Cornelius | Der Butler 03: Das Mädchen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 200 Seiten

Reihe: Der Butler (Kriminalromane)

Cornelius Der Butler 03: Das Mädchen


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-511-1
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 3, 200 Seiten

Reihe: Der Butler (Kriminalromane)

ISBN: 978-3-95719-511-1
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine junge Dänin fährt mit ihren Eltern zu einem Verwandtenbesuch in die USA. Sie kehrt nicht wieder zurück. Qualvolle zehn Jahre lang wird sie von den amerikanischen Geheimdiensten in einem Hochsicherheitstrakt festgehalten. Dort versucht man ihrem unglaublichen Geheimnis auf die Spur zu kommen. Mylady und ihr Butler greifen ein. Die Printausgabe umfasst 166 Buchseiten.

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27. März, Blackwater-Feriencamp, Texas

Tahca-Scaberry Hill …

Sie konnte den Namen des Kaffs, in dessen Nähe das Kinderferiencamp aufgebaut war, nicht einmal richtig aussprechen. Die Kleinstadt lag am Rande einer Schlucht, irgendwo in den niedrigen, wacholderbedeckten Hügeln zwischen Abilene und dem texanischen Colorado City, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Stadt im Bundesstaat Colorado. Hier, auf dem westlichsten Longhorn-Trail, wo es nur Staub und Mesquite-Gestrüpp gab, zogen einst kilometerlange Büffelherden durch die karge Talenge. Tonkawa-Indianer und Komantschen bewohnten das Land, bevor sie von den Weißen bekämpft und vertrieben wurden.

Der Name der Stadt, Tahca-Scaberry Hill, setzte sich aus einem Begriff der Tonkawa-Sprache und Englisch zusammen. Was er allerdings bedeutete, wusste Claire Hendriksen nicht. Zwar sprach sie mit ihren zehn Jahren schon ein recht passables Englisch, aber mit solchen Zungenbrechern hatte sie Probleme. Doch letztendlich war es egal.

Die überwiegende Zeit verbrachte Claire ihre Ferien im Blackwater-Camp oder der näheren Umgebung. Gestern hatte sie mit den anderen Kindern, beaufsichtigt von den Camp-Rangern, einen Ausflug in den sogenannten Rattlesnake Belt, den Klapperschlangengürtel, gemacht. Mitten in der texanischen Prärie waren die Winternester der Klapperschlangen zu finden, die die Reptilien in Felsspalten vor der Witterung schützten. Alljährlich kamen aus dem ganzen Land Schlangenfänger zur Frühjahrsjagd zusammen. Mit Benzindämpfen lockten sie die noch trägen Reptilien unter den Steinen hervor, dann schnappten sie sich die Tiere mit Fanghaken, die am oberen Ende mit einer Zange ausgestattet waren, und steckten sie in sichere Behälter. Anschließend wurden die hochgiftigen Grubenottern an Universitäten und Labors verkauft.

Mit Schaudern dachte Claire an das unheimliche Rasseln, das die bis zu zwei Meter langen Texas-Klapperschlangen mit den Hornklappen an ihrem Schwanzende auslösten; an die braun-schwarz geschuppten Leiber, die trotz ihrer Trägheit blitzschnell nach vorne schossen; an die kalten, senkrecht geschlitzten Augen und an die langen Giftzähne, die im Oberkiefer des flachen Kopfes saßen. Direkt neben ihr war einer der Fänger gebissen worden. Umgehend hatten ihm Notärzte aus der bereitstehenden Ambulanz ein lebensrettendes Serum verabreicht. Nachher hatte der Fänger den Kindern erzählt, dass die Schmerzen sofort nach dem Biss, durch den ihm das Gift eingespritzt worden war, eingesetzt hatten.

Plötzlich spürte Claire etwas an ihrem linken Knöchel, der von ihrer Dreiviertelhose nicht bedeckt war. Vor ihrem geistigen Auge sah sie eine riesige Klapperschlange mit weit geöffnetem Rachen und nadelspitzen Giftzähnen und schrie laut auf, doch das Lachen der anderen Kinder um sie herum holte sie in die Wirklichkeit zurück. Sie hockten zusammen um ein Lagerfeuer im Schatten von Wacholderbäumen, unweit der Holzbaracken des Camps. Wie aus einem Fotokalender spannte sich ein azurblauer, wolkenloser Himmel über das weite, karge Texas.

„Habe ich dich erschreckt?“, fragte der Junge, der direkt neben ihr saß, grinsend.

Kevin Parker war ein für sein Alter ungewöhnlich großer Zwölfjähriger mit pechschwarzen Haaren, der Claire anschmachtete, seitdem sie im Camp waren. Die zierliche Claire mit dem fransigen Pony, durch den ihre Augen so blau wie das Meer in der Sommersonne schimmerten, war die einzige Ausländerin unter den Kindern, und Kevin fand das irgendwie herrlich exotisch. Vor allem, dass sie aus Dänemark, aus Good Old Europe, stammte, faszinierte ihn ungemein. Bislang hatte er über das kleine nordeuropäische Land nur aus Büchern gelesen. Die Hauptstadt Kopenhagen, in der Claire lebte, kam ihm vor wie ein verträumter Ort aus Harry Potters Welt.

Claire lächelte dem texanischen Jungen zu. In ihr entwickelte sich ein merkwürdig kribbelndes Gefühl. Heute war ihr letzter Tag im Camp. Die Frühjahrsferien gingen zu Ende, und wie die anderen Kinder würde sie zu ihren Eltern zurückkehren, mit denen sie den gemeinsamen Urlaub bei ihren Verwandten, Onkel Finn und Tante Kirsten, verbrachte.

Vor dem diesjährigen Besuch hatte Claire den Wunsch geäußert, einige Zeit in einem Ferienlager verbringen zu dürfen. Zuerst waren ihre Eltern von dieser Idee nicht sonderlich begeistert gewesen, aber als sie sahen, wie ernst es ihrer Tochter damit war, hatten sie schließlich doch zugestimmt. Claire war völlig aus dem Häuschen gewesen, konnte sie doch nun endlich ihren kleinen Traum vom Abenteuer in der Wildnis wahr machen. Und das inmitten dieser atemberaubenden Naturkulisse.

„Sehen wir uns wieder, Claire?“, fragte Kevin. „Vielleicht nächstes Jahr?“

Die Kohlen und Holzscheite glühten bereits ab, der Rauch hatte sich längst verzogen. Bevor Claire etwas erwidern konnte, trat Miss Taylor neben das Lagerfeuer. „Ihr müsst eure Zimmer aufräumen und das Gepäck rausstellen, damit Mister Flint es gleich im Bus verstauen kann.“

Die Kids folgten den Anweisungen der beleibten Leiterin des Blackwater Camps und rannten in die nahen Holzbaracken. Claire brauchte nicht lange, weil sie ihr Bett immer schon nach dem Aufwachen gemacht und ihre Kleidung stets sorgfältig im Schrank einsortiert hatte. Nach nicht einmal fünf Minuten lag alles ordentlich zusammengelegt in ihrem Bastkoffer, zusammen mit den Schuhen und ihrer kleinen Kosmetiktasche.

Mister Flint, ein Mann von mittlerer Größe, kräftig gebaut und mit einem gemütlichen Gesicht, war nicht nur der Busfahrer, sondern auch der Mann für alles Mögliche. Mit ihm hatten die Kinder Glühwürmchen gefangen, mit Tauwürmern Catfish geangelt, Tipis aufgestellt, Kaninchenfallen gebaut und Bienennester aufgestöbert. Er wartete bereits vor dem gelben Schulbus und wuchtete die Gepäckstücke der Kinder in den Stauraum.

Die Verabschiedung von Miss Taylor war kurz, aber herzlich. Danach setzten sich die Kids in den Bus, der sie bei ihren Familien in der Umgebung abliefern würde. Natürlich quetschte sich Kevin neben Claire auf den Doppelsitz, doch anders als erwartet schwieg der Junge die ganze Fahrt über und starrte mit trauriger Miene stumm vor sich hin. Nach und nach leerte sich der Bus. Zuletzt blieben nur noch Kevin und Claire übrig.

„Ich … ich finde dich … cool!“, sagte der Junge und schaute Claire leicht verschüchtert an. In diesem Moment sah er aus wie ein Welpe, der glaubte, etwas falsch gemacht zu haben, und auf die Schimpfe seines Herrchens wartete.

Claire wusste nicht recht, was sie sagen sollte, und drückte ihrem Sitznachbarn stattdessen nur kurz die Hand.

Als der Bus auf der Parker-Ranch anhielt, fasste sich Kevin ein Herz und hauchte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Dann stieg er schnell aus und verschwand im Haus, ohne sich noch einmal umzuschauen.

Erst nach einigen Sekunden wagte Claire, wieder zu atmen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Noch immer spürte sie Kevins Lippen auf ihrer Haut. Nachdem der Bus in Richtung Tahca-Scaberry Hill gefahren war, fiel ihr ein, dass sie weder eine Telefonnummer noch die Adresse des Jungen besaß.

„Gefällt es dir in Texas?“, unterbrach der Busfahrer die Gedanken von Claire, die inzwischen sein letzter Fahrgast war. Abwechselnd schaute er auf die Straße und in den Rückspiegel.

„Sehr, Mister Flint. Texas ist wunderbar und die Menschen sind es auch.“

Der Fahrer lächelte. Ihm war nicht entgangen, dass sich eine kindliche Romanze zwischen dem dänischen Mädchen und dem texanischen Jungen angebahnt hatte. „Und wie ist es so in Dänemark?“, fragte er weiter. „Kalt, regnerisch und dunkel?“

„Nicht immer … aber manchmal.“

Mehr war aus Claire nicht herauszubekommen. Je näher sie der Kleinstadt kamen, umso schwerer wurde ihr das Herz, obwohl sie nun wieder ihre Eltern sehen konnte. Sie musste zu sehr an Kevin denken, spürte den ersten Anflug von Schmetterlingen im Bauch. Im Stillen ärgerte sie sich darüber, dass sie noch nicht mal eine Telefonnummer von ihm hatte. Sie tastete an ihre Wange, dahin, wo der Junge sie geküsst hatte. Plötzlich standen Tränen in ihren meerblauen Augen. Wütend wischte sie mit dem Handrücken über ihr Gesicht.

Es dauerte ein paar Minuten, bis sie sich wieder gefangen hatte und ein schmerzhaftes Ziehen im Unterleib spürte, das ihre romantischen Gefühle überlagerte. Ich hätte doch noch im Camp auf die Toilette gehen sollen, dachte sie und rief: „Mister Flint, könnten Sie mal kurz anhalten, bitte!“

Der Fahrer blickte verständnislos in den Rückspiegel. Er lenkte den Bus gerade über eine staubbedeckte Straße mitten im texanischen Busch, links und rechts war nur dorniges Gestrüpp zu sehen. Etwas weiter vorne wichen die Pflanzen einem weiß gestrichenen Holzzaun, der das gepflegte Grundstück einer Pferderanch begrenzte.

„Ich muss mal für kleine Pinguine.“ Claire lachte. „Es ist wirklich dringend …“

„Ach so, na klar“, sagte Mister Flint verständnisvoll und fuhr langsamer.

Weit und breit war kein anderes Fahrzeug zu sehen. Mit quietschenden Bremsen blieb der Bus stehen. Noch bevor sich die mechanische Tür komplett geöffnet hatte, war Claire schon draußen und sah sich um. Es war eine trostlose Gegend. Um nicht vom Fahrer gesehen zu werden, hockte sie sich unweit des Busses ins Gebüsch, wobei sie vorsichtig die Berührung mit den Dornenzweigen vermied, und verrichtete ihr Geschäft. Dabei bemerkte sie eine Überwachungskamera am weißen Zaun gegenüber, doch zum Glück war die Linse nicht auf sie gerichtet, sondern...



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