E-Book, Deutsch, 349 Seiten
Reihe: Lübbe
Cordier Die Blüten von Pigalle
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-7202-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 349 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-7202-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paris, 1945. Im Hotel Lutetia wird die Leiche eines Mannes gefunden, daneben die Druckplatte einer englischen Banknote. Gemeinsam mit Inspektor Jean Ricolet begibt sich die junge Kunststudentin Pauline Drucat auf die Spur dieses rätselhaften Mordfalls. Ihre Ermittlungen führen sie in die höchsten Kreise der Pariser Gesellschaft. Doch dort gibt es jemanden, der ihre Ermittlungen mit allen Mitteln zu sabotieren versucht. Dass er dabei vor nichts zurückschreckt, ahnen sie erst, als Pauline in Gefahr gerät ...
Michelle Cordier ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die schon Romane in unterschiedlichen Verlagen veröffentlicht hat, unter anderem Krimis, historische Romane und Romances. Ihre Geschichten spielen bevorzugt in Frankreich, wo sich die Autorin besonders gut auskennt. Sie lebt mit ihrem Ehemann in Nordrhein-Westfalen am nördlichen Rand des Sauerlandes.
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL 1
Paris, 21. Juni 1945
Das Luxushotel Lutetia beherrschte die Kreuzung am Boulevard Raspail wie eine Königin, die das Defilee abnimmt. Der Verkehr rollte nur mäßig an der Jugendstilfassade vorüber – das Benzin war immer noch rationiert –, aber das Gebäude stand im Blickpunkt. Lieferantenfahrräder und Omnibusse bremsten beim Näherkommen ab, denn vor dem Hotel herrschte ungewöhnliches Gedränge. Auf dem Bürgersteig, bis weit in die Rue de Sèvres hinein, warteten Menschen, dicht an dicht, den Blick auf die Drehtür gerichtet.
Pauline blieb bei einer Bäckerei stehen und zögerte. Der Wind blähte die Markise und entlockte ihr knatternde Töne. Die junge Frau hielt ihren kleinen Hut fest und seufzte. Wie sollte sie durch diese Menge ins Hotel gelangen? Sie holte tief Luft, war noch ganz außer Atem vom Laufen und sog den Duft von frischem Brot ein, der aus der Boulangerie drang. Das karge Frühstück zuhause hatte ihr kaum Kraft gegeben, doch sie musste dieser aromatischen Verführung widerstehen. Schnell jetzt, ihre Freundin Eloise wartete doch schon.
Sie ging weiter, suchte die Menschenmenge nach einem Durchlass ab. Plötzlich wurde sie auf ein Mädchen in einer verschlissenen Strickjacke aufmerksam, das nur wenige Schritte von ihr entfernt stand. Es trug ein Pappschild gut sichtbar auf Brusthöhe. »Marie Lejard« stand darauf in unbeholfener Kinderschrift, mit einem dicken Stift gekritzelt.
Pauline wusste selbst nicht, warum sie zu ihr trat. Es lag etwas Verletzliches in den Zügen der ungefähr Zwölfjährigen. Pauline unterdrückte den Drang, ihr wie eine große Schwester über das akkurat gescheitelte Haar zu streichen, das zu zwei Zöpfen geflochten war.
»Du suchst deine Mama?«
Das Mädchen nickte und sah sie mit erwachendem, fast verzweifeltem Interesse an. »Kennen Sie sie vielleicht? Haben Sie etwas von ihr gehört?«
»Nein.« Pauline fühlte sich unwohl. Da hatte sie nun eine Hoffnung geweckt, die sie nicht erfüllen konnte.
»Aber sie muss doch bald wiederkommen, aus Deutschland. Oder nicht?«
»Ich kann es dir nicht sagen.«
Die Enttäuschung in den dunklen Augen tat weh. Pauline sah schnell zum Hotel hinüber, das dastand wie eine Festung vor einem Heer der anstürmenden Fragen.
»Ich glaube, bald ist sie wieder da. Viel Glück«, sagte sie leise, tätschelte dem Mädchen den Arm und schob sich dann zwischen den Wartenden hindurch. Sie fühlte die Blicke des Mädchens in ihrem Rücken. Der kühle Wind brachte die Bäume im nahen Square Boucicaut zum Rauschen, und Pauline fröstelte. Ihr wurde bewusst, dass sich an diesem Ort jede Minute eine solche Szene abspielte.
Bange Hoffnung, verzweifelte Suche – so war es immer, wenn ehemalige Zwangsarbeiter und jüdische Verschleppte aus Deutschland am Gare d’Orsay und schließlich im Hotel Lutetia eintrafen. Auch heute waren viele Menschen herbeigeeilt, die erfahren wollten, ob sich ihre Angehörigen unter den Rückkehrern befanden. Oder ob jemand etwas wusste, über den vermissten Vater, die Mutter, den Liebsten.
Sie ging weiter, schlängelte sich durch die sommerlich gekleidete Menge. Sie murmelte ständig »Pardon« und setzte auch mal die Ellbogen ein, mit einem entschuldigenden Lächeln. Viele Menschen trugen ähnliche Schilder wie die Kleine. Überall Namen, Pauline schien es, als ginge sie durch ein Meer aus Namen. Doch die Pforten des Hotels wehrten die Brandung ab.
Gleich würde sie auf Eloise stoßen, ihre Freundin aus der gemeinsamen Zeit bei der Résistance. Eloises Verlobter Camille Laval war vor gut einer Woche aus dem Lager Sachsenhausen heimgekehrt. Nach medizinischer Versorgung und erkennungstechnischer Erfassung hatte er inzwischen seinen Deportierten-Ausweis erhalten. Die Herzlichkeit der Mitarbeiter und die außerordentlich guten Mahlzeiten, die er erhielt, hatten ihn wieder ein wenig aufgerichtet, erzählte Eloise.
Pauline stellte sich auf die Zehenspitzen, denn sie hatte über den Köpfen und Hüten der Wartenden eine winkende Hand in einem hellen Sommerhandschuh erkannt.
»Pauline, hier bin ich, hier!«
Eloises Kopf wurde sichtbar. Mit ihrem breiten Lächeln und in dem hübschen Kostüm strahlte ihre Freundin Zuversicht aus. Welch ein Gegensatz zu der Schwermut des Mädchens! Pauline ging auf sie zu. Zwei magere Männer in viel zu weiten Anzügen kamen gerade aus dem Hotel. Jeder zog eine Zigarettenschachtel aus der Jackentasche, aber beide kehrten schnell um, als die Wartenden sie mit Fragen bestürmten und ihre Pappschilder in die Höhe hielten.
»Komm, Pauline, du darfst an der Absperrung vorbeigehen!«, rief Eloise ihr zu, und der Portier in imposanter Livree nickte zur Bestätigung. Pauline ließ die Menge der Wartenden hinter sich, quetschte sich an einem Gitter vorbei, dann schloss sie Eloise in die Arme.
»Schön, dass du da bist«, sagte Eloise. »Ich weiß gar nicht, warum Camille das Zimmer noch nicht verlassen hat.«
»Ist er noch nicht heruntergekommen? Euer Vermieter wartet bestimmt schon.«
Eloise sah auf ihre schmale Armbanduhr und nickte. Camille Laval bewohnte ein Zimmer in der dritten Etage, so lange, bis er wusste, wie sein Leben weitergehen würde. Heute wollten die beiden eine kleine Wohnung besichtigen, die sie nach ihrer Heirat einzurichten gedachten.
Der Portier geleitete sie weiter, und sie betraten durch die Drehtür das Foyer des Hotels. Augenblicklich verstummten alle Geräusche: das Klappern der Pferdefuhrwerke, das Klingeln der Fahrräder und das Stimmengewirr. Ihre Schritte wurden gedämpft durch einen dunklen, breiten Läufer, der sich durch die ganze Halle zog und den Marmorboden schützte. Pauline hob den Blick zu den Galerien mit den kunstvoll geschmiedeten Geländern rund um die Halle, zu den Lüstern, die dezentes Licht verbreiteten. Wie elegant dieses Hotel war, eine unaufdringliche Schönheit, die einen umgab wie ein leichter, weiter Mantel, den man gar nicht am Körper spürt. Es hatte Zeiten gegeben, da sie selbst oft solch noble Herbergen bewohnt hatte. Doch die waren lange vorbei.
Inzwischen standen sie in der Nähe eines Aufzugs. Der Liftboy wippte auf den Zehenspitzen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als wäre er sich der Wichtigkeit seiner Position vollkommen bewusst. Ein Kellner rollte lautlos einen Servierwagen vorbei. Doch der Anschein eines eingespielten Hotelbetriebs trog, das erkannte Pauline, als sie genauer hinsah: Eine Krankenschwester eilte an ihnen vorbei, ein Pfleger führte einen gebrechlichen Mann zum Aufzug. In der Lobby saßen Gruppen von Heimkehrern in weichen Ledersesseln, sie wirkten fehl am Platz, müde und träge inmitten all der Geschäftigkeit. Es roch nach Desinfektionsmittel. Überall schäbige Kleider, hier und dort Häftlingskleidung, abgemagerte Menschen mit ausdruckslosen Gesichtern. Pauline fröstelte. Es war offensichtlich, dass die meisten dieser neuen Gäste vor nicht langer Zeit rasierte Köpfe gehabt hatten, denn die nachgewachsenen Haare waren ohne jegliche Fasson. Der Staub der langen Fahrt schien noch auf den Menschen zu liegen, und auch das Gold und die strahlenden Farben der Halle wirkten wie von einer grauen Patina überzogen. Ein circa zehnjähriger Junge mischte Spielkarten. Er war eifrig bei der Sache, und Pauline kam es vor, als klammere er sich an dieser einfachen Tätigkeit fest, um nicht dem Leben ins Auge sehen zu müssen. Oder der Vergangenheit.
»Warst du schon einmal hier, Eloise?«
Ihre Freundin sah sie prüfend an. »Ja, am Tag nach Camilles Ankunft. Ich danke Gott, dass wir uns so schnell gefunden haben. Die Menschen draußen kommen aus ganz Frankreich, sogar aus dem Ausland, stell dir das vor.«
»Es ist entsetzlich.« Was genau sie damit meinte, wusste Pauline selbst nicht. Sie fühlte sich, als wäre sie zurückgeworfen in die Zeit der Besatzung, der Deportationen, der Geiselerschießungen und der Folterungen in einem gewissen Keller in der Rue de Saussaies. Und dabei hatten die Pariser erst vor wenigen Wochen auf den Straßen getanzt, um die Kapitulation Deutschlands zu feiern. Sie atmete tief ein und schüttelte das Unbehagen ab.
»Komm, lass uns einen Pagen suchen, der Camille Bescheid sagt.«
Doch Eloise nahm sie an die Hand und steuerte auf den Fahrstuhl zu. »Ach was, wir klopfen eben bei ihm an. Dritter Stock, junger Mann.«
Der Liftboy wollte schon die Hand zu den Schaltern heben, hielt dann aber inne. Eine leichte Röte überzog sein Gesicht. »Pardon, Mesdames, aber der dritte Stock ist momentan … nicht … wie soll ich sagen … zugänglich.«
»Aber weshalb denn nicht? Eine Störung? Wir können auch die Treppe nehmen.«
Bevor der Liftboy zu einer Entgegnung ansetzen konnte, hatten sie schon den Aufzug verlassen. Pauline hörte noch, wie der junge Mann ihnen nachrief: »Aber nein, der Zutritt ist verboten, Mesdames!«
»Weißt du, was dort los ist?«, fragte sie Eloise.
»Gestern war noch alles in Ordnung«, antwortete ihre Freundin. »Dort ist die Treppe.«
Sie durchquerten das Foyer und gingen zu der breiten Treppe, die zu den oberen Geschossen führte. »Camille wohnt im Haupthaus, ich denke, es geht hier entlang.«
Pauline konnte sich vorstellen, wie schwierig es war, in den diversen Gebäudeflügeln mit über dreihundert Zimmern das richtige zu finden. Im Vorbeigehen blickte sie in einen breiten Gang, in dem Wandtafeln aufgestellt waren, übersät mit Suchanzeigen und Fotos. Sofort musste Pauline wieder an das Mädchen vor dem Hotel denken, aber sie drängte ihr Unbehagen zurück. Eloise und Camille waren schließlich der Beweis, dass es auch Glück und...




