Corbet | Kalt lächelt die See | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Reihe: Lübbe

Corbet Kalt lächelt die See

Ein Guernsey-Krimi
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-1033-6
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Guernsey-Krimi

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-1033-6
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Trügerische Idylle mit Blick aufs Meer - Band 1 der neuen Krimiserie mit Schauplatz Guernsey

Die Nachricht von einem verlassenen Segelboot vor der Küste Guernseys veranlasst Detective Inspector Kate Langlois, sich an Bord der 'Aventura' umzusehen, die von den Hamons gechartert wurde. Von dem Ehepaar, das seit dem mysteriösen Verschwinden ihrer kleinen Tochter vor zwei Jahren täglich in der Presse war, fehlt jede Spur. Ein Blutfleck an der Reling stammt nicht von den Hamons, und Kate ist schon bald in einen weitreichenden Fall verstrickt, der sie quer über die Insel führt. Unterstützung leistet ihr dabei der geheimnisvolle französische Archäologe Nicolas Arture ...

Ein raffinierter Kriminalfall mit dem einzigartigen britisch-französischen Flair der Kanalinsel Guernsey und einem sympathischen Ermittlerduo mit ganz eigenem Profil



Ellis Corbet ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin, die mit Kalt lächelt die See ihre Liebe zum Krimi mit der zu den Kanalinseln verbunden hat. Ellis Corbet verbrachte während ihres literaturwissenschaftlichen Studiums auch längere Zeit in Südamerika und Italien. Ihre Erlebnisse inspirierten sie zum Schreiben, und inzwischen lebt sie als freie Autorin in Stuttgart.
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Autoren/Hrsg.


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1. Kapitel


St. Peter Port, Guernsey


Der Anruf kam genau im richtigen Moment – oder im falschen, wie man’s nahm.

Chief Inspector DeGaris schob gerade den Neuen nach vorn: »Das ist Detective Inspector Tom Walker.«

Kate stand inmitten ihrer Kollegen und musterte Walker interessiert. So steif, wie er in die Runde nickte, erwartete sie beinahe, dass er gleich die Hacken zusammenschlug. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig, ein paar Jahre älter als sie selbst. Seine blonden Haare waren kurz und akkurat frisiert, die Hosenbeine in feste Bundfalten gepresst und seine Krawatte … Niemand außer dem Chief trug eine Krawatte, und selbst der tat das nicht gern. Nicht, dass der Rest seiner Truppe nachlässig gekleidet wäre, bei weitem nicht. Aber ja, aus Kates eigenem dunklen Pferdeschwanz löste sich hin und wieder eine Haarsträhne, selbst DeGaris krempelte mal seine Ärmel hoch … Walker hingegen wirkte so, als würde kein einziges Staubkorn es wagen, sich auf seiner Hose niederzulassen. Oder falls es das doch tat, hatte er sicher eine ebenso steif gepresste Ersatzhose im Auto. Überkorrekt, das war das Wort, das sie suchte.

»DI Walker wird uns hier im Criminal Investigation Department unterstützen«, fuhr der Chief fort. »In diesem Bereich hat er schon in London gearbeitet, und seine Expertise ist sicher willkommen.«

Kate stöhnte innerlich auf. London also, auch das noch. Nicht, dass sie etwas gegen London hatte. Nette Stadt, sie war schon zwei-, dreimal dort gewesen. Aber Londoner? Waren das Letzte. In den Pubs von St. Peter Port waren sie schon schwer zu ertragen, aber als Kollegen auf dem Revier, Himmel, verschone uns alle! Doch bevor sie mit den Augen rollen konnte, worauf DeGaris ihr diesen Walker ganz sicher ans Bein binden würde, klingelte glücklicherweise ihr Smartphone.

Sie trat zwei Schritte zur Seite und nahm den Anruf entgegen. Die abschätzigen Seitenblicke der Kollegen registrierte sie wie so oft, und sie fragte sich, wann ihr Verhältnis wohl wieder normal werden würde.

»Grandpa?«, begann sie das Gespräch.

»Du solltest mal zum Hafen kommen, Kleine.«

»Geht’s dir gut?« Dass ihr Großvater sie während der Arbeitszeit anrief, war ungewöhnlich.

»Mit mir ist alles in Ordnung«, antwortete er unwirsch. »Aber Rob …«

»Was ist passiert?«, fragte sie schnell.

»Lass mich doch mal ausreden, Kind! Also, dieses Boot, das könnte dich interessieren«, sagte ihr Großvater.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Kate, dass DeGaris den Konferenzraum verließ. Sie konzentrierte sich auf das Gespräch. »Welches Boot?«

»Eine Slup, neu. Wahrscheinlich Touristen, jedenfalls war die Takelung völlig …«

»Grandpa. Komm zum Punkt.« Sie liebte ihn, aber manchmal verlor er sich wirklich in Nebensächlichkeiten.

»Das Boot ist der Punkt, Kate!«

Sie atmete tief durch.

»Rob war heute früh fischen und …«

»Langlois!«, rief DeGaris, der in diesem Moment wieder den Raum betrat.

»Es ist gerade schlecht, Grandpa. Ich ruf dich später zurück«, sagte Kate, unterbrach die Verbindung und blickte den Chief an. DeGaris deutete mit dem Zeigefinger zuerst auf sie, dann auf den Neuen. »Langlois, Walker, ich habe einen Einsatz für euch. Ich brauch euch am Hafen.«

*

Die Marina lag nur einen Katzensprung vom Polizeipräsidium entfernt, sodass sie aufs Auto verzichteten. Nachdem Kate sich Walker knapp vorgestellt hatte – DI Kate Langlois, 32 Jahre alt, geboren und aufgewachsen auf Guernsey, genauer gesagt direkt in St. Peter Port –, wartete sie auf eine Reaktion. Die jedoch ausblieb. Aha. Einer von der ganz schweigsamen Sorte, dachte Kate. Das konnte ja heiter werden. »Den Rest wirst du im Verlauf der Zeit kennenlernen«, fügte sie in dem Versuch, das Eis zu brechen, hinzu. »Im Team duzen wir uns übrigens alle. Ich bin also Kate.«

»Freut mich. Tom.«

Mehr nicht.

»Kriminalpolizei in London, hm?«, hakte sie nach. »Da wirst du dich auf Guernsey eher langweilen. Ihr habt wahrscheinlich alle naselang mit Mord und Totschlag zu tun. Wir auf Guernsey lieben es eher … gemütlich.«

»Gemütlich muss ja nicht gleich langweilig bedeuten«, antwortete er, aber was ein netter Kommentar hätte sein können, klang in Kates Ohren überheblich. Bildete sie sich das ein? Oder hatte Walker genauso viel Lust darauf, mit ihr zusammenzuarbeiten, wie sie auf den Londoner?

Als sie das Constables Office in der Lefebvre Street passierten, beschloss Kate, ihm ein bisschen Nachhilfe zu geben. Den meisten Engländern waren die Kanalinseln fremd, und insbesondere das Verwaltungssystem der Vogtei führte oft zu Verwunderung. Wenn Walker schon hier war, sollte er sich auch mit dem Bailiwick of Guernsey beschäftigen. Auf ihre Frage, was er darüber wusste, murmelte Walker ein paar Phrasen als Antwort, die ziemlich offensichtlich von Wikipedia oder aus einem Reiseführer stammten.

Kate musste grinsen.

»Wir gehören nicht zum Vereinigten Königreich, stimmt. Das Bailiwick of Guernsey ist direkt der britischen Krone unterstellt, mit dem Rest von euch haben wir nichts am Hut«, sagte sie frech. »Wir haben ein eigenes Parlament und sogar eigene Banknoten.«

Er schwieg einen Moment, dann blieb er stehen und deutete mit der Hand geradeaus über die See. »Und da drüben liegt Frankreich, ich weiß. Schön hier«, fügte er dann hinzu, und es klang ein bisschen verwundert.

Aber er hatte recht. Im Meer ragte imposant Castle Cornet von der Sonne beschienen zwischen hellblauen Wellen hervor. Aktuell herrschte Flut, und viele kleine und große Boote wiegten sich an ihren Anlegestellen im Hafenbecken. Die Masten leuchteten hell in der Sonne, bunte Bojen tanzten zwischen ihnen auf dem Wasser. Kate sog tief die Luft ein. Der Salzgeruch des Meeres war hier besonders deutlich. Das Hafenbecken von St. Peter Port wurde von den Gezeiten stark beeinflusst, es konnte vorkommen, dass sich das Meer bei Ebbe so weit zurückzog, dass die Boote komplett auf dem Trockenen lagen – für die meisten Touristen ein ungewöhnliches Bild.

St. Peter Port selbst war an einem Hang erbaut, an den sich die Häuser schmiegten. Vom Hafen bot sich so ein herrlicher Blick auf die Stadt mit der hellen Architektur, den roten Dächern und der Town Church mit ihrem grau-braunen Turm direkt an der großen Anlegestelle.

Kate ließ ihren Blick über das Pier gleiten. Selbst aus der Entfernung erkannte sie Detective Constable Lucas im Gespräch mit Rob und ihrem Großvater. Ausgerechnet Lucas!

Sein Vater war lange Zeit der amtierende Bailiff des Bailiwick of Guernsey gewesen, und diese Tatsache war ihm zu Kopf gestiegen. Dass er außerdem kein großer Fan von DeGaris war, Kates Vorgesetztem, mit dem sie eng zusammenarbeitete und der sie rückhaltlos unterstützte, erschwerte ihre Beziehung zu dem Detective Constable zusätzlich.

Kate wappnete sich innerlich für die Begegnung, während sie auf die Dreiergruppe zugingen. Und dann, nachdem sie auf ihre Begrüßung einen feindseligen Blick kassiert hatte, erfuhr sie endlich im Detail, weshalb DeGaris sie hergeschickt und Grandpa sie angerufen hatte: Rob war in der Frühe beim Angeln ein Segelboot aufgefallen, das ziellos im Wasser trieb. Aus Neugier, und weil er es als ehemaliger Feuerwehrmann einfach gewohnt war nachzufragen, ob alles in Ordnung sei, hatte er nach den Bootsbesitzern sehen wollen. Hier legte Rob eine dramatische Pause ein, bevor er Kate und DI Walker berichtete, was er DC Lucas eine halbe Stunde zuvor schon erzählt hatte: »Das Boot war leer.«

»Bis auf das Blut«, ergänzte Kates Großvater.

Rob nickte bedächtig und nahm seine speckige Baseballmütze vom Kopf. »Bis auf das Blut. Hugh hat recht. Da dachte ich, sag ich euch besser Bescheid«, schloss er seine Ausführungen, kratzte sich an der Glatze und setzte das Käppi wieder auf. Er war ein kleiner, drahtiger Mann mit grauem Bart und einem wettergegerbten Gesicht. Kate kannte ihn seit ihrer Kindheit, er war nicht nur Arbeitskollege ihres Großvaters gewesen, sondern auch schon immer einer seiner besten Freunde. Sie angelten gemeinsam, tranken Bier und rauchten. Meist schwiegen sie dabei und waren glücklich.

»Danke.« Kate lächelte ihm zu. »Das war eine gute Idee.« Blut auf einer ansonsten völlig leeren Yacht. Viele positive Interpretationsmöglichkeiten gab es hier nicht.

»Es könnt’ schon ein Unfall gewesen sein«, meldete ihr Großvater sich erneut zu Wort. Hochgewachsen, mit noch vollem schlohweißem Haar beobachtete er mit geschürzten Lippen und Kennerblick das Boot, das jetzt im Hafen vertäut wurde.

Es schien tatsächlich brandneu zu sein, nirgendwo splitterte Holz ab, alles blinkte unbenutzt. Aventura stand in kursiver Schrift auf dem Bug. Abenteuer, dachte Kate, ja, das hatten die Segler offenbar gehabt. Mehr, als ihnen lieb war.

»Segelneulinge, die unsere Gewässer nicht gewohnt sind …«, fuhr ihr Großvater fort. »Also, wenn du mich fragst, Kate …«

»Entschuldigung«, unterbrach Walker nun. »Und Sie sind?«

Ausgerechnet jetzt hatte der neue Kollege beschlossen, zum ersten Mal etwas zu sagen. Kate unterdrückte ein Stöhnen.

Ihr Großvater zog die Augenbrauen zusammen. »Hugh Langlois, ehemals Chief Fire Officer«, sagte er und reckte das Kinn. »Und Sie?«

Da war er, Grandpas Stolz. Und sein Starrsinn. Die ihn, seit Kate denken konnte,...



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