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Condillac | Abhandlung über die Empfindungen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 245 Seiten

Condillac Abhandlung über die Empfindungen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0751-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 245 Seiten

ISBN: 978-3-8496-0751-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In diesem Werk führt Condillac alle Funktionen der Seele (Gefühle, Wünsche, Willensakte) auf die ihnen zugrunde liegenden Empfindungen zurück. Die Empfindung selbst und die psychische Erfahrung wurden von ihm intellektualisiert. Der Verstand sieht mehr als das Auge, schreibt Condillac.

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I. Vom geringsten Grade des Gefühls, auf den ein bloss mit dem Tastsinn versehener Mensch beschränkt sein kann.

1. unsere Statue existirt, wenn sie Geruch, Gehör, Geschmack, Gesicht entbehrt und auf den Tastsinn beschränkt ist, zunächst vermöge des Gefühls, das sie von der Einwirkung ihrer Körpertheile auf einander und besonders von den Athmungsbewegungen hat. Das ist der geringste Grad des Gefühls, auf den sie beschränkt werden kann. Ich werde es Grundgefühl nennen, weil mit diesem Spiel der Maschine das animalische Leben beginnt; von ihm allein hängt es ab.

2. Da sie in der Folge den Eindrücken der umgebenden Luft und alles dessen ausgesetzt ist, was an sie anstossen kann, so ist ihr Grundgefühl in allen ihren Körpertheilen vieler Wandlungen fähig.

3. Endlich werden wir bemerken, dass sie sagen könnte Ich, sobald eine Veränderung mit ihrem Grundgefühl vorgegangen ist. Dieses Gefühl und ihr Ich sind demnach ursprünglich eins und dasselbe, und um zu erforschen, was sie mit alleiniger Hülfe des Getastes vermöchte, braucht man nur die verschiedenen Arten, wie das Grundgefühl oder das Ich modifizirt werden kann, zu beobachten.

II. Dieser auf den geringsten Grad des Gefühls beschränkte Mensch hat weder eine Vorstellung von Ausdehnung, noch von Bewegung.

1. Wenn unsere Statue von keinem Körper berührt wird und wir sie in ruhige, massig erwärmte Luft stellen, in der sie weder eine Zu- noch Abnahme ihrer natürlichen Wärme verspürt, so wird sie auf das Grundgefühl beschränkt sein und von ihrem Dasein nur durch den unklaren Eindruck Kunde erlangen, welcher durch die Bewegung entsteht, der sie das Leben verdankt.

2. Dieses Gefühl ist einförmig und folglich für ihre Anschauung einfach; sie kann die verschiedenen Theile ihres Körpers dabei nicht bemerken, nimmt also deren Nebeneinander und Zusammenhang nicht wahr. Es ist, als existirte sie nur in einem Punkte, und zu entdecken, dass sie ausgedehnt ist, ist ihr noch unmöglich.15

3. Wir wollen dieses Gefühl lebhafter machen, ihm aber seine Gleichförmigkeit lassen, z.B. die Luft erwärmen oder abkühlen: so wird sie an ihrem ganzen Körper eine gleichmässige Wärme- oder Kälteempfindung haben, und ich sehe nicht ein, was sich daraus weiter ergeben soll, als dass sie ihr Dasein lebhafter empfindet. Denn eine einzige Empfindung, so lebhaft sie auch sein mag, kann einem Wesen keine Vorstellung von Ausdehnung geben, das, weil es von seiner eignen Ausdehnung nichts weiss, diese Empfindung nicht dadurch auszudehnen versteht, dass es sie auf seine verschiedenen Körpertheile bezieht.

Folglich würde unsere Statue, wenn sie nur durch eine Reihe gleichförmiger Gefühle lebte, in ihren Seelenthätigkeiten und Erkenntnissen eben so beschränkt sein, als sie mit dem Geruchsinn gewesen.

4. Wenn ich nach einander an ihren Kopf und ihre Füsse klopfe, so modifizire ich zu verschiedenen Malen ihr Grundgefühl; allein diese Modifikationen sind selbst wieder gleichförmig. Sie kann also an keiner von ihnen bemerken, dass sie ausgedehnt ist. Vielleicht wird man fragen, ob sie, wenn man zugleich an ihren Kopf und ihre Füsse klopft, nicht empfinde, dass diese Modifikationen von einander entfernt seien.

Wenn ich sie berühre, so nimmt entweder die Empfindung, die sie erfahrt, ihre Empfindungsfähigkeit so ein, dass sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht, oder die Aufmerksamkeit richtet sich auch jetzt noch auf das Grundgefühl der andern Theile. Im erstem Falle kann unsere Statue sich keinen Zwischenraum zwischen ihrem Kopf und ihren Füssen vorstellen, denn sie bemerkt das gar nicht, was diese trennt. Im zweiten kann sie es eben so wenig, weil ja das Grundgefühl keine Vorstellung von Ausdehnung giebt.

5. Ich schüttele ihren Arm, und ihr Ich empfängt eine neue Modifikation. Wird sie daher eine Vorstellung von Bewegung erlangen? Gewiss nicht. Denn sie weiss noch nicht, dass sie einen Arm hat, dass er einen Ort einnimmt und ihn ändern kann. Was in diesem Augenblicke mit ihr vorgeht, ist ein besonders deutliches Empfinden ihres Daseins in der ihr von mir gegebenen Empfindung, ohne dass sie je von dem, was sie erleidet, sich Rechenschaft geben kann.

Eben so wird es sein, wenn ich sie in die Luft hebe. Es beschränkt sich dann Alles bei ihr auf einen Eindruck, der das gesammte Grundgefühl modifizirt, und sie kann noch nicht erfahren, dass sie einen Körper hat, der sich bewegt.

III. Von den Empfindungen, welche dem Tastsinn zugeschrieben werden, jedoch keine Vorstellung von Ausdehnung geben.

1. Das Gefühl unserer Statue möge nicht länger gleichförmig bleiben, und wir wollen es in allen ihren Körpertheilen gleichzeitig mit derselben Lebhaftigkeit, aber doch auf verschiedene Weise abändern: so wird sie nach meinem Dafürhalten noch keine Vorstellung von Ausdehnung haben. Kommen diese Empfindungen zugleich, so ergiebt sich daraus ein verworrenes Gefühl, wobei die Statue sie nicht unterscheiden kann; denn da sie dieselben noch nicht einzeln bemerkt hat, so versteht sie noch nicht, mehrere zusammen zu bemerken.

Machen aber Wärme und Kälte sich nach einander bemerklich, so wird sie dieselben unterscheiden und von jedem dieser Gefühle eine Vorstellung behalten. Sie möge sie hierauf mit einander erfahren, so wird sie den Eindruck, den sie empfindet, mit den Vorstellungen vergleichen, an die das Gedächtniss sie erinnert, und erkennen, dass sie auf zwei verschiedene Weisen zugleich ist.

Gleicherweise können wir ihr Vorstellungen von mehreren andern Arten der Lust und des Schmerzes geben; denn in dem Maasse, als sie einander folgende Empfindungen bemerken lernt, wird sie sich daran gewöhnen, sie zu bemerken, wenn sie mit einander kommen; ja sie wird es dahin bringen, in einem Zeitpunkte eine so grosse Zahl derselben zu unterscheiden, dass es ihr nicht möglich ist, sie genau anzugeben.

Nehmen wir z.B. an, sie empfinde gleichzeitig Wärme in dem einen und Kälte in dem andern Arme, Schmerz am Kopfe, Kitzeln an den Füssen, Bewegung in den Eingeweiden u.s.w. Ich glaube, sie wird diese Daseinsweisen bemerken, vorausgesetzt, dass sie dieselben gesondert kennen gelernt hat, und wenn keine vorherrscht, wird ihre Aufmerksamkeit sich gleichmässig unter sie theilen. Man muss hier die Grundsätze in Anwendung bringen, die wir aufstellten, als wir vom Gesichtsinn sprachen.

Diese Daseinsweisen, die sie zugleich bemerkt, bestehen neben einander, unterscheiden sich mehr oder weniger und sind insofern ausser einander; allein weil sich daraus weder Angrenzung noch Zusammenhang ergiebt, können sie der Statue eben so wenig als Töne oder Dufte eine Vorstellung von Ausdehnung geben. Wenn wir sie uns als ausgedehnt vorstellen, so geschieht es nicht, weil sie an und für sich diese Vorstellung geben, sondern weil wir anderswoher wissen, dass wir einen Körper haben und sie deshalb auf etwas beziehen, dessen neben und an einander liegende Theile ein zusammenhängendes Ganze bilden. Hier haben wir also Empfindungen, die dem Tastsinn angehören, die Erscheinung der Ausdehnung jedoch nicht zu bewirken vermögen.

IV. Vorläufige Betrachtungen zur Lösung der Frage: wie wir von unsern Empfindungen zur Erkenntniss der Körper gelangen.

1. Wir können Ausdehnung nur mit Ausdehnung herstellen, wie wir Körper nur mit Körpern herstellen können; denn wir sehen nicht, dass unter mehreren unausgedehnten Dingen Zusammenhang stattfinden und sie folglich ein Ganzes bilden könnten. Wir stellen uns jedoch nothwendiger Weise jeden einzelnen Körper als ein, durch den Zusammenhang mehrerer anderer ausgedehnter Körper gebildetes Ganze vor. Ja wir sind gezwungen, selbst die ganz kleinen so vorzustellen, die sich der sinnlichen Wahrnehmung entziehen; wir denken uns jeden aus andern ausgedehnten Körpern und diese wieder aus andern zusammengesetzt und wissen nicht, wo wir inne halten sollen.

Augenscheinlich werden wir also von unsern Empfindungen nur dann zur Erkenntniss der Körper gelangen, wenn sie die Erscheinung der Ausdehnung zu Stande bringen, und weil ein Körper ein durch den Zusammenhang anderer ausgedehnter Körper gebildetes Ganze ist, so muss die Empfindung, die ihn darstellt, ein durch den Zusammenhang anderer ausgedehnter Empfindungen gebildetes Ganze sein. Wir haben diese Eigenschaft in keiner der von uns beobachteten Empfindungen gefunden, und müssen weiter suchen, ob wir sie in andern finden. Da die Empfindungen nur der Seele angehören, so können sie nur Daseinsweisen dieser Substanz sein; sie sind auf sie eingeschränkt und erstrecken sich nicht weiter. Nähme sie nun die Seele nur als auf sie beschränkte...



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