E-Book, Deutsch, 231 Seiten
Cormann Ein Buchclub zum Verlieben
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96148-826-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 231 Seiten
ISBN: 978-3-96148-826-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marte Cormann, geboren 1956 in Düsseldorf, begann neben ihrer Karriere als Verwaltungswirtin schon 1993 mit dem Schreiben von Romanen und Drehbüchern. Ihr erster Roman, »Ein Buchclub zum Verlieben«, wurde erfolgreich für das ZDF verfilmt. Die Autorin im Internet: www.martecormann.de. Marte Cormann veröffentlichte bei dotbooks bereits die folgenden Romane: »Cappuccinoküsse« »Glückswolkenträume« »Sommerglück und Liebeszauber« »Sommerregenzauber« »Ein Buchclub zum Verlieben« »Liebeszauber à la Carte« »Frühlingsblütenherzen« Daneben veröffentlichte sie einen Sammelband mit schwarzhumorigen Kurz-Krimis: »Bis der Tod euch scheidet« Unter dem Pseudonym Liza Kent veröffentlichte sie auch den Roman »Die Liebe der Zeitenwanderin«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
»Mit fünfundvierzig leg’ ich erst richtig los! Merk dir das!«
»Aber Celluliteschenkel und Tigerhöschen passen garantiert nicht zusammen. Und deine Idee mit dem Afrikanischen Tanz finde ich auch albern. Bietet die Volkshochschule denn keine vernünftigen Gymnastikkurse an?«
Die Stimmung im Hause Riemer an diesem Montagmorgen war einfach großartig: Mutter Riemer schäumte vor Wut, und Tochter Kerstin fühlte sich unverstanden. Mit anklagend ausgestrecktem Zeigefinger und angewidert nach unten verzogenen Mundwinkeln deutete Kerstin auf den Stein des Anstoßes, einen tigerfellgemusterten Sportanzug der Größe 42.
»Ich kann mir gut vorstellen, was die Leute reden, wenn sie dich mit diesem hochgezogenen Beinausschnitt sehen. Bei deinen Oberschenkeln!« Ihr herablassender Ton brannte wie Salz in Helgas angekratztem Selbstbewusstsein.
»Jetzt hör mir mal gut zu, du freche Göre: Heutzutage steht eine Frau mit fünfundvierzig auf dem Höhepunkt ihres Lebens! Und was ist schon dabei, wenn meine Oberschenkel nicht mehr ganz so straff sind wie vor zwanzig Jahren. Dafür habe ich jetzt eindeutig die größere Erfahrung!«
»Fragt sich bloß, worin«, entgegnete Kerstin schnippisch. Und weg war sie. Ab Richtung Köln, wo sie im zweiten Semester Jura studierte.
Kerstins plötzlicher Abgang ließ Helgas Wut wie ein in Zugluft geratenes Soufflé in sich zusammenfallen. Sie stürzte zum Fenster und riss es auf: »Ruf an, wenn du in Köln angekommen bist.«
Statt einer Antwort streckte Kerstin nur den Arm zum Fenster ihres roten Golfs heraus und winkte. Dann bog sie nach links in die Stormstraße ein und war den Blicken ihrer Mutter entschwunden. Seufzend schloss Helga das Fenster. Während sie die rosarote Übergardine sorgfältig drapierte, bemerkte sie eine Bewegung im gegenüberliegenden Garten.
Pohlmann, stellte Helga grimmig fest. Wer weiß, was er von der Riemerschen Familienszene alles mitbekommen hatte. Von allen Bewohnern der Schillerstraße musste ausgerechnet er direkt gegenüber wohnen! Sommer wie Winter, tagein, tagaus hockte er seit dem Tod seiner Frau dort drüben hinter dem Panoramafenster und starrte hinaus. Kein Türenschlagen, kein lautes Wort entging ihm. Das Leben seiner Nachbarn spielte sich unter seinen wachsamen Blicken ab. Dabei war er weder boshaft, noch klatschsüchtig. Er war schlichtweg neugierig. Aber das machte ihn nicht weniger lästig.
Achselzuckend wandte Helga sich ab. Wurde man im Alter so? War das der Platz, den die Gesellschaft, die eigene Familie einem am Ende zuwies? Wer weiß, wann sie selbst als Zuschauerin hinter einer Glasscheibe enden würde? Wenn es nach Kerstin ging, ließ dieser Augenblick nicht mehr allzu lange auf sich warten. Sie schämte sich ja jetzt bereits für ihre Mutter. Nur weil diese mit fünfundvierzig Jahren in einem getigerten Sporttrikot etwas für die Fitness tun wollte.
Und wenn schon. Helga jedenfalls gefiel das geschmähte »Tigerhöschen«. Sie hätte es im Übrigen nie übers Herz gebracht, diesen wundervollen Anzug aus garantiert atmungsaktivem Material im Geschäft zurückzulassen. Zumal er auf die Hälfte seines ursprünglichen Preises herabgesetzt war. Ein Frustkauf, zugegeben. Aber hübsch und sexy.
Ihr Frust an jenem Tag war wirklich grenzenlos gewesen. Wolfgang hatte ihren Hochzeitstag vergessen, den letzten Hochzeitstag vor der Silberhochzeit im nächsten Jahr! Immer hatte er nur seine Arbeit im Kopf. Für sie hatte er seit Jahren kaum mehr einen Blick übrig. Sie könnte nackt vor ihm herumspazieren, es würde ihm nicht auffallen. Nein, sie müsste sich schon ein Dollarzeichen auf die Stirn brennen lassen, um seine Aufmerksamkeit für einen kurzen Augenblick zu erhaschen.
Und wie hoffnungsvoll hatte ihre Ehe begonnen! Freudestrahlend hatte sie ihren Job als seine Sekretärin gegen die Rolle der »Nur-Hausfrau-und-Mutter« eingetauscht. Und wie wurde es ihr gelohnt? Der Geliebte mutierte immer mehr zum sprachlosen Ehemann, und das süße Töchterlein verwandelte sich mit den Jahren zum funkensprühenden Monster. Dennoch schaffte Helga es, Kerstins pubertären Ausfällen auch eine positive Seite abzugewinnen. Immerhin lenkten sie auf wunderbare Weise von ihrem tristen Ehealltag ab. Seitdem Kerstin ihr Studium in Köln aufgenommen hatte und dort auch wohnte, entspannte sich die Lage zwischen Mutter und Tochter zunehmend. Dank der räumlichen Trennung. Doch wehe, wenn Kerstin zum Wäschewechseln wieder einmal nach Hause kam. Dann flogen schnell die Fetzen. So wie heute.
War es ein Wunder, dass Helga sich nach Abwechslung und Streicheleinheiten sehnte? Die Werbungsbeilage im Stadtanzeiger war ihr ein echter Wink des Himmels gewesen. Entdecken Sie durch Afrikanischen Tanz Ihre Lebensfreude und Vitalität neu! Treten Sie durch den Tanz in Kontakt zu Ihrer eigenen Natürlichkeit! Erleben Sie ein ganz neues Körpergefühl! Nichts lieber als das. Denn wenn Helga etwas in ihrem Leben seit langem vermisste, dann waren das Lebensfreude und Vitalität. Das, was man Körpergefühl nannte, war ihr im letzten Jahrzehnt ihrer Ehe sowieso komplett abhanden gekommen. Und an ihre »eigene Natürlichkeit« konnte sie sich auch kaum noch erinnern.
Verflixt, schon 9.15 Uhr. Helga tauchte aus ihren Gedanken auf. Um zehn war sie mit ihren Freundinnen verabredet. Der einzige Lichtblick der Woche. Bis dahin musste sie sich herausgeputzt haben. Das war sie sich und den anderen schuldig. Zwei Stufen auf einmal nehmend, stürmte sie die Treppe hinauf in den ersten Stock. Total außer Atem blieb sie vor dem Spiegel im Schlafzimmer stehen. Ich muss vorsichtiger sein, schalt sie sich selbst. Sonst passiert wieder ein Unfall! Im letzten Jahr war sie bei einer ähnlichen Aktion die Kellertreppe heruntergestürzt und hatte dort unten schmerzgepeinigt auf Hilfe warten müssen. Wäre nicht zufällig ihre Freundin Lou vorbeigekommen und hätte sie gefunden – wer weiß, vielleicht läge sie heute noch dort. Wahrscheinlich hätte auch Wolfgang irgendwann einmal nach ihr gesucht. Spätestens, wenn das Brot zum Frühstück ausgegangen wäre. Oder ihm niemand zur gewohnten Stunde den Kaffee aufgebrüht hätte. Wolfgang konnte schlampiges Personal nicht leiden. Und viel mehr als eine billige Haushaltskraft sah er ja nicht in ihr. Ihr entfuhr ein Stoßseufzer, zum zweiten Mal an diesem Morgen.
Helga schlüpfte aus ihrem verwaschenen Trainingsanzug und ließ ihn achtlos auf dem Boden liegen. Sie betrachtete sich kritisch im Spiegel. Rubens hätte bestimmt seine helle Freude an ihr gehabt. Üppig quellendes Fleisch in wohlgerundeten Formen und eine Oberweite, die zum Verweilen einlud. Alles nicht mehr ganz so straff wie vor zwanzig Jahren, aber immerhin. Und dazu schwarze, kugelrunde Augen und dichtes, braunes Haar. Der kinnlange Haarschnitt ein wenig zu modisch und die Haut ein wenig zu gebräunt für Rubens. Der war ja mehr auf alabasterfarbene Unschuld abgefahren. Oder war es Lüsternheit? In ihrem Fall spielte das eigentlich keine Rolle, denn Wolfgang war nicht Rubens und sah sie auch schon lange nicht mehr an.
Celluliteschenkel? Helga konnte Kerstins Bemerkung nur als boshaft einstufen. Als ausgesprochen boshaft sogar. Ihre Beine waren von jeher Helgas ganzer Stolz gewesen. Und auch heute noch, mit fünfundvierzig stellten sie einen besonders attraktiven Teil ihres Körpers dar. Vielleicht waren die Oberschenkel eine Spur zu kräftig geraten, doch ihre wohlgeformten Waden mit den schlanken Fesseln machten dies bei weitem wieder wett. Immerhin war sie beim Abschlussball auf der Schule zur »Miss Strumpfhalter« gewählt worden. Eine Ehrung, die ihre Eltern im Übrigen nur halb so schmeichelhaft gefunden hatten wie Helga selbst.
Nein, von Cellulite keine Spur. Und das beanstandete Tigertrikot würde ihr phantastisch zur Figur stehen.
Laut summend stieg Helga unter die Dusche, um kurz darauf appetitlich nach Duschgel duftend den Badezimmerläufer vollzutropfen. Sie freute sich wirklich auf das Treffen mit Lou und den anderen.
Verflixt, schon zehn vor zehn. Sie musste sich beeilen. Rein in ein frisches Baumwollhöschen, den pastellgrünen Popelineoverall übergestreift, rein in die schwarzen Pumps mit den schwindelerregend hohen Absätzen. Creme ins Gesicht, Make-up drüber, das Ganze mit Puder überstäubt. Schwarzer Lidstrich, schwarze Wimperntusche, papayaroter Lippenstift. Nicht übel. Nun noch Gel in die feuchten Haare und flott durchgekämmt. Fertig. Denkste! BH vergessen. Unmöglich für eine Frau ihres Alters und ihrer Oberweite. Also Popelineoverall bis zur Taille wieder öffnen, herausschälen, Oberteil mit dem Ellenbogen auf Hüfthöhe festklemmen, irgendwie den BH festdröseln. Fertig. Jetzt aber wirklich.
Punkt zehn Uhr öffnete Helga Riemer die Haustür von Schillerstraße Nr. 10 und trat in ihren gepflegten Vorgarten hinaus.
»Guten Morgen, Helga! Schöner Tag heute!«
Liliane Junker aus Haus Nr.12 winkte fröhlich herüber.
»Wunderbar, genau das richtige Wetter, um endlich die Kirschen zu pflücken. Die Zweige biegen sich in diesem Jahr schon bis zum Boden. Sieh mal, heute ist sogar Elli pünktlich. Huhu, Elli. Ausgeschlafen?«
Elli Thomsen aus Nr. 8 nahm die Bemerkung nicht übel. Es war tatsächlich bereits vorgekommen, dass sie das montägliche Frühstückstreffen einfach verschlafen hatte. Als alleinlebende Witwe mit Kabelanschluss machte sie regelmäßig die Nacht zum Tage und war vor dem Mittag nur schwer wach zu bekommen.
Aber heute Morgen wirkte sie frisch und ausgeruht, als sie in ihren flachen Lederballerinas und dem für sie typischen zeltähnlichen Kaftan auf Helga und Liliane zugerollt kam. In allerbester Laune winkte sie zu Pohlmann hinüber, der vor Überraschung zurückzuckte und nur zögernd die Hand hob.
Elli hakte sich bei Helga und...




