Cotterell | Was Alice wusste | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Cotterell Was Alice wusste

Psychothriller
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-21543-9
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Psychothriller

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-641-21543-9
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die erfolgreiche Malerin Alice Sheahan lebt mit ihrem Mann Ed, einem angesehenen Arzt, in Bristol. Sie ist stolz auf das nahezu perfekte Leben, das sie führen, bis ihre Welt auseinanderbricht: Ed gerät nach einer durchzechten Nacht in den Verdacht, eine junge Frau ermordet zu haben. Doch obwohl Alice ein blaues Seidenhalsband in seiner Jacketttasche entdeckt, beteuert Ed seine Unschuld. Dann taucht plötzlich Marianne auf, eine ehemalige Freundin von Alice, zu der sie keinen Kontakt mehr hatte. Sie zeigt Alice ein Foto, das Eds Version der Mordnacht als Unwahrheit entlarvt. Und Alice wird zerrissen in einem gefährlichen psychologischen Spiel, das sie schließlich einen fatalen Fehler begehen lässt …

T. A. Cotterell hat in Cambridge Kunstgeschichte studiert und arbeitet heute als Analyst. »Was Alice wusste« ist sein erster Roman. Er lebt mit seiner Frau und ihren drei Kindern in Bristol, wo er an einem weiteren Psychothriller arbeitet.
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EINS

Ein Porträt ist das Streben nach der Wahrheit. Es kennt keine Gnade.

Ich porträtierte gerade Julie Applegarth. Sie saß in einem hochlehnigen scharlachroten Samtsessel im Wohnzimmer von Applegarth Park. Mit den goldenen Strähnchen und den grünen Murmelaugen einer Katze besaß sie die Schönheit einer Frau, die noch nicht gereift, aber auch kein Mädchen mehr war. Ihr Kleid war zu eng, die geföhnten Haare zu sehr aufgebauscht. Ihr karamellfarbener Teint verwies auf Monaco und Mustique, obwohl sie besser nach Harlow als nach Hollywood gepasst hätte.

Es war keine einfache Sitzung gewesen. Ich hatte gehofft, vor dem Tee fertig zu werden, aber die Zeit war in teuflischer Geschwindigkeit vergangen. Obwohl Julie sich Mühe gegeben hatte, war Konzentration nicht ihre Stärke. Außerdem war sie es nicht gewohnt, von jemand anderem als ihrem Mann Anweisungen entgegenzunehmen. Insbesondere nicht von einer Frau und schon gleich gar nicht von einer bezahlten Dienstleisterin – und was konnte eine Porträtmalerin schon anderes sein? Julie gelang es nicht länger still zu sitzen, als es gedauert hätte, sich die Beine enthaaren zu lassen oder einen Friseurtermin zu vereinbaren. Einerseits zappelte und rutschte sie auf dem Stuhl wie eine Vierjährige herum, andererseits posierte sie wie eine erfahrene Tragödin. Dabei erweckte sie den Eindruck, als müsse sie wichtige geschäftliche Entscheidungen treffen, doch das war nichts als Theater. Für Julie war die Geschäftsfrau ebenso eine Rolle wie die der Herrin dieses Anwesens, und sie schwankte ständig zwischen Herablassung und der Furcht, enttarnt zu werden.

Die Pausen eingerechnet saß sie nun schon seit fast fünf Tagen in jenem Sessel. All diese Zeit stand ich hinter der Staffelei, musterte sie, dachte über sie nach und überlegte mir, wie ich ihre Persönlichkeit auf die Leinwand bannen sollte. Meine Aufgabe war bei Weitem die interessantere und forderte volle Aufmerksamkeit. Ich rede nicht gern bei der Arbeit, sondern sammle alles Wissenswerte in den Pausen und während der Besprechungen vor einer Sitzung, was sich am ergiebigsten erweist, wenn es darum geht, eine Frau zu porträtieren. Männer, insbesondere erfolgreiche Männer, unweigerlich meine Klientel, stellen sich häufig als etwas dar, was sie nicht sind.

Sympathischer vielleicht, großzügiger, kultivierter und besser vernetzt. Außerdem können sie nicht anders, als zu flirten. Es ist ein Machtspiel. Und all das fließt in das Gemälde ein.

Als wir uns dem Ende von Tag fünf näherten, eine ungeplante, jedoch notwendige Fortsetzung am Samstag, schien Julie sich zu langweilen. Sie hatte die üblichen beiden Phasen durchlaufen: die anfängliche Aufregung und die Freude daran, im Mittelpunkt zu stehen, während sie dabei gleichzeitig vorgeben konnte, es handle sich nur um eine weitere lästige Pflicht in ihrem übervollen Leben, sich malen zu lassen. Beides verflachte jedoch rasch und wurde von der schweren Aufgabe abgelöst, einfach still zu sitzen und sich nur den eigenen Gedanken zu widmen. Dennoch war sie manchmal wieder bei der Sache, besann sich auf ihren Part im Rampenlicht und sonnte sich in dem durchdringenden Blick der Künstlerin, der man eine nicht unbeträchtliche Summe für die Aufgabe bezahlt hatte, ihre Schönheit für die Nachwelt und für ihren Mann festzuhalten.

Am anderen Ende des Raums öffneten sich gleichzeitig beide Flügel einer Tür. Sie waren in dumpfem Senfbeige gestrichen, das nur ein sündhaft teurer Innenarchitekt ausgesucht haben konnte. Ich bemühte mich, wenn auch ziemlich erfolglos, nicht hinzusehen. Sir Raymond Applegarth – »Nennen Sie mich Ray, meine Liebe« – trat mit der erwartungsvollen Miene eines Mannes ein, dem zwei Frauen und eine Hausbar zur Verfügung standen.

»Ach, da seid ihr ja. Wie läuft es, Jules?«

Er sprach ihren Namen mit zwei Silben aus: »Je-wels«. Es gelang ihm, erstaunt darüber zu klingen, dass wir uns noch in genau demselben Stadium befanden, in dem wir den Großteil der Woche verbracht hatten. Vielleicht hatte er ja erwartet, dass ich einfach ein Foto schoss und wieder verschwand. Oder dass ich das Porträt en plein air fertigstellte wie ein wiedergeborener Monet. Ray hatte einen glänzenden Schädel mit einem grauen Haarkranz, der wie ein verrutschter Heiligenschein einen Halbkreis um seinen Kopf beschrieb. In seinen Augen fing sich das Licht. Obwohl er schon über sechzig war, wirkte sein Körper, getarnt von einer Cargohose und einem weizenfarbenen Hemd, muskulös. Die meisten Menschen, die älter als acht Jahre sind und Cargohosen tragen, moderieren entweder Kindersendungen oder sind einsame Auftragskiller. Allerdings arbeitete Sir Raymond nicht beim Kinderfernsehen. Er hatte eine breite, gebrochene Nase, wie er mir erzählte, Folge einer Partie Park-Rugby im Süden von Ipswich, wo er sich bis Anfang vierzig mit anderen Männern ausgetobt hatte, die nicht viel von Spielregeln hielten.

Julie drehte eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger. Ihre beeindruckend geformten Waden waren offenbar das Ergebnis teuer bezahlter Stunden in Fitnessstudios und Swimmingpools.

»Ich glaube, wir sind hier fast fertig …?«

In Gegenwart ihres Mannes sprach sie eine Oktave höher als mit ihren Freundinnen, mit denen sie in den Pausen telefonierte. Sie sagte, was er hören wollte, und neigte mit einem koketten Lächeln den Kopf zur Seite. Er nickte knapp und sah mich an. Ich warf einen Blick auf meine Palette. Das Ocker musste nachgefüllt werden. Es war zwar Julies Porträt, doch auch ich hatte einen guten Ruf zu verteidigen. Im Gegensatz zu mir selbst war für die Julies dieser Welt Kunst nicht mehr als Dekoration und Zeichen ihres Wohlstands und ihrer antrainierten Kultiviertheit. Ein Statussymbol. Ich suchte die Farbtube auf meinem Rollwagen.

»Wenn wir wirklich fertig werden wollen, brauchen wir noch den restlichen Tag.«

Julie verdrehte die Augen in Rays Richtung. Er verzog das Gesicht, ein kleiner Junge, dem man die Spielsachen weggenommen hatte, und stellte sich neben mich. Julie vollführte in ihrem Sessel eine Bewegung, als sei sie kurz versucht, ihm zu folgen. Seit dem ersten Vormittag kontrollierte Ray meine Fortschritte, als habe er nicht nur für das Porträt bezahlt, sondern auch für das Recht, dessen Entstehung zu beobachten. Er stand immer zu nah bei mir und roch nach Rasierwasser und dem Minzkaugummi, den er immer bei sich hatte, um sich das Rauchen abzugewöhnen. Ray musterte das Porträt mit Argusaugen. Es gab noch ein wenig zu tun, doch inzwischen konnte ich ein Ende absehen. Nach einer Weile nickte er, ein Selfmademan, zufrieden damit, dass er viel für sein Geld bekommen hatte.

»Prima. Sieht genauso aus wie sie«, meinte er.

»Danke.« Ich hoffte, dass mir ein wenig mehr gelungen war.

»Es ist eindeutig Jules, aber …« Er hielt inne, als suche er nach dem richtigen Wort in einer fremden Sprache. »… gleichzeitig ist da etwas anderes, eine weitere Dimension.« Er neigte den Kopf und betrachtete Julie, als sei er der Maler. »So, als hätten Sie sie gemalt, wie sie wirklich ist.« Unsicher, ob das als Kompliment zu verstehen war, runzelte Julie die Stirn.

»Versteh mich nicht falsch, du siehst spitze aus, Schatz. Alice hat dich wirklich gut getroffen. Möchtest du es dir anschauen?«

Sie schüttelte den Kopf. Julie hatte von Anfang an darauf beharrt, dass sie das Porträt erst sehen wolle, wenn es fertig war. Sie fand, alles andere könne Unglück bringen. Mir war es so ebenfalls lieber. Ich mag den dramatischen Moment, wenn sich das Bild endlich dem Porträtierten offenbart. Die beinahe sichtbare Adrenalinflut, wenn alle Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen und Eitelkeiten sich in der einen Sekunde des ersten Eindrucks zusammenballen.

»Ach, komm schon, wirf wenigstens einen kleinen Blick darauf«, drängte Ray, aber Julie schüttelte wieder den Kopf.

Er blickte mich an, als könne ich sie überreden, doch ich zuckte nur hilflos die Achseln, während Ray weiter auf das Gemälde sah. Obwohl er sich seine Enttäuschung nicht anmerken lassen wollte, konnte er es offenbar kaum erwarten, dass sie es gemeinsam betrachteten, um sich einerseits an Julies Jugend und Schönheit und andererseits an seinem Geld zu erfreuen. An jener jahrhundertealten Kombination, die dieses Werk möglich gemacht hatte. Ray zwinkerte ihr so zärtlich zu, dass selbst ich mich angerührt fühlte, aber Julie zog nur die Nase kraus und rührte sich ansonsten nicht.

Ich trat einen Schritt zurück und studierte das Porträt auf der Staffelei. Es gefiel mir. Auch wenn es einen Tag länger gedauert hatte als geplant, war die zusätzliche Zeit gut angelegt gewesen. Was das Alter der Hände und die runden weiblichen Schultern betraf, hatte ich zwar ein wenig geflunkert, doch das machte nichts. Kleine Schmeicheleien wie diese kosten nichts, hinterlassen aber Wohlgefühl. Auf das Bild selbst haben sie keinen Einfluss. Ich hatte Julies unerschütterliche Anpassungsbereitschaft gut eingefangen. Sie war der Kern ihres Wesens, denn ohne sie säße sie nicht hier, nicht in diesem samtbezogenen Sessel, von dem aus sie mit tragischer Miene hinaus in den Park von Applegarth blickte, während Frauen, die nicht weniger hübsch und nicht unintelligenter waren als sie, sich kaum den Schmorbraten im Sonderangebot bei Tesco leisten konnten.

Letztendlich war das aber nur die Oberfläche, unter der Julies Unaufrichtigkeit verborgen lag. Und es war mir gelungen, auch sie einzuarbeiten, sodass am Ende das Porträt einer Frau sichtbar wurde, die stärker war, als es den Anschein hatte. Stärker und auch gerissener. Einer Frau, die sich scheinbar einem einflussreichen Mann unterordnete und...


Cotterell, T.A.
T. A. Cotterell hat in Cambridge Kunstgeschichte studiert und arbeitet heute als Analyst. »Was Alice wusste« ist sein erster Roman. Er lebt mit seiner Frau und ihren drei Kindern in Bristol, wo er an einem weiteren Psychothriller arbeitet.



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