E-Book, Deutsch, 884 Seiten
Conrad / Cormann / Schmidt Zitronenküsse - Drei Romane in einem eBook
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-672-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
"Die Glücksköchin" von Stella Conrad, "Chaos schützt vor Liebe nicht" von Tanja & Andreas Schmidt und "Sommerglück und Liebeszauber" von Marte Cormann
E-Book, Deutsch, 884 Seiten
ISBN: 978-3-96655-672-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stella Conrad, 1960 in Recklinghausen geboren, lebt an der Nordseeküste. Nach zehnjähriger Tätigkeit als Köchin (wobei sie backstage sogar Stars wie Tina Turner, Joe Cocker, Depeche Mode, Herbert Grönemeyer und Die Toten Hosen bekochte) arbeitete sie als Veranstalterin, Pressebetreuerin und in einer Schauspielagentur, bevor sie sich dem geschriebenen Wort zuwandte. Stella Conrad veröffentlichte bei dotbooks bereits »Die Tortenkönigin«, »Die Glücksträumerin«, »Der Feind an meinem Tisch« und »Geständnisse einer Fernsehköchin«.
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Kapitel 1
Sie haben sich schon immer gefragt, wie das Leben einer Schauspielerin aussieht? Bitte sehr – hier ist die Antwort
»Lernst du schon wieder eine Rolle, die du sowieso nicht kriegst? Du solltest dich lieber um die neuen Gäste an Tisch fünf kümmern. Die sitzen da schon seit mindestens zehn Minuten.«
Ich schlug das Drehbuch zu und drehte mich um. Mike stand hinter mir und grinste höhnisch. Es war natürlich Quatsch, was er erzählte – die neuen Gäste hatten sich gerade erst hingesetzt, das hatte ich sehr wohl registriert.
»Ich bezahle dich nicht dafür, dass du Drehbücher liest, das habe ich dir schon hundertmal gesagt«, fuhr er fort, nachdem er sich lange genug an meiner Verlegenheit geweidet hatte. »Wenn dir das hier zu viel ist, brauchst du es nur zu sagen, Melli. Bei mir stellen sich jeden Tag Dutzende hübscher Frauen vor, die deinen Job haben wollen.« Er stieß sein typisches, meckerndes Lachen aus. »Übrigens fast alle Damen, die eigentlich Schauspielerinnen sind – genau wie du. Nur meist viel jünger.«
Das saß – und das wusste er. Und ich wusste, dass ich einen sehr begehrten Job hatte. Ganz besonders begehrt bei Eigentlich-Schauspielerinnen, denn Mike besaß mit dem Odeon einen Laden, der hier in München gerade schwer angesagt war, und in dem sich bevorzugt Schauspieler und Medienleute zusammenfanden, um sich gegenseitig oder auch nur sich selbst zu huldigen.
Es gab immer wieder Geschichten, Regisseur X oder Dramaturg Y hätte im Odeon ein Ausnahmetalent entdeckt, das sich dort mit Kellnern über Wasser hielt. Manchmal war es nur ein Ausnahmekörper mit Ausnahmetitten, aber auch der Weg durch das Bett eines bekannten Schauspielers oder erfolgreichen Regisseurs galt durchaus als probates Mittel, um bekannt zu werden und Rollen in Serien oder Filmen zu ergattern.
Die Bezahlung war miserabel, aber die Trinkgelder stimmten, denn niemand wollte dort als Geizkragen dastehen oder den Eindruck erwecken, er habe gerade kein Engagement und sei womöglich pleite.
Ich schnappte mein Tablett und ging zu den Neuankömmlingen an den Tisch. Ich hatte sie schon beim Hereinkommen erkannt: die aktuelle Stammbesetzung einer populären Krimiserie aus dem Vorabendprogramm. Am liebsten hätte ich eine Kollegin an den Tisch geschickt, aber es waren alle schon gegangen. Es war kurz vor Feierabend. Ich hatte gerade die zwei Tische abkassiert, die noch besetzt waren, und die Gäste machten bereits Anstalten zu gehen.
»Ah, unsere schöne Melina«, rief Sascha, der Hauptdarsteller, »und das an einem Sonntag! Ich dachte, bei dir gilt das Motto Sonntags … nie.« Er gackerte albern. Seine beiden Kollegen grinsten.
Du solltest mit dem Koks wirklich kürzertreten, dachte ich. Am liebsten hätte ich es ihm mitten ins Gesicht gesagt, aber dann wäre ich meinen Job sofort los gewesen. Mit dem Scherz hatte er mich schon bei unseren gemeinsamen Dreharbeiten genervt, als ich vor einem halben Jahr mal fünf Drehtage in einer Episode dieser Serie gehabt hatte, als Mutter eines kindlichen Mordopfers, die sich blutig am Mörder rächte.
Zuerst war er richtig nett gewesen, vermutlich hatte er sich Chancen bei mir ausgerechnet. Er war ein Schürzenjäger, der zu viel kokste und jede weibliche Gastrolle in der Serie umgehend in seinem Wohnwagen am Set flachlegte. Aber das habe ich erst später erfahren. Er hatte mich nach meinem ungewöhnlichen Namen gefragt und gemeint, Melina Miller klinge wie ein Künstlername. Kein Wunder, denn sein Name, Sascha Gogol, war so unecht wie seine Zähne. In Wirklichkeit hieß er Karl-Heinz Schütrumpf, kaum geeignet für einen jungen, dynamischen Fernsehkommissar. Und ich dumme Kuh hatte ihm prompt von meinen Eltern erzählt, Gudrun und Horst Miller, deren Lieblingsfilm damals Sonntags … nie mit Melina Mercouri gewesen war. Von da an hatte ich mir täglich Anzüglichkeiten anhören müssen, in denen Hafennutten und deren Arbeitszeiten eine zentrale Rolle spielten.
Jetzt saß er als Gast vor mir und wartete darauf, seine Bestellung aufgeben zu können.
»Hallo, zusammen«, sagte ich so freundlich, wie es eben ging, »was darf ich euch bringen?«
»Was hast du denn Schönes anzubieten, Melina?«
Er sprach meinen Namen immer ganz gedehnt aus, Meeee-Liiiii-Naaaaah, und gab seiner Stimme einen genau dosierten süffisanten Beiklang. Am liebsten hätte ich ihm mein Tablett über den Schädel gezogen.
Stattdessen sagte ich: »Möchtet ihr etwas essen? Dann bringe ich euch die Abendkarte.«
Sascha/Karl-Heinz wedelte lässig mit seiner reich beringten Hand. »Bring uns mal ein Fläschchen Champagner, Süße. Von eurem besten, natürlich. Wir feiern heute unser Bergfest. Gegessen haben wir schon, der Sender hat ein astreines Büffet springen lassen, stimmt’s, Jungs?«
Seine Kollegen nickten.
Ihre Namen kannte ich nicht, sie waren erst seit dieser Staffel dabei, junge, glatte Gesichter, austauschbar.
»Einmal Champagner, gern«, sagte ich und ging hinter die Theke, um einen Sektkühler mit Eiswürfeln zu füllen.
Ich brachte die Gläser und den Kübel an den Tisch und holte dann erst den Champagner aus dem Kühlfach. Ich war erleichtert, dass der Korken sich mit einem kaum hörbaren Plopp aus dem Flaschenhals löste und nicht mit einem Riesenknall an die Decke schoss. Sekt- und Champagnerkorken waren meine erklärten Intimfeinde, und ich hatte zu Mikes Ärger schon einige Geschosse quer durch den Laden gejagt. Die meisten Männer fanden das charmant, die Frauen verzogen pikiert ihre bemalten Lippen, und Mike machte jedes Mal ein Fass auf.
Mit der geöffneten Flasche trat ich wieder an den Tisch und schenkte ein.
»Ich habe meinen Jungs hier gerade erzählt, dass unsere schöne Melina (Meeee-Liiii-Naaaah) eine Kollegin von uns ist«, trompetete Sascha/Karl-Heinz quer durch den Raum und zwinkerte Mike zu, der mit verschränkten Armen hinter dem Tresen stand. Große Heiterkeit bei allen. Ich zählte innerlich bis zehn und lächelte.
»Wer weiß – vielleicht dreht ihr ja bald mal wieder gemeinsam?«, rief Mike zurück.
Ich zuckte innerlich zusammen. Musste das sein? Doch bei Kunden, die den teuersten Champagner bestellten, fiel man schon mal den eigenen Servicekräften in den Rücken, wenn man dem Gast damit Zucker in den Hintern blasen konnte.
»Aber nur, wenn sie nicht am Hafen zu tun hat!«, grölte Sascha/Karl-Heinz und wollte sich schier kaputtlachen über seinen genialen Witz.
Die beiden Jungs am Tisch starrten mich an.
Ich starrte mit unbewegtem Gesicht zurück.
»Ach, komm, Melina, sei nicht so humorlos, ich meine das doch nicht böse. Das weißt du doch, oder? Wir haben uns doch so gut (sooo guuuut) verstanden, damals am Set.«
Mir blieb die Spucke weg. Sein Blick, sein Tonfall suggerierten, dass wir etwas miteinander gehabt hätten, damals am Set. Ich machte, dass ich wegkam von diesem Tisch, und ignorierte standhaft das anzügliche Gelächter, das mir bis hinter den Tresen folgte. Dort beschäftigte ich mich damit, die gespülten Gläser zu polieren und ins Regal zu räumen.
»Hast du mal was mit dem gehabt?«, flüsterte Mike prompt.
»Quatsch«, zischte ich zurück. »Komm ja nicht auf die Idee, diesen Blödsinn herumzuerzählen. Sascha ist breit wie tausend Mann, das siehst du ja selbst.«
»Und wenn schon«, sagte Mike achselzuckend, »der Kerl hat gerade eine Pulle Schampus für fünfhundert Euro bestellt, da ist mir ziemlich egal, was ich sehe.«
Er warf einen Blick zu dem Tisch, wo die drei Kerle johlend anstießen und sich feierten. Sascha/Karl-Heinz war eindeutig der Wortführer und demonstrierte seinen jungen Kollegen gerade, wie sich ein echter Star in der großen, weiten Welt zu benehmen hatte. Zumindest schien er zu glauben, dass ein echter Star sich derart aufführte.
Ich war stinksauer. Wofür hielt sich dieser drittklassige Männerdarsteller? Hatte er eine Schauspielschule besucht, so wie ich? Nein. Er hatte jahrelang in einer Soap gespielt, nachdem er zunächst als Model gearbeitet hatte. Die Rolle hatte ihn populär gemacht, weibliche Teenies beteten ihn an. Diese Bekanntheit hatten die Produzenten der Krimiserie ausnutzen und mit ihm jugendliche Zuschauer zu ihrem öffentlich-rechtlichen Sender locken wollen. Seitdem stümperte er sich durch die Serie, die allerdings ungeheuer beliebt war und fantastische Quoten hatte. Er bekam solide, ausgebildete Schauspieler an die Seite gestellt, die ihn stützen mussten und dafür zuständig waren, dass sein mangelndes Talent nicht so sehr auffiel.
Ich hatte es ja selbst erlebt. Die Szenen mit ihm waren der reine Horror. Wieder und wieder musste abgebrochen werden, weil er patzte. Mal stand er nicht auf seiner Position, mal vergaß er seinen Text. Von mir wurde natürlich erwartet, dass ich auch noch bei der vierzehnten Wiederholung wie beim ersten Take losheulte und zusammenbrach, wie es sich für eine Mutter gehörte, die gerade erfuhr, dass ihr siebenjähriger Sohn ermordet aufgefunden worden war. Nie zuvor hatten Dreharbeiten mich derart ausgelaugt. Und er? Lachte, machte Faxen und versicherte ein ums andere Mal, er werde beim nächsten Take ganz bestimmt alles richtig machen, während die Maske mein zerflossenes Make-up erneut herrichtete. Irgendwann war die Szene endlich im Kasten – und jetzt raten Sie mal, wer den Applaus bekam und sich spreizte wie ein Pfau! Kein Wunder, dass die Stammbesetzung einer nach dem anderen aufgegeben hatte. Jetzt hatten sie ihm diese beiden Frischlinge an die Seite gestellt, die sie von der Schauspielschule weg engagiert hatten. Ich konnte den beiden Jungs nur alles Gute wünschen.
Erleichtert hörte ich, dass...




