E-Book, Deutsch, Band 3, 416 Seiten
Connelly Die Spur der toten Mädchen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70576-5
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für den Lincoln Lawyer
E-Book, Deutsch, Band 3, 416 Seiten
Reihe: Ein Fall für den Lincoln Lawyer
ISBN: 978-3-311-70576-5
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Connelly ist mit über 89 Millionen verkauften Büchern in 45 Sprachen einer der US-amerikanischen Krimi-Superstars. 1956 geboren, wuchs er in Florida auf, wo er als Journalist arbeitete, bis ihn die Los Angeles Times als Gerichtsreporter in die Stadt holte, in der sein literarisches Idol Raymond Chandler seine Romane spielen ließ, was Connelly ihm später gleichtun sollte. Im Kampa Verlag erscheinen neben den Fällen des legendären Ermittlers Harry Bosch und der Nachtschicht-Detective Rene?e Ballard auch Connellys Romane mit Jack McEvoy und Michael »Mickey« Haller. Connelly lebt in Kalifornien und in Florida.
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Dienstag, 16. Februar, 13:00 Uhr
Der Saal, in dem die Staatsanwaltschaft ihre Pressekonferenzen abhielt, war nicht mehr modernisiert worden, seit dort die Medien über den jeweils neuesten Stand der Ermittlungen im Charles-Manson-Fall in Kenntnis gesetzt worden waren. Die verblichenen holzvertäfelten Wände und die schlappen Flaggen in der Ecke, die bei Tausenden Pressekonferenzen als Hintergrund gedient hatten, verliehen allem, was dort geschah, einen schäbigen Anstrich, der jedoch über die wahre Macht der Behörde hinwegtäuschte. Obwohl die Staatsanwaltschaft in keinem einzigen Verfahren der Underdog war, schien es, als hätte die Behörde nicht einmal das Geld, um ihre Räumlichkeiten neu streichen zu lassen.
Für die Bekanntgabe der Entscheidung im Fall Jessup passte das Ambiente jedoch hervorragend. Möglicherweise war die Anklage tatsächlich zum ersten Mal der Underdog in diesen heiligen Hallen der Gerechtigkeit. Die Entscheidung, Jason Jessup ein zweites Mal den Prozess zu machen, war mit enormen Risiken verbunden und von der hohen Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns überschattet. Als ich jetzt im hinteren Teil des Saals neben Gabriel Williams und vor einer Phalanx von Videokameras, Scheinwerfern und Reportern stand, wurde mir vollends bewusst, was für einen verhängnisvollen Fehler ich begangen hatte. Meine Entscheidung, den Fall zu übernehmen, um dadurch im Ansehen meiner Tochter, meiner Ex-Frau und meiner selbst zu steigen, würde verheerende Folgen nach sich ziehen. Ich würde grandios scheitern.
Es war einer dieser Momente, die man selten direkt miterlebt. Die Medien hatten sich eingefunden, um über das Ende der Angelegenheit zu berichten. Angeblich würde die Staatsanwaltschaft bekannt geben, dass sie kein neues Verfahren gegen Jason Jessup eröffnen würde. Wahrscheinlich würde sich der DA zwar nicht entschuldigen, aber zumindest erklären, dass es keine Beweise für eine Neuaufnahme gebe. Dass die Anklage nichts vorbringen könne gegen den Mann, der so lange inhaftiert gewesen war.
Der Fall würde für abgeschlossen erklärt, und Jessup wäre in den Augen des Gesetzes und der Öffentlichkeit ein freier und unschuldiger Mann.
Die Medien werden selten auf ganzer Linie hinters Licht geführt, und wenn es doch einmal der Fall ist, nehmen sie es in der Regel nicht gut auf. Aber diesmal stand völlig außer Frage, dass Williams alle hereingelegt hatte. Wir hatten in der vergangenen Woche in aller Heimlichkeit das Team der Anklagevertretung zusammengestellt und das Beweismaterial gesichtet, das noch verfügbar war. Nicht ein Wort war nach draußen durchgedrungen, was in der Geschichte des CCB ein einmaliger Vorgang sein dürfte. Während ich noch die ersten Anzeichen von Argwohn über die Mienen der Reporter huschen sah, die mich erkannten, als wir in den Saal kamen, trat Williams bereits an das mit Mikrophonen und digitalen Aufnahmegeräten bewehrte Rednerpult und verpasste ihnen den K.-o.-Schlag.
»An einem Sonntagmorgen vor vierundzwanzig Jahren wurde in Hancock Park die zwölfjährige Melissa Landy aus dem Garten des Hauses ihrer Eltern entführt und brutal ermordet. Die Ermittlungen führten rasch auf die Spur eines Verdächtigen namens Jason Jessup. Er wurde festgenommen, in einem Strafverfahren schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt. Dieses Urteil wurde vor zwei Wochen vom Obersten Gerichtshof des Staates Kalifornien revidiert und an meine Behörde zurückverwiesen. Ich bin heute hier, um bekannt zu geben, dass die Bezirksstaatsanwaltschaft des Los Angeles County eine Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Jason Jessup wegen der Ermordung Melissa Landys anstrengen wird. Es wird weiterhin wegen Entführung und Mordes Anklage gegen ihn erhoben. Die Staatsanwaltschaft beabsichtigt, die rechtlichen Mittel gegen Mr. Jessup in vollem Umfang auszuschöpfen.«
Um die Bedeutung seiner Ankündigung zu unterstreichen, legte Williams an dieser Stelle eine kurze Pause ein.
»Wie Sie wissen, hat der Supreme Court befunden, es sei im Zuge des ersten Verfahrens zu Unregelmäßigkeiten gekommen – wobei ich nicht darauf hinzuweisen vergessen möchte, dass dieses Verfahren über zwanzig Jahre vor der Amtszeit der gegenwärtigen Behörde stattgefunden hat. Um nun politische Verwerfungen und jeglichen Anschein von Ungebührlichkeit seitens der aktuell zuständigen Bezirksstaatsanwaltschaft zu vermeiden, habe ich einen unabhängigen Sonderankläger mit dem Fall betraut. Viele von Ihnen haben von dem Mann, der hier an meiner Seite steht, bereits gehört. Michael Haller ist schon seit zwanzig Jahren als Strafverteidiger in Los Angeles tätig. Er ist ein kompetentes und renommiertes Mitglied der Anwaltskammer. Er hat die Ernennung angenommen und trägt ab dem heutigen Tag die Verantwortung für den Fall. Bisher war es in dieser Behörde Usus, ein Gerichtsverfahren nicht in den Medien breitzutreten. Dennoch sind Mr. Haller und ich bereit, Ihnen ein paar Fragen zu beantworten, solange sie sich nicht auf spezifische Details und Beweise des Falls beziehen.«
Sofort erhob sich ein Chor von Stimmen, die uns mit Fragen bombardierten. Williams hob die Hände, um im Saal für Ruhe zu sorgen.
»Immer schön der Reihe nach, meine Damen und Herren. Fangen wir doch mit Ihnen an.«
Williams deutete auf eine Frau in der ersten Reihe. Ich konnte mich zwar nicht an ihren Namen erinnern, wusste aber, dass sie von der war. Williams wusste, worauf es ankam.
»Kate Salters von der «, stellte sie sich hilfreicherweise vor. »Können Sie uns sagen, weshalb Sie sich entschieden haben, den Fall Jason Jessup neu aufzurollen, obwohl er durch einen DNA-Test von aller Schuld freigesprochen wurde?«
Bevor wir den Saal betreten hatten, hatte mir Williams zu verstehen gegeben, dass sowohl die Ankündigung als auch die Beantwortung aller Fragen er übernehmen würde, solange sie nicht ausdrücklich an mich gerichtet waren. Er hatte mir gegenüber keinen Zweifel daran gelassen, dass das sein großer Auftritt wäre. Umgekehrt beschloss ich, von Anfang an keinen Zweifel daran zu lassen, dass das mein Fall war.
»Das werde ich Ihnen gern beantworten«, erklärte ich und beugte mich zum Rednerpult und den Mikrophonen vor.
»Der vom Genetic Justice Project durchgeführte DNA-Test hat lediglich ergeben, dass die auf der Kleidung des Opfers gefundene Körperflüssigkeit nicht von Jason Jessup stammt. Er hat jedoch nicht den Beweis erbracht, dass er nicht an der infrage stehenden Straftat beteiligt war. Das ist ein Unterschied. Der DNA-Test liefert lediglich zusätzliche Fakten, die es für die Geschworenen in Betracht zu ziehen gilt.«
Ich richtete mich wieder auf und bekam aus dem Augenwinkel mit, wie mich Williams mit einem Komm-mir-bloß-nicht-dumm-Blick bedachte.
»Von wem stammt die DNA?«, rief jemand.
Williams beugte sich rasch vor.
»Zum gegenwärtigen Zeitpunkt beantworten wir noch keine Fragen zur Beweislage.«
»Mickey, warum übernehmen Sie diesen Fall?«
Die Frage kam von ganz hinten im Saal, von einer Stelle noch hinter den Scheinwerfern, weshalb ich nicht sehen konnte, wer sie gestellt hatte. Ich trat wieder ans Rednerpult und postierte mich so, dass mir Williams Platz machen musste.
»Gute Frage. Es ist mit Sicherheit ungewohnt für mich, sozusagen die Seiten zu wechseln. Aber ich glaube, das ist der Fall, für den es sich lohnt, diesen Schritt zu tun. Ich bin ein Angehöriger des Gerichts und ein stolzes Mitglied der Anwaltskammer des Staates Kalifornien. Und als solcher habe ich einen Eid geleistet, mich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen und mich dabei an die Verfassung und die Gesetze dieser Nation und dieses Staates zu halten. Zu den Pflichten eines Anwalts gehört es unter anderem, ohne Rücksicht auf persönliche Interessen für eine gerechte Sache einzutreten. Und das hier ist eine solche Sache. Jemand muss für Melissa Landy sprechen. Ich bin nach eingehender Prüfung der Beweislage zu der Auffassung gelangt, dass ich in diesem Verfahren auf der richtigen Seite stehe. Das Richtmaß ist in diesem Fall ein über jeden Zweifel erhabener Nachweis der Schuld des Angeklagten. Und ich glaube, dass hier ein solcher Nachweis gegeben ist.«
Williams kam an meine Seite und legte mir die Hand auf den Arm, um mich behutsam von den Mikrophonen wegzuschieben.
»Weiter wollen wir uns zur Beweislage nicht äußern«, verkündete er rasch.
»Jessup hat bereits vierundzwanzig Jahre im Gefängnis verbracht«, meldete sich Salters wieder zu Wort. »Wenn er wegen etwas Geringerem als Mord ersten Grades verurteilt wird, kommt er vermutlich infolge der bereits verbüßten Haft frei. Ist es angesichts dessen wirklich die Mühe und den Aufwand wert, Mr. Williams, diesen Mann erneut vor Gericht zu stellen?«
Schon bevor sie die Frage zu Ende gestellt hatte, wurde mir klar, dass sie und Williams eine Abmachung getroffen hatten. Sie warf ihm harmlose Bälle zu, die er mühelos aus dem Stadion dreschen konnte, damit er in den Elf-Uhr-Nachrichten und in den Pressemeldungen gut dastand. Für Salters sprängen dafür exklusive Insiderinformationen über Beweislage und Prozessstrategie heraus.
In diesem Moment entschied ich, dass das war.
»Das spielt alles keine Rolle«, sagte ich von meinem Platz neben dem Pult laut.
Aller Augen richteten sich auf mich. Sogar...




