Conrad | Das Strandfliederhaus | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 301 Seiten

Reihe: Lübbe

Conrad Das Strandfliederhaus

Roman. Ein wundervoller Neubeginn auf Spiekeroog
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2406-7
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman. Ein wundervoller Neubeginn auf Spiekeroog

E-Book, Deutsch, 301 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-2406-7
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Maike ist Mutter einer fünfzehnjährigen Tochter und geschieden. Sie kommt gut zurecht, vollkommen zufrieden ist sie aber nicht mit ihrem Leben. Da erhält sie eine überraschende Nachricht. Die Tante ihres Exmannes vermacht ihr das Strandfliederhaus auf Spiekeroog. Das beherbergt neben Tante Hildes Wohnung noch zwei Ferienapartments und einen kleinen Laden, der allerdings kurz vor dem Aus steht. Denn die Besitzer Famke und Jarik sind zwar kunsthandwerklich geschickt, aber buchhalterisch eher unbegabt. Soll Maike einen Neubeginn auf der Insel wagen, um das Strandfliederhaus zu retten? Ist sie dort willkommen? Und dann ist da noch ihr Exmann, der sich um sein Erbe betrogen fühlt ...

Der Charme der Insel wird Sie verzaubern. Erster Band der Strandflieder-Saga.



Elena Conrad, geboren 1972 in Frankfurt am Main, lebt mit ihrer Familie im malerischen Nahetal. All ihre Urlaubsfahrten führen sie immer ans Meer. So reist sie seit vielen Jahren auch regelmäßig an die Nordseeküste, um auf Spiekeroog die einzigartige Kombination aus Sonne, Strand und frischer Brise zu genießen. Dort findet sie Energie und Ideen für ihre nächsten Romane.
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Erstes Kapitel


Maike stand auf der großzügigen Dachterrasse des Penthouse ihrer Gastgeber und sah über die Häuser hinweg in Richtung Skyline – Mainhattan, Bankfurt, Frankfurt. Hinter ihr, durch die geschlossene Glastür, waren gedämpft die Geräusche der Party zu hören. Gut gekleidete lachende Menschen sprachen angeregt miteinander, bewunderten die Wohnung und ließen sich erzählen, wie Kaja und Sven es geschafft hatten, an dieses Objekt zu kommen, und wie viel sie ausgegeben hatten. Qualität hatte eben ihren Preis.

Höher, schneller, weiter. Mein Auto, mein Haus, meine Yacht.

Maike warf einen Blick hinein, sah Sven gestikulierend im Gespräch mit zwei anderen Anzugträgern. Wahrscheinlich ging es um irgendetwas, das die offene, in Grautönen gehaltene Küche betraf, den Quooker, der auf Knopfdruck heißes, kaltes oder sprudelndes Wasser spendete, oder den extragroßen Herd, denn die drei schauten immer wieder in diese Richtung. Vielleicht ging es auch um die Durchbrüche. Sven hatte anfangs ausführlich geschildert, wie Kaja und er sie da und dort hatten ausführen lassen, um die beiden Wohnungen im obersten Stock des Gebäudes zu einer einzigen zu verbinden. Kaja wiederum hatte von endlosen Sitzungen mit ihrem Innenarchitekten erzählt, damit Raumaufteilung und Farbkonzept und so vieles mehr bis ins letzte Detail stimmten.

Nichts wird dem Zufall überlassen.

Maikes Blick wanderte von Sven und seiner Gruppe hinüber zu Kaja in ihren schwindelerregend hohen High Heels und dem smaragdgrünen Seidenkleid, das sich an ihren Körper schmiegte wie ein Versprechen und doch nichts offenbarte. Kaja hatte nach der Geburt ihres Sohnes Dylan gleich ihr vorheriges Gewicht wiedergehabt. Sie selbst hingegen wurde seit der Geburt ihrer Tochter Tessa die letzten fünf Kilo nicht mehr los.

Sven stand plötzlich hinter seiner Frau, ebenso gut gebaut und trainiert, das nachtblaue Hemd maßgeschneidert, das mit silbergrauen Strähnen durchzogene, leicht wellige Haar nach hinten frisiert. Er berührte sanft ihre zartweißen Schultern. Kaum möglich, sich vorzustellen, dass Sven während ihres gemeinsamen Studiums einmal Rastalocken getragen hatte und Keine Macht für Niemand skandiert hatte oder dass Kaja sich die Haare mit Henna gefärbt hatte.

Sie waren mittlerweile alle Anfang, Mitte vierzig. Sie hatten zusammen studiert und arbeiteten jetzt für dieselbe international agierende Rechtsanwaltskanzlei. Kaja, Sven und Maikes Ex-Mann Florian waren Anwälte, sie selbst war Büroleiterin. Zweimal in der Woche verbrachten Kaja und sie gemeinsam Zeit im Fitnessstudio und tranken danach im angeschlossenen Café einen Cappuccino oder einen Proteindrink.

Maike wandte sich wieder um. Ihre Augen verengten sich. Von der Straße her waren Stimmen zu hören. Ein Auto fuhr vorüber, ein anderes drehte endlose Runden auf der vergeblichen Suche nach einem Parkplatz, von irgendwo drangen vereinzelt Töne eines Musikstücks zu ihr herüber.

Sie warf unvermittelt einen Blick auf die schmale goldene Uhr an ihrem Handgelenk. Sie hatte sie sich kürzlich selbst geschenkt, genau wie den silbergrauen Einteiler aus kühler Seide mit dem Wasserfallkragen, den sie an diesem Tag trug und der ihren dunkelbraunen, gut schulterlangen Haaren schmeichelte. Damals hatte sich der Kauf gut angefühlt, inzwischen löste der Anblick nichts mehr in ihr aus. Das passierte in letzter Zeit häufiger. So kannte sie sich eigentlich nicht. Was geschah da mit ihr?

Es muss nicht immer mehr sein, immer und immer mehr …

Sie sah noch einmal zur Skyline hinüber. Sie war kurz vor Sonnenuntergang hinausgegangen, hatte zugesehen, wie das Abendrot zuerst die Spitzen der höchsten Häuser berührte. Es war ein schöner Anblick gewesen.

Seufzend lehnte sie sich mit dem Rücken an die Brüstung. Auch wenn es in der großzügigen Wohnung Platz genug für die Gäste gab, so hielten sich die meisten doch in einem Bereich des Wohnzimmers auf. Kaja stand im Mittelpunkt. Sie konnte sehr mitreißend erzählen, wie immer hingen die anderen geradezu an ihren Lippen.

Vielleicht erzählte sie von ihrem letzten Shoppingtrip nach Paris … Eigentlich hatten sie gemeinsam fahren wollen, doch dann war etwas dazwischengekommen. Maike war für eine Kollegin eingesprungen und hatte absagen müssen. Doch wenn sie ehrlich war, hatte ihr das nichts ausgemacht. Diese Dinge waren ihr nicht mehr so wichtig. Schleichend, zuerst unbemerkt, hatte sich etwas geändert.

Was ist mit mir los? Warum stehe ich allein hier draußen und nicht drinnen bei den anderen?

Sie wusste doch, wie das lief. Gesehen und gesehen werden, darum ging es. Networking war das Zauberwort, und das hier war eine super Gelegenheit, aber sie brauchte einfach für einen Moment Ruhe.

Zeit zum Nachdenken.

Ob sie jemand vermisste? Sie kannten sich alle, entweder aus der Firma oder von Tagungen oder aus dem Studium. Man wusste, welche Autos zu Hause in den Vorstadtgaragen standen, wer sich eine Yacht geleistet hatte, wer ein Pferd besaß, wer schon mal zum Heliskiing gewesen war und wer seine Hochzeitsreise weit, weit weg an einem besonderen Ort verbracht hatte. Man hatte Spaß miteinander und versuchte dennoch, einander zu übertrumpfen.

Komisch, dass Florian nicht da ist, dachte sie. Für ihren Ex-Mann war das Mithalten immer besonders wichtig gewesen, doch dieses Mal war er in Berlin geblieben, wo er seit ihrer Trennung in der dortigen Dependance der Kanzlei arbeitete und mit Nathalie, seiner Neuen, zusammenlebte. Seit Kurzem in einem riesigen Loft.

Unten war ein helles Bellen zu hören. Maike schaute über die Brüstung. Nun gut, inzwischen waren Florian und sie seit fünf Jahren getrennt und seit Kurzem endgültig geschieden. Neu war das falsche Wort für Nathalie. Es war auch nicht mehr so, dass sie ihren Ex-Mann trotz allem vermisste, aber im Moment hatte sie noch das Gefühl, dass es nie einfach werden würde, ihm irgendwo zu begegnen. Weshalb sie sich auf jedes Treffen mit ihm vorbereitete. Wie an diesem Nachmittag.

War sie eigentlich enttäuscht gewesen, als Kaja ihr gleich am Anfang von der Absage erzählt hatte? In den ersten Wochen des Trennungsjahres hatten sie sogar noch zusammengewohnt und einander fast täglich gesehen. Sie hatten manches Alltägliche zusammen erledigt, waren Eltern gewesen. Dann war Florian umgezogen, und die Dinge hatten sich geändert. Maike wusste natürlich, wer diesen Umzug vorangetrieben hatte: Nathalie, die Neue, zwanzig Jahre jünger als Florian.

Was für ein Klischee!

Maike schaute zu Kaja und Sven. Die beiden waren fast zur selben Zeit zusammengekommen wie Florian und sie. Damals waren sie vier sehr eng befreundet gewesen: Kaja, Sven, Florian, sie … Jo Metzler fehlte noch, eigentlich waren sie also sogar fünf gewesen. Jo hatte auch Rastalocken getragen. Sie hatten zusammen studiert, gemeinsam gefeiert, waren essen gegangen und in den Urlaub gefahren. Sie hatten gemeinsam erste Schritte ins Berufsleben gemacht. Die Urlaube waren mit jedem Jahr exklusiver geworden, doch Exklusivität verlor irgendwann ihren Reiz.

Sven und Kaja hatten als Erste Nachwuchs bekommen – drei Monate nach Dylan war Tessa geboren worden. Bis auf das letzte Mal hatten die beiden sich eigentlich immer gut verstanden. Inzwischen ging Dylan in England auf ein exklusives Internat, und der Kontakt war mehr oder weniger abgebrochen. Maike bedauerte das, Tessa zuckte lediglich mit den Schultern. Derzeit war es ohnehin schwer, mehr als ein Schulterzucken aus ihrer pubertierenden Tochter herauszubekommen.

Der Klingelton ihres Handys riss sie aus den Gedanken. Eilig versuchte sie, es aus ihrer Clutch zu fummeln, in der es kaum mehr Platz gab als für Schlüssel, Kreditkarte und Handy. Das exklusive Teil war von Chanel. Florian hatte ihr die kleine Unterarmtasche vor Jahren geschenkt und natürlich eine entsprechende Bemerkung gemacht: »So eine Tasche, ein Smartphone, eine Kreditkarte ohne Limit. Was braucht der Mensch mehr?« Florian waren solche Sachen immer sehr wichtig gewesen, sie selbst war stets davon ausgegangen, dass es ihr ebenso ging. Aber stimmte das?

Endlich hielt sie das Handy in der Hand. Das Klingeln hatte aufgehört, fing aber gleich wieder an. Entweder hatte der Anrufer Geduld, oder er oder sie wusste, dass sie, Maike, manchmal nicht ganz so schnell war. Sie warf einen raschen Blick aufs Display und meldete sich.

»Tessa?«

»Hi, Mum. Wo bist du denn?«

Vor Kurzem war ihre fünfzehnjährige Tochter dazu übergegangen, sie Mum zu nennen. Maike wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Sie hatte Mama immer ganz in Ordnung gefunden, aber für eine Jugendliche war das in der heutigen Zeit wohl nicht mehr so. Sie wusste nicht, warum, aber sie stellte sich Tessa jetzt in ihrem Jumpsuit mit den Regenbogen pupsenden Einhörnern vor und musste lächeln. Wenn man lächelte, konnte man entspannter sprechen.

»Sag schon, Mum, wo bist du?«

»Ich bin auf der Party bei den Bergmanns. Ich hatte dir doch davon erzählt.«

»Kann sein.«

Tessa sprach etwas langsamer. Es klang, als bearbeitete sie dabei einen Kaugummi, und Maike hätte ihr am liebsten gesagt, dass sie ihn aus dem Mund nehmen solle, doch sie schluckte die Worte herunter. Es gab genügend Missklänge zwischen ihrer Tochter und ihr. Da musste sie nicht wieder das Kaugummikauen am Telefon aufbringen. Pick your battles, so hieß es doch – entscheide dich, um was du kämpfen willst.

»Warum rufst du an?«

Maike warf einen Blick auf ihre Uhr. Es ging auf...



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