Cotton | Jerry Cotton 3188 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 3188, 64 Seiten

Reihe: Jerry Cotton

Cotton Jerry Cotton 3188

Der Informant
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-6493-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Informant

E-Book, Deutsch, Band 3188, 64 Seiten

Reihe: Jerry Cotton

ISBN: 978-3-7325-6493-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine attraktive Blondine bat mich um ein vertrauliches Gespräch. Ihr Auftraggeber besaß angeblich brisante Daten der Anwaltskanzlei Maddison & Maddison, die sich auf Steuerfragen und Offshore-Geschäfte spezialisiert hatte. Mithilfe dieser El Dorado Papers sollten der Kanzlei kriminelle Machenschaften, Geldwäsche und Kontakte zu mafiösen Syndikaten nachgewiesen werden können. Phil und ich waren skeptisch - bis wir auf den Namen Adolfo Alvarado stießen. Sofort schrillten alle Alarmglocken bei uns: Waren wir wieder einmal der CITU, einer hochkriminellen Organisation, mit der wir es schon häufiger zu bekommen hatten, auf der Spur?

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Ein Gewitter lag in der Luft. Dunkle Wolkenberge türmten sich über Downtown Washington, und es war bereits am frühen Morgen unerträglich schwül, als ich vor dem Gebäudekomplex hielt, in dem sich Phils Penthouse befand.

Ich war früh dran und musste einige Zeit auf meinen Partner warten. Als er endlich aus der Tür trat, staunte ich nicht schlecht. Er trug ein himbeerfarbenes Hemd, eine helle Hose und ein safrangelbes Jackett. Dazu bordeauxrote Schuhe.

»Guten Morgen, Jerry«, begrüßte er mich fröhlich. »Sieht nach Gewitter aus, findest du nicht?«

»Sieht eher nach Mardi Gras aus, wenn du mich fragst«, murmelte ich nüchtern.

Er runzelte die Stirn, dann lachte er und blickte an sich herunter. »Candice«, sagte er zur Erklärung. Am Wochenende hatte ihn eine alte Flamme aus New Yorker Zeiten besucht. Sie war für ihren etwas speziellen Geschmack berüchtigt.

»Shoppingtour?«, fragte ich deshalb mitfühlend.

»Den ganzen Samstag. Wie findest du das Ergebnis?«

»Gewöhnungsbedürftig.«

»Ach, Jerry! Man muss mit der Zeit gehen. Die Farben sind der letzte Schrei, sagt Candice.«

»Ein ziemlich schriller Schrei.«

»Mit deiner neuen Kollektion in Taubengrau kann ich natürlich nicht konkurrieren.« Phil spielte den Beleidigten.

In der Ferne grollte ein erster leiser Donner. Wir konnten Regen und ein wenig Abkühlung brauchen. Der Sommer hatte sich bislang heiß und schwül präsentiert.

»Und wie war dein Wochenende?«, lenkte Phil ein.

»Baseball«, antwortete ich knapp. Damit konnte mein Partner nicht allzu viel anfangen, er schaute sich lieber mal ein Footballspiel an. Aber mir hatte der Nachmittag im Nationals Park gutgetan. Die New York Yankees hatten ein Benefizspiel gegen die Washington Nationals absolviert, und obwohl es dabei genau genommen um nichts ging, hatte mich ihr Sieg in gute Laune versetzt.

»Alte Liebe rostet eben nicht«, bemerkte Phil weise, als wir kurz darauf bei den FBI Headquarters im J. Edgar Hoover Building ankamen. Ein greller Blitz zerriss den Himmel, der Donner folgte in angemessenem Abstand. Große Regentropfen trommelten auf meinen Jaguar, bevor wir damit in der Tiefgarage verschwanden.

Auf meinem Schreibtisch fand ich eine Nachricht: Mary-Lou will Sie sprechen.

Ich kramte in meinem Gedächtnis, aber eine Mary-Lou kam dabei nicht zum Vorschein. Die Woche begann seltsam.

»Wer ist Mary-Lou?«, fragte ich telefonisch bei der Kollegin am Empfang nach, von der die Nachricht stammte.

»Na, wenn Sie es nicht wissen …« Ein merkwürdiger Unterton schwang in ihrer Stimme mit. »Wollen Sie die Lady nun empfangen?«

Meine Neugierde war geweckt. »Natürlich«, sagte ich. »Schicken Sie sie rauf in mein Büro.«

***

Sie hatte die längsten Beine, die ich je an einer Frau gesehen hatte. Platinblonde Locken fielen ihr bis zur Hüfte, ihre übergroßen Brüste wurden von einem weißen Tanktop eher betont als verborgen. Ein großes silbernes Kreuz baumelte an einer Halskette in Bauchnabelhöhe, knappe weiße Shorts endeten haarscharf unter den Pobacken. Ihr olivfarbener Teint kontrastierte perfekt mit der hellen Kleidung. Die Augen strahlten in einem tiefen Blau, sie wurden von fein geschwungenen Wimpern akzentuiert. Die Lippen waren voll und leuchteten kirschrot.

Auf den zweiten Blick verrieten ein paar Falten um Mund und Augen, dass Mary-Lou nicht mehr ganz so jung war, wie sie wirken wollte.

Sie musterte mich ebenso ungeniert wie ich sie. Dann setzte sie sich schweigend und unaufgefordert auf den Besuchersessel, wo sie mit einer gewissen Grazie die Beine übereinanderschlug und sich zurücklehnte.

»Hey«, sagte sie. »Sie sind Inspektor Jerry Cotton?« Ihre Stimme klang überraschend tief.

»Der bin ich, Miss …«

»Mary-Lou.«

»Und wie weiter?«

»Gar nichts weiter. Mary-Lou genügt.« Sie zwinkerte mir zu.

»Okay. Und was führt Sie zu mir, Mary-Lou?«

Sie seufzte demonstrativ, ihre Hände suchten nach der Kette mit dem großen Kreuz und spielten nervös damit herum. »Man hat mich beauftragt, Ihnen ein Angebot zu unterbreiten«, erwiderte sie. Es klang bedauernd, als hätte sie lieber mit mir über das Gewitter geplaudert, das sich nun mit voller Kraft entlud.

»Wer hat Sie beauftragt?«, hakte ich sofort nach.

»Sie sind aber mächtig auf Namen fixiert, Jerry.« Sie lächelte. »Wollen Sie nicht erst einmal wissen, worum es überhaupt geht?«

»Na schön, dann schießen Sie los.« Ich lehnte mich zurück. Diese Woche fing wirklich reichlich merkwürdig an.

»Haben Sie schon einmal von den Paradise Papers gehört?«, begann sie. »Oder den Panama Papers?« Sie wartete keine Antwort ab. »Sicher haben Sie das. Jeder hat schon davon gehört. Das sind vertrauliche Unterlagen verschiedener Anwaltskanzleien, die für zahlungskräftige Kunden Offshore-Geschäfte abwickeln. Immer mit dem Ziel, ihren Klienten Steuern zu ersparen.« Sie beugte sich verheißungsvoll nach vorne und senkte die Stimme. »Und wenn ich von zahlungskräftigen Kunden spreche, dann meine ich das auch so. Politiker, Großunternehmer, Finanziers, Spitzensportler und Filmstars.«

Ich zog fragend die Augenbrauen hoch, als sie eine Kunstpause einlegte. Noch hatte ich keine Ahnung, worauf sie hinauswollte.

»In den vergangenen Jahren haben sogenannte Whistleblower immer wieder solche vertraulichen Daten aus den betreffenden Anwaltskanzleien der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Panama Papers und zuletzt die Paradise Papers, benannt nach den Steuerparadiesen, aus denen sie stammen.«

Ein Blitz erhellte mein Büro, und nur Bruchteile von Sekunden später krachte der Donner so gewaltig, dass die Fensterscheiben zitterten.

Mary-Lou zuckte zusammen. »Unheimlich, nicht wahr?«

Ich wusste nicht, ob sie das Gewitter meinte oder die Geschichte, die sie mir erzählte.

»Häufig sind diese Offshore-Geschäfte ganz legal«, fuhr sie fort. »Unmoralisch zwar, aber gesetzeskonform. Alle wissen davon, niemand unternimmt etwas dagegen. Aber manchmal ist es eben auch illegal. Diese Modelle eignen sich hervorragend zur Geldwäsche.« Sie stand auf und trat ans Fenster. »Wow, ich glaube, die Welt geht unter.«

Mir wurde es nun doch zu bunt. »Vielen Dank für die nette kleine Unterrichtsstunde in Steuerrecht. Aber wenn Sie nichts weiter zu sagen haben … Es war nett, mit Ihnen zu plaudern.«

»Aber, Jerry!« Sie drohte mir spielerisch mit dem Zeigefinger und setzte sich wieder hin. »So ungeduldig? Ich habe ja noch gar nicht von dem Angebot gesprochen.« Ein gewinnendes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Der Mann, der mich zu Ihnen schickt, ist nämlich ein solcher Whistleblower. Er ist im Besitz von brisanten Steuerdaten, die einer Menge Leute das Genick brechen können. Außerdem können der Kanzlei kriminelle Machenschaften und Kontakte zu mafiösen Organisationen nachgewiesen werden.«

Endlich hatte sie meine volle Aufmerksamkeit. Ein Whistleblower also. Die wandten sich normalerweise an die Presse. Was wollten sie von mir?

Sie schien meine Gedanken zu erraten. »Mein Auftraggeber ist bereit, Ihnen die Daten unter bestimmten Bedingungen auszuhändigen.«

»Mir? Oder dem FBI?«

»Wo ist der Unterschied? Verkörpern Sie nicht das FBI?«

Irgendetwas war an der Sache faul. Warum kam sie mit ihrem Angebot ausgerechnet zu mir? Warum nicht zum Field Office? Ich stellte die Frage laut.

Mary-Lou lachte. »Das werden Sie schon früh genug erfahren, Jerry.«

»Ich bin gar nicht befugt, so etwas allein zu entscheiden, Miss.«

»Dann beraten Sie sich, Darling. Aber zögern Sie nicht zu lange! Das Angebot hat nicht ewig Gültigkeit.«

Mir gefiel nicht, wie sich das Gespräch entwickelte. »Sie erwähnen Bedingungen, die Ihr Auftraggeber stellt. Was sind das für Bedingungen?«

»Auch das werden Sie früh genug erfahren.«

Ich schlug mit der Faust auf den Tisch. »Sie müssen schon ein wenig konkreter werden, Schätzchen, wenn wir ins Geschäft kommen sollen. Also raus mit der Sprache!«

Mary-Lou klammerte sich wieder an ihre Halskette und verzog die roten Lippen zu einer beleidigten Schnute. Sie sah aus wie ein kleines Mädchen mit viel zu aufreizenden Klamotten und zu grellem Make-up.

»Hey«, rief sie. »Bleiben Sie locker, Jerry. Ich bin nur die Überbringerin der Botschaft. Ich gebe nur weiter, was mir mein Boss aufgetragen hat. Er will wissen, ob Sie überhaupt an seinen El Dorado Papers interessiert sind.«

»Sagen Sie ihm, das hängt davon ab.«

»Wovon denn?«

»Von seinen Bedingungen zum Beispiel.«

»Gut. Ich richte es ihm aus.«

»Außerdem brauche ich weitere Informationen. Von wem wurden die Dokumente geklaut?«

Sie zögerte kurz. »Geklaut ist kein schönes Wort. Es klingt so ordinär. Mein Auftraggeber hat den Computer der Anwaltskanzlei Maddison and Maddison in Nashville, Tennessee, gehackt. Von dort stammen die Daten.«

Geht doch, dachte ich. Endlich hatte ich einen Namen. Er war mir zwar noch nie untergekommen, aber wenigstens gab es nun einen Ansatzpunkt.

»Wir werden das prüfen und besprechen«, sagte ich. »Wie kann ich Sie erreichen, Mary-Lou?«

»Gar nicht, Darling. Ich melde mich zu gegebener Zeit.« Sie erhob sich, lächelte und winkte mir zu. »Bye, Jerry.«

***

Das Gewitter war so schnell vorüber, wie es aufgezogen war. Die...



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