E-Book, Deutsch, Band 16, 448 Seiten
Reihe: Ein Fall für Harry Bosch
Connelly Black Box
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70636-6
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der 16. Fall für Harry Bosch
E-Book, Deutsch, Band 16, 448 Seiten
Reihe: Ein Fall für Harry Bosch
ISBN: 978-3-311-70636-6
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1992 eskalieren Proteste in den Straßen von Los Angeles, die Stadt versinkt im Chaos. In einer abgeschiedenen Gasse wird die Leiche der dänischen Kriegsberichterstatterin Anneke Jespersen gefunden. Todesursache: ein Kopfschuss aus nächster Nähe. Detective Harry Bosch sichert den Tatort inmitten der Aufstände. Die Indizien sind rar, einzig eine Patronenhülse hat der Täter zurückgelassen. Der Fall bleibt ungelöst, doch an Bosch nagt ein Gedanke, der zur Überzeugung wird: Jespersen war kein zufälliges Opfer. Zwanzig Jahre stehen die Ermittlungen still, dann führen Hülsen an einem anderen Tatort Bosch zu der Waffe, mit der auch Jespersen ermordet wurde: eine Pistole des US-Militärs aus dem Zweiten Golfkrieg. Bosch nimmt den Fall wieder auf, denn er weiß: Irgendwo muss sie sein, die Spur, die alle losen Fäden verbindet, das fehlende Puzzleteil, die »Black Box«.
Weitere Infos & Material
Schneewittchen
1992
In der dritten Nacht stieg die Zahl der Toten so massiv und so rasch an, dass viele Mordermittlerteams der jeweiligen Polizeireviere aus den vordersten Linien der Unruhenbekämpfung abgezogen und nach dem Rotationsprinzip bei Notfällen in South Central eingesetzt wurden.
Detective Harry Bosch und sein Partner Jerry Edgar wurden von der Hollywood Division abgestellt und einem mobilen B-Schicht-Team zugeteilt, zu dem aus Sicherheitsgründen auch zwei mit Schrotflinten bewaffnete Streifenpolizisten gehörten. Sie wurden überall dorthin geschickt, wo Not am Mann war – wo eine Leiche auftauchte. Das Vier-Mann-Team war in einem schwarz-weißen Streifenwagen unterwegs und fuhr von Tatort zu Tatort, ohne sich lange an einem aufzuhalten. Das war zwar nicht die korrekte Art, Mordermittlungen durchzuführen, nicht einmal annähernd, aber mehr war angesichts der unwirklichen Verhältnisse einer aus den Fugen geratenen Stadt nicht machbar.
South Central war ein Kriegsgebiet. Überall brannte es. Horden von Plünderern zogen von Geschäft zu Geschäft, und mit dem über der Stadt aufsteigenden Rauch verflüchtigten sich auch noch die letzten Reste von Moral und Anstand. Die Gangs von South L.A. waren angetreten, die Herrschaft über die Dunkelheit an sich zu reißen, und hatten ihre internen Streitigkeiten beigelegt, um eine Einheitsfront gegen die Polizei zu bilden.
Bereits über fünfzig Menschen waren ums Leben gekommen. Ladenbesitzer hatten Plünderer erschossen, Nationalgardisten hatten Plünderer erschossen, Plünderer hatten Plünderer erschossen, und dann waren da noch die anderen – Mörder, die das Chaos der Unruhen nutzten, um alte Rechnungen zu begleichen, die nichts mit den aktuell hochschlagenden Emotionen und den auf der Straße ausgetragenen Kämpfen zu tun hatten.
Zwei Tage zuvor waren die rassischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen, die unter der Stadt verliefen, mit seismischer Wucht an die Oberfläche gebrochen. Der Prozess gegen vier LAPD-Officer, die beschuldigt worden waren, einen schwarzen Autofahrer nach einer wilden Verfolgungsjagd brutal verprügelt zu haben, war mit Freisprüchen für die Angeklagten zu Ende gegangen. Die Bekanntgabe der Entscheidung der ausschließlich aus Weißen bestehenden Jury in einem siebzig Kilometer entfernten Vorstadtgericht hatte in South Los Angeles sofortige Wirkung gezeigt. Kleine Gruppen aufgebrachter Menschen versammelten sich an Straßenecken, um die Ungerechtigkeit des Urteils anzuprangern. Und rasch nahmen die Proteste gewalttätige Züge an. Die stets wachsamen Medien berichteten live aus der Luft und übertrugen die Bilder in jeden Haushalt der Stadt und bald auch der Welt.
Die Polizei wurde auf dem falschen Fuß erwischt. Als das Urteil publik wurde, war der Polizeichef nicht im Parker Center, sondern auf einer politischen Veranstaltung. Auch andere Mitglieder des Führungsstabs waren nicht auf ihrem Posten. Niemand übernahm in jenem Moment die Verantwortung, und, noch wichtiger, niemand schritt ein. Die ganze Polizei verfiel in Schockstarre, und die Bilder ungezügelter Gewalt verbreiteten sich wie ein Lauffeuer über die Fernsehschirme der Stadt. Bald herrschte Chaos in Los Angeles, und die Stadt stand in Flammen.
Auch zwei Nächte später noch war der beißende Gestank von brennendem Gummi und schwelenden Träumen allgegenwärtig. Flammen von tausend Feuern flackerten über den Dächern der Stadt, als tanzte der Teufel über den dunklen Himmel. Pausenlos gellten Schüsse und wütende Schreie hinter dem Streifenwagen her. Doch die vier Männer in 6-King-16 hielten wegen keinem von ihnen an. Sie hielten nur für Morde an.
Es war Freitag, der 1. Mai. Als B-Schicht wurde in Notstandssituationen die von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens dauernde Nachtschicht bezeichnet. Bosch und Edgar saßen hinten, die Streifenpolizisten Robleto und Delwyn vorn. Delwyn hatte auf dem Beifahrersitz seine Flinte so im Schoß liegen, dass ihr Lauf aus dem offenen Seitenfenster zeigte.
Sie waren zu einer Leiche unterwegs, die in einer Durchfahrt am Crenshaw Boulevard gefunden worden war. Der Anruf war von der California National Guard, die wegen der Unruhen in die Stadt beordert war, an die Kommunikationszentrale des Notstandskrisenstabs weitergeleitet worden. Es war erst halb elf Uhr abends, aber die Meldungen häuften sich. Einen Mordfall hatte King-16 seit Schichtbeginn bereits übernommen – ein Plünderer, der im Eingangsbereich eines Schuhgeschäfts erschossen worden war. Vom Inhaber des Ladens.
Da sich dieser Tatort in den Geschäftsräumen befunden hatte, hatten Bosch und Edgar in relativer Sicherheit arbeiten können, zumal Robleto und Delwyn mit ihren Flinten und in kompletter Schutzausrüstung vor dem Eingang Wache hielten. Das verschaffte den Ermittlern die nötige Zeit, Beweise zu sammeln, eine Skizze des Tatorts anzufertigen und Fotos zu machen. Sie hatten die Aussage des Ladenbesitzers zu Protokoll genommen und sich die Videoaufnahme der Überwachungskamera angesehen, auf der zu sehen war, wie der Plünderer mit einem Alu-Baseballschläger die Glastür des Geschäfts einschlug. Als sich der Mann darauf durch die so entstandene Öffnung zwängte, wurde er vom Inhaber des Ladens, der hinter dem Ladentisch auf der Lauer lag, prompt mit zwei Schüssen niedergestreckt.
Weil die Rechtsmediziner die zahlreichen Todesfälle nicht mehr bewältigen konnten, hatten die Rettungssanitäter den Toten ins County-USC Medical Center gebracht. Dort sollte er bleiben, bis sich die Lage – wenn überhaupt – beruhigte und die Pathologen mit der Arbeit nachkamen.
Was den Todesschützen anging, verzichteten Bosch und Edgar auf eine Festnahme. Ob es nun Notwehr oder ein Mord aus dem Hinterhalt war, musste später die Staatsanwaltschaft klären.
Das war zwar nicht die vorschriftsmäßige Vorgehensweise, aber es musste genügen. Angesichts des aktuellen Chaos war ihre Aufgabe sehr simpel: die Beweismittel sichern, so gut und so schnell wie möglich den Tatort dokumentieren und die Toten einsammeln.
Rein und wieder raus. Und keine Risiken eingehen. Die richtigen Ermittlungen kamen später. Vielleicht.
Als sie auf dem Crenshaw nach Süden fuhren, kamen sie immer wieder an Menschengruppen vorbei, hauptsächlich junge Männer, die an Ecken standen oder durch die Straßen zogen. An der Ecke Crenshaw und Slauson johlte eine Gruppe in den Farben der Crips lautstark los, als der Streifenwagen ohne Sirene und Blaulicht vorbeiraste. Es flogen Flaschen und Steine, aber das Auto fuhr zu schnell, und die Wurfgeschosse landeten hinter ihm, ohne Schaden anzurichten.
»Keine Angst, ihr Arschlöcher! Wir kommen zurück.«
Es war Robleto, der das gerufen hatte, und Bosch konnte nur annehmen, dass es metaphorisch gemeint war. Die Drohung des jungen Streifenpolizisten war so hohl, wie es die ganze Reaktion der Polizei gewesen war, seit die Urteilsverkündung am Mittwochnachmittag live im Fernsehen übertragen worden war.
Robleto, der am Steuer saß, ging erst wieder vom Gas, als sie sich einer Straßensperre aus Fahrzeugen und Soldaten der Nationalgarde näherten. Die Strategie, auf die man sich am Tag zuvor beim Eintreffen der National Guard geeinigt hatte, sah vor, die wichtigsten Straßenkreuzungen in South L.A. wieder unter Kontrolle zu bekommen und dann von dort auszuschwärmen und nach und nach alle Krisenherde einzunehmen. Sie waren weniger als eine Meile von einer dieser Schlüsselkreuzungen, Crenshaw und Florence, entfernt, und die Soldaten und Fahrzeuge der Nationalgarde hatten sich bereits mehrere Häuserblocks weit den Crenshaw Boulevard hinauf und hinunter verteilt. Als sie die Straßensperre in der 62nd Street erreichten, ließ Robleto das Fenster herunter.
Ein Nationalgardist mit Sergeantstreifen am Ärmel kam an die Tür und beugte sich vor, um einen Blick auf die Insassen des Wagens zu werfen.
»Sergeant Burstin, San Luis Obispo. Was kann ich für euch tun, Leute?«
»Mordkommission«, sagte Robleto. Er deutete mit dem Daumen auf Bosch und Edgar im Fond. Burstin richtete sich auf und signalisierte seinen Leuten mit einer Armbewegung, Platz zu machen und sie durchfahren zu lassen.
»Also.« Der Nationalgardist beugte sich wieder zum Fenster des Streifenwagens herab. »Sie ist in einer Durchfahrt zwischen 66th Place und 67th Street. Auf der Ostseite. Einfach immer geradeaus weiter, dann zeigen es euch meine Leute. Wir werden einen engen Kreis um euch bilden und die umliegenden Dächer im Auge behalten. Uns liegen unbestätigte Meldungen von Scharfschützenfeuer in dieser Gegend vor.«
Robleto kurbelte das Fenster wieder hoch, als sie weiterfuhren. »›Meine Leute‹«, äffte er den Nationalgardisten nach. »Im richtigen Leben ist der Typ wahrscheinlich Lehrer oder so was. Ich hab gehört, dass keiner von den Pfeifen, die sie hier angekarrt haben, aus L.A. ist. Von überall aus dem Staat, aber nicht aus L.A. Ohne Stadtplan würden die wahrscheinlich nicht mal den Leimert Park finden.«
»Das hättest du vor zwei Jahren auch noch nicht«, sagte Delwyn.
»Trotzdem. Dieser Typ hat doch von Tuten und Blasen keine Ahnung, und so jemand will hier nach dem Rechten sehen? Ein lächerlicher Wochenendkrieger wie der? Damit will ich nur sagen, dass wir diese Heinis nicht gebraucht hätten. Lässt uns nur schlecht dastehen. Als ob wir das nicht allein geregelt bekämen und auf diese Pfeifen aus scheiß San Luis Obispo angewiesen wären.«
Edgar auf dem Rücksitz räusperte sich und sagte: »Nur für den Fall, dass du es nicht mitbekommen haben...




