E-Book, Deutsch, 162 Seiten
Copper UNSCHULD IM REGEN
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7554-1048-5
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 162 Seiten
ISBN: 978-3-7554-1048-5
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sie stand im strömenden Regen, und ich hätte sie beinahe überfahren. Als sie hörte, dass sie es mit Mike Faraday, dem Privatdetektiv aus Los Angeles, zu tun hatte, schmolz sie dahin. Anscheinend... hatte sie Hilfe nötig. Doch dann verschwand sie ohne Abschiedsgruß. Und zwei Schlägertypen machten mir handgreiflich klar, dass ich mich nun erst recht um das Mädchen kümmern musste... Der Roman Unschuld im Regen des britischen Schriftstellers Basil Copper (*5. Februar 1924; ? 3. April 2013) erschien erstmals im Jahr 1974; die deutsche Erstveröffentlichung folgte 1976. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
Autoren/Hrsg.
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Erstes Kapitel
Es regnete schon still vor sich hin, als ich in San Francisco losfuhr, und während ich mich nach einer anstrengenden Fahrt den Außenbezirken von Los Angeles näherte, sah es so aus, als würde es die nächsten drei oder vier Tage weiterregnen. Der Pazifik war eine ungemütliche, graue Fläche, gesäumt vom karminroten Rand der Abenddämmerung, und die weißen Gischtflecken weit draußen bildeten einen melancholischen Abglanz der Lichterkette entlang der Küste. Ich bog schließlich von der Schnellstraße ab und jagte meinen fünf Jahre alten Buick über eine kurvenreiche Straße zweiter Ordnung, die sich durch die Hügel in Richtung auf die Stadt wandt. Los Angeles selbst lag hinter dem Regenvorhang und seinem Smog verborgen, aber die Lichter seines tausend Meilen langen Straßennetzes spiegelten sich am Himmel - ein rosafarbenes Glühen, als seien die Regenwolken an ihrer Unterkante entzündet. Ich schaltete die Scheinwerfer ein. Die Reifen des Buick zischten auf dem nassen Asphalt, und das Wasser, das in Fontänen zur Seite spritzte, passte als Hintergrundgeräusch zu meinen wenig erfreulichen Gedanken. Das Hundewetter entsprach genau meiner augenblicklichen Stimmung. Vielleicht war ich nur müde, und der Regen und die Monotonie der Fahrgeräusche hatten meine Reflexe weitgehend eingeschläfert. Jedenfalls wurde mir erst nach ein paar Sekunden klar, dass ich beinahe mit irgendetwas zusammengestoßen wäre. Rechts von mir leuchtete es hell auf, als sei eine Gestalt auf die Straße gesprungen. Ich riss das Lenkrad nach links, doch die Reifen wollten das Manöver nicht mitmachen. Einen Augenblick lang kam der Buick ins Schlingern. Der Gummi meiner Profile haftete nicht fest genug auf dem nassen Untergrund. Erst jetzt begann ich gegenzusteuern, und der Wagen richtete sich wieder gerade, hielt seine Spur. Ich trat auf die Bremse. Im Rückspiegel sah ich eine Gestalt, die mir zuwinkte. Sie näherte sich meinem Wagen, während ich versuchte, auf den Randstreifen auszuscheren. Zwei oder drei Fahrzeuge kamen mir von hinten bedrohlich nahe. Sie blinkten wie wild und veranstalteten ein wahres Hupkonzert. Dann hörte ich das Klappern von hohen Stöckeln auf dem Asphalt. Es war ein Mädchen. Ein Mädchen in einem weißen Regenmantel. Ihr blondes Haar hing in langen Strähnen bis auf die Schultern und klebte an ihrer Stirn. Sie hatte ein blasses, verängstigtes Gesicht, und ich nahm an, dass sie über mein gewagtes Manöver zu Tode erschrocken war. »Wissen Sie, dass ich Sie beinahe überfahren hätte?«, sagte ich durch das einen Spaltbreit geöffnete Fenster auf der Beifahrerseite. Ich war ziemlich wütend, aber es hatte wenig Sinn, sie nun auch noch anzubrüllen. »Von der Gefahr, in die Sie mich gebracht haben, ganz zu schweigen.« Das Mädchen gab keine Antwort. Schwer atmend öffnete sie einfach die Tür auf der Beifahrerseite und ließ sich in die Polster sinken. Dann zog sie die Tür schnell zu. »Tut mir leid«, sagte sie mit leiser, wohlklingender Stimme. »Ich kann es Ihnen jetzt nicht erklären. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich nach Los Angeles mitnehmen könnten.« Sie warf rasch einen Blick über die Schulter, als habe sie etwas da draußen im Regen zurückgelassen. »Ein scheußlicher Abend«, erklärte ich. »Wenn Sie wollen, nehme ich Sie gern mit.« »Fahren Sie los, zum Teufel«, drängte sie. »Ich habe es eilig.« »Sie sind nicht nur lebensmüde, sondern auch noch unverschämt«, bemerkte ich trocken. Das Mädchen starrte mich erschreckt an, sagte jedoch kein Wort. Ich legte den ersten Gang ein und fuhr wieder hinaus auf die Fahrbahn. Meine Beifahrerin warf immer wieder einen kurzen Blick durch das Rückfenster, und erst nach ein paar Meilen fand sie ihre Sprache wieder. Sie hatte inzwischen ihr Taschentuch in der Hand und trocknete sich damit das Gesicht ab. Ich warf ihr einen kurzen Blick zu, als ein entgegenkommender Wagen ihr Gesicht erhellte. Sie hatte eine hohe, breite Stirn und dichtes, goldblondes Haar. Ihre vollen Lippen waren rot geschminkt. Mit den hohen Backenknochen würde sie wohl auch noch in zehn Jahren recht gut aussehen. Ich fand, sie wirkte irgendwie nordisch, vielleicht skandinavisch, obwohl sie völlig akzentfrei sprach. »Sie halten mich sicher für sehr unhöflich«, begann sie schließlich. »Entweder unhöflich - oder sehr verängstigt«, sagte ich. »Wie kommen Sie darauf?« »Nur so eine Vermutung«, erklärte ich. »Ich hätte Sie beinahe überfahren, aber das ist bestimmt nicht der Grund für Ihre panische Angst.« Sie hatte sich inzwischen den Regenmantel von den Schultern gezogen und wischte sich den Hals trocken. »Und Sie denken vermutlich an etwas ganz Bestimmtes, wenn Sie immer nach hinten schauen.« Sie lächelte scheu. »Mein Wagen hatte eine Panne«, erklärte sie. »Ich gebe zu, dass ich mich sehr sonderbar betragen habe. Natürlich bin ich Ihnen dankbar, dass Sie mich mitnehmen. Ich habe mich verfahren und musste durch den Wald zurücklaufen zur Straße. Als ich die Lichter Ihres Wagens sah, war ich völlig fertig.« »Na schön«, sagte ich. »Nun regen Sie sich erst mal ab. Mir ist die Sache auch ganz schön an die Nieren gegangen.« Allmählich begann sie sich zu beruhigen. »Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen«, meinte sie. »Mein Name ist Myra Cernik.« »Und ich heiße Mike Faraday. Entschuldigen Sie, wenn ich momentan auf das Händeschütteln verzichte.« Wieder lächelte sie. »Es ist mir auch lieber, wenn Sie die Hände am Lenkrad lassen. Ist es unhöflich, wenn ich Sie nach Ihrem Beruf frage?« »Ich bin Privatdetektiv«, erklärte ich. »Manche Leute verwenden eine andere Bezeichnung für meinen Beruf, die längst nicht so schön und romantisch klingt.« »Haben Sie was dagegen, wenn ich rauche?« »Bedienen Sie sich. Am Armaturenbrett ist ein Anzünder.« Sie zündete zwei Zigaretten an; eine für mich und eine für sich. Meine steckte sie mir zwischen die Lippen. Als sie sich mir näherte, witterte ich den Duft eines unaufdringlichen, guten Parfüms. Es war sehr angenehm. »Ich glaube, ich habe schon von Ihnen gehört«, sagte sie. »Vielleicht können Sie mir helfen.« »Das gehört zu meinem Beruf.« Sie rauchte und schwieg die nächsten paar Meilen wieder. Während ich den Buick um ein paar gefährliche Haarnadelkurven steuerte, begann sie zu sprechen. »Haben Sie es fürchterlich eilig, Mr. Faraday?« »Keineswegs«, erwiderte ich. »Ich habe weder Frau noch Kinder, die zu Hause auf mich warten, wenn Sie das meinen.« Ich weiß nicht, warum ich es sagte, aber es schien sie sichtlich zu beruhigen. »Könnten wir nicht irgendwo anhalten und eine Tasse Kaffee trinken?«, fragte sie. »Dann könnte ich mich ein bisschen zurechtmachen und Ihnen das Nötigste erklären.« »Warum nicht? Dort oben, ein paar Meilen weiter, gibt es meines Wissens ein Restaurant.« Sie sagte nichts mehr, bis wir aus dem Wagen stiegen, aber mir war aufgefallen, dass sie immer noch hier und da verstohlen einen Blick durch das Rückfenster warf. Eine Meile weit fuhr ein Wagen hinter uns her, und das gelbe Licht seiner Scheinwerfer ließ die Wassertropfen auf dem Rückfenster funkeln. Meine Beifahrerin rutschte so tief hinunter, dass ihr Kopf von hinten nicht mehr zu sehen war. Dann schließlich bog der hinter uns fahrende Wagen in eine Seitenstraße ab. Ich kurvte ein Stück weiter nach oben, bis uns die Neonreklame von Spinellis Restaurant durch den Nebel und Regen entgegenleuchtete. Ich bog von der Straße ab und fuhr auf den Parkplatz. Ich bemerkte, wie das Mädchen die ungefähr zwei Dutzend Fahrzeuge sehr aufmerksam beobachtete, während wir langsam auf den Eingang des Restaurants Zufuhren. Ich parkte neben einem hellbraunen Maverick und schaltete den Motor ab. Dicke Regentropfen fielen wie kleine Pfeile schräg vom Himmel und platschten in die Pfützen. Das Wasser trommelte auf das Dach des Buick, und ich hörte, wie der Wind durch die Bäume pfiff, die den Parkplatz säumten. Wir blieben einen Augenblick im Wagen sitzen und betrachteten die Scheinwerfer der Wagen, die draußen auf der Straße vorüberfuhren. Dann zog sich das Mädchen den durchnässten Regenmantel wieder über die Schultern und stieg aus. Ich trat ebenfalls hinaus auf den Parkplatz und sperrte den Wagen sorgfältig ab. Bis ich damit fertig war, näherte sie sich bereits dem Eingang des Restaurants, wobei sie im Zickzack lief, um den größten Pfützen auszuweichen. Erst dicht vor der Treppe hatte ich sie eingeholt. Ich öffnete die Flügeltür, die in das Foyer von Spinellis Restaurant führte, und ein Schwall warmer, trockener Luft kam uns entgegen. Durch die Glastür vor mir blickte ich in einen weiträumigen Speisesaal. Ich zog gerade meinen Regenmantel aus, als meine Beifahrerin wieder zu sprechen begann. »Es dauert nicht lange«, sagte sie. »Ich will mich nur ein bisschen trockenlegen.« Dabei deutete sie nach rechts, auf eine Treppe in den ersten Stock. Garderobe stand auf einem Schild. »Ich werde uns inzwischen etwas bestellen«, erklärte ich. »Worauf haben Sie denn Lust?« »Ach, für mich bitte nur ein Sandwich und eine Tasse Kaffee«, sagte das Mädchen. »Wenn Sie sich zehn Minuten gedulden wollen.« Im hellen Licht und aus der Nähe sah sie noch attraktiver aus, als ich vermutet hatte. Sie zog sich den Regenmantel aus und lächelte mich an, als hätte sie meine Gedanken erraten. Ich ging quer durch die Eingangshalle und öffnete die Tür zum Restaurant. Im selben Augenblick baute sich ein...




