauptete Zoe Familie und Freunden gegenüber außerdem gern, dass bei ihr alles in Ordnung sei. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, ihre wirkliche Lage eingestehen zu müssen. Doch das hatte dramatische Folgen für sie.
Dr. Baqri entging Zoes Gesichtsausdruck natürlich nicht. »?Ich … Ich will Ihnen hier keine Vorwürfe machen.?«
Zoes Lippe begann schon wieder zu zittern.
»?Wissen Sie?«, fuhr Dr. Baqri fort, »?die Bindung zwischen Ihnen wirkt stabil. Und er ist zwar schüchtern, wirkt auf mich aber nicht traumatisiert. Manchmal – manchmal ist das eben einfach so.?«
Es trat ein langes Schweigen ein.
»?Das?«, sagte Zoe dann leise, »?ist wirklich das Netteste, was seit Langem jemand zu mir gesagt hat.?«
»?Normalerweise empfehlen wir, das Kind mit Belohnungen zu ermutigen?«, sagte Dr. Baqri. Sie reichte Zoe einen Stapel Papiere mit Tabellen und Listen anzustrebender Ziele. »?Es funktioniert alles über Bestärkung. Etwas Nettes für ein Flüstern … eine Süßigkeit für ein Lied.?«
Zoe blinzelte und fragte sich, wo sie Geld für Süßigkeiten hernehmen sollte. Sie dachte ja jetzt schon mit Schrecken an die kalten Tage, an denen Hari nicht mehr seine Sommersandalen würde tragen können.
»?Wenn das alles nichts bringt, könnten wir es mit Medikamenten versuchen.?«
Zoe starrte sie nur an. Ihren zauberhaften Jungen unter Drogen setzen?? Da hörte es für sie wirklich auf. Das hier war das Ende, in mehr als nur einer Hinsicht: Nach acht Monaten auf der Warteliste für einen Termin bei der Sprachtherapeutin hatten sie an diesem brüllend heißen Tag zwei Stunden lang quer durch London fahren müssen, um diese Praxis nahe der Endstation aufzusuchen.
»?Sprechen Sie denn viel mit ihm???«, fragte Dr. Baqri.
»?Hm-hm?«, bestätigte Zoe, die froh war, dass man ihr zumindest in dieser Hinsicht keine Vorwürfe machen konnte. »?Ja, tu ich, und zwar ständig.?«
»?In Ordnung, passen Sie aber auf, dass Sie nicht zu viel reden. Wenn Sie all seine Wünsche und Bedürfnisse erraten, gibt es für ihn ja keine Motivation mehr, sich mitzuteilen. Und die müssen wir wecken.?« Dr. Baqri stand auf.
Angesichts von Zoes entsetztem Gesichtsausdruck lächelte sie. »?Tja, ein Patentrezept gibt es leider nicht. Mir ist schon klar, dass das nicht leicht für Sie ist?«, sagte sie, während sie ihre Broschüren zusammenschob.
Zoe spürte schon wieder einen Kloß im Hals. »?Nein, ist es nicht.?«
Das war es wirklich nicht.
Auf der Rückfahrt mussten sie zwei Busse nehmen. Zoe versuchte, ihrem kleinen Jungen aufmunternd zuzulächeln, aber es wurde ihr alles schlicht zu viel. Der Bus war voll und laut, Schulkinder brüllten und kreischten, guckten auf ihren Handys Videos in dröhnender Lautstärke und zappelten mit den Beinen. Hier hockten einfach viel zu viele Fahrgäste aufeinander, und der Bus zuckelte quälend langsam voran. Als sie irgendwann Hari auf den Schoß nehmen musste, um Platz für andere Leute zu machen,...




