E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Cooper / Glock-Cooper Changers - Band 4, Kyle
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-440-15766-4
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-440-15766-4
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kim und Audrey stehen sich auf der RaChas Demonstration gegenüber und Audreys Blick ruht auf Kims Armband. Das gleiche Armband, das sie Drew geschenkt hat und dann bei Oryon gefunden hat.
Der Moment der Wahrheit ist gekommen und Kim will sich nicht länger verstecken. Sie erzählt Audrey alles. Wie wird sie reagieren? Ist ihre Liebe stark genug, um diese Wahrheit zu verkraften? Gleichzeitig wartet seine letzte Identität auf Kim. Kyle, ein gutaussehender Mädchenschwarm. Und eine Frage rückt unaufhaltsam näher: Für welche Identität wird er sich entscheiden? Das grandiose und langersehnte Finale der Changers-Reihe!
Übersetzt von Anja Herre.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
KIM
CHANGE 3
TAG 202
Also dann.
Audrey weiß es.
Alles.
Na ja, nicht alles alles. Aber sie weiß über mich Bescheid. Über alle Ichs. Oder zumindest, dass es mehrere Ichs gibt. Aber dass sie alle dasselbe Ich sind. Mehr oder weniger. Den Rest wird sie herausfinden. Ich helfe ihr. Ich werde erklären und sie wird verstehen, und die Puzzleteile werden sich zusammenfügen und das prachtvolle Bild wird sich in all seiner befriedigenden Vollendung offenbaren. Ich glaube daran! Endlich bin ich gläubig!
Die gestrige Demo der RaChas entwickelte sich zu einer beschissenen Darbietung erster Güte, als Audrey das Armband an mir entdeckte, das sie mir geschenkt hatte – das sie Drew geschenkt hatte, im ersten Highschool-Jahr. Ich sah, wie es bei ihr klick machte. Sie flüsterte: »Drew?«, mit einer Stimme, die ängstlich und zugleich erleichtert klang. (Das mit der Erleichterung bilde ich mir vielleicht auch bloß ein.)
Ich kann mich nicht erinnern, ob ich nickte oder lächelte oder mit den Schultern zuckte oder alles zusammen, aber ich weiß ganz sicher, dass sich ihr Blick eine ganze Minute lang nicht von meinem löste, und es fühlte sich endlich so an wie in alten Zeiten, als wir beste Freundinnen waren, die sich mehr aufeinander verlassen konnten als auf irgendwen sonst auf der Welt.
Audrey begann zu zittern und ich hätte sie liebend gern umarmt. Doch bevor ich dazu in der Lage war, kam, natürlich, ihr Bruder auf uns zugestürmt. Sein Halsband spannte über den geschwollenen Adern, die seinen Hals durchzogen. Jason hatte keinen Bock auf irgendeinen Aspekt der Botschaft »Anderssein ist keine Schande!«, die wir in den Straßen proklamierten, und noch viel weniger Bock darauf, dass seine Schwester sich mit uns Schilder haltenden und Slogans rufenden Alternativfreaks zusammentat, die wir für unser Recht eintraten, anders zu sein als seine Version von »normal«.
Ihm dicht auf den Fersen war Destiny (meine treue Beschützerin, seit Chase nicht mehr da ist), die, statt zu protestieren, nun herbeistürzte, um Jason abzufangen, bevor er die Schwefelbombe seiner giftigen, weißen, männlichen Privilegien zünden konnte.
Während Jason und Destiny auf uns zusteuerten, packte Audrey meinen Unterarm, drehte ihn um und schob einen Finger unter das Armband, um es ganz genau zu betrachten. Yepp, dasselbe, das sie Drew geschenkt hatte. Dasselbe, das Oryon irgendwie auch hatte. Und jetzt Kim. Den Tränen nahe schaute sie gerade wieder auf, als Jason und Destiny uns erreichten und Audrey und mich in die Zange nahmen.
»Na logo, wenn in einem Umkreis von hundert Meilen die Missgeburtenflagge gehisst wird, taucht die alte Kuh auf«, bellt Jason in meine Richtung.
»Hast du was gesagt, Faschist?«, schäumt Destiny und rammt Jason so überraschend fest gegen die Schulter, dass er fast hinfällt.
Jason findet rasch das Gleichgewicht wieder und lacht Destiny ins Gesicht. »Ihr Leute seid schon echt angriffslustig«, sagt er und leckt sich die Lippen.
Daraufhin tut Destiny, was Destiny tun muss: Sie holt aus und boxt ihm gegen den Kiefer, so fest, dass Jason auf dem Arsch landet. Audrey schnappt nach Luft. Mehrere Leute filmen den Zwischenfall mit ihren Handys. Ich greife nach Destiny und ziehe sie zurück.
»Weg hier«, flüstere ich. »Das könnte hässlich werden.«
»Ist es schon«, sagt sie und wirft einen wütenden Blick zu Jason, der sie spürbar zornig vom Gehsteig aus anstarrt.
Mittlerweile sind die radikalen Changers stehen geblieben und verstummt. Benedict ist sonderbar still geworden, der Vortrag vor dem Fernsehjournalisten abgebrochen, im Fokus der Kamera nun der brodelnde Konflikt zwischen Jason und Destiny. Audrey hingegen klammert sich immer noch an meinen Arm, ihre Finger umfassen fest mein Handgelenk.
»Aud, ich wollte es dir sagen«, murmele ich. »Ich wollte es dir nie nicht sagen –«
Ohne Vorwarnung springt Jason auf, stößt Audrey beiseite und katapultiert sie damit in die Menschenmenge, als er auf Destiny zuprescht. Er langt nach ihrem Gesicht und seine Hand quetscht ihre Nase und ihr Kinn, als wäre dies ein Footballspiel und er wollte einen Tackle verhindern. Hinter ihm taucht plötzlich Andy auf, brüllt: »Rühr sie nicht an!«, und hängt sich an Jasons Rücken. Die beiden drehen sich zweimal im Kreis, bevor sie zu Boden gehen, wo sie wie wild herumrollen und sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, während die Fernsehkamera die ganze Zeit auf sie gerichtet ist.
Erschüttert, dass seine sorgfältig inszenierte Werbung um Frieden und Akzeptanz des Andersseins in eine blutige Straßenschlägerei ausgeartet ist, rennt Benedict zu ihnen. »Du solltest überhaupt nicht hier sein!«, schreit er Andy an und versucht, die beiden zu trennen, wird dabei aber selbst in die Schlägerei verwickelt.
Jetzt sind sie schon drei – Benedict, Anführer der RaChas, Andy, der schlagkräftige Verbündete der RaChas, und Jason, der flügge gewordene Getreue –, die auf dem glühend heißen Asphalt miteinander ringen und sich winzige Steinchen in die Ellbogen und Knie bohren. Destiny steht daneben, tritt Jason gegen den Oberschenkel und feuert Andy an.
Die wenigen Polizisten, die die Demo begleiten, stürmen heran und ziehen im Laufen ihre Schlagstöcke. Als Benedict das bemerkt, zieht er sich zurück, denn er will nicht auf der falschen Seite des Gesetzes landen (alles schon gehabt). Er schlängelt sich geschickt durch die Menge und außer Reichweite. Die Polizisten richten ihre Schlagstöcke gegen Jason und Andy, die sich trotzdem weigern aufzuhören, weshalb schon bald Holz auf Knochen kracht. Nach wenigen Knüppelschlägen lassen Andy und Jason voneinander ab, Jason heult auf und fasst sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ans rechte Knie.
»Hoch mit dir!«, brüllt der Cop ihn an, doch Jason bricht beim Versuch, sein Knie zu belasten, sofort zusammen. »Wir dulden hier keine Anarchisten.«
»Ich bin keiner von denen!«, schreit Jason, als man ihn und Andy mit Kabelbindern fesselt. »Ich habe ein Footballstipendium!«
In all dem Chaos suche ich nach Audrey, und schließlich entdecke ich sie weit drüben auf der anderen Seite, orientierungslos. Ich hüpfe auf und ab und winke mit beiden Armen. Sie sieht mich und schiebt sich durch das Gedränge in meine Richtung. Mühsam arbeiten wir uns auf einander zu, die Arme ausgestreckt. Bevor wir uns erreichen, packt ihre Mutter Audrey am Kragen.
»Versprich mir, dass ich dir das erklären darf!«, rufe ich, als sie, Umstehende anrempelnd, weggezerrt wird. »Wenn du danach nie wieder mit mir reden willst, lass ich dich in Ruhe, ich schwör’s!«
Audrey nickt und versucht, den Blickkontakt mit mir zu halten, während ihre Mutter sie immer weiter wegzieht, bis ich schließlich ihr Gesicht in dem Menschengewühl nicht mehr ausmachen kann.
Neben mir hüpft Destiny auf Zehenspitzen wie ein Boxer, der soeben den Titelkampf gewonnen hat. Die wenigen übrig gebliebenen RaChas zerstreuen sich, als Jason auf den Rücksitz des Polizeiwagens gedrückt wird.
Andy wird in einen anderen Streifenwagen geschoben und mir wird schlagartig klar, dass es an mir liegt, ihn wieder auf freien Fuß zu kriegen, da niemand hier weiß, wer er ist, und unser furchtloser Anführer Benedict sich sonst wohin aus dem Staub gemacht hat.
»Na, das ist doch mal ein Anblick, den man nicht alle Tage hat«, sagt Destiny und nickt den zwei weißen Jugendlichen nach, die mit heulenden Sirenen zur Polizeiwache gebracht werden. »Ich würde sagen, diesen kleinen Sieg sollten wir feiern!«
Ich lächle, bin jedoch geistig abwesend, rastlos. Ich will meinen eigenen kleinen Sieg feiern. Ich habe mich geoutet. Und obwohl es scheißkompliziert war, ist meine Welt nicht untergegangen. Im Gegenteil. Es fühlt sich an, als wär dies endlich der Anfang.
Die Sache mit der Wahrheit ist die: Wenn man einmal damit angefangen hat, kann man schwer wieder aufhören.
Nachdem ich mich Audrey offenbart hatte, wurde mir bewusst, dass meine Liste von Leuten, denen ich mein Geheimnis verraten wollte, ganz schön lang war. Das ist den Changers – natürlich – verboten. Die erste Regel vom Changers-Club lautet, man spricht nicht über die Changers. Meine Advokatin Tracy würde mich mit ihrem kanariengelben Tory-Burch-Gürtel strangulieren, wenn sie herausfände, dass ich unsere Bewegung verraten habe.
Aber … irgendwie ist mir das mittlerweile ziemlich egal.
Benedict hat uns schließlich alle da auf die Bühne gestellt. Das Video von Destiny, wie sie Jason unerwartet ins Gesicht boxt, geht in den sozialen Medien viral. (Verschiedene Leute haben es mittlerweile sogar mit Musik unterlegt, wobei bei meiner Lieblingsversion der Schlag zeitlich genau auf den Einsatz des Schlagzeugs in Phil Collins’ In the Air Tonight abgestimmt ist. Zu sehen, wie dieser Schlag in Jasons dämlichem Gesicht landet, ist ganz großes Schadenfreudekino. War wohl nix mit »feel it coming in the air« für ihn, in dieser Nacht, ähem.)
Ich bin sicher, dass der Rat sich weder über diese noch irgendeine andere Form der öffentlichen Enthüllung freuen wird. So mächtig er auch sein mag, letztlich kann nicht einmal er die lauffeuerartige Verbreitung via SnapChat, Instagram und YouTube eindämmen. In der CB gibt es kein Kapitel über Geheimhaltung in Zeiten der sozialen Medien. Vielleicht kann Tracy einen Anhang mit Tabellen und Grafiken erstellen, wie man das Unbändige bändigt. Ihre Tabellen und Grafiken...




