Croft | Als Grace verschwand | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Croft Als Grace verschwand

Thriller
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8412-1681-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-8412-1681-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bist du meine Tochter?

Simone Porter musste mit einem schweren Schicksalsschlag fertigwerden. Vor achtzehn Jahren wurde ihre sechs Monate alte Tochter entführt. Als ein Mädchen mit Namen Grace sich bei ihr meldet und erklärt, ihre Tochter zu sein, glaubt Simone ihr nicht. Doch das Stofftier, das Grace bei sich hat, lässt sie zweifeln. Genau so einen Plüschhasen hat ihre Tochter besessen. Grace aber behauptet noch etwas anderes: dass sie aus Notwehr einen Mord begangen hat und dass sie dringend Hilfe braucht. Simone ist hin und her gerissen - und dann verschwindet Grace wie ihre Tochter damals ...



Kathryn Croft hat einen Abschluss in Medienwissenschaften und Englischer Literatur. Sie lebt mit ihrer Familie und zwei Katzen in Guildford, Surrey. Bei Rütten & Loening erschien bisher von ihr: 'Während du schläfst'. Mehr Informationen zur Autorin unter www.kathryncroft.com. Eva Riekert ist seit vielen Jahren als freie Übersetzerin tätig und lebt in der Nähe von Husum.
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Kapitel Zwei


Jetzt

Ein komisches Gefühl, wenn man sicher ist, dass einem jemand folgt. Ich habe das zwar bis heute noch nie erlebt, doch es ist eindeutig; man spürt den bohrenden Blick, das Bohren löst sich allerdings sofort auf, wenn man sich umsieht. Und man trotzdem weiß, dass einen jemand beobachtet.

Vor fünf Minuten habe ich das Warenhaus John Lewis betreten, obwohl ich gar nichts kaufen will. Ich will nur sicher sein. Es ist Mittagszeit, und ich muss in einer halben Stunde wieder bei der Arbeit sein und habe noch nicht gegessen. Ich wollte nur ein bisschen frische Luft schnappen und dem stickigen Studio entkommen, trotzdem wünschte ich inzwischen, ich wäre dort geblieben.

Ich drehe mich um, und da ist sie. Dieselbe junge Frau, die mir auffiel, als ich von der Arbeit kam. Dieselbe Frau, die ich hinter mir in der Oxford Street entdeckt hatte. Das könnte Zufall sein, aber ich habe sie auch schon heute Morgen an der U-Bahnstation Tottenham Court Road bemerkt.

Sie verfolgt mich.

Kenne ich sie? In meinem Job laufen mir Unmengen von Leuten über den Weg, aber ich bin eigentlich niemand, der ein Gesicht vergisst. Oder sonst was. Matt sagt, dass mein Gedächtnis ihn verblüfft; dass mein Kopf irgendwie die unbedeutendsten Details speichert. Er sagt, ich sollte seinen Job haben, eine Gabe wie meine wäre für einen praktischen Arzt ein Geschenk des Himmels. Aber sein Arzt-Dasein überlasse ich lieber ihm; ich würde es nie schaffen, jemand eine negative Prognose zu stellen. Seine Fähigkeit, unbeteiligt zu bleiben, geht mir ab.

Ich nenne sie eine Frau, doch ihr genaues Alter kann ich nicht abschätzen, sie kann nicht viel mehr als zwanzig sein. Dadurch sollte sie eigentlich weniger bedrohlich wirken.

Ich werfe ihr verstohlene Blicke zu und sehe, dass sie den Karton einer Kaffeemaschine mustert. Sie ist groß und dünn, trägt Leggins, eine kurze Lederjacke und um den Hals ein türkisfarbenes Tuch. Unter der Jacke schaut der Rand eines langen grauen T-Shirts hervor, aber warm kann sie das nicht halten. An den Füßen hat sie schwarze Sneakers mit knallig weißen Sohlen.

Gedanken an Helena drängen sich mir auf. Würde sie sich so anziehen? Nein, ich muss diese destruktiven Überlegungen wegschieben. Ich darf nicht an sie denken, nicht hier, mitten im Kaufhaus, vor den Augen meiner plötzlich aufgetauchten Stalkerin.

Ich widme mich einer Garnitur Silberbesteck, die mich eigentlich gar nicht interessiert, und versuche mir zu überlegen, was ich machen soll. Ich könnte auf sie zugehen und sie fragen, ob ich ihr irgendwie helfen kann. Ihr zeigen, dass mich dieser ungeheure Zufall, sie hier wie auch schon vor meiner Arbeitsstelle zu sehen, nicht verunsichert. Oder ich beachte sie einfach nicht, verlasse schleunigst den Laden, gehe zur Arbeit zurück und vergesse diesen Unfug. Manchmal läuft meine Phantasie mit mir davon: ein Störfaktor, den mein Job mit sich bringt. Und meine Vergangenheit.

Ehe ich eine Entscheidung treffen kann, taucht sie direkt neben mir auf und tippt mir auf den Arm. Kein sanftes Antippen, eher ein ungestümes und heftiges Drängen nach Aufmerksamkeit.

»Ach, bitte?« Ihre Stimme ist überraschend leise.

Jetzt, wo sie so dicht neben mir steht, merke ich erst, wie hübsch sie ist. Ihre dunklen braunen Augen sind riesig und glänzend, und ihr langes Haar ist fast schwarz und künstlich geglättet.

»Ja?« Was anderes fällt mir nicht ein.

Ihr Blick schweift nach links und nach rechts, dann sieht sie mich wieder an. »Sie sind doch Simone Porter, nicht?«

Ich hatte also recht. Sie muss mich von einem Beitrag kennen, den wir gesendet haben. Aber was sie von mir wollen mag, kann nichts Gutes sein; warum würde sie mir sonst außerhalb meines Arbeitsplatzes folgen, statt dort um ein Gespräch zu bitten? Sie hätte mir mailen können, wie es andere tun, die meine Hilfe wollen.

»Ja.« Ich klinge sehr zurückhaltend. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?« Ich werfe einen Blick auf die Uhr und hoffe, sie versteht den Wink, dass ich in Eile bin.

Sie sieht sich vorsichtig um, was meinen Verdacht bekräftigt, dass ich lieber nicht hören will, was immer sie mir sagen möchte. »Können wir uns unterhalten? Irgendwo anders.«

»Um was geht es denn? Wer sind Sie überhaupt?«

Sie legt mir die Hand auf den Arm. Ich zucke zurück. Das scheint sie zu merken, denn sie entschuldigt sich und rückt sofort etwas ab, wobei sie fast einen Turm säuberlich aufgestapelter Schachteln mit Kesseln umstößt. »Es ist nur … ich muss unbedingt mit Ihnen reden. Aber nicht hier.«

»Sie müssen mich bei der Arbeit aufsuchen. Tut mir leid. Der Sender mag solche Vorgehensweisen nicht.«

Die junge Frau seufzt und schüttelt den Kopf. »Nein, nein, es hat nichts mit Ihrer Arbeit zu tun.«

Ich bin überrascht. »Aber … woher kennen Sie mich denn dann?«

»Ich kenne … Sie nicht wirklich …« Sie starrt auf ihre Sneakers.

»Hören Sie, es tut mir leid, aber ich muss zurück. Wenn es wichtig ist, kommen Sie dort vorbei, okay?« Ich wende mich ab, spüre aber, wie sich ihr Blick in meinen Rücken bohrt.

»Simone?«

Ich weiß, ich sollte mich nicht umdrehen. Ich sollte weitergehen, als hätte ich sie nicht gehört; sie weiß das ja nicht, und es ist sowieso egal. Die Sache war wohl doch nicht so wichtig. Vielleicht kennt sie mich über meine Arbeit und will fragen, ob ich ihr nicht irgendwie eine Tür öffnen kann. Das passiert einem öfters, wenn man beim Fernsehen arbeitet. Trotz dieser Überlegungen drehe ich mich um. Ihre Augen sind noch größer geworden, sie flehen mich an, sie anzuhören, sie ernst zu nehmen.

»Ich muss mit Ihnen reden. Es geht um Ihre Tochter.«

Mir bleibt das Herz stehen, und ich greife nach dem nächstbesten Regal, um nicht umzukippen. »Was?«, sage ich, obwohl ich jedes Wort wie durch eine Lautsprecheranlage gehört habe.

»Können wir jetzt irgendwo anders hingehen? Bitte?«

* * *

Wir sitzen in einem Café, das in einer der abgelegeneren Straßen hinter John Lewis liegt, außerhalb des Getriebes von Oxford Street. Ich bin ihr einfach gefolgt und habe mit meinen Fragen gewartet, bis wir die Menschenmenge und die kalte Januarluft hinter uns gelassen haben. Es sind nicht viele Leute hier und gerade genug Stimmengeräusche, dass man uns nicht zuhören kann.

»Sagen Sie mir, was Sie wissen«, bitte ich sie mit bebender Stimme. Ich greife nach meinem Kaffee – schwarz und stark –, aber meine Hand zittert, daher stelle ich die Tasse wieder ab.

»Ich habe Ihnen einen Schreck eingejagt, stimmt’s?« Sie verzieht den Mundwinkel, aber ich weiß nicht, ob entschuldigend oder schadenfroh über meine Verwirrung. Wie auch immer, sie wirkt jetzt weniger aufgeregt.

»Was wissen Sie? Und wer sind Sie?« Meine Worte klingen scharf, aber ich bin einfach nervös. Was bekomme ich gleich zu hören?

Mit dem Strohhalm rührt sie in ihrem Glas Coke um. Die Eiswürfel klirren. Ihr Blick ist fest auf mich gerichtet. »Ich muss erst sicher sein, dass Sie es auch wirklich sind. Bitte haben Sie Geduld, und ich verspreche, dass ich Ihnen alles erzähle.«

Ich krame in meiner Tasche nach meiner Geldbörse und ziehe meinen Führerschein heraus. Einen Moment zögere ich verunsichert. Sonst überdenke ich immer alles genau, wäge jede Situation ab, in die ich gerate, aber heute ist keine Zeit dafür. Ich reiche ihr den Führerschein. Sie starrt das Foto an. Es ist fast zehn Jahre alt, meine Haare sehen jetzt anders aus – kürzer und lockiger als damals –, aber es zeigt doch unverkennbar mich. Eine Frisur kann sich verändern, sogar die Hautfarbe, aber Augen bleiben immer gleich, egal, wie viel Zeit vergeht. Warum braucht sie also so lange, um ihn mir zurückzugeben?

»Danke«, sagt sie schließlich und schiebt ihn über den Tisch. Schnell greife ich danach und stecke ihn in meine Tasche, ohne mir die Mühe zu machen, ihn in das richtige Fach in meinem Geldbeutel einzuordnen.

»Sie arbeiten also beim Fernsehen?«

Ich versuche, meine Ungeduld nicht zu zeigen. »Ja, ich bin Producerin bei N24. Seit zwölf Jahren. Aber das wissen Sie doch wohl schon, oder?«

Das Mädchen – denn ich bin zu dem Schluss gekommen, dass sie noch ein Mädchen ist und eigentlich geduzt werden kann – rutscht auf dem Stuhl umher, tut mir endlich den Gefallen, unbehaglich auszusehen. »Ja. Sorry. Ich muss nur einfach sicher sein, dass Sie es sind.«

Die Tür wird aufgestoßen, und sie reißt den Kopf hoch und folgt dem neuen Kunden, der zur Kasse stürzt, mit Blicken.

»Du hast mich doch sicher auf der Website unseres Senders gesehen? Das Foto ist verhältnismäßig neu, du kannst also keine Zweifel mehr haben. Also, was weißt du über … meine Tochter?« Ich ersticke fast an diesen Worten. Es ist schon zu lange her, seit ich sie ausgesprochen habe. »Und wer bist du überhaupt?«

Sie schiebt ihr Glas zur Seite und starrt mich mit ihren dunklen, großen Augen an. »Ich heiße Grace Rhodes. Und ich … kann Ihnen etwas über Ihre Tochter sagen.« Ihre Stimme klingt zögerlich, und zum ersten Mal habe ich den Eindruck, dass ihr Selbstbewusstsein bröckelt.

»Das hast du bereits erwähnt. Was kannst du mir sagen? Was weißt du? Und warum sollte ich dir glauben?« Ich bin auf der Hut. Schon ein paar Mal bin ich von Leuten, die behauptet haben, etwas von Helena zu wissen, an der Nase...



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