Conrad | Herz der Finsternis | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 135 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Conrad Herz der Finsternis

Erzählung
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-401232-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählung

E-Book, Deutsch, 135 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401232-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. Kolonialwarenhändler erschließen den Dschungel von Belgisch-Kongo im Dienste der Mächte Europas. Der berüchtigte Mr. Kurtz, erfolgreichster aller Elfenbein-Lieferanten, beutet gnadenlos die Ureinwohner aus und lässt sich als Gott verehren. Zunehmend wird er Opfer seiner eigenen Allmachtsphantasien ... Der Horror lauert überall, wo der vermeintlich zivilisierte Westen glaubt, Heil bringen zu müssen.

Joseph Conrad, geboren 1857, wuchs als Waise bei seinem Onkel in Krakau auf. 1874 ging er zunächst nach Frankreich, wurde 1886 britischer Staatsbürger und machte als Seemann seine Leidenschaft zum Beruf. Als er 1890 die Seefahrt aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, verarbeitete er seine Reiseerlebnisse in seinen Erzählungen. ?Lord Jim? (1900) und ?Das Herz der Finsternis? (1902) gehören zu seinen berühmtesten Werken. Joseph Conrad starb 1924 in England.
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I.


Die eine Hochseejacht, schaukelte an ihrem Anker ohne das leiseste Flattern der Segel. Die Flut lief ein und es war fast windstill, und da wir flussabwärts wollten, blieb uns nichts anderes als beizudrehen und auf den Wechsel der Gezeiten zu warten.

Vor uns breitete sich die Themsemündung wie der Anfang einer endlosen Wasserstraße. In der Ferne verschmolzen Meer und Himmel, und in dem lichterfüllten Raum war es, als stünden die gegerbten Segel der Lastkähne, die mit der Flut hereinkamen, still, ein Wald aus straffgespannter roter Leinwand, durch den die lackierten Spriete schimmerten. Ein Dunst lag über den Ufern, wie sie sich flach in der Ferne im Meer verloren. Der Himmel stand schwarz über Gravesend, und auch weiter landeinwärts war er wie verdichtet zu einer traurigen Düsternis, die reglos über der größten, großartigsten Stadt auf Erden hing.

Der Unternehmer war unser Kapitän und Gastgeber. Wir vier betrachteten in alter Freundschaft seinen Rücken, wie er da im Bug stand und in Richtung Meer blickte. Auf dem ganzen Fluss gab es nichts, was auch nur halb so seemännisch ausgesehen hätte. Er wirkte wie ein Lotse, und das ist für einen Seemann die Vertrauenswürdigkeit in Person. Schwer vorzustellen, dass seine Arbeit nicht dort vor ihm in der schimmernden Flussmündung lag, sondern hinter ihm, in der Düsternis der Stadt.

Was uns zusammenhielt, war, wie ich bei anderer Gelegenheit schon gesagt habe, das Band der See. Es hielt nicht nur über lange Zeiten der Trennung unsere Herzen beieinander, sondern es machte uns auch nachsichtig gegenüber dem Seemannsgarn und sogar den Ansichten der anderen. Der Jurist– ein prachtvoller alter Bursche– hatte, seines hohen Alters und seiner hohen Verdienste wegen, als Einziger an Bord ein Kissen unter dem Kopf und lag auf der einzigen Decke. Der Buchhalter hatte bereits eine Schachtel Dominosteine hervorgeholt und baute spielerisch kleine Häuschen daraus. Marlow, im Schneidersitz, saß weit hinten, an den Besanmast gelehnt. Seine Wangen waren hohl, die Haut gelblich, er hielt sich gerade wie ein Asket, und wie er dasaß, die Arme gesenkt, die Handflächen nach oben, sah er aus wie ein Götzenbild. Der Unternehmer vergewisserte sich, dass der Anker hielt, dann kam er nach achtern und setzte sich zu uns. Träge wechselten wir ein paar Worte. Danach herrschte Stille an Bord. Ich könnte nicht sagen warum, aber das Dominospiel kam nicht in Gang. Uns allen war nachdenklich zumute, und wir waren zufrieden damit, dass wir einfach vor uns hinstarrten. Heiter, still und strahlend neigte sich der Tag dem Ende zu. Das Wasser schimmerte friedlich, der Himmel war wolkenlos, unermesslich in seinem wunderbar reinen Licht, und selbst der Nebel über dem Marschland von Essex war wie ein helles, luftiges Gewebe, das von den bewaldeten Hügeln im Inland herabwehte und die flachen Ufer in eine feine Gaze hüllte. Nur das Dunkel im Westen, flussaufwärts, wurde von Minute zu Minute drohender, als empöre die Stadt sich über das Nahen der untergehenden Sonne.

Und schließlich war sie angekommen auf ihrer gewölbten Bahn, auf der sie unmerklich dem Horizont zustrebte, das strahlende Weiß hatte sich zu Tiefrot gewandelt, ohne Glanz, ohne Wärme, als wolle sie auf einen Schlag erlöschen, tödlich getroffen von der Berührung jener Düsternis, die über der Ansiedlung der Menschen lag.

Sogleich ging mit dem Wasser eine Veränderung vor, doch was die heitere Stimmung an Strahlen verlor, gewann sie an Tiefe. Spiegelglatt lag die breite Mündung des alten Flusses im letzten Abendlicht, ungerührt vom Verlöschen des Tages, nach all den Jahrhunderten, die er den Menschen an seinen Ufern nun schon gedient hatte; er floss dahin mit der stillen Würde eines Wasserwegs, der zu den entferntesten Enden der Erde führt. Und auch wir betrachteten den ehrwürdigen Strom nicht Im Aufblitzen eines kurzen Tages, der kommt und dann für immer vergeht, sondern im noblen Licht der Erinnerung. Und natürlich ist für einen Mann, dessen, wie man so sagt, Heimat die See war und der ihr in Liebe und Treue gedient hat, der Unterlauf der Themse genau der Ort, um den Geist vergangener Zeiten zu beschwören. Unablässig wechseln Ebbe und Flut, stets zu Diensten, beladen mit der Fracht der Erinnerung an Menschen und Schiffe, die sie zur Ruhe in die Heimat zurückbrachten oder hinaus zu Schlachten auf See. All die Männer, die der Stolz der Nation sind, hatte dieser Strom gekannt, hatte sie getragen, von Sir Francis Drake bis zu Sir John Franklin, Ritter allesamt, ob mit Adelspatent oder ohne– die großen fahrenden Ritter der See. Er hatte all die Schiffe gesehen, deren Namen wie Edelsteine funkeln in der Nacht der Zeit– die die zurückkehrte, den bauchigen Leib mit Schätzen gefüllt, zum Abschluss ihrer großartigen Reise von Ihrer Majestät der Königin besucht, bis hin zu und die zu Eroberungen ganz anderer Art ausfuhren– und nie zurückkehrten. Dieser Strom hat die Schiffe und die Männer gekannt. Sie waren von Deptford aufgebrochen, von Greenwich, von Erith– die Abenteurer und die Auswanderer, die Schiffe der Krone und die Schiffe der Kaufleute, die Kapitäne, Admirale, die finsteren Schwarzhändler, die Generäle der Ostindienflotte. Goldsucher, Glücksritter, alle waren sie auf diesem Strom hinausgefahren, mit dem Schwert und oft der Fackel in der Hand, Botschafter der Macht ihres Landes, Überbringer eines Funkens vom heiligen Feuer. Welche Größe hatten die Gezeiten dieses Flusses hinaus zu den Geheimnissen einer unbekannten Welt geführt!… Die Träume der Menschen, die Saat neuer Staaten, den Keim großer Reiche.

Die Sonne ging unter; die Abenddämmerung legte sich über den Fluss, und überall am Ufer flammten die Lichter auf. Der Leuchtturm von Chapman auf seinen drei Beinen im Küstenschlamm warf einen hellen Lichtstrahl. Die Laternen der Schiffe zogen die Fahrrinne entlang– eine endlose Prozession von Lichtern flussauf- und flussabwärts. Im Westen lag nach wie vor, nunmehr als Lichtschimmer, die Aura der gewaltigen Stadt, ein düsterer Schleier im Sonnenschein, ein gespenstischer Glanz unter den Sternen.

»Und auch das«, sagte Marlow unvermittelt, »ist einmal einer der finsteren Orte der Erde gewesen.«

Er war der Einzige von uns, der nach wie vor zur See fuhr. Das Schlimmste, was man von ihm sagen konnte, war, dass er kein echter Vertreter seines Standes war. Er war Seemann, aber er war auch ein Getriebener, anders als die meisten Seeleute, die, wenn man so sagen darf, ein sesshaftes Leben führen. Sie sind Menschen, die gern zu Hause bleiben, und ihr Zuhause– das Schiff– haben sie immer bei sich und ebenso ihre Heimat– die See. Alles in allem sind Schiffe eins wie das andere, und auch die See ist immer gleich. In der Unveränderlichkeit ihrer Umgebung gleiten die fremden Ufer, die fremden Gesichter, die Unermesslichkeit des Lebens in all seinen Erscheinungsformen an ihnen vorüber, verschleiert nicht von einem Gefühl des Geheimnisvollen, sondern von einer Unwissenheit mit einer Spur Verachtung, denn für einen Seemann gibt es nichts Geheimnisvolles, es sei denn die See selbst, die als Herrin über seinem ganzen Leben steht, so unergründlich wie das Schicksal. Ansonsten vermittelt ihm nach getaner Arbeit ein kleiner Spaziergang oder eine kleine Sauftour im Hafen das Geheimnis eines ganzen Kontinents, und meistens interessiert ihn dieses Geheimnis nicht einmal. Die Geschichten, die Seeleute erzählen, haben etwas Einfaches, Geradliniges, es sind Berichte wie die Nuss, die man aus ihrer Schale löst. Doch Marlow war nicht typisch (von seiner Neigung zum Seemannsgarn einmal abgesehen), und für ihn war die Bedeutung nichts Eingeschlossenes, keine Nuss in ihrer Schale, sondern sie lag außerhalb und umhüllte die Erzählung, wie ein Lichtschein ein Feuer umhüllt– wie die geheimnisvollen Höfe, die bisweilen das gespenstische Licht des Mondes umspielen.

So überraschte seine Bemerkung uns auch nicht. Sie passte zu Marlow. Sie wurde schweigend aufgenommen. Es machte sich nicht einmal jemand die Mühe, etwas zur Bestätigung zu brummen, und nach einer Weile fuhr er bedächtig fort:

»Ich musste an alte Zeiten denken, als die Römer hierher kamen, vor neunzehnhundert Jahren– gestern also… Seit damals ist von diesem Fluss Erleuchtung ausgegangen– Ritter, sagt ihr? Gewiss, aber es ist wie ein Feuer, das mit einer einzigen Flamme ganze Ebenen verzehrt, wie ein Blitz, der über die Wolken läuft. Wir leben im Licht dieses Blitzes– möge es leuchten, solange die alte Erde sich dreht! Noch gestern herrschte hier Finsternis. Stellt euch vor, wie dem Befehlshaber solch einer stattlichen– wie hießen sie?– Triere im Mittelmeer zumute gewesen sein muss, der plötzlich nach Norden abkommandiert wird; eilig bringt man ihn über Land durch Gallien, und dann erhält er den Befehl über eins jener Schiffe, die von den Legionären– die ungeheuer tüchtige Gesellen gewesen sein müssen– anscheinend zu Hunderten binnen ein, zwei Monaten zusammengezimmert wurden, wenn wir glauben wollen, was in den Büchern steht. Stellt ihn euch vor, wie er hier ankommt– am Ende der Welt, das Meer grau wie Blei, der Himmel finster wie Rauch, ein Schiff, das ungefähr so stabil ist wie eine Ziehharmonika–, wie er mit Vorräten, Befehlen, was weiß ich, diesen Fluss heraufkommt. Sandbänke, Marschen, Wälder, Wilde, kaum etwas zu essen für einen kultivierten Menschen, nichts zu trinken außer Themsewasser. Kein Landgang, kein Falernerwein. Hie und da ein Militärlager, verloren in der Einöde wie die Stecknadel im Heuhaufen– Kälte, Nebel, Stürme, Seuchen, Verbannung und Tod– Tod, der in der Luft lauert, im Wasser, im Gebüsch. Wie die Fliegen...


Conrad, Joseph
Joseph Conrad, geboren 1857, wuchs als Waise bei seinem Onkel in Krakau auf. 1874 ging er zunächst nach Frankreich, wurde 1886 britischer Staatsbürger und machte als Seemann seine Leidenschaft zum Beruf. Als er 1890 die Seefahrt aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, verarbeitete er seine Reiseerlebnisse in seinen Erzählungen. ›Lord Jim‹ (1900) und ›Das Herz der Finsternis‹ (1902) gehören zu seinen berühmtesten Werken. Joseph Conrad starb 1924 in England.

Allié, Manfred
Manfred Allié, geboren 1955 in Marburg, übersetzt seit über dreißig Jahren Literatur. 2006 wurde er mit dem Helmut-M.-Braem-Preis ausgezeichnet. Neben Werken von Jane Austen, Joseph Conrad und Patrick Leigh Fermor übertrug er unter anderem Romane von Yann Martel, Richard Powers, Joseph O'Connor, Reif Larsen und Patricia Highsmith ins Deutsche. Er lebt in der Eifel.

Joseph ConradJoseph Conrad, geboren 1857, wuchs als Waise bei seinem Onkel in Krakau auf. 1874 ging er zunächst nach Frankreich, wurde 1886 britischer Staatsbürger und machte als Seemann seine Leidenschaft zum Beruf. Als er 1890 die Seefahrt aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, verarbeitete er seine Reiseerlebnisse in seinen Erzählungen. ›Lord Jim‹ (1900) und ›Das Herz der Finsternis‹ (1902) gehören zu seinen berühmtesten Werken. Joseph Conrad starb 1924 in England.
Manfred AlliéManfred Allié, geboren 1955 in Marburg, übersetzt seit über dreißig Jahren Literatur. 2006 wurde er mit dem Helmut-M.-Braem-Preis ausgezeichnet. Neben Werken von Jane Austen, Joseph Conrad und Patrick Leigh Fermor übertrug er unter anderem Romane von Yann Martel, Richard Powers, Joseph O'Connor, Reif Larsen und Patricia Highsmith ins Deutsche. Er lebt in der Eifel.

Joseph Conrad, geboren 1857, wuchs als Waise bei seinem Onkel in Krakau auf. 1874 ging er zunächst nach Frankreich, wurde 1886 britischer Staatsbürger und machte als Seemann seine Leidenschaft zum Beruf. Als er 1890 die Seefahrt aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, verarbeitete er seine Reiseerlebnisse in seinen Erzählungen. ›Lord Jim‹ (1900) und ›Das Herz der Finsternis‹ (1902) gehören zu seinen berühmtesten Werken. Joseph Conrad starb 1924 in England.

Manfred Allié, geboren 1955 in Marburg, übersetzt seit über dreißig Jahren Literatur. 2006 wurde er mit dem Helmut-M.-Braem-Preis ausgezeichnet. Neben Werken von Jane Austen, Joseph Conrad und Patrick Leigh Fermor übertrug er unter anderem Romane von Yann Martel, Richard Powers, Joseph O'Connor, Reif Larsen und Patricia Highsmith ins Deutsche. Er lebt in der Eifel.



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