E-Book, Deutsch, 90 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Conrad Das Ende vom Lied
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-401197-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählung
E-Book, Deutsch, 90 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-401197-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joseph Conrad, geboren 1857, wuchs als Waise bei seinem Onkel in Krakau auf. 1874 ging er zunächst nach Frankreich, wurde 1886 britischer Staatsbürger und machte als Seemann seine Leidenschaft zum Beruf. Als er 1890 die Seefahrt aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, verarbeitete er seine Reiseerlebnisse in seinen Erzählungen. ?Lord Jim? (1900) und ?Das Herz der Finsternis? (1902) gehören zu seinen berühmtesten Werken. Joseph Conrad starb 1924 in England.
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II.
Sein Alter trug er leicht, und seines verlorenen Vermögens schämte er sich nicht. Er war nicht der Einzige gewesen, der auf diese Bank gesetzt hatte. Männer, deren Urteil in Finanzdingen so untrüglich war wie das seine in Seemannsdingen, hatten seine Umsicht bei den Investitionen gelobt und bei dem großen Bankrott selbst viel Geld verloren. Der einzige Unterschied zwischen ihnen und ihm war, dass er alles eingebüßt hatte. Und nicht einmal das stimmte ganz. Von seinem verlorenen Reichtum war ihm eine schmucke kleine Bark geblieben, die die er ursprünglich erworben hatte, um mit ihr seine Mußestunden als Seemann im Ruhestand zu verbringen– »mein Spielzeug«, wie er selbst sagte.
Im Jahr vor der Heirat seiner Tochter hatte er seinerzeit in aller Form erklärt, er ziehe sich von der Seefahrt zurück. Doch als das junge Paar zu seinem zukünftigen Zuhause in Melbourne aufgebrochen war, merkte er schnell, dass er an Land nicht glücklich sein konnte. Er war zu sehr Handelskapitän, als dass eine Jacht zum Zeitvertreib ihn zufriedenstellte. Er wollte weiter tätig sein, und mit dem Erwerb der sorgte er dafür, dass er sein altes Leben weiterleben konnte. Er stellte sie seinen Bekannten in all den Häfen als »mein letztes Kommando« vor. Wenn er einmal zu alt sei, um ein Schiff zu führen, werde er sie auflegen lassen und an Land gehen, um dort zu sterben; in seinem Testament werde er bestimmen, dass die Bark am Tage seiner Beisetzung aufs offene Meer geschleppt und dort mit allen Würden versenkt werden solle. Seine Tochter werde ihm die Genugtuung nicht verwehren, dass kein Fremder nach ihm sein letztes Schiff steuern solle. Bei dem Vermögen, das er ihr vermachen werde, sei der Gegenwert einer 500-Tonnen-Bark kaum der Rede wert. All dies sagte er mit einem schelmischen Augenzwinkern: Der rüstige alte Mann war viel zu munter für solch sentimentales Bedauern; aber ein wenig wehmütig war er doch, denn er liebte das Leben und hatte seine echte Freude an all den Dingen und Unternehmungen, an seinem Ansehen und Ruf und seinem Wohlstand, an der Liebe zu seiner Tochter und seinem Stolz auf das Schiff– seinem Spielzeug für die Muße des Alters.
Er ließ die Kajüte nach seinen genügsamen Vorstellungen von Bequemlichkeit auf See einrichten. Ein großes Bücherregal (denn er las viel) nahm die eine Seite seines Salons ein; das Porträt seiner verstorbenen Frau, ein stumpfes, düsteres Ölgemälde, auf dem man das Profil und eine einzelne lange schwarze Haarlocke einer jungen Frau erkennen konnte, hing seiner Bettstatt gegenüber. Drei Chronometer wiegten ihn in den Schlaf und tickten beim Aufwachen munter um die Wette. Tag für Tag stand er um fünf Uhr auf. Durch die weite Öffnung des kupfernen Ventilators hörte dann der Offizier der Morgenwache, der mit einer frühmorgendlichen Tasse Kaffee auf dem Achterdeck am Ruder stand, das Spritzen, Prusten und Planschen, das sein Kapitän bei der Morgentoilette machte. Auf diese Geräusche folgte in der Regel das tiefe Gemurmel des Vaterunsers, das er mit lauter, ernster Stimme sprach. Fünf Minuten später tauchten Kopf und Schultern von Kapitän Whalley im Treppenabgang auf. Jedes Mal hielt er einen Augenblick lang inne, ließ den Blick über den Horizont bis hinauf zur Takelage schweifen und atmete mit tiefen Zügen die kühle frische Luft ein. Erst dann trat er hinaus auf das Achterdeck und quittierte die zum Gruß an den Mützenschirm gelegte Hand mit einem gemessenen, wohlwollenden »Einen guten Morgen wünsche ich«. Bis acht Uhr schritt er gewissenhaft auf Deck auf und ab. Hin und wieder, ein-, zweimal im Jahr, musste er sich eines steifen Hüftgelenks wegen auf einen dicken, knorrigen Stock stützen– ein Anflug von Rheumatismus, nahm er an. Ansonsten kannte er keine körperlichen Beschwerden. Wenn die Glocke zum Frühstück rief, begab er sich unter Deck, fütterte seine Kanarienvögel, zog die Chronometer auf und nahm seinen Platz am Kopfende des Tisches ein. Von dort blickte er direkt auf die großformatigen, schwarz gerahmten Fotografien von seiner Tochter, ihrem Ehemann und zwei speckbeinigen Babys– seinen Enkelkindern–, die in die aus Ahornholz gefertigten Schotten der Kajüte eingelassen waren. Nach dem Frühstück polierte er das Glas über diesen Porträts eigenhändig mit einem Tuch und staubte das Ölbild von seiner Frau mit einem Staubwedel ab, der neben dem schweren Goldrahmen an einem kleinen Messinghaken baumelte. Anschließend setzte er sich hinter verschlossener Kajütentür auf die Couch zu Füßen des Porträts, um ein Kapitel in einer dicken Taschenbibel zu lesen– ihrer Bibel. Doch an manchen Tagen saß er nur eine halbe Stunde lang da, den Finger zwischen die Seiten geklemmt, das Buch ungeöffnet auf den Knien. Vielleicht war ihm plötzlich eingefallen, wie gern sie auf See gewesen war.
Sie war eine echte Gefährtin gewesen, und eine gute Ehefrau dazu. Für ihn stand fest, dass es nie ein helleres, fröhlicheres Heim gegeben hatte noch je geben würde, weder zu Wasser noch zu Land, als ihr Zuhause unter dem Achterdeck der die große Kapitänskajüte ganz in Weiß und Gold, wie für ein immerwährendes Fest mit nie verwelkenden Girlanden geschmückt. Jedes Paneel hatte sie liebevoll mit Blumen ihrer Heimat bemalt. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis sie mit dem Salon fertig war. Für ihn blieben ihre Malereien immer ein Wunderwerk, der Gipfel des Geschmacks und der Kunstfertigkeit; und der alte Swinburne, sein Maat, stand, wann immer er zu einer Mahlzeit herunterkam, in Bewunderung erstarrt vor dem Fortschritt ihres Werks. Man könne die Rosen beinahe riechen, erklärte er und sog das schwache Terpentinaroma ein, das in jener Zeit den Salon durchwehte und ihn (wie er im Nachhinein gestand) beim Essen etwas weniger herzhaft zugreifen ließ als sonst. Doch nichts gab es, was seine Freude an ihrem Gesang hätte trüben können. »Mrs Whalley ist wahrhaftig eine Nachtigall, Sir«, erklärte er mit Kennermiene, wenn er ihr, über die Luke gebeugt, bis zum Ende ihrer Darbietung andächtig gelauscht hatte. Bei schönem Wetter konnten die beiden Männer während der zweiten Abendwache ihre von Klavier untermalten Triller und Rouladen aus der Kajüte hören. Gleich am Tag ihrer Verlobung hatte er nach London geschrieben und das Instrument bestellt; aber als es nach seiner langen Reise um das Kap endlich eintraf, waren sie bereits über ein Jahr lang verheiratet. Die große Kiste war Teil der ersten Stückgutladung gewesen, die direkt nach Hongkong verschifft wurde– ein Ereignis, das den Menschen, die heute an den geschäftigen Kais entlanggingen, so fern und unwirklich vorkommen musste wie die graueste Vorzeit. Aber Kapitän Whalley konnte in einer einsamen halben Stunde sein gesamtes Leben Revue passieren lassen, die romantischen, beschaulichen Zeiten wie die Zeiten des Kummers. Er hatte ihr selbst die Augen schließen müssen. Sie wurde auf See bestattet, tief im Herzen selbst ein Geschöpf der See. Ohne ein Zittern in der Stimme hatte er die Worte der Trauerandacht aus ihrem eigenen Gebetbuch vorgelesen. Als er den Blick hob, sah er den alten Swinburne, der ihn, die Mütze an die Brust gepresst, anstarrte, das knorrige, wettergegerbte, unerforschliche Gesicht von Wasser überströmt wie ein zerklüfteter roter Granitfelsen in einem Regenschauer. Der alte Seebär hatte gut weinen. Er aber musste weiterlesen bis zum Ende; doch was in den nächsten Tagen nach dem klatschenden Aufprall geschah, daran erinnerte er sich nicht mehr. Ein älterer Matrose aus der Mannschaft, der gut mit Nadel und Faden umgehen konnte, schneiderte aus einem ihrer schwarzen Röcke ein Trauerkleid für das Kind.
All das würde er gewiss nie vergessen; aber man kann das Leben nicht aufstauen wie einen trägen Strom. Es wird den Damm durchbrechen und über das Leid eines Menschen hinweggehen, es wird seinen Kummer aufnehmen wie das Meer einen Toten, ganz gleich, wie viel Liebe mit auf den Grund gesunken ist. Und die Welt ist nicht schlecht. Die Menschen waren sehr gut zu ihm gewesen, vor allem Mrs Gardner, die Ehefrau des Seniorpartners von Gardner, Patteson Co., den Eignern der Sie hatte angeboten, sich um die Kleine zu kümmern, und hatte sie später zum Abschluss ihrer Erziehung zusammen mit ihren eigenen Töchtern mit nach England genommen (in damaliger Zeit eine sehr beschwerliche Reise, selbst auf dem Landweg). Er sollte sie erst zehn Jahre später Wiedersehen.
Als kleines Kind hatte sie sich nie vor Unwettern gefürchtet; sie hatte gebettelt, dass er sie unter seinen Ölmantel packte und mit an Deck nahm, damit sie zusehen konnte, wie die gewaltigen Wassermassen auf die einstürzten. Das Tosen und Krachen der Wellen erfüllte ihre kleine Seele, wie es schien, mit atemlosem Entzücken. »An ihr ist ein Junge verlorengegangen«, sagte er oft im Scherz. Er hatte sie auf den Namen Ivy getauft, des Klangs und einer dunklen Faszination wegen, die er beim Gedanken an diese Pflanze empfand. Wie Efeu hielt sie sein Herz eng umschlungen, und er wünschte sich, dass sie sich fest an ihren Vater schmiegte wie an einen Stamm, der ihr Halt bot; und solange sie klein war, dachte er nicht daran, dass sie, wie es in der Natur des Lebens liegt, irgendwann ihre Ranken lieber um einen anderen schlingen würde. Aber er liebte das Leben so sehr, dass ihm auch dies, als es schließlich kam, in gewissem Sinne Freude machte, über das Gefühl des großen Verlustes in seinem Inneren hinaus.
Nachdem er die als Beschäftigung für seine einsamen Tage erworben hatte, nahm er sogleich eine nicht allzu einträgliche Fracht nach Australien an, einfach weil sie ihm die Gelegenheit bot, seine Tochter in ihrem neuen Zuhause zu besuchen. Aber er war...




