E-Book, Deutsch, Band 3, 400 Seiten
Reihe: Brouwen Dynasty
Corell The Rivals We Kiss (Brouwen Dynasty 3)
25001. Auflage 2025
ISBN: 978-3-646-93911-8
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Spicy New Adult Romance | High Society Forbidden Love in den Niederlanden
E-Book, Deutsch, Band 3, 400 Seiten
Reihe: Brouwen Dynasty
ISBN: 978-3-646-93911-8
Verlag: Impress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kate Corell liebt Charaktere mit Ecken und Kanten, unvorhergesehene Plottwists und das Umgehen literarischer Regeln. Wenn sie nicht gerade am nächsten Roman schreibt, besucht sie Konzerte, reist durch die Welt oder genießt gutes Essen. Sie lebt mit ihrer Familie sowie zwei verrückten Bulldoggen in der Nähe von Leipzig. Ihre »Never Be«-Romance-Serie machte sie zur SPIEGEL-Bestseller-Autorin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
BAD FAIRY TALE
… ein Märchen, in dem die Guten büßen und die Bösen triumphieren …
BASTIAAN
Bloem Kasteel, Bloemdaalen
NOCH 89 TAGE
Als ich ein leises Klopfen gegen den Türrahmen vernehme, hebe ich den Blick von den Unterlagen.
»Was machst du hier? Demy meinte, du hättest dich hingelegt.«
»Ja, aber ich konnte nicht schlafen.«
Leen betritt das Büro. »Verstehe.« Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich versteht, wie es ist, wenn man zu viele Nächte auf vier Quadratmetern und einer betonharten Pritsche verbracht hat. Wenn die Wände mit Einsetzen der Dunkelheit näher kommen und dein eigener Atem alles ist, was du wahrnimmst, weil es um dich herum totenstill ist.
»Bring mich auf den aktuellen Stand«, bitte ich meinen Bruder und bedeute ihm, sich hinzusetzen.
»Willst du nicht erst mal zur Ruhe kommen, statt dich direkt in Arbeit zu stürzen?«
Ich lehne mich im Schreibtischstuhl zurück. »Ich habe Monate mit Däumchendrehen verbracht, also –«
»Baas«, unterbricht er mich und sieht mich tadelnd an, »ich meine es ernst. Fahr ein paar Tage raus, geh klettern oder was auch immer du tust, um den Kopf freizubekommen, aber halt dich vom Schreibtisch fern.« Demy mag aussehen wie unsere Mutter, aber Leen birgt ihr Wesen in sich. Unweigerlich taucht der Gedanke auf, wessen Gesicht ich trage. Seit ich weiß, dass ich den Namen Brouwer zu Unrecht trage, frage ich mich hin und wieder, welcher mir rechtmäßig zusteht und ob er etwas an meinen Gefühlen ändern würde.
»Leen, hör zu, nur weil ich hier sitze, ist die Anklage nicht vom Tisch. Der Countdown bis zum Prozess läuft. Drei Monate sind kein unendliches Zeitfenster. Mir bleiben demnach zwei Möglichkeiten: zusehen, wie das Schiff untergeht, oder das Ruder herumreißen.«
Mein Bruder schluckt, und der Zug um seine Lippen wird ernst. Ich beneide ihn ein bisschen darum, das Offensichtliche so weit in den Hintergrund schieben zu können, dass es nicht real erscheint.
Gestern haben sie meine Rückkehr gefeiert, als bestünde nicht die geringste Chance, dass ich in das Loch zurückmuss, aus dem sie mich geholt haben. »Deine Entscheidung. Immerhin ist es jetzt dein Unternehmen«, füge ich hinzu und kann den Groll über diese Tatsache nicht verbergen.
»Es gehört unserer Familie«, widerspricht er mir.
»Wenn mich nicht alles täuscht, steht nur dein Name im Register.« Ich sollte ihn nicht so angehen, aber ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, mich auf die Position vorzubereiten, die man letztlich ihm zugeteilt hat.
»Ja, und wie du weißt, habe ich mich nicht um den Job gerissen«, schießt er patzig zurück.
»Und doch stehst du hier, um mir zu sagen, dass ich mich entspannen soll, statt zu arbeiten.«
»Lass den Zynismus, ich mache mir Sorgen um dich.« Der Ausdruck auf seinem Gesicht ist neu, viel zu entschlossen, mir meine Launen nicht durchgehen zu lassen. Anders als früher, denn da war es ihm egal, was in mir vor sich ging, solange ich nur alles fernhielt, was unbequem war.
»Entschuldige, ich muss mich erst daran gewöhnen, dass ich hier nichts mehr zu sagen habe«, lenke ich beschwichtigend ein und ringe mir ein Lächeln ab.
»Sei nicht albern. Alle wissen, du bist die einzige Option für die Position. Wenn du dich nicht vom Arbeiten abhalten lässt, lass mich dich wenigstens als Geschäftsführer einsetzen, um dir die nötigen Befugnisse einzuräumen.«
Ich weiß sein Angebot zu schätzen, aber es ist nicht, was ich will. »Nein. Ich habe eine Mordanklage am Hals. Das Unternehmen muss sich öffentlich von mir distanzieren. Wir können nicht dort ansetzen, wo wir vor Monaten aufgehört haben, und damit die Geschichte umschreiben. Denn das wird nicht funktionieren. Ihr solltet euch ebenfalls von mir distanzieren, um der Destillerie nicht zusätzlich zu schaden«, füge ich hinzu. Dass ich hier bin, hilft niemandem. Er weiß das, ich weiß das und Demy vermutlich auch. Nur wahrhaben will es niemand von uns. Also klammern wir uns an das, was uns verbindet, und hoffen, dass es ausreicht, um das Ganze durchzustehen.
»Wir werden uns nicht von dir lossagen, du bist unschuldig.«
Ich verziehe die Lippen zu einem schiefen Grinsen. »So unschuldig, wie jemand sein kann, der Piet Brouwer verachtet hat.«
»Gott weiß, ich habe ihn gehasst, aber das macht mich nicht automatisch zu einem Schuldigen.«
Ich richte mich auf und betrachte Leen einen Moment lang schweigend. Seine Worte hallen in mir nach. Nicht weil sie falsch sind, sondern weil sie den Kern einer Frage berühren, mit der ich mich seit Wochen auseinandersetze.
»Schuld ist kompliziert«, sage ich schließlich, nahezu tonlos. »Sie ist nicht schwarz oder weiß. Sie ist kein klar umrissener Zustand, sondern eine fließende Masse, die sich in alle Ritzen deines Lebens drängt und dort bleibt, auch wenn du sie nicht sehen willst.«
Leen sieht mich an, wartet darauf, dass ich weiterspreche. Vielleicht hofft er, dass ich etwas preisgebe. Aber ich muss ihn enttäuschen, da ist nichts, was einer Absolution bedarf.
»Du weißt, wovon ich rede, weil du es selbst erlebt hast«, fahre ich fort, den Blick auf eine Stelle am Rand des Schreibtischs gerichtet. »Wie sie sich anfühlt. Wie sie sich anhört. Sie ist ein ständiges Flüstern, ein Begleiter, den man nicht abschütteln kann. Manchmal ist sie leise, kaum wahrnehmbar. Ein andermal schreit sie dich an, bis du dir die Ohren zuhältst, weil du den Klang nicht länger erträgst.« Ich sehe Leen wieder an. »Aber weißt du, was? Schuld interessiert sich nicht für Fakten. Sie ist kein Gericht. Sie ist eine Erfindung deines Geistes, eine moralische Reaktion auf das, was du getan hast.«
»Klingt für mich, als würdest du dich selbst anklagen.«
Mir entfährt ein trockenes Lachen und ich schüttele den Kopf. »Nein, Leen. Ich beschreibe, wie es ist, in einer Welt zu leben, in der alle anderen mit dem Finger auf dich zeigen, während du dir selbst nicht sicher bist, ob sie falschliegen.« Auch das dürfte ihm vertraut sein. Die Schuld am Tod unserer Mutter hat unser Vater Leen zugeschrieben, obwohl sie an ihm selbst klebte.
Mein Bruder presst die Lippen zusammen, schweigt, weil es nichts gibt, was er darauf erwidern kann, ohne dass es eine Lüge wäre.
»Demy will, dass ich mich verteidige«, fahre ich fort. »Du willst dasselbe. Aber was bedeutet das schon? Das Gesetz sagt, ich bin unschuldig, bis meine Schuld bewiesen ist. Und doch habe ich in den Augen der meisten längst verloren, allein durch den Vorwurf. Die Unsicherheit bleibt, selbst wenn ich freigesprochen werde.«
»Bastiaan«, sagt Leen, seine Stimme eindringlich. »Du bist nicht allein damit. Und das hier …«, er deutet auf den Raum um uns herum, »dieses Unternehmen und diese Familie sind nicht dasselbe ohne dich. Wir wissen, dass du kein Mörder bist.«
Ich greife nach dem Wasserglas auf dem Tisch, nehme einen Schluck, um mir Zeit für eine Antwort zu verschaffen. »Das ist genau der Punkt, Leen. Schuld ist nicht nur das, was wir getan haben. Manchmal ist es das, was wir nicht getan haben. Die Gedanken, die uns durch den Kopf gehen. Die Entscheidungen, die wir getroffen oder nicht getroffen haben. Sie ist wie ein unsichtbarer Faden, der alles verbindet. Und bevor du dich’s versiehst, verfängst du dich in einem Netz, das du selbst gesponnen hast.«
Ich hebe die Hand, um Leen daran zu hindern, mir zu widersprechen. »Nimm unseren Vater …« Mein Ton ist ruhiger, fast lehrbuchartig entspannt, obwohl ich mich alles andere als so fühle. »Ich habe ihn verachtet, ja. Aber nicht nur, weil er ein schlechter Mensch war, sondern weil ich wusste, dass er in mir einen Teil von sich hinterlassen hat. Ein Erbe, das ich nicht abschütteln kann. Jeder scharfe Kommentar, jede falsche Entscheidung, jede Linie, die ich überschritten habe, geht auf ihn zurück. Wessen Schuld ist das? Seine, weil er es mich gelehrt hat? Oder meine, weil ich ihn gewähren ließ und mir das Erlernte zu eigen machte?«
»Das ist Erziehung, Baas, das hat nichts mit Schuld zu tun.«
»Bist du dir da sicher?« Ich beuge mich vor und sehe ihn eindringlich an. »Wenn du weißt, dass jemand anderen Schaden zufügt, macht dich das dann nicht mitschuldig an allem, was daraus resultiert?«
Leen schüttelt den Kopf. »Du bist nicht verantwortlich für die Taten unseres Vaters.«
Ich schnaube leise. »Das ist ein hübsches Märchen, Leen. Aber wenn du lange genug in den Abgrund starrst, wie Nietzsche bereits sagte, beginnt er zurückzustarren. Und glaub mir, ich habe oft genug neben unserem Vater gestanden und gemeinsam mit ihm hineingesehen.«
In Leens Gesicht erscheint ein Ausdruck, als wüsste er genau, wovon ich rede. Und bis zu einem gewissen Grad wird das auch so sein, weil ihn die Schuld am Tod unserer Mutter verfolgt hat. Eine, die er nie hätte tragen sollen und vor der ich ihn nicht beschützen konnte.
»Hör zu, wenn wir eine Chance haben wollen, etwas wiederaufzubauen – sei es die Destillerie oder die Familie –, dann musst du mir vertrauen und mich tun lassen, was ich tun muss, um das Schlimmste abzuwenden.« Ich sehe ihn fest an, lasse den Ernst in meinem Blick sprechen. »Das bedeutet, dass ich nicht offiziell zurück ins Unternehmen kann, solange diese Anklage wie ein Damoklesschwert über mir hängt.«
Leen mustert mich einen Moment, sucht nach einem Gegenargument, das er vorbringen könnte. Doch das gibt es nicht, weil er weiß, dass ich recht habe.
Ich stehe auf, blicke aus dem Fenster in den...




