E-Book, Deutsch, 135 Seiten
Conrad Mein München - Geschichten aus der Stadt
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8496-2631-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 135 Seiten
ISBN: 978-3-8496-2631-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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1883 zog es den Franken Conrad nach München wo der führende Schriftsteller des Naturalismus immer wieder das geistige Klima beeinflusste. Seine Verbundenheit zur Stadt München schildert er in seinen Erzählungen: Münchner Frühlingswunder Am Tisch der Ungespundeten Schicksal Anna-Mia Die Stimme des Blutes Die goldene Schmiede Das Beispiel Die gute Haut
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Die goldene Schmiede
Es war die einzige Schmiede in der Sendlingergasse zu jener Zeit, der goldenen Zeit der Spitzeder'schen Bankherrschaft. Die Werkstatt befand sich im Eckhaus der Sendlinger- und Paradiesgasse, ein paar hundert Schritte rechts vom Sendlingertor herein. Der Name Paradiesgasse war jedoch nicht der offizielle, sondern stammte aus dem Volksmund, der ein ironisches Vergnügen daran fand, diesen engen, schmutzigen, von übelberufenen Frauen und Mädchen häufig als Stelldichein benutzten, in das Gäßchenlabyrinth des alten Heumarktes verlaufenden Winkel mit dieser hellen, reinlichen, an selige Phantasien erinnernden Bezeichnung aufzuputzen.
Gegen die Paradiesgasse hatte die Werkstatt einen erhöhten, mit einem besonderen, fast platten Dach versehenen Vorraum; hier standen Räder, Karren, Kutschen und andere Gegenstände, alte und neue, in malerischer Unordnung über-, unter- und nebeneinander, bis die Reihe an jedes einzelne Stück kam, von dem emsigen Schmied und seinen Gesellen in Arbeit genommen zu werden. Da waren über neue Räder eiserne Reifen zu ziehen, dort war eine Deichsel mit derben Ringen zu versehen, hier der lahme Vorderteil einer Landkutsche mit tüchtigen Klammern und Schrauben zu kurieren, dort eine gebrochene Achse zusammenzuschweißen.
Kurz, es fehlte nie an Arbeit. Und ließen die Aufträge der gewöhnlichen, meist kleinbürgerlichen und ländlichen Kundschaft einmal ein wenig nach, so nahm Meister Florian mit seinen Gesellen Bestellungen von Eisenwarenhändlern entgegen. Dann wurde altes Material umgeschmiedet, allerlei Hacken, Ketten und sonstige Gerätschaften wurden hergestellt, und die Hämmer tanzten früh und spät auf dem Amboß und die Funken stoben und die Blasbälge ächzten, daß es eine Lust war.
Von dem Vordach gaukelten die Ranken des wilden Weines nieder und umkränzten mit grünem Blattwerk in gar freundlicher Weise die schwarzen, rußigen Wände, die seit Menschengedenken keine anderen Farben gezeigt, als diejenigen, welche der Rauch und der Eisen- und Roststaub und der anfliegende Schmutz von der Straße in Sonnenschein und Regen selbst aufgetragen hatten.
Das Vordach, das auf blechbeschlagenen Holzpfeilern ruhte und fast die ganze Breite der Paradiesgasse einnahm, war mit einem einfachen schmiedeeisernen Gitter umgeben und diente der Familie, die über der Werkstatt wohnte, zugleich als Veranda und Lustgarten. Hier standen in großen Kübeln die wilden Weinstöcke, die so lustig auf- und abwärts rankten, und dazwischen in braunen Tontöpfen allerlei bunte Blumen, Nelken und Goldlack, Kapuziner und Fuchsien und Stiefmütterchen. All' diese Herrlichkeit war das Werk der frommen Frau Anastasia, die nicht eher geruht hatte, bis Florian ein schmales Fenster auf das Vordach zur Tür erweitern und das Gitter anbringen ließ. Sie wollte immer viel höher hinaus als der Gatte, der fast ganz in seiner harten Arbeit und im Horizonte der Werkstatt aufging, aber sie verstand auch die Kunst, ihren Kopf bei dem Meister Florian durchzusetzen.
Zuweilen kostete das freilich nicht wenig Mühe; der Schmied hatte seine eigene Art, das Hauswesen und die Dinge und Menschen zu betrachten. Wenn er auch nicht viele Worte machte, und dem ehelichen Frieden gern ein Opfer brachte, so konnte er unter Umständen doch durch seinen wortkargen, passiven Widerstand die hagere, fromme Gattin aufs äußerste reizen. Zuletzt fügte er sich, wenn's nun einmal nicht anders ging, und dachte: »Es is so weit nit aus.« Schließlich war ja seither doch alles gut geraten.
Wie hatte er sich nicht gewehrt, seinen zweiten Sohn Joseph in die geistliche Laufbahn eintreten zu lassen!
Von dem Leben der Priester hat er in seinem Herzen nie große Stücke gehalten, wie überhaupt von den gelehrten Leuten, die nur in Gedanken und Formeln und Büchern kramen. Er, der Mann der harten Arbeit, schätzte vor allen diejenigen, die durch körperliche Anstrengung und wahrnehmbaren Fleiß etwas vor sich brachten und praktische Ergebnisse aufzeigen konnten. Er begriff, daß die andern in Gemeinde und Staat auch notwendig seien, leider Gottes; aber im Grunde hielt er sie doch für schlaue Müßiggänger, die sich für ihre geringen Dienste von der Gesamtheit übermäßig gut ernähren ließen. Handwerkerei war ihm der ehrsamste Stand.
Seinen ältesten Sohn, einen strammen, muskulösen Burschen, ganz sein Ebenbild, nahm er, dem Widerspruch seiner Frau zum Trotz, frühzeitig in die Werkstatt, um ihn unter seinen Augen zu einem tüchtigen Schmied auszubilden und dann einige Jahre auf die Wanderschaft zu schicken, damit er als ein gereister Meister später das väterliche Geschäft zu übernehmen würdig wäre.
Der zweite Sohn, schwächlicher als der erste, aber wie Frau Anastasia früh herausgefunden hatte, geistig begabter und reger und verschlagener und daher vom lieben Gott sichtlich zu einem vornehmeren Dasein bestimmt, hatte alle Pläne des Vaters mit Hilfe der Mutter durchkreuzt.
Die Absicht Meister Florians war gewesen, den zarten und intelligenten Knaben, der sich nicht für die grobe Schmiedarbeit eignen wollte, zu einem technischen Beruf erziehen zu lassen. Ingenieur, Mechaniker oder so etwas. Darum sollte Joseph die Realschule absolvieren, dann ein paar Jahre auf dem Polytechnikum studieren und schließlich in einer großen Fabrik oder einer Maschinenwerkstätte sich zu einem selbstgemachten Mann hinaufarbeiten. Im Grunde also ein höherer, veredelter und sehr viel Geld verdienender Schmied: das war des Vaters Ideal.
Wenn Anastasia dem Meister Florian zuhörte, wie er am Feierabend oder über Tisch oder vor dem Einschlafen in der Nacht in kurzer, unbeholfener Rede die Zukunft des zweiten Kindes sich zurecht hämmerte, da kniff sie die Augen ein, zog die Lippen zusammen und schwor sich: daraus wird nichts. Dann machte die fromme Frau, die um jeden Preis etwas Geistliches und Hochehrwürdiges und Einflußreiches in der Familie haben wollte, sich hinter den Beichtvater, der ihr wegen ihrer eifrigen Kirchenbesuche und Spenden überaus gewogen war, und machte gemeinschaftliche Sache mit ihm, um den braven Joseph, den verhätschelten Liebling, dem Eigensinn und der Weltlichkeit des Schmiedes zu entreißen.
Und so geschah es wirklich, daß der feine Knabe nicht in die Realschule, sondern in die Lateinschule, nicht in das Polytechnikum, sondern in das Priesterseminar kam und dort zu einem helleuchtenden Kirchenlicht präpariert und geweiht wurde.
Wenn der alte Florian grollte, und sie fand es für angemessen, ihm ein begütigendes Wort zu sagen, war es gewöhnlich dies: »Du hast dein Ebenbild, den Max, nach deinem Kopf geformt, ich forme den Joseph, mein Ebenbild, nach meinem Kopf; so hat jedes sein Kind nach seinem Willen und jeder ist seines Glückes Schmied.«
Darauf wußte der gerechte Sinn des Meisters nichts zu erwidern.
Sagte ihm aber Frau Anastasia gar: »Schau, lieber Florian, eigentlich wird auch aus unserem Joseph ein Schmied; er schmiedet die Herzen der Menschen für das Reich Gottes!«, so klang ihm das zwar überspannt, aber er lächelte doch und setzte nach seiner kurzen Art hinzu: »Es is so weit nit aus.«
Und so war, als die Zeit erfüllet war, aus dem Muttersöhnchen mit Gottes und der Heiligen Hilfe ein recht kluger, artiger und beliebter Kirchenmann geworden. Das Glück der Mutter schien ein vollständiges zu sein, als der geistliche Herr Sohn in der Vaterstadt München selbst in die kirchliche Laufbahn einrückte, und alle Aussichten dafür sprachen, daß er hier von Stufe zu Stufe auf der hierarchischen Leiter zu immer höherem Glanz und Einfluß emporsteigen werde.
Inzwischen war auch Max von der Wanderschaft zurückgekehrt. Das Auffallendste, was er sich in dieser Zeit angeeignet, war für das Auge des Vaters ein mächtiger Vollbart und ein ungemein geläufiges Mundwerk. Die Gedanken aber, die in schneidiger Rede aus dem Munde des gereisten Sohnes hervorbrachen, wollten dem alten Meister Florian nicht übermäßig einleuchten. Dafür gefielen sie der Frau Anastasia um so besser.
Joseph wollte jetzt seinen Weg allein machen, und der mütterlichen Geschäftigkeit war nach dieser Seite hin wenig Spielraum mehr geboten. Sie wandte sich daher mit um so stärkerem Interesse der Nutzbarmachung der Anregungen zu, welche von dem welterfahrenen Max kamen. Es war ganz eigentümlich, wie der Erstgeborene, der früher nicht von der Seite des Vaters gewichen war, sich jetzt der Mutter zuneigte. In den lauen Sommerabendstunden konnte man die beiden stundenlang auf der Veranda über dem Vordach im eifrigsten Gespräche sitzen sehen, während unten in der Werkstatt Meister Florian mit seinen Gesellen glühende Eisenbarren auf dem Amboß bearbeitete und mit den schwersten Hämmern darauf losschlug, daß das Haus bebte.
»Eine glückliche, beneidenswert glückliche Familie!« meinten die Nachbarsleute; »Söhne, die außerordentlich geraten...




