E-Book, Deutsch, 321 Seiten
Cookson Sturmwolken über dem River Tyne
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-032-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 321 Seiten
ISBN: 978-3-98952-032-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dame Catherine Ann Cookson (1906-1998) war eine britische Schriftstellerin. Mit über 100 Millionen verkauften Büchern gehörte sie zu den meistgelesenen und beliebtesten Romanautorinnen ihrer Zeit; viele ihrer Werke wurden für Theater und Film inszeniert. In ihren kraftvollen, fesselnden Schicksalsgeschichten schrieb sie vor allem über die nordenglische Arbeiterklasse, inspiriert von ihrer eigenen Jugend. Als uneheliches Kind wurde sie von ihren Großeltern aufgezogen, in dem Glauben, ihre Mutter sei tatsächlich ihre Schwester. Mit 13 Jahren verließ sie die Schule ohne Abschluss und arbeitete als Hausmädchen für wohlhabende Bürger sowie als Angestellte in einer Wäscherei. 1940 heiratete sie den Gymnasiallehrer Tom Cookson, mit dem sie zeitlebens zurückgezogen und bescheiden lebte. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1950; 43 Jahre später wurde sie von der Königin zur Dame of the British Empire ernannt und die Grafschaft South Tyneside nennt sich bis heute »Catherine Cookson Country«. Wenige Tage vor ihrem 92. Geburtstag starb sie als eine der wohlhabendsten Frauen Großbritanniens. Bei dotbooks veröffentlichte Catherine Cookson ihre englischen Familiensagas »Die Thorntons - Sturm über Elmholm House«, »Die Lawsons - Anbruch einer neuen Zeit«, »Die Emmersons - Tage der Entscheidung«, »Die Coulsons - Schatten über Wearcill House« und »Die Masons - Schicksalsjahre einer Familie«. Bei dotbooks erscheinen außerdem ihre Schicksalsromane »Der Himmel über Tollet's Ridge«, »Das Erbe von Brampton Hill«, »Sturmwolken über dem River Tyne«, »Sturm über Savile House« und »Der Hutsalon am Willington Place«.
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Kapitel 1
»O Geoff, mit diesem Regenmantel und der schwarzen Kappe siehst du aus wie einer dieser komischen Spione in den Kinofilmen. Dein Vater wirkt in diesen Sachen ganz anders.«
»Das tut er nicht, aber bei ihm hast du dich daran gewöhnt.«
»Wie auch immer ? warum ziehst du das überhaupt an? Es ist doch dunkle Nacht, und es regnet auch nicht.«
Der große junge Mann beugte sich zu seiner Mutter hinab, die ihm gerade bis zur Schulter reichte, und flüsterte ihr verschwörerisch ins Ohr: »Zu Ihrer Information, Mrs. Fulton, wie Sie wissen, bin ich nun seit vier Jahren bei der Armee, wo ein liebenswürdiger Korporal mir schon in den ersten Wochen eintrichterte, daß jedes Messingteilchen meiner Uniform glänzen müsse, um sozusagen wie ein Licht vor mir herzustrahlen. Und das sogar am hellichten Tag! Aber was glauben Sie, sagte der alberne Kerl einige Zeit später? Er behauptete: ›Was immer eure vertrottelten Lehrer euch beigebracht haben, eines ist gewiß: Gewehrkugeln prallen nicht an Messing ab. Also, ihr Idioten, schwärzt eure Messingknöpfe oder verdeckt sie, wenn der Mond scheint!‹«
»Ach du!« Seine Mutter hängte ihren Gehstock an die Rückenlehne eines Stuhls. Dann packte sie ihren Sohn am Kragen des Regenmantels und versuchte, ihn zu schütteln. »Du wirst dich wohl nie ändern«, meinte sie vorwurfsvoll. »Immer nur Witzeleien! Und außerdem, da du nun selbst Sergeant bist, was bringst du deinen Jungs bei?«
Geoff ergriff ihre Hände und antwortete in gespieltem Ernst: »Ich würde nicht im Traum daran denken, den Jungs etwas vorzuschreiben. Heutzutage fragt man sie höflich, zum Beispiel so: ›Soldat Reginald Johnson Smith, würde es Ihnen etwas ausmachen, Ihre Ausrüstung etwas ordentlicher zu halten; sozusagen als Vorbild für Ihre Kameraden?‹«
»Ach du!« sagte sie noch einmal und entzog ihm ihre Hände. »Manchmal wäre ich dankbar, wenn du ein wenig ernsthafter sein und mir erzählen würdest, was wirklich vor sich geht.« Sie griff nach ihrem Stock und humpelte zum Klavier.
Er starrte ihr nach. Von hinten wirkte sie so rank und schlank wie ein junges Mädchen. Er erinnerte sich daran, wie sie ausgesehen hatte, als er zwölf war. Wenn er sie mit den Müttern seiner Mitschüler verglichen hatte, war er immer stolz auf sie gewesen. Manchmal war sie auf einem ihrer Ausritte an der Schule vorbeigekommen; dann hatte sie ihn zu sich aufs Pferd gehoben, und er hatte sich dadurch stets in ein Zeitalter versetzt gefühlt, in dem Ritter in schimmernder Rüstung junge Damen erretteten, indem sie sie zu sich in den Sattel zogen und mit ihnen davongaloppierten. Es hatte ihm nichts ausgemacht, daß seine Mutter die Dame war und er der Hinaufgehobene; er hatte sich dabei immer wundervoll gefühlt. Doch eines Tages war sie zu schnell geritten und zu hoch gesprungen. Es war glimpflich ausgegangen: Sie hätte ihr Leben lang gelähmt bleiben können. Doch ihre Hüfte war irreparabel verletzt, und mit der Zeit war eine Arthritis dazugekommen. Trotzdem schien sie, zumindest nach außen hin, immer munter. Wie es wirklich in ihr aussah, konnte er nur ahnen. Er tröstete sich jedoch damit, daß sie außer ihrem Ehemann, der sie liebte, noch ihre Musik hatte.
Während sie sich nun auf den Klavierstuhl setzte, sagte sie lachend: »Du glaubst doch nicht, daß du Ted Honeysett erwischst, oder?«
»Weshalb sollte ich sonst rausgehen?« Geoff ging auf sie zu. »Ich sage dir, ich habe ihn gestern gesehen, wie er mit undurchdringlicher Miene einen großen Aktenkoffer vom Gepäckträger seines Fahrrads hob und damit im Hintereingang des Hotels in Durham verschwand. Und als er dann wieder herauskam, sah er so selbstgefällig aus wie eine Katze, die heimlich Sahne geschleckt hat.«
»Ich kann mir nicht vorstellen, wie Ted Honeysett jemals selbstgefällig aussehen könnte. Und was würdest du überhaupt mit ihm anstellen, wenn du ihn schnappst?«
»Ich würde ihn Gottesfurcht lehren!«
»Ich bitte dich«, Bertha verdrehte die Augen, während ihre geschürzten Lippen Spott verrieten, »du kennst Ted schon dein ganzes Leben; kannst du dir vorstellen, daß irgend jemand ihm Gottesfurcht beibringen kann?«
»Allerdings! Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ich könnte ihm zum Beispiel androhen, ihn nach Low Tarn Hall zu schleifen.«
»Ach«, lachte sie, »ich kann mir das richtig vorstellen. Aber wie ich dich kenne, wäre es dir noch lieber, wenn du Mr. Ernest Badford-Brown zum Fluß schleifen und seinen Kopf unter Wasser tauchen könntest.«
»Vergiß nicht, Mam, ich bin vier Jahre weggewesen. Da kann viel passieren. Ich könnte meine Meinung über diesen Herrn geändert haben.«
Lächelnd sagte seine Mutter: »Du nicht. Weißt du noch, wie du aus seinem Hof gegangen bist und ihm gesagt hast, wohin er sich seinen Job stecken soll? Du warst damals erst achtzehn. Und weißt du was?« Ihr Gesicht wurde ernst, als sie fortfuhr: »Er hätte deinen Vater rausgeschmissen, wenn er nicht immer so zuverlässig für ihn gearbeitet hätte. Ja, es stand auf Messers Schneide! Und ich sage dir noch etwas: Es ist ein Glück, daß dieses Haus nicht zum Gut gehört, sonst hätte er uns gekündigt wie der Familie Rice. Er kann sich nicht damit abfinden, daß es unser Eigentum ist. Ständig versucht er deinen Vater zum Verkauf zu überreden. Das ist ein weiterer Grund, warum er ihn behält. Denn nachdem du damals diesen Aufruhr verursacht hast ? und es war ein Aufruhr! ?, haben alle Männer mehr Lohn verlangt. Sie haben nicht alles bekommen, was sie wollten, aber ein bißchen mehr war es doch; und Mr. Bradford-Brown hat nur nachgegeben, damit sein Name nicht noch schlechter dastünde, als es ohnehin schon der Fall war. Und denk dran, was er mit den Rices gemacht hat! Wenn sie nicht freiwillig ? oder besser gesagt ohne Aufhebens ? gegangen wären, hätte er sie alle gekündigt: Peter, den jungen Michael, Sally und alle anderen. Du weißt, wie schwer es ist, Arbeit zu finden, und dann Bella, die so kränklich ist ? was blieb ihnen übrig, als auszuziehen? Und das alles, weil Wochenendhäuser viel Geld einbringen. Er hat jahrelang keinen Penny in die Rice-Kate gesteckt, aber kaum waren sie weg, ließ er eine Wasserleitung legen, Strom, und wer weiß was noch. Und weißt du, wieviel er dafür bekommen hat, samt einem Morgen Land und den Fischereirechten?«
»Nein.«
»Viertausend Pfund! Ein Mann namens Kidderly hat es gekauft. Er taucht nur an den Wochenenden auf und scheint ein wenig merkwürdig zu sein. Jedenfalls«, sie lächelte wieder, »wenn du Ted erwischen willst, solltest du dich beeilen, sonst kommst du vor Mitternacht nicht zurück.«
Geoff hob ein Notenheft auf und blätterte darin. »Das macht nichts«, meinte er. »Vielleicht ändere ich meine Meinung.« Bertha antwortete nicht sofort, sondern sah ihn einige Sekunden lang unverwandt an. Dann fragte sie ruhig: »Was ist los? Langweilst du dich?«
Er blickte von dem Heft auf. »Ja, ich glaube, ein wenig schon.«
»Warum gehst du nicht runter zum Gasthof und unterhältst dich mit den Männern?«
Geoffrey schob sein Kinn vor. »O Mam, ich war in den letzten fünf Tagen zweimal dort; und was mußte ich mir anhören? Ronald Coleman, der versuchte, seinem Namensvetter nachzueifern und mit seinen Eroberungen prahlte. Es scheint, daß seine Affären um so aufregender werden, je weiter er sich von zu Hause entfernt. Und Peter Campbell, der damit angibt, daß er in einer Stunde mehr Ziegel legen kann, als in der Mauer von Jericho verbaut waren. Ach ja, und May«, ? sein Ton veränderte sich ? »die gute May hinter der Bar, die die Bierkrüge mit ihren Brüsten auf dem Tresen herumschiebt. Puh!« Er schüttelte den Kopf und fuhr in gespielt nachdenklichem Ton fort: »Ich weiß nicht, wie sie es macht. Sie muß sie ausgestopft haben. Sie können sich unmöglich von selbst zu einer solchen Größe ausgewachsen haben. Schade, daß meine Jungs sie nicht sehen können; für einen Blick darauf würden sie gerne in den Bau gehen. Und dann ihr Harry, der versucht, den Tropfen an seiner Nase zu bremsen, wenn er ein Bier zapft …«
»Hör auf, hör auf!« Bertha Fulton hielt sich die Seiten, während ihr vor Lachen die Tränen über die Wangen rollten. »So siehst du sie also?«
»So sind sie, Mam; nichts hat sich verändert. Und dann gibt es die, die nur mal vorbeischauen, um ihre Klagelieder zu singen. Am schlimmsten sind Hobson und Ryebank. Sie stöhnen über die Mühsal des Farmerlebens und die Hungerpreise, die sie für ihre Produkte erhalten. Und doch stelle ich fest, daß Hobson eine riesige Scheune gebaut hat, und daß Ryebank irgendeinen neumodischen Apparat zum Melken in seinem Kuhstall installieren will. Arme, hungrige Mittelklassestrolche.«
Bertha hörte auf zu lachen, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und stellte fest: »Du wärst froh, wenn dein Urlaub vorüber wäre und du wieder wegfahren könntest, nicht wahr?«
»O nein, Mam, so ist es nicht.« Geoff ging zu seiner Mutter und kniete vor ihr nieder. Dann ergriff er ihre Hände und sagte: »Du und Dad seid das einzige in meinem Leben, was sich nie verändert. Bei jedem Urlaub hoffe ich, daß alles gleichgeblieben ist. Aber ich stelle jedesmal fest, daß es nicht so ist, außerhalb dieses Hauses jedenfalls, und das macht mich oft so wütend, daß ich um mich schlagen möchte. Ich vermute, daß das von den Erfahrungen kommt, die ich draußen mache. Das Leben ist dort ganz anders. Dieses Fleckchen Erde könnte ebensogut auf einem anderen Planeten liegen. Weißt du das, Mam?«
Bertha blickte auf ihre Hände und fragte still: »Wäre es anders, wenn du nicht erfahren hättest, daß Janis Bradford-Brown sich verlobt hat?«
Langsam ließ er ihre Hände los und richtete sich auf. Er knöpfte...




