E-Book, Deutsch, Band 4, 200 Seiten
Reihe: Schattenchronik - Gegen Tod und Teufel (Mystery Thriller)
Cornelius Schattenchronik - Gegen Tod und Teufel 04: Das Geistermädchen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-564-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 4, 200 Seiten
Reihe: Schattenchronik - Gegen Tod und Teufel (Mystery Thriller)
ISBN: 978-3-95719-564-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Bedrohung aus der anderen Ebene ist allgegenwärtig. Die Geheimorganisation Schattenchronik erwartet den nächsten Angriff. In Edinburgh werden Pestopfer gemeldet. Ein Virus, der seit Jahrhunderten gebannt zu sein schien, breitet sich rasend schnell aus.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Gänsehaut
Emily fühlte sich nicht wohl. Sie wünschte, sie hätte sich nie auf diese Sache eingelassen. Es kam ihr so vor, als irrte sie schon seit Stunden durch diese dunklen Katakomben, die nur durch ein paar flackernde Lichter erhellt wurden. Immer enger schnürte sich ihre Brust zu, und sie glaubte, kaum noch atmen zu können. Man hatte sie gewarnt, dass diese Tour nichts für Menschen war, die unter Platzangst litten, aber Emily hatte lachend entgegnet, dass sie die Letzte wäre, die sich schnell fürchtete.
Und jetzt stand sie in diesem düsteren Raum und wünschte sich nichts sehnlicher, als ihre Entscheidung wieder rückgängig machen zu können. Zitternd umschlang sie ihren Oberkörper, als das ohnehin nur spärliche Licht der Fackeln gänzlich erlosch. Ihr Herz stockte, nur um Augenblicke später doppelt so schnell weiterzuschlagen. Sie musste weg von hier, und zwar sofort!
Trotz der Stille hörte sie ihren eigenen keuchenden Atem und dann ein seltsames Flüstern. Sie hielt die Luft an und lauschte. Wer war da?
„Abigaiiillll! Abigaiiiillll!“, rief eine tiefe und düstere Stimme immer deutlicher.
Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Körper aus. Sie wünschte sich weit fort von hier, nur raus aus diesem dunklen Irrgarten.
„Abigail, komm zu mir! Ich vermisse dich so sehr“, flüsterte die Stimme.
In der Dunkelheit vollkommen hilflos, drehte sich Emily im Kreis. Sie spürte, wie etwas oder jemand ihren Arm umklammerte.
„Abigail, endlich habe ich dich gefunden. Nie wieder wirst du mir entkommen.“ Die Stimme war jetzt so nah, dass sie den Lufthauch spüren konnte.
Emily verlor ihre mühsam aufrechterhaltene Beherrschung und stieß einen lauten Schrei aus. Unvermittelt ging das Licht der Fackeln wieder an und sie starrte in die belustigten Gesichter ihrer Mitreisenden, die aus dem Nebenraum herbeigeeilt kamen. Ihr Herz hämmerte. Sie schämte sich vor den anderen. Zwar hatte sie sich vorher informiert und darüber gelesen, dass es bei der Führung durch Mary King’s Close einige Attraktionen und Special Effects gab, doch ihre immer stärker aufwallende Platzangst hatte dieses Wissen komplett verdrängt. Dann war auch noch die Phantasie mit ihr durchgegangen. Die anderen Besucher der Führung amüsierten sich. Selbst jetzt, im hellen Licht, wich die bedrückende Enge nicht von ihrer Brust, und auch der Mann, der sie erschreckt hatte, wirkte keinen Deut weniger bedrohlich.
Walter King, der Führer ihrer Reisegruppe, erzählte gerade, dass es sich bei dem geheimnisvollen Fremden, der sie berührt hatte, um einen Arzt handelte. Emily warf noch einen Blick auf die komplett in Leder gekleidete Gestalt. Sie sah in eine riesige Gesichtsmaske mit einem langen, gekrümmten Vogelschnabel. Dieses Utensil hatte man in Zeiten der Seuchen als Schutz vor Krankheiten mit Kräutern gefüllt. Und obwohl Emily wusste, dass es sich bei dem Mann um einen Schauspieler handelte, war alles an ihm so realistisch, dass ihre Angst einfach nicht weniger wurde. Wie musste es erst den Menschen der damaligen Zeit ergangen sein, die von tödlichen Krankheiten befallen und von Fieber und Wahnvorstellungen geplagt worden waren und deren einzige Hilfe ein Schauerwesen gewesen war.
Die junge Frau wandte ihren Blick von der Vogelmaske ab und sah sich in dem Raum um, in dem sie sich gerade befanden. Sicher, für jemanden wie sie, der sich schon von klein auf für Geschichte interessiert hatte und das Fach jetzt sogar studierte, war diese Woche in Edinburgh und vor allem diese Führung durch Mary King’s Close etwas Unglaubliches, aber trotz allem wollte sie jetzt nur noch so rasch wie möglich hier raus. Das Licht war durch die Fackeln viel zu dämmerig, und es schien hier unten nicht genug Luft vorhanden zu sein. Schon seit einiger Zeit hatte sie das Empfinden, als hätte jemand einen Stein auf ihre Brust gelegt. Dem Tourguide hörte sie nur noch mit halbem Ohr zu und hoffte, dass die Führung bald zu Ende ging. Alles hier unten wirkte für sie zu real. Sie hatte das Gefühl, als würde sie an der nächsten Ecke ein Geist erwarten, und das Flüstern eben hatte ihr den Rest gegeben. Wahrscheinlich war sie einfach zu sensibel.
Emily verspürte wenig Lust, unversehens das Opfer einer übersinnlichen Wahrnehmung zu werden, was laut den Berichten, die sie vor ihrer Reise gelesen hatte, in Mary King’s Close gar nicht so ungewöhnlich war. Schon zahlreiche Besucher hatten von Stimmen, Schreien und vermeintlichen Berührungen berichtet. Bisher hatte sie sich immer für eine halbwegs stabile Person gehalten, und wenn sie hätte wetten sollen, wer aus dieser Gruppe während der Führung auffällig werden würde, hätte sie auf den ein oder anderen ihrer Mitreisenden getippt, nur nicht auf sich selbst.
Das Pärchen aus Österreich zum Beispiel, beide Mitte oder Ende fünfzig. Er ein gemütlicher Rentner mit Karo-Hemd und Schnauzbart, der kein Wässerchen zu trüben schien; seine Gattin aufgetakelt wie eine Frau Mitte zwanzig, hochtoupierte, weißblond gebleichte Haare, in Pink gekleidet. Bei ihrem Anblick würde jeder Geist sofort Reißaus nehmen. Allerdings behauptete die Dame von sich selbst, ein Medium zu sein, das außergewöhnliche Schwingungen wahrnehmen konnte.
Das andere Pärchen in der Gruppe hingegen sah aus, als ob es hier perfekt hinpasste. Beide leichenblass, mit Kajal umrandete Augen, ganz in Schwarz gekleidet, dazu eine tiefgrüblerische Miene. Emily hatte schon gehört, dass das Betreten solcher Spukorte für Gothic-Anhänger ein wahres Freudenfest sein sollte.
Der einzig Normale in der Gruppe schien ein Mann Ende dreißig zu sein, mit dem sie sich, als sie auf den Beginn der Führung gewartet hatten, ein wenig unterhalten hatte. Er kam aus England und war dort Professor an einer renommierten Universität. Er interessierte sich genau wie sie für Geschichte und liebte es, in seiner Freizeit und im Urlaub historische Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Dieser Mann schien nicht nur gebildet zu sein, er war zudem äußerst gut aussehend, und Emily hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, ihn zu fragen, ob sie beide im Anschluss an diese Führung einen Kaffee trinken gehen sollten. Nachdem sie sich gerade allerdings bis auf die Knochen blamiert hatte, wollte sie darauf lieber verzichten.
Die Tour wurde fortgesetzt, doch Emily war der Spaß daran vergangen. Auch im aktuellen Raum wurde mit Spezialeffekten gearbeitet und das Licht begann zu flackern, bis es wenige Sekunden später vollends erlosch. Jemand schrie, aber dieses Mal war sie innerlich darauf vorbereitet und blieb zumindest nach außen hin ruhig. Auch als sie dann wieder unerwartet berührt wurde, schaffte sie es, sich zu beherrschen.
Während alle anderen Teilnehmer verstummten, merkte Emily, dass es im Raum kälter geworden war. Die Temperatur sank. Emily fragte sich, wie die Veranstalter diesen Effekt herbeiführten. Ihre Fingerspitzen fühlten sich unangenehm an, als das Licht wieder anging und sich die Luft schlagartig erwärmte. Die Teilnehmer der Führung begannen eine aufgeregte Plauderei. Eine ältere Dame lächelte verlegen, vermutlich hatte sie geschrien. Zumindest war Emily jetzt nicht mehr die Einzige, die sich blamiert hatte, aber ihre Zufriedenheit erlosch, als sie in das entsetzte Gesicht und die weit aufgerissenen Augen ihres Tourguides Walter King sah, dem offenbar die Worte fehlten. Sollte dies etwa doch kein sorgfältig geplanter Trick gewesen sein?
Der Fremdenführer räusperte sich übertrieben. „Obwohl wir einiges zur Unterhaltung während unserer Führung beitragen, gehörte dies eben nicht hinzu“, bestätigte er Emilys Verdacht. „Aber wie ich ihnen schon am Anfang der Tour geschildert habe, kann man Derartiges in Mary King’s Close immer wieder erleben. Zahlreiche Ereignisse lassen darauf schließen, dass hier unten mehrere Geister von verstorbenen Einwohnern dieses Stadtteils hausen, die sich von Zeit zu Zeit auf die eine oder andere Weise bemerkbar machen.“
Walter King versuchte ein Lächeln, das ihm aber misslang. Der Tourguide schien genau wie sie selbst kein besonders mutiger Mensch zu sein, aber mal ehrlich – Geister? Emily war schon immer von historischen Bauten fasziniert gewesen, und Geschichte war ihr stets lebendig erschienen. In zahlreichen Schlössern, die sie in den vergangenen Jahren besucht hatte, spukte es angeblich, doch die junge Frau war sich sicher, dass dies lediglich ein perfider Trick war, um ahnungslose Touristen anzulocken und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Auch hier würde es nicht anders sein. Dennoch fühlte sie sich unwohl, aber das lag sowohl an der düsteren und beklemmenden Atmosphäre hier unter der Erde, als auch an dem Schauspiel der Führung und nicht etwa an Ketten rasselnden oder Nachthemd tragenden Gestalten, die einem Roman von Charles Dickens entsprungen sein könnten. Was ihr allerdings ein gewisses Unbehagen bereitete, war die Reaktion des Fremdenführers. Der Mann wirkte ernsthaft entsetzt. Oder war er ebenfalls nur ein guter Schauspieler?
Die Führung näherte sich langsam ihrem Ende, und Emily warf einen kurzen Blick auf den Professor. Seit ihrer letzten Beziehung hatte sie niemanden mehr gehabt, und wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich oft einsam. Sicher, sie genoss den Urlaub, aber wenn sie abends allein in ihrem Hotelzimmer lag, sehnte sie sich manchmal doch nach jemandem an ihrer Seite. Und dieser Mann da könnte ihr durchaus gefallen. Er war intelligent, hatte die gleichen Interessen wie sie und sah obendrein noch gut aus. Was wollte eine Frau mehr? Hastig senkte sie ihre Augen, als der junge Professor zu ihr hinübersah. Mein Gott, wie peinlich! Erst...




